Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Suzanne Normand >

Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
Schließen

Navigation:

Der unparteiische Richter

»Na, wie geht's, dumme Göre?«

Anselme steht zwischen seinem Schreibtisch und dem Stuhl, von dem er aufgesprungen ist, streckt die Hand aus und verbrennt Laure mit den Blicken. Vor seinen hellen Augen, grün wie Meerwasser bei Regenhimmel, hält keine Maske stand.

»Gut. Und dir?«

Laure setzt sich. Ihr Gesicht, mit den reinen Flächen, das wie in einem Guß aus einem Block von goldiger Klarheit geformt scheint, bildet eine Lichtinsel im Zimmer, in das die Dämmerung eindringt.

»Die Arbeit?« fragt Anselme.

»Interessant, aber sie bringt mich um.«

»Nicht so schnell! Du warst nie schöner. Wirklich, du bist sehr schön.«

»Mach' mir nicht den Hof.«

»Warum nicht?«

Er stößt seinen Armsessel zurück und setzt sich auf den Schreibtisch ganz nahe neben sie. Sein bewegliches Gesicht zeigt ein Kannibalenlächeln:

»Man liebt mich nicht?«

»Man hat dich sehr lieb.«

»Das ist eine Freundschaftserklärung?«

»Sehr richtig.«

»Ich hasse die Freundschaft der Frauen.«

»Ich werde dich dran gewöhnen.«

Er lacht: »Na, wenigstens bist du nicht lasterhaft.«

»Nein, bei Gott nicht«, sagt Laure mit einem Seufzer ironischen Bedauerns.

»Erzähl mir von deiner Arbeit, da du mir nichts von deinem Herzen erzählen willst.«

»Du wirst nichts Neues lernen dabei. Du kennst doch das Geschäft besser als ich, das soviel Reize und so viele Enttäuschungen bietet.«

»Vor sechs Monaten warst du noch zufrieden.«

Die Lider spielen hastig über Laures dunklen Augen. Anselme weiß gar nicht, wie recht er hat. Und da legt er schon los, mit aller Macht, donnert die Faust auf den Tisch, flucht, knirscht mit den Zähnen, die Augen voller Blitze:

»Ich gebe dir kein volles Jahr mehr, bis du verzichtest. Hörst du ? Kein volles Jahr. Es ist Wahnsinn.«

Laure vor ihm ist nicht mehr eine hübsche Frau, die er begehrt – wie jedesmal, so oft er sie sieht –, sie ist ein Kamerad, geschlechtslos, namenlos. Er möchte ihr helfen, raten.

»Deinen Lebensunterhalt verdienen! Hast du wirklich den Ehrgeiz?«

»Ist denn das so ganz unmöglich? Mir scheint, daß ich es anständig genug fertigbringe.«

»Wo bist denn du her, daß du glauben kannst, deine Anstrengung werde anhalten, dauern können, ohne dich bis zur Übelkeit zu erschöpfen oder zu enttäuschen.

›Deinen Lebensunterhalt verdienen?‹ ›Dir selbst genügen!‹ Gibt es eine Frau, eine einzige, die ohne Beistand leben könnte? Ohne jeden Beistand? Da, nehmen wir gleich die Advokatinnen – nenne mir eine einzige unter ihnen, die sich aus eigenen Mitteln ›hochbringt‹; die leben wollen, machen in Journalismus – auch Galeerendienst –, machen Bureauarbeit, machen Geschäfte, machen irgend etwas – aber der Justizpalast ernährt sie nicht.

Und zum guten Ende verheiraten sie sich. Das ist noch der beste Ausweg für sie, wenn sie nicht Hungers sterben wollen.

Und nicht nur sie, sondern alle, alle, besonders die, die am heftigsten von Unabhängigkeit geschwärmt hatten.

Es gibt einen Namen dafür; man nennt es: ein Ende machen.

Nachdem sie die Freiheit gründlich gekostet haben, kommen sie zur Besinnung und zu der Einsicht, daß es ohne Ehemann keine Sicherheit gibt. Darum kannst du stolze Amazonen sich mit Wonne verbürgerlichen sehen; Schauspielerinnen, die doch den doppelten Rückhalt der Galanterie und hohen Gage haben, heiraten Theaterdirektoren oder waschechte Aristokraten; Kinostars paaren sich rechtmäßig mit Regisseuren; Ärztinnen ... was weiß ich noch ?

Und du, du hast den schwersten Weg gewählt!«

»Gewählt! ... Wirklich, habe ich die Wahl gehabt? Ich bin dahin gegangen, wohin mich meine ›natürliche Begabung‹ drängte – ist das nicht immer so ? Wählen ... Du bist großartig. Siehst du etwa ein Mittelding für eine Frau, zwischen der Galanterie und der Schreibmaschine, sag' ?«

Ein belustigtes Lächeln entspannt Anselmes Gesicht. Dann gewinnt sofort die frühere Gedankenreihe wieder die Oberhand, und er fährt grimmig fort:

»Wieviel braucht eine Frau, im Durchschnitt, um in Paris leben zu können?«

»Was soll ich darauf sagen ? Manche leben mit vierhundert Franken im Monat. Sie wohnen in einer Mansarde und nähren sich von Semmeln und rohen Äpfeln. Ich scheine gut dran zu sein. Ich komme auf neunhundert bis tausend Franken. Mein Fixum bei der Zeitung ist geringer als das meiner Kameraden. Sie: siebenhundertfünfzig. Ich: sechshundert. Warum? Ich bin eine Frau! Meine Artikel kommen häufig an erste Stelle – und irgendein anderer, der die lebendig verbrannten alten Weiber oder die überfahrenen Hunde aufzählt, steht sich besser als ich.«

Anselme überlegt:

»Mach' Krach!«

»Ich werde nicht das letzte Wort behalten.«

»Kurz und gut: kann's denn so weitergehen?«

»Aber ja, es kann. Man kann sich doch so ziemlich satt essen. Man hat keine schiefgetretenen Absätze, und die Taxis hupen im Vorbeifahren, Beweis, daß man, wenn schon nicht reich, so doch wohlhabend wirkt. Aber es geht wahrhaftig nicht von allein.«

Anselmes Faust schmetterte auf den Tisch nieder, daß die Löschwiege und der Federhalter aufhüpfen und die Blätter eines Manuskriptes flattern:

»So heirate doch, in Dreiteufels Namen.«

Seine Augen lassen Laure nicht los. Es sind nicht mehr die begehrenden, unbescheidenen Augen eines erregten Menschen, sondern durchdringende Augen voll grausamen Scharfblicks. Der Mann hat Begehren, Selbstsucht und Derbheit abgetan. Der verständnisvolle Blick sagt eindeutig: ›Es gelingt dir nicht, begreif das doch endlich einmal!‹

Er beugt sich zu ihr, sagt vernünftige Dinge:

»Ich kenne dein Leben. Ich errate es vielmehr. Glaubst du denn, daß es lange oder gar immer so fortgehen kann ? Das Leben einer Frau braucht eine andere Grundlage als nur die Liebe.«

Laure windet sich schweigend, rollt sich zur Kugel. Anselme fühlt es. Er wird heftig, gereizt, seine Worte überstürzen sich:

»Diese Geschichten sind nicht von Dauer, können es nicht sein, verstehst du ? Und selbst wenn – was wäre dann deine Zukunft? He, deine Zukunft? Du wirst altern, meine Kleine, ganz wie die Kameradinnen. Zuerst reife Frau, dann alte Frau. Lockt dich die Aussicht, einsam alt zu werden?«

Seine Augen haben harten Glanz. Er schiebt den Unterkiefer vor, als wollte er beißen. Er spricht die freundschaftlichen Worte in wütendem Ton:

»Eine Frau wie du verheiratet sich immer, wenn sie will. Und außer der Ehe gibt es eben doch nichts Wahres für die Frau. Du siehst nicht so aus, als wollest du dir ewig eine Rose Blumenkohl auf dem Spiritusbrenner kochen, was? Oder den Fraß in den Frauenrestaurants futtern ? Und doch ist es das, was auf dich wartet, wenn du alleine bleibst.

Glaub' mir, schieb es nicht zu lange auf, dein Leben zu formen. Die Schönheit, die Jugend, die gehen mit einem Schlag zum Teufel.«

»Und dann mich verheiraten ? Wo, wie, gegen wen ? Vernunftehe? Noch nicht reif dazu.«

Laure lächelt bitter.

»Ich habe geheime Gründe, die Ehe nicht zu suchen; und hätte ich sie nicht, so wäre ich doch, glaube ich, noch zu versessen auf Unabhängigkeit.«

»Aber diese Unabhängigkeit, zum Teufel,« schreit Anselme, »bedeutet auch Alleinsein!«

»Sehr möglich, aber sie ist das einzig Gute in meinem verdammten Leben. Was willst du, es ist gut, der Augenblickslaune nachzugeben, es ist gut, seine Türe schließen und sich sagen zu können: ›Nun kann mich niemand mehr langweilen, ich bin nicht verpflichtet, aufzumachen, wenn es läutet. Ich kann einen Rollmops und ein Pfund Mandarinen als Nachtessen wählen, ohne daß mir eine vorwurfsvolle Stimme für die nächsten sechs Monate eine unheilbare Dyspepsie prophezeit. Es ist gut, zu nichts verpflichtet zu sein. Zu nichts, verstehst du, außer zur Arbeit, natürlich. Es ist gut, weinen, das Kissen mit den Zähnen zerreißen zu können, ohne daß jemand dich fragt: ›Warum hast du geweint? Warum hast du rote Augen? Warum ...?‹'

Das ist Freiheit, mein Lieber: kein ›warum‹ hören zu müssen.«

»Eine saubere Generation von Egoisten seid ihr«, wirft Anselme giftig hin. Laure meint verträumt, mit einem halben Lächeln:

»... Wenn man will...«

Sie erhebt sich. Anselme faßt sie bei beiden Händen, zieht sie an sich:

»Verdammtes Mädel, ich täte gerne was für dich.«

Er küßt zart die nackte Handfläche der jungen Frau. Dann mustert er sie von Kopf bis zu Fuß:

»Sehr anständig, das Kleid. Du bist übrigens immer gut angezogen.« Sie schüttelt den Kopf:

»Ich bin niemals gut angezogen, mein Lieber. Das wäre in meiner Lage auch ganz unmöglich. Ich versuche, korrekt zu sein, nicht aufzufallen. Ich komme nicht von den Farben weg, die man lange tragen kann, ohne daß sie wiedererkannt werden: marineblau, Mohrenkopf...«

»Die Schönheit braucht keinen Schmuck. Du bist ein glänzendes Beispiel dafür ...«

»Ach, das ... das ist auch einer der Gemeinplätze, mein Freund, die durch die Nachkriegszeit haltlos geworden sind. Um eine Frau richtig in Szene zu setzen, gibt es nur den großen Schneider und die gute Modistin.

Sieh einmal, ich denke immer wieder an das Urteil eines Mannes über eine meiner Schulkameradinnen, die seinerzeit sehr einfach war und es seither zur Würde einer insgeheim, aber in glänzender Aufmachung ausgehaltenen Frau gebracht hat: ›Sie ist sehr schön geworden‹, sagte er mir mit Nachdruck. ›Ich habe sie früher einmal gekannt, schlicht wie das Pique-As, gewiß nicht schön, bestenfalls lustig anzusehen; ein kleiner Flederwisch von Frau, wie es hunderttausend gibt.‹ ›Verzeihung, verehrter Meister,‹ gab ich zu bedenken, ›sie ist sehr gut angezogen.‹

Glaub' mir, ein Paar schöne Beine sind schöner mit Seiden- als mit Baumwollstrümpfen, und der feinste Fuß wird verdorben durch billiges Schuhwerk. Und wenn man selbst hübsch bleibt in einem Kleid ohne Linie, so kann einem doch nur der Schmiß eines großen Schneiders den Stil geben, der die Blicke anzieht. Die Blicke aller Männer – deine und die der andern.«

»Ach, geh doch! Ein Mann hält sich nicht beim Kleid einer hübschen Frau auf. Er hat zu große Lust, es ihr auszuziehen.«

»Mein Lieber, die Toilette ist für die Frau, was das Geld für Stendhal war. Erinnerst du dich? Er sagte, er fühle nur Selbstvertrauen, wenn er Geld in der Tasche habe. Wie oft, trotz dem Maß an Schönheit, das man mir freundlich zuerkennt, wie oft habe ich mich geduckt, herabgemindert gefühlt neben Frauen, die göttlich erhaben waren durch ihre Eleganz!«

»Verdammtes Mädel! Wenn du mir etwas Brauchbares bringst, will ich es dir hier veröffentlichen. Dann wirst du dir ein schönes Kleid kaufen können.«

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.