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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Leiden

Eines Tages kam Laures Freund nicht wieder. Nach einer unmenschlichen Wartezeit rechnete unsere Freundin auf ein Wort, auf einen Telephonanruf: eine Erklärung oder eine Entschuldigung. Doch nein, nichts.

Ohne Zweifel litt wohl auch er auf seine Weise, verschloß sich in Schweigen und Fernesein, nicht so sehr aus Härte als aus Trägheit; verschob es von einem Abend zum nächsten, zu schreiben und seiner Schwäche, seiner Grausamkeit die greifbare, endgültige, mörderische Form eines Abschiedsbriefs zu geben.

»Einen Bruch, warum einen Bruch? Was soll gebrochen werden? Unsere Liebe? Aber ist es denn wahr, daß sie verwundbar ist, diese Liebe, die ich durch mein Leben trug wie einen goldenen Schild? Liebster, mein Liebster, es ist nicht wahr, du wirst mich nicht so aus deinem Leben fortwerfen, du kannst mich nicht fortwerfen nach dem, was gewesen ist, erinnere dich...«

Laure weigerte sich, es zu glauben, es gelten zu lassen. Sie wollte hoffen, entgegen aller Hoffnung. Und in diesen ersten Tagen grausamer Zweifel wurden ihr die Augenblicke zur bittersten Qual, in denen sie, nach der Heimkehr in die Rue de Vaugirard, mit Leib und Hirn zum wartenden Tier wurde.

In der Redaktion verschafften ihr das abendliche Arbeitsfieber bei Redaktionsschluß, die vielfache Ungeduld, die rings um sie kochte, eine Art Ablenkung. Gegen sechs Uhr aber wuchs ihre Spannung bis zu körperlichem Schmerz. Sie sagte sich:

»Nun schickt er sich an, sein Kontor zu verlassen...«

Und wenn sie auch wußte, daß er als leidenschaftlicher Arbeiter oft bis zu später Abendstunde dort blieb, die Hand auf dem Hörer des Fernsprechers, dessen Beschlagnahme ihm die Kollegen scherzhaft vorwarfen, so sprach sie sich doch selbst Mut zu, nach seinem Befinden zu fragen:

»Ich muß ihm telephonieren, ich werde ihn anrufen...«

Doch die fast tragische Spannung, erzeugt durch die Erwartung der allzu geliebten Stimme, das Grauen vor ausweichenden, eisigen, fremden Worten bestürzten sie schon im voraus und zerkrümelten ihren Mut.

Nach sieben Uhr ließ ihre Angst allmählich nach, um eine halbe Stunde später gebieterisch, verzehrend wieder aufzuleben.

»Vielleicht kommt er mich heute abend zum Essen abholen?«

Das Entsetzen, vielleicht nicht im rechten Augenblick zu Hause zu sein, brachte sie zu blinder Hast, ließ sie aus der Redaktion fortstürzen, sobald sie nur Verdier ihren Artikel abgegeben hatte. Draußen warf sie sich in ein Taxi, krümmte sich vor Ungeduld bei jedem Halt, als hätte ihr Leben davon abgehangen, daß sie fünf Minuten früher ankäme; sie atmete erst auf, als sie jenseits der Seine, gegen den blassen Himmel über der Innenstadt die schwarzen Schilderhäuschen vor dem Palais sah, die Wahrzeichen vertrauten Gebietes. Sie lief auf ihr Zimmer, machte sich schön, puderte ihr armes Gesicht, legte das Kleid von frühereinmal an, und der Abend begann. Um ein Viertel nach acht Uhr verkündete die große Glocke von Saint-Sulpice mit dumpfem Dröhnen, eindringlich wie Totengeläut, die Sinnlosigkeit ihres Wartens.

Laure rollte sich zur Kugel, vergaß zu essen, lebte kaum mehr.

Bis zehn Uhr hoffte sie noch, in irrer Unbeweglichkeit gespannt auf die Geräusche von draußen horchend.

Unten hörte man einen Wagenschlag zuklappen, die schwere Haustür fiel dumpf ins Schloß, man hörte einen Männerschritt auf den Stiegen. Aber er kam nicht; kam überhaupt nicht; kam nie mehr.

Eines Abends versuchte sie durch eigene Willensanspannung der täglichen Folter zu entgehen. Sie begleitete Regine, die zu irgendeiner Nachforschung nach Sainte-Genevieve hinaufging.

Die riesige Bibliothek war voll Menschen. Die beiden Frauen mußten einige Zeit umherirren, bis sie zwei Plätze nebeneinander fanden. Laure hätte am liebsten geheult vor Traurigkeit beim Anblick dieser langen Tische mit den beklecksten Tintenfässern, über die sich, im flackernden Gaslicht, verhungerte Studenten beugten, mit dem Ernst geplagter Tiere auf der Stirn.

Zwischen zwei Kapiteln, zwei Anmerkungen, verzehrten manche für zwanzig Sous Maronen, die sie auf den Knien versteckt hielten und auf deren Schalen man immerfort trat. Junge Mädchen lasen: sie waren gekommen, um es ein wenig warm zu haben.

Laure versuchte vergebens, von ihrem nagenden Schmerz freizukommen.

Unaufhörlich kehrte ihr Blick zu diesen jungen Wesen zurück, zu den Jungen und den Mädchen mit den eckigen Gelenken, den erhitzten Ohren. Und aus ihrem niederdrückenden Anblick schöpfte sie das Grauen vor dem menschlichen Antlitz.

Dieses Grauen verfolgte sie, sogar bis in die Pâtisserie. In der Redaktion konnte sie sich besser absondern. Und da sie dort nie etwas von ihrem Glück verraten hatte, fürchtete sie auch weniger, daß man ihren Kummer entdecken könnte.

Nur Jeannin, mit der stillen Inbrunst, die er seiner Freundin weihte, mit dem Ahnungsvermögen, das die Liebe gibt, nur Jeannin beobachtete mit Besorgnis die Verwüstung dieses schönen Gesichts, das früher einmal durch den Gegensatz zwischen den ernsten Augen und dem strahlenden Lächeln so überraschend gewirkt und vor kurzem noch aus glücklicher Liebe seine geheime Vollendung gezogen hat. Wie hätte er auch nicht die gequälten Züge bemerken sollen, die heiße Blässe des Teints, der allen Glanz verloren hatte, die dunklen Augensterne, die von Tränen, von Fieber wie versengt schienen ? Er bemerkte auch, daß unter dem Zwang der einen fixen Idee keine Arbeit mehr gelingen wollte, daß immer neue Artikel in den Papierkorb wanderten, ohne daß Laure, die wie besessen schien, sich klar machte, daß es dabei um ihre Stellung ging.

Auch die Pâtisserie war für sie nur noch der verhaßte Schauplatz einer glücklichen Vergangenheit, und sie fand sich nicht ohne Schmerz, ohne Widerwillen bereit, dort mit uns zusammenzutreffen.

Der geradlinige Optimismus Leonels, das liebenswürdige Gleichgewicht, die vogelhafte Heiterkeit seiner Frau, die der Mann und das Leben, bis dahin, nicht verraten hatten; die kluge Leichenbittermiene der ›neurasthenischen Kobra‹, dessen Blick, von fatalistischer Enttäuschung und Ironie beschwert, im Antlitz unserer Freundin, auf den von Schlaflosigkeit umschatteten Lidern, an dem geschlossenen Mund ein Leiden erkannte, das nur das Liebesleiden sein konnte; Anselme, vor dem sie die Nichtigkeit der Verstellung empfand, dessen scharfblickende Augen, wild und mitfühlend in dem beweglichen Gesicht, sie wahrhaft zu enthäuten schienen und der ihr eines Tages in einem Gemisch aus grimmiger Freude und bärbeißigem Mitleid gesagt hatte:

»Du verlierst deine dumme Görenfratze, Laure, du kriegst allmählich ein Frauengesicht...«

Worauf sie hingeworfen hatte, Herz und Stimme erdrosselt in der doppelten Umschnürung des Aufruhrs und des Schmerzes:

»Das macht der Verdruß, Alter.«

...Alle diese Leute wurden ihr verhaßt, bedrückend, diese Leute, die ihr Glück gekannt hatten und sich nun in ihrer Gegenwart Zwang antaten, um nicht allzu heiter zu scheinen.

Da wanderte sie in ein kleines russisches Restaurant aus, knapp neben der Sorbonne, wo sie, ohne vertraute Zeugen, in ihren Bakhlava oder ihren Rostbraten hineinweinen konnte.

Im Schatten der alten lateinischen Universität versammelten sich da, zu den Stunden der Mahlzeiten, die typischesten Vertreter der nun wandernden Rassen. Laure sah Orientalen, die durch die Revolutionen weit weg von ihrem Vatersboden verschlagen waren; Frauen, deren Gesichter schwer waren von Sehnsucht und Glut; gelockte Armenier mit harter Aussprache; lange, biegsame Russen – helle Augen und vorstehende Backenknochen –, die mit ihrer wuchtigen Kleidung ehemaliger Reicher und ihren Pelzmützen in dem kleinen verrauchten Raum etwas von der Atmosphäre des zaristischen Rußlands mitbrachten.

Ein großer blonder Bursche, mit dem Gehaben eines Gesandten, und ein Anamite, der kein Wort Französisch verstand, teilten sich in die Bedienung.

Laure hatte Mühe, sich verständlich zu machen, doch erwuchs ihr aus dieser völligen Abgeschlossenheit auch eine gewisse Beruhigung; denn sie hätte sich unter die Erde verkriechen mögen wie ein todwundes Tier und mußte doch jeden Tag, jede Stunde mit blutendem Herzen die Gebärden des Lebens erfüllen.

Und soweit sie überhaupt fähig war, etwas zu lieben, in diesen Stunden innerster Zerrissenheit liebte sie diese fremde Umgebung, wo ihr die Gnade wurde, sich einschließen zu können in der Umzäunung von Schmerz, Reue und Liebe, in der ihr Herz schlug.

Manchmal willigte sie ein, daß Reine sie begleitete.

Reine gehörte zu den Menschen, deren Nähe Laure am besten ertrug, da sie schweigsam und doch verständnisvoll war und allen Aufruhr, alle Trauer in Laure stetig mitempfand.

Regine war die Freundin für die Stunden der Hoffnung. In ihr fand Laure in den Augenblicken, in denen sie zu sterben meinte, eine so glühende Lebensfreude, einen solchen Glauben an die bessere Zukunft ihrer Liebe, daß Regines Worte die Wassertropfen waren an fiebrigem Mund.

Angesichts dieser unerschöpflichen Tränenquelle, die eine Musik, ein Bildnis alle Augenblicke brennend zum

Fließen brachte, sagte Gilberte mit größtem Nachdruck:

»Weine doch nicht! Solange ein Wesen lebt, solange man sein Antlitz wiedersehen, seine Stimme hören kann, hat man kein Recht zu weinen.«

»Ah!« schluchzte Laure. »Verstehst du nicht, daß ich lieber den Toten als den Lebenden beweinen möchte?«

An manchen Abenden, wenn sie es gar nicht mehr zu ertragen wußte, ging sie jämmerlich in seine Straße, vor sein Haus.

Durch die von Gaskandelabern durchflackerte Nacht hob sie ihre besessene Stirne zu den Fenstern auf. Und sie wußte nicht, was ihr weher tat: Lichtschimmer hinter den Vorhängen des Salons oder das blinde Schweigen der Scheiben.

»Sie sind da ...«

»Sie sind ausgegangen . ..«

Der erste Anblick peinigte sie noch mehr, daß sie stöhnte vor Qual. Denn er erweckte zu brennend den Gedanken an die vertraute Nähe im eigenen Heim, an den festen Bestand der Beziehung, wenn sie auch einen Sprung haben mochte; an das gemeinsame Leben, die einzige Sicherheit für die Frau, dessen süße Geborgenheit sie, Laure, an seiner Seite nie würde kennenlernen. Sie stolperte über das Pflaster davon, aufgewühlt, allein in der Nacht, wie ein Armer, dem man ein Vermögen geschenkt und wieder genommen hat, und der nun nicht zu glauben vermag, daß er es je habe entbehren können.

Eines Abends kehrte sie von einer dieser kläglichen Wanderungen zurück. Die Fenster waren dunkel gewesen. Sie war auf dem Wege nach der Rue de Vaugirard, als sie in plötzlicher Eingebung den Fahrdamm überquerte und an die erleuchteten Spiegelscheiben eines Restaurants hintrat.

Sie erinnerte sich, daß er mitunter da zu Abend aß, wenn seine Frau abwesend war oder das Hausmädchen Ausgang hatte.

Vorhänge aus schwerer Seide verhüllten das Innere des Raumes.

Wie eine Bettlerin drückte Laure den Kopf an die Scheibe, suchte einen Spalt in den Vorhängen, um einen Blick durchwerfen zu können, und preßte sich mit jäher Heftigkeit noch näher: sie hatte ihren Freund erkannt.

Sie sah ihn im Profil, mit der Selbstsicherheit eines Halbgottes, wie er gemächlich, mit gutem Hunger aß, ein ausgeglichener Mann, sehr schön mit dem zurückgestrichenen schwarzen Haar, das kaum an den Schläfen leicht silbrig glänzte und die hohe Stirn frei ließ; mit dem durchgearbeiteten Gesicht, dessen Züge machtvoll, doch nicht schwer wirkten; mit dem schönen Schwung des rasierten Mundes über einem starken, runden Imperatorenkinn.

Laure bemerkte nicht gleich, daß er nicht alleine war – so sehr saugte sich ihr Blick an ihn fest. Aber sie sah ihn sprechen und schloß zunächst die Augen unter der Gewalt einer fast unerträglichen Qual.

Als sie sie wieder öffnete, richtete sie sie auf die Frau mit fressender Neugier und fühlte dabei, wie sich ihr die Augen trübten und zugleich brannten.

In ihrem Herzen, in ihrem Kopf stritt die Sucht, hineinzugehen, zu dem Paar hin, einen Skandal zu entfesseln, gegen die andere, zu fliehen, zu schreien. Sie spähte immer noch. Er sprach gleichmütig, gesetzt, mit bedächtigen Gesten. Er lächelte nicht. Seine Frau ebensowenig. Es war die Zweisamkeit höflicher Eheleute ohne Zärtlichkeit, ohne Vertrautheit vielleicht.

Ein Gast trat auf die Straße heraus. Laure wich zurück und tat so, als ginge sie hastig ihres Weges. Sobald der Fremde an der ersten Biegung verschwunden war, kehrte sie zurück und verharrte länger als eine Stunde, zitternd vor Kälte und Kummer; wartete, bis sie herauskämen, um sie zu sehen, um sich an dem eigenen Jammer zu weiden.

Als sie sah, wie der Mann den Kellner rief und die Mäntel verlangte, überquerte sie die Straße. Sie drückte sich an einen Torweg, dem Restaurant gegenüber, wie eine Bettlerin.

Sie kamen heraus. Sie gingen ohne Hast nebeneinander hin, sehr ehrbar.

Laure folgte ihnen von weitem Schritt um Schritt. Einmal strauchelte die Frau, er half ihr höflich vom Bürgersteig herunter und ließ dann ihren Arm gleich wieder los.

Laure erinnerte sich der Worte, mit denen er sie einst – wohl ohne es zu wissen – so tödlich getroffen hatte:

»Ich kann nicht sagen, daß ich meine Frau nicht liebe.«

Nein, er liebte sie nicht. Gewiß nicht so, wie er Laure geliebt hatte. Und doch hatte er ihr die schönste Liebe der Welt geopfert. Sie war seine Frau.

Laure war am Ersticken.

»Warum, warum?« wiederholte sie sich und bettelte dabei ganz leise: »Liebster, mein Liebster, mein Leben.« Sie sah die beiden um die Ecke ihrer Straße biegen. Sie wartete, bis sie oben angekommen waren und hinter den Vorhängen des Salons das Licht aufflammte.

»Er liebt sie nicht. Nein. Und doch ist sie dort, hinter jenem Fenster, mit ihm, fürs Leben.«

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