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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Das Spiel mit Liebe und Ehe

Raymonde hatte im Quartier Latin ein Zimmer gefunden, in der Rue Gay-Lussac, bei einer alleinstehenden alten Dame, die Knöpfeschuhe aus Filz trägt und einen schwarzen Kreppschleier auf ihrem grauen Haar. Am hellichten Tage legt sie, aus Furcht vor Einbrechern, die Sicherheitskette vor, und wenn es läutet, fragt sie vor dem Öffnen: »Wer ist da?« Es ist zum Heulen. Aber Raymonde behauptet, zufrieden zu sein. Sie wird, so sagt sie, ihre Freundinnen empfangen können, allerdings nicht nach halb zehn Uhr abends, spätestens. Kurz und gut, dieses Quartier, in dem wir uns demütigend unfrei vorkommen, scheint für sie geradezu einen Schritt zur Befreiung zu bedeuten.

Kaum war sie eingezogen, da hat der Sohn Vorland, unter irgendeinem durchsichtigen Vorwand, gebeten, sie besuchen zu dürfen. Sie hat ihn mit ihren blassen Augen angesehen und geantwortet:

»Ich bin nicht frei, ich wohne nicht allein, es würde nicht gut aussehen ...«

Der Trick ist gelungen. Hätte sie im Hotel gewohnt, dann hätte sie die Ausrede nicht gehabt. Wir mußten an ihren geheimnisvollen Ausspruch denken:

»Ich will den Umständen keinerlei Möglichkeit lassen, mir zuwider zu sein ...«

Sie ist ganz unbedingt tüchtig. Aber es scheint, daß der Vater Vorland mit einem bösen Auge den Einfluß beobachtet, den sie auf seinen Sohn gewinnt. Dieser große Tolpatsch kann nicht von seiner Sekretärin reden, ohne vor Begeisterung und Rührung ins Stottern zu geraten. Der Vater dagegen möchte wohl leichten Herzens diese musterhafte Angestellte auf das Pflaster des Boulevards Saint-Germain setzen.

Raymonde, die diese Abneigung und die grausame Unsicherheit ihrer Stellung fühlt, vermag ihre Besorgnis nicht zu verbergen. Ihr verschlossenes Gesicht verrät sie, und sie sitzt, heute weit mehr als sonst, schweigend an unserem vergnügten Tisch.

Regine versteht sich besser als wir alle auf die Kunst, zartfühlend anzuknüpfen. Sie fragt:

»Kleine Raymonde, geht's denn gar nicht?«

Keine Wimper hat an Raymondes blassen Augen gezuckt. Aber sie fragt zurück:

»Hat euch Gilberte etwas erzählt?«

»Haben Sie Vertrauen. Wir wissen, daß Sie bei Vorland mit gewissen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.«

Wie es Raymonde widerstrebt, sich preiszugeben!

Sie ist verschlossen, versiegelt, aus ihr wird man nichts herausholen. Und doch ist es weit weniger Neugierde als Mitgefühl, was uns treibt, ihre Zurückhaltung zu durchbrechen.

In einem Gemisch aus romantischer Überspanntheit und Prinzipientreue geht Maguy mit gesenktem Kopf auf den Kernpunkt los:

»Warum das Unmögliche wollen ? Sie lieben ihn, er liebt Sie ... Sie brauchen nichts weiter, um glücklich zu sein.«

Ein kurzes Schweigen – dann klingt Raymondes Stimme, ganz trocken und spitz und beschwert doch die Worte mit geheimem Sinn:

»Ah – nein – die Dummheit niemals!«

Maguy bäumt sich:

»Dummheit!? Es gibt nichts Erhabeneres ...«

Nun scheint es, als hätte ein lauer Wind das Eis erschüttert, das zwischen uns und Raymonde die Strömung verlegte. Sie spricht:

»Davon werden Sie mich nie überzeugen. Ich sehe von hier aus die ›Erhabenheit‹ der Sache: Ich, seine Geliebte, für sechs Monate, für ein Jahr, für zwei Jahre ... Und für ihn, nach Ablauf dieser Zeit die glänzende Heirat mit großer Mitgift...«

»Sie haben kein Vertrauen zu ihm?«

»Gewiß nicht, weder zu ihm, noch zu einem andern.«

»Sie lieben ihn nicht genügend.«

»Ich will ihn ganz für mich haben oder gar nicht.«

Laure fragt:

»Ist es der Vater, der ...«

»Es ist der Vater, der ... Sehr richtig. Er hat sogar erklärt, daß sein Sohn, wenn er sich gegen seinen Willen verheiratete, sich sein Leben und seine Stellung außerhalb des väterlichen Hauses zu schaffen haben würde.«

»Warum beharren Sie dann noch drauf?« fragt Maguy, ehrlich entrüstet. »Ihr verliert bei dieser Geschichte alle beide eure Stellung.«

Aber für Raymonde ist weit weniger der Ehrgeiz maßgebend, den Sohn des Hauses Vorland zu heiraten, als der andere, als Tochter eines einfachen Arbeiters und einer Aufwartefrau in die Bourgeoisie hineinzukommen, sich von einem Mann aus den untersten Schichten lösen und auf ein höheres gesellschaftliches Niveau heben zu lassen. Auf diese höhere Weihe hofft sie so lange schon, in ihrem kalt berechnenden Herzen.

Wenn sie den Sohn Vorland gewinnt, so wird das ihrem Gatten vielleicht seine Besitztümer kosten? Ja, aber nicht seinen gesellschaftlichen Rang. Er wird er selbst bleiben, ein anders geartetes Wesen, so meint sie wenigstens – sie hat so schwer unter der namenlosen Enge der eigenen Familie gelitten! – ein Wesen aus anderer Kaste, von anderer Erziehung. Sie will keinen Angestellten heiraten, und wäre er noch so klug und überlegen. Der Sohn des Verlegers, selbst künftiger Verleger, der ist es, den sie haben will.

Alles, was in ihr vorgeht, in diesem Augenblick eines innersten Aufruhrs, der doch ihre blassen Augen und ihr verschlossenes Gesicht unverändert läßt – all das faßt Raymonde in den kurzen Satz zusammen:

»Ich werde ihn wenigstens für mich haben! Was immer auch geschieht, ich werde ihn halten!«

»Ah!« sagt Regine, deren Augen plötzlich verdunkelt, über unsere Köpfe weg, einen Punkt im Unbekannten suchen, »wie recht Sie damit haben, kleine Raymonde!«

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