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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Der Versucher

Ich bin durch die milde Nacht heimgefahren, im Fond eines Wagens, weich wie ein Kissen, der wie im Traum, ohne Stöße, ohne Erschütterungen längs des nächtlichen Meers hinrollte.

Die Spiegelscheiben waren niedergelassen, und die Abendkühle wehte uns ins Gesicht. Ich stellte mir die Rückkehr vor, die mir zugedacht gewesen wäre, in einem Abteil, voll von dem Geruch warmen Tuchs und kalten Rauchs. Ich hätte schweigen wollen, tief in die weichen Kissen gedrückt, und in wilder Selbstsucht die Wonne dieser wohligen Heimfahrt auskosten. Endlich aber mußte ich ja wohl sprechen, nicht wahr? Um nicht zwischen mir und diesem Manne ein Schweigen voll lastender Bedeutung entstehen zu lassen.

An der Decke der Limousine brannte eine kleine Ampel. In ihrem harten Licht unterschied ich deutlich Defernys zugleich nervöse und verschwommene Züge, seinen schwer gewordenen Leib, der mir gegenüber wuchtig in der andern Ecke lehnte.

Ich hatte das unbestimmte Gefühl:

»Er ist sehr gut erzogen. Er wird mir heute abend nicht den Hof machen – noch nicht.«

»Sie müssen spazierengehen,« sagte er, »Sie dürfen diesen herrlichen Landstrich nicht verlassen, ohne ihn gesehen zu haben. Beschränken Sie sich nicht auf Sainte-Maxime.«

»Oh,« meinte ich lachend, »die Autofahrten sind hier sehr teuer! Ich müßte unweigerlich noch eine Perle verkaufen.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Möchten Sie gern ein paar Ausflüge machen? Mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung.«

Und als ich einen Dank stammelte, fügte er hinzu:

»Ich werde Madame Clère bitten, Sie zu begleiten, oder mein Chauffeur wird Sie holen kommen, und Sie können allein losfahren, wohin Sie wollen ...«

Ah, wie himmlisch! Allein, du lieber Gott, auf den Straßen der Provence in diesem Wagen, der bequem ist wie ein Diwan – das war es eben, wovon ich geträumt hatte ...

»Auf alle Fälle«, sagte er noch, »kommen Sie übermorgen mit Madame Clère zum Tee nach Beauvallon. Der Wagen wird Sie auf dem Rückweg von Saint-Raphael abholen.«

Wir kamen nach Sainte-Maxime. Ich streckte ihm beim Aussteigen die Hand hin, und er hielt sie fest und küßte sie ehrerbietig. Er küßte sogar den Umschlag des Handschuhs –Ihr kennt ja doch meine schönen, beigefarbenen Schweden mit dem roten Würfelmuster auf dem Umschlag –, und er streifte mein Handgelenk mit den Lippen. Als ich mich dann, kaum merklich, anschickte, ihm die Hand zu entziehen, tat er so, als studierte er das Muster des Umschlags, dessen lustigen Doppelsinn keine von uns bisher erfaßt hat:

»Liebe Gnädige, ich kann nicht Dame spielen, aber ich glaube, auf Ihren Handschuhen könnte ich es lernen...«

Ich verließ ihn, entwaffnet, und lachte.

Dieser schöne Wagen hat mir vierundzwanzig Stunden voll Bitterkeit eingetragen. Einen ganzen Tag lang habe ich über das Elend meiner Lage gegrübelt.

Defernys Auto hatte mich am wundesten Punkt meiner körperlichen Empfindlichkeit getroffen: an meinem Abscheu vor Massenbeförderung. Da ich es aus Klugheit unterlasse, in die Läden zu gehen, so leide ich nicht zu sehr unter dem Mangel an Toiletten. Eine nette Kleinigkeit im Aufputz genügt, um mich aufzuheitern oder zufriedenzustellen. Aber der Autobus, aber die Untergrundbahn – die bedeuten für mich die grausamsten Notwendigkeiten der Zivilisation.

Da könnt Ihr Euch also vorstellen, wieviel Reue, wieviel Bitterkeit, wieviel häßliche, feige Gedanken dieser Wagen in mir entfesselt hat.

Jetzt ist es vorbei, aber ich war Euch das Geständnis schuldig. Wie Maguy mich verachten wird, sie, die keine Schwäche kennt! Ich habe mehr Vertrauen zu der Nachsicht Laures und Reines.

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