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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Der Bruch

»Fräulein,« sagt Sophie und faltet die Hände, »armes Fräulein, weinen Sie doch nicht so! Kein Mann ist es wert, daß man sich seinetwegen die Augen ruiniert.«

Ihr ehrliches Gesicht, dem ein Zwicker etwas von pädagogischer Würde verleiht, spiegelt gedämpften Schmerz wider. Sie führt sich selbst als bescheidenes Beispiel an:

»Sie dürfen nicht so verzweifeln, Fräulein. Sehen Sie mich an: ich habe meine zwei Kinder verloren . ..«

So offenbart sie uns, aus Anlaß von Laures ersten Tränen, ihre schmerzenreiche Mutterschaft.

»Warum lebt Sophie weiter?« fragt Laure und tupft sich die Augen.

»Die Gewohnheit, meine Liebe, nur die Gewohnheit ...«

Aber Laure liest von allen Gesichtern immer wieder den eigenen Schmerz, wendet ihn um und um, will sein Geheimnis ergründen.

»Er ist nicht mehr derselbe. Man könnte meinen, er fliehe mich. Warum? Warum? Es hat nichts zwischen uns gegeben, keinen Schatten, kein Mißverständnis, nichts.«

Und auf dem Grunde ihrer geweiteten Augen steigt, zugleich mit übermenschlicher Angst, die Erinnerung an die letzten Wochen auf. Zunächst die Krankheit der ›rechtmäßigen Frau‹. Ihr Freund versäumte die Zusammenkünfte oder machte sie seltener. Und sie begann grausam zu leiden und hielt doch schweigend an ihrem Traumbild fest, das Bitterkeit und Wut zu überschatten drohten; bebte auch bei dem Gedanken, daß sie, wenn er krank wäre, ebensowenig das Recht hätte, an seinem Bett zu sitzen, wie sie heut das Geringste fordern darf.

Bei Eintritt der Genesung war er wiedergekommen: kurze, gequälte Zusammenkünfte, flüchtige Umarmungen, abgerissene Gespräche, unter dem Druck der knappen Zeit; er sah alle Augenblicke auf seine Armbanduhr, sie schwankte gepeinigt zwischen Gefühl des nicht ganz wieder errungenen Glückes und dem ungeduldigen Schmerz, es nicht halten zu können.

Sie wußte, daß ihr schöner Friede zerstört war, daß sie nie, was immer auch geschehen mochte, das ruhige Gleichmaß von früher wiederfinden würde; und das erfüllte sie mit ohnmächtiger Empörung, wie man sie vor einem sinnlos zerstörten Kunstwerk empfinden mag.

Nach der Genesung hatte er seine Frau nach dem Süden begleitet, und diese Reise war für Laure der Anlaß gewesen, sich die Küsten des Lateinischen Meeres vor Augen zu rufen.

»Oh, warum können wir nicht zusammen dahin? Wird mir diese Freude immer versagt bleiben?«

So bedachte sie zum erstenmal alles, was an dieser Liebe unvollständig war, verkrüppelt und verkümmert. Doch sofort hielt sie entsetzt dagegen:

»Nein, nein, es ist die gleiche Liebe, meine schöne Liebe, die mich überschäumend erfüllte, die das Glück meines Lebens war und fast wie die Rechtfertigung meines Daseins.«

In solchen Stunden verdrängte sie die neue Qual, in der Erkenntnis, daß die einzige Rettung für ihre Liebe in ihrem peinlich überwachten seelischen Gleichgewicht lag und in der gefügigen Hinnahme ihres Zwanges. Sie setzte dem Schmerz, wie einen Damm, ihre Vernunft entgegen, ihre Entsagungskraft, ihre Liebe.

Ein Wort aber war in ihr Innerstes gedrungen und bebte noch darin nach wie ein gutgezielter Pfeil im Mittelpunkt der Scheibe; ein Wort der Besorgnis, das ihr Freund ihr eines Tages gesagt hatte, als sie sich dazu gezwungen hatte, nach dem Befinden der andern zu fragen:

»Sie hat mir viel Sorge gemacht.«


Laure versteht nicht, sie will nicht verstehen.

Sie liebt diesen Mann. Er hat sie geliebt. Er hatte sie genommen, unberührt. Sie hat ihm ihre Jugend geschenkt, ihre Schönheit, den harten Schatz einer Liebe, die keine Grenzen anerkennen wollte.

Jetzt möchte er sie aus seinem Leben fortweisen.

»Liebster, mein Liebster ...«

Sie rief ihn so, wie sie um Hilfe gerufen hätte; und des Nachts, wenn sie sich bis zum Wahnsinn Worte ihres Freundes wiederholte, fühlte sie sie in ihrem Fleische wühlen, wie grabende Dolche.

Jeder Tag brachte ihr eine neue Grausamkeit.

»Liebster, Einziger, mein Gebieter, ist es möglich? Du hast mir sagen können: Ich kann dir nichts mehr sein. Ich bin am Ende meiner Kraft und meines guten Willens. Als meine Frau krank war, als ich eilig kommen, ihr ein paar Stunden stehlen mußte, um sie dir zu schenken, sie berauben mußte um deinetwillen – da bin ich schwach geworden. Dieses Doppelleben war eine zu harte Probe für mich. Ich kann es nicht mehr weiterführen, ich habe nicht mehr genügend Widerstandskraft.«

»Und doch, Liebster, als du mich genommen, als du mich in deinem Leben anerkannt hast, da wußtest du, was du tatest. Und du liebst mich, es ist nicht möglich, daß du mich nicht mehr liebst. Die Liebe stirbt doch nicht so ohne weiteres an einem Tag, ohne Grund.«

Laure sah das liebe Gesicht vor sich; es war belastet von Düsterkeit, und trotz allem auch von Liebe. Im Maße inneren Schwankens spiegelten sich, einander widerstreitend, Reue und der böse Entschluß.

»Du bist jung, du wirst mich vergessen, wirst dein Leben neu aufbauen ...«

»Aber du bist doch mein Leben! Habe ich gelebt, bevor du kamst? Du hast der Welt Sinn gegeben. Alles, was schlief, ist erwacht, alles, was schwieg, hat gesungen, vom Tage an, da du an meinem Horizont erstanden bist.

Warum muß ich es sein, die du opferst?«

Und an diesem Punkt ihrer Erinnerung traf sie regelmäßig mit tödlichem Stoß die Antwort ins Herz:

»Ich kann nicht sagen, daß ich meine Frau nicht liebe.«


Sie erinnerte sich, daß sie früher einmal, in den Anfängen ihrer Liebe, uns in lebensfremdem Stolz erklärt hatte:

»Nie werde ich in eine Minderung meines Glückes willigen. An dem Tage, an dem es mir weniger schön scheint, werde ich mich als erste zurückziehen.«

Und nun gab sie sich jeder Schwäche hin, duldete jede der Einschränkungen, die ihr dieser frühere Liebhaber auferlegte, ein lächerlicher Kamerad, der sie als Schwester behandelte und ihre Lippen mied.

»Ich will dein Freund bleiben. Ich werde dich oft besuchen. Wir wollen plaudern.«

Wir wollen plaudern! Laure meinte zu sterben.

Und Reine bestärkte sie in der Feigheit der Liebenden:

»Nimm alles hin. Man muß soviel Nachsicht haben, wenn man an einem Menschen hängt!«

Eine innere Glut belebte ihr bewegliches Gesicht mit dem mutlosen Mund und den heißen Augen; und weit über Laures Liebe weg betrachtete sie das Bild ihrer eigenen Liebe: einen Mann, verheiratet und Vater, der, nachdem er sie genommen, Paris eines schönen Tages verlassen hatte. ›Du konntest mir nicht mehr bedeuten als ein Abenteuer, arme Kleine.‹

Sie starb langsam daran, und manchmal, wenn die Sehnsucht zu groß, der Schmerz zu gewaltig wurde, dann nahm sie eine Fahrkarte nach der Provinzstadt, die er nun bewohnte.

Er nahm sie unfreundlich auf, hastig, zerstreut, befangen. Manchmal aber fand er doch ein barmherziges Wort, eine Gebärde freundschaftlicher Zuneigung, vor dem gequälten, treuen kleinen Gesicht; er richtete es so ein, eine Mahlzeit mit ihr einnehmen zu können.

Sie kehrte zurück, aufgeheitert für eine Zeit, beruhigt, fast zufrieden, so sehr hatte sie es gelernt, ihre Wünsche einzuschränken. Das also war das Geheimnis dieser Reisen, von denen sie fast heiter wiederkehrte; bis sie den Schmerz wieder unerträglich wachsen fühlte und zum Fahrkartenschalter lief.

Regine entrüstete sich:

»Ich verstehe Feigheit in Liebesdingen. In diesem Maße aber ist sie tierisch, verwerflich.«

Laure nahm ihre Selbstquälerei wieder auf:

»Warum, warum will er mich verlassen? Ich war kein Hemmnis in seinem Leben, keine Belastung. Ich verlangte nichts. Alles, was er mir gab, beseligte mich.

Wie weit ich auch in meinen Erinnerungen zurückgehe, ich finde, von meiner Seite, weder Launen noch Ansprüche. Für ihn war ich alles das, was ich sonst nicht bin: sanft, unterwürfig, selbstlos. Und Willen hatte ich keinen, außer dem seinen.«

So verbrauchte sie ihre Kräfte auf der Suche nach einer Erklärung. Und die, die sie fand, befriedigte weder ihren Geist noch ihr Herz.

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