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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Ich bin allein

Aus den Händen des Ritters vom Flederwisch hat Regine einen Brief Frédérics empfangen.

Ein kurzes Aufzucken, ein Runzeln der feinen Brauen beim Anblick dieser großen weiten Schrift, beim Gedanken an Fred, seine gute Rasse, seine überlegene Eleganz.

»Was will er von mir? Ist es denn nicht aus?«

Es ist niemals aus, solange einer der beiden noch liebt.

Freds Phrasen – die kennt sie, könnte sie im voraus hersagen; die unfruchtbare Verzweiflung darin ist ihr vertraut.

»... Dich wiedersehen, ein letztes Mal ... Ich kann nicht an Dich denken, ohne daß mir die Tränen in die Augen kommen ... Warum hast Du mir die Schuld an einem Zustand aufgebürdet, gegen den ich machtlos war?

Wir hätten so glücklich sein können, wenn Du eine Wohnung gehabt hättest ...«

»Das ist die Höhe!« schreit Regine laut hinaus.

»... Dieses scheußliche Hotel ist schuld an unserem Mißgeschick. Und dann hast Du ja nichts ertragen wollen ...«

»Nein, gewiß nicht ...«

Mit neuer Härte im Gesicht liest Regine weiter, wendet die Seite um ...

Dann entzieht sie sich gewaltsam der Versuchung, es nochmals zu lesen und vielleicht weich zu werden, zerfetzt das malvenfarbene Blatt in vier, in acht, in sechzehn, in zweiunddreißig Stücke.

»Immer der gleiche. Warum sollte er sich übrigens ändern?

... Von einer so majestätischen Unbewußtheit, daß er damit jedes minder grausam als das meine enttäuschte Herz entwaffnen müßte. Du hast nichts ertragen wollen!! ... Fabelhaft! Doch wozu noch streiten, wozu noch die Tatsachen klarstellen wollen? Zwischen uns beiden ist von Natur aus jede Verständigung unmöglich. An die Arbeit!«

Regine setzt sich an ihren überladenen Tisch.

»Wo war ich?«

Doch wie sehr sie sich auch zur Gleichgültigkeit zwingt, zittert doch ihre Hand beim Umblättern.

Dick übersät von Strichen und Verbesserungen liegt das lange Manuskript vor ihr, das sie zu »überarbeiten« hat. Sie liest.

»Er hätte sie auf die Lippen küssen mögen, er wagte es nicht, und doch war es keine Weigerung ...«

Päng! Mitten in den sentimentalen Satz hinein diese Ohrfeige!

Mit einem Federstrich ringelt Regine den letzten Satz ein und beginnt zu suchen: »Er wagte es nicht und doch ... Er wagte es nicht und doch ...«

»Wie sagt man da: Schönes Handwerk, bei Gott!«

Wenn aber Regine an dem Abend so sehr, fast bis zu Tränen überreizt ist – verdankt sie das nur dem russischen Manuskript?

Fred hat mit dem zweiten Versuch eine Woche gewartet. Wieder reicht der Ritter vom Flederwisch Regine den vertrauten Umschlag hin.

»Noch einmal? Der Arme ... Was hofft er denn?«

»... Du weißt nicht, wie weh Du mir tust mit Deinem Schweigen. Ich werde Dich Sonnabend besuchen, wenn Du mich nicht empfangen willst, laß es mir durch die Hausmeisterin sagen ...«

Über diese Nebensächlichkeit flammt die Wut, die in Regine geglimmt hat, hell auf, erfüllt ihr Herz, ihr Hirn, wallt zischend über ...

»Die Hausmeisterin! Niemals das rechte Wort! Daß ich im Hotel wohne, weiß er – aber nein, er schreibt ›die Hausmeisterin‹. Warum nicht die Zofe, warum nicht der Leibjäger?«

»Wenn Du mir schreibst, tippe die Adresse auf der Maschine ...«

Aha! Er möchte mich gern wiedersehn, aber er verliert nicht den Kopf ... Die Adresse tippen ...! Wo? Wie? Bin ich ein Tippfräulein? Verfüge ich über eine Maschine? Nun gut, er soll die Farbe meiner Tinte kennenlernen. Wenn ein Unglück geschieht, um so besser. Das wird ihm nichts schaden.«

Am nächsten Tage, beim Frühstück, bittet Regine Maguy, ihr am nächsten Sonnabend für einen Augenblick ihren Salon zu leihen.

»Ich kann ihn ja doch wohl nicht in meinem Zimmer empfangen, vor diesem Waschtisch, diesem Bett ...«

»Abgemacht. Das Haus gehört dir, Liebste. Versprich mir nur, nicht zu hart zu sein.«

Am festgesetzten Tage findet Regine, in der Rue de Vaugirard, einen wunderbaren Rosenstrauß, den Maguy gekauft hat, um den Schauplatz des Stelldicheins zu schmücken; dazu auf dem Tisch, fertig angerichtet, ein Brett mit Likören und Teegebäck.

Man errät Maguys Kummer über die Trennung dieser beiden Menschen, und ihren zarten Wunsch, diese allzu freie Verbindung wieder zu kitten.

»Sie ist entzückend, aber verrückt«, sagt Regine und läßt das Servierbrett in der Küche verschwinden.

Ein Klingeln. Sie geht öffnen. Die Enden einer breiten roten Schärpe schlagen auf ihrem schwarzen Kleid wie Fittiche.

Da, im Türrahmen – Fred. – Ist es die Erschütterung über dieses Wiedersehn oder der monatelang zehrende Kummer, was dieses Antlitz zerstört, tiefe Schatten um die Augenlider gebracht und alle Züge so aufgewühlt hat, daß sie in dem verwüsteten Oval unangebracht, verirrt wirken?

Regine möchte, daß ihre Begrüßung glatt wäre und fest, sich wie ein Damm vor Freds Rührung erhöbe.

Sobald sie aber im Salon sind, meint sie besorgt, gegen ihren Willen:

»Du siehst müde aus, mein Freund.«

»Ich leide.«

Und schon fängt er zu weinen an und bedeckt die Hände unserer Freundin mit Küssen.

»Ich bitte dich, Frédéric ...«

Sie hat sich zu ihm gebeugt, leise bewegt davon, einen Mann zu ihren Füßen zu sehen, in Tränen, die Lippen auf ihren Händen, wie in einem schlechten Film.

Verwundert denkt sie:

»Sollte er mich wirklich geliebt haben?«

Doch nichts regt sich in ihr, nichts ersteht beim Rhythmus dieses Schluchzens.

In Gedanken erwägt sie, daß alles zu Ende ist, daß nun nichts, was von Fred käme, je noch die Macht haben würde, sie zu rühren; daß auch der Trieb zu trösten, der in jeder Frau so stark ist, sie nun nie mehr drängen würde, diesen Schmerz, diese Zerrüttung zu lindern.

Die Enttäuschung hat die Quellen ihres jungen Mitleids zum Versiegen gebracht. Und dann, wie Sophie sagt, deren gesunder Menschenverstand gelegentlich gelungenen Ausdruck findet:

»Ah was – Mannsbilder! Sind keine Träne wert ...«

»Nun, nun, mein Freund ...«

Er hebt ein Gesicht zu ihr auf, das vom Weinen ganz verschwollen ist.

»Ich beschwöre dich, Regine, verlaß mich nicht.«

»Armer Freund, das alles hat keinen Sinn.«

Freds Verzweiflung ist gewiß echt. Aber wußte er denn von Frauen, daß er diese Eine so falsch angefaßt hat?

Regine zwingt eine rückblickende Bitterkeit nieder, die in breiter Woge in ihr steigt und steigt, in Brust und Kehle brandet.

»Ich wußte nicht, wie sehr ich dich liebte. Ich habe es erst später begriffen.«

»Sieh doch, Frédéric, die Liebe ist ein gebrechliches Ding. Du hast damit gespielt wie ein verzogenes, achtloses Kind, das sich weigert, ein schönes Spielzeug zu schonen. – Das schöne Spielzeug ist zerbrochen. Dieses Gleichnis bleibt gültig.«

Er sieht mit verzweifelten, gierigen, empörten Augen diese Frau an, die sich selbst ein schönes Spielzeug nennt und die nun für ihn nur noch ein unerreichbares Bild sein soll. Übrigens versteht er noch immer nicht.

Weiß er denn nicht, daß sie von einem Meister die elende Rolle hingenommen hätte, die er ihr zugewiesen hätte? Unterliegen die Frauen nicht immer dem Zauber der Gewalt? Er aber hatte ihr alle Einschränkungen eines heimlichen Abenteuers auferlegt, allen Zwang, alle Opfer, als ein säuerlicher, kränkelnder Despot.

Er hatte sie verletzt, vergrämt. Er ahnte nicht, daß es die Feigheit ist, was eine Frau einem Manne am wenigsten verzeiht.

»Verlaß mich nicht, Regine. Wenn du wüßtest, wie ich allein bin ...«

Sie gibt scharf zurück:

»Was willst du, mein Lieber, du bist allein, aber du bist nicht frei.«

Das faßt alles zusammen.

»Du bist hart ...«

»Nein, mein Freund, nicht ich bin hart, der Zufall ist es, das Leben. Alles, was du willst. Aber nicht ich. Wäre ich hart gewesen, anspruchsvoll, im rechten Augenblick, dann hättest du mich nicht so erniedrigt, verletzt, gedemütigt. Man kann es einem Manne verzeihen, daß er einen hintergeht, schlägt, belügt. Aber man verzeiht es ihm nicht, daß er ängstlich ist. Lerne das für ein anderes Mal.«

»Ich liebte dich.«

»Ja, vielleicht, – aber warum hast du mir es nie bewiesen? Immer hast du dich so selbstsüchtig und übellaunig gezeigt, als wäre dir nichts an mir gelegen ...

Ob ich dich wirklich geliebt habe? Wozu diese Kindereien? Das ist doch eine Frage, die sich gemeinhin die Frauen vorbehalten ...

Du bist allein? Und ich? Unglückseligerweise hat die Erfahrung gezeigt, daß mit den beiden Einsamkeiten nichts Gutes anzufangen ist.«

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