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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Regine an ihre Freundinnen I

Sainte-Maxime, den 4. April

... Wie schön es ist, wenn einem wieder heiß ist, wenn man nicht mehr den Lärm der Autobusse und die Hupen der Taxis hört, die die Pariser Nächte zerreißen! Nicht mehr den ›Ritter vom Flederwisch‹ sehen zu müssen, der wie ein auf falschen Indizienbeweis Verurteilter aussieht: nicht mehr die Frühstücksbretter auf den Stiegen absetzen!

Sonne liegt auf dem Mittelländischen Meer, als regnete sie darauf nieder; sie scheint wie die Tropfen eines Wolkenbruchs darauf zu tanzen. Die Mimosen schaukeln wie Weihrauchkessel. Nichts Rührenderes als die flache Krone der Schirmpinien gegen den Abendhimmel.

Morgens, wenn ich meine Fenster öffne, sehe ich gegenüber, jenseits des kleinen Golfes, die alten Häuser von Saint-Tropez, von der Farbe welker Rosen. Im Hafen wiegen sich die angehängten Barken, die gerefften Segel wie Schwingen gebreitet; ihre nackten Mastspitzen drängen sich wie die Stämme in einem dichten Wald.

Mitunter fahre ich in der Barke nach Saint-Tropez hinüber. Ich liebe dieses Dorf, das noch ganz den verschlafenen Reiz hat, den die Küste kaum mehr kennt; wo auf der Schwelle schweigender Häuser Katzen schlummern, überwältigt von Wohlbehagen; wo in den Schenken zum Klang der Spielwerke bloßfüßige Fischer tanzen, mitten im Geruch von Pech und frischem Tang. Ich durchquere die Ortschaft und setze mich an der andern Seite des Golfs nieder unter den krummen Pinien, die sich dem Meer zu recken. Dort warte ich den Sonnenuntergang ab. Von dieser Stelle aus gesehen, spielt er sich richtig veilchenblau ab. Nichts Blendendes, Aufrührendes: eine Ausgeglichenheit, die Sehnsucht nach dem Tode weckt. Tiefe, schillernde Schatten über den Wassern, malvenfarben der Himmel, und am fernen Horizont ein Blütendickicht, das durcheinander wuchert, verfließt und sich neu gebiert.

Am Fuße des Fichtenwaldes ziehen mich Felsen an, die bis zur Küste hinunterreichen und vom Meer nachlässig gestreichelt werden. Ich möchte vom einen zum andern laufen, aber man müßte zu zweit sein, und feste Männerarme, stark und zärtlich, müßten sich, am Ende dieser kindlichen Spiele vom Ufer aus mir entgegenstrecken. Seht Ihr die übermütige Regine von Fels zu Fels springen, allein an der Küste des dämmernden Meeres?

Die Abende sind lang. Nach dem Abendessen im Speisesaal des Hotels kann man wegen der gefährlichen Kühle nicht mehr im Freien bleiben. Ich gehe auf mein Zimmer und brauche gar nicht mehr das Fenster zu öffnen, um das Meer zu hören, das seidig gegen den Strand anrauscht. Ich gehe früh zu Bett, ohne mich zum Lesen, selbst nicht von Proust, aufraffen zu können. Und doch glaubte ich gerade ihn während dieser Mußezeit bewältigen zu können.

Ich vegetiere so dahin. Meine Faulheit hat etwas Majestätisches: essen, schlafen, wieder schlafen, mich in der warmen Morgensonne ausstrecken. Geistigkeit: Null. Aber ich bemerke, daß das geistige Ausspannen nicht notwendig die Feinfühligkeit ausschaltet. Die hält an, die böse, und auch die ungesunde Neigung zum Tüfteln.

Auf baldiges Wiedersehen, Ihr Lieben. Es küßt Euch Eure große Regine.

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