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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Das Glück der andern

Laure, Regine und Maguy waren bei Christiane zum Abendessen. Im Laufe des vergangenen Jahres war ihnen ein solches Fest öfters beschert. Warum aber stellt es sich gerade heute, nach fünfzehn Monaten, so allein, so vereinzelt dar im Ablauf der Tage, mit dem ganzen Gewicht eines Sinnbilds, der Erinnerung an jenen Winterabend, wo Maguy Christiane ihr Eßzimmer nicht verzeihen wollte, ihre Suppenterrine, ihre kleine Schürze? An jenem Abend, an dem Laure das Gefühl hatte, ihr Herz sei weiter, hallender als ein Osterhimmel, den Glockenklang erfüllt.

Nein, Maguy hat nicht gelächelt, ihr kleines mitleidiges Lächeln, als sie in das Eßzimmer eintrat.

Von dem gedeckten Tisch ging der Eindruck von Behagen und Geborgensein aus. Die Deckenlampe übergoß das Tischtuch mit ruhigem Licht, mit einer ehrsamen, bürgerlichen Helligkeit. Christiane war sehr hübsch, das kleine Schürzchen nahm ihr nichts von ihrer Anmut, und ehe sie sich hinsetzte, küßte sie ihren Mann auf die Stirn; der lächelte.

Es war rührend, wie ein Bild von Chardin; und konnten wir vergessen, daß das Schauspiel uns seinerzeit einmal ein wenig lächerlich geschienen hatte?

Regine wartete, bis das Mädchen mit der Suppenterrine hinausgegangen war. Dann meinte sie:

»Kinder, es tut schon gut, einen Tisch zu haben, an den man sich setzen kann; ungeachtet des Lüsters, den ich dir vorwerfe, Christiane. Auch eine Suppenterrine tut gut, hat sogar etwas Vornehmes. Die gesunde französische Überlieferung – es gibt nichts Besseres!«

»Du verbürgerlichst dich, Regine«, wirft Maguy hin.

»Meine Liebe, seien wir doch aufrichtig! Nach den achtzehn Monaten, die ich nun von einem Servierbrett oder einem Koffer speise, beginne ich die Sache etwas satt zu haben.«

»Das ist wahr,« meint Christiane gleichmütig, »das mag nicht gar zu lustig sein, alles in allem.«

Maguy hob ihr kleines kampflustiges Profil. Insgeheim machte sie Regine einen Vorwurf daraus, daß sie das gemeinsame Gefühl ausgedrückt hatte. Zum Beweis ihrer Mißbilligung schwieg sie.

Laures Suppe schmeckte nach Tränen. Nicht nur der Tisch, die Suppenterrine waren es, die sie so rührten, nein, auch der Kuß, den Christiane ihrem Mann gegeben hatte, das Schauspiel dieses Friedens, dieses Gleichgewichts, griff sie an, sie, die von Angst gepeinigt war und zusehen mußte, wie vor ihrer armen, verkrampften Sehnsucht die Schönheit der Welt in Stücke ging. War es möglich? So war der Bau dieser Liebe nicht ewig, aufgetürmt zugleich und luftig, endgültig wie der Aufschwung einer Kathedrale, in dem letzte Frucht menschlichen Geistes und menschlicher Mühsal sich vereinen?

Sie hatte die ganze Kraft ihrer weiblichen Eingebung darangesetzt und endlose Geduld. »Das Meisterwerk meines Lebens«, dachte sie oft.

Und diese Liebe also, so erfüllt von Kraft und innerstem Einklang, daß ihr alle Schönheiten der Welt Untertan schienen, diese Liebe also riß sich von ihr los, löste sich in nichts wie eine fliehende Traumgestalt?

Sie schlug die Augen wieder auf, die sie kurz geschlossen hatte, und bemerkte, wie Christiane etwas unwillig zu ihrem Mann sprach.

»Wie kann sie nur?« dachte Laure. »Wie kann sie sich erzürnen, ungeduldig, launisch sein? Weiß sie denn nicht, welches seltene Wunderwerk sie in ihren unvorsichtigen Fingern hält? Ach ja! Sie hat wohl keine Angst, ihn zu verlieren, sie nicht.«

Als Laure und ihre Freundinnen endlich aufbrachen, wurden sie bis auf den Treppenabsatz begleitet.

»Kommt bald wieder«, sagte Christiane, über das Geländer gebeugt, und winkte lustig mit der Hand. Lucien lehnte neben ihr.

Als sie zum letzten Male aufblickten, sahen Laure, Regine und Maguy diese beiden Köpfe nebeneinander. Das Echo eines letzten Grußes erreichte sie noch, dann das Geräusch der Türe, die sich hinter den beiden da oben, hinter ihrer Zweisamkeit schloß.

Maguy versuchte einen burschikosen Ton, wenn sich ihr auch das Herz zusammenzog:

»Wollt ihr wissen, was mein Eindruck ist? Lucien ist Christiane gegenüber auf dem Punkt, wo Überdruß und Gleichgültigkeit sich melden. Habt ihr seine verzogenen Kindereien, sein läppisches Trotzen nicht bemerkt? Wäre Christiane seine Geliebte, anstatt seine Frau, dann finge Lucien jetzt an, sich von ihr freizumachen.«

»Meine Liebe,« sagte Regine mit einigem Nachdruck, »damit hast du der freien Liebe das Urteil gesprochen, nicht mehr und nicht weniger. Was Lucien betrifft, bin ich durchaus deiner Meinung. Aber gerade, weil Christiane seine Frau ist, gibt es zwischen ihnen Bande des Vertrauens, die Gewohnheit von Liebkosungen, die bestehen bleiben werden.«

Maguy preßte gereizt die Lippen aufeinander, und Laure, die schweigend dahinging, insgeheim verletzt von Regines Worten, fühlte sich erfüllt von Reue, Auflehnung und Liebe.

So war es schon fünfzehn Monate her, daß sie eines Abends glücklich hier vorbeigekommen war. Dieser Einklang der alten Mauern, des nächtlichen Himmels, den die Lichter von Paris gedämpft überschimmerten; der winterlichen Bäume, denen das Spiel der Schatten und des Mondes die harte Feinheit der Korallen lieh –: nichts davon hatte damals an das glückselige Ebenmaß ihrer Seele hingereicht.

»Und nun soll ich fühlen, wie diese große Stärke, die in mir war, schwindet; soll wieder ein schwaches Wesen werden, überdies noch gepeinigt, im Fleisch wie mit Zangen zerrissen, von der grausigen Angst, ihn für immer verloren zu haben.«

Der Gedanke an ihr zerstörtes Glück drückte sie nieder. Sie blieb stehen:

»Hört«, sagte sie zu Regine und Maguy. »Geht ohne mich weiter. Ich komme nach, bin bald zu Hause.«

Doch Regine beugte sich schon über unsere Freundin, mit der schwesterlichen Würde, mit der Überredungskraft, die sie an ihre Freundschaften wandte und denen sie ihren großen Einfluß auf uns verdankte, sprach sie auf Laure ein:

»Laure, sieh mich an! Wohin willst du gehen, Liebste? Was willst du tun? Dummheiten machen?«

Ihre zärtlichen, strahlenden schwarzen Augen, diese Augen, die zugleich gerührt sein, lachen und betteln konnten, ihre Augen suchten Laures Blick, der ihnen ausweichen wollte. Regine sprach weiter, und in ihrer Stimme klangen Mitleid, Vorwurf und eine Bitte mit:

»Ich will wissen, was du denkst, Liebste.«

»Laß mich«, flehte Laure. »Ich bin am Ende. Wenn du wüßtest... Ich will sehen gehn... Zu seiner Wohnung... Ob Licht ist...«

»Und was weiter, Liebste?« sagte Regine traurig und schüttelte den Kopf. »Was wirst du tun, wenn ›Licht ist‹?

Nein, diese Verrücktheit erlaube ich dir nicht; ich erlaube dir nicht, daß du dir weh tust, dich endlos marterst, armselige Anlässe suchst, um deine Liebe auf die Folter zu spannen. Du wirst nicht sehen gehen, ›ob Licht ist‹.«

»Regine, hör mich an: ich habe das Gefühl, als könnte ich dabei etwas Ruhe finden...«

»Gewiß keine Ruhe,« sagte die junge Frau fest, »sondern nur bitteres Leiden. Ist er nicht da, dann wirst du dich fragen: ›wo ist er, ohne mich ? Warum ist er nicht gekommen? Warum...?‹ Und ist Licht hinter den Vorhängen seiner Fenster, dann wird dir das Herz noch mehr bluten. Komm, Liebste.«

Regine schob ihren Arm unter den Laures, drückte sie eng an sich, und Maguy hob ihr kleines Gesicht zu Laure auf und küßte sie auf die Wange.

»Ah!« sagte Laure verzweifelt, »heute Abend ist mir zumute, als könnte ich sie beide töten.«

Regine antwortete nichts. Sie beschleunigte ihren Schritt und schleppte ihre Freundin in den Hafen der Rue de Vaugirard.

Dort würde sie sie dann in die Arme nehmen, diesen schweren Kummer an ihrer Brust wiegen, Worte der Hoffnung sagen, die rechten Worte. Regine sagte immer die rechten Worte.

Laure nahm sie vorweg, und in ihrem ganzen Wesen von Zweifeln zerfressen, genoß sie im voraus ihre schöne, unfruchtbare Süße.

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