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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Ein Stück Reportage

Auf einem internationalen Frauenkongreß hat Laure eine ehemalige Schulkameradin getroffen, die sich wie Laure selbst, an die trügerische Galeere des Journalismus hatte schmieden lassen.

Sie haben vom Beruf gesprochen, von ihren Zeitungen.

»Bei uns«, sagt Aline, »haben wir die Umwertung aller Werte. Der Chef hat kein Auto, aber seine Stenotypistin hat eine Innensteuerlimousine, in der sie jeden Morgen mit großem Krach angefahren kommt; sie hat ihre Perlen, ihre Pelze und spricht mit zynischer Unbefangenheit von ihrem Schneider: ›Er hat mir dreitausend Franken für den Perlenbesatz eines Kleides abverlangt‹, erzählt sie. ›Dazu noch zweitausend für das Kleid selbst, macht fünftausend. Das ist denn doch ein wenig teuer.‹

»Leisten Sie sich das alles von den zwanzig Franken, die Sie hier verdienen?« habe ich sie eines Tages angewidert gefragt.

»O nein, ich habe schon noch was anderes«, hat mir das unverschämte kleine Kokottchen geantwortet und sich dabei in den Hüften gewiegt.

Ich habe sie gekannt, abgerissen wie einen Fetzen, mit schiefgetretenen Schuhen, mit einem verstaubten Filzdeckel und Baumwollstrümpfen. Man hat ihren Aufstieg Schritt um Schritt verfolgen können. Zu gleicher Zeit setzt man uns den Zeilenpreis herab, und ich verdiene weniger als in meinen Anfängen.«

»Schreibt sie nur zum Zeitvertreib immer noch Maschine?«

»Wohl nur, um denen, die sie unterhalten, einige Ruhepausen zu gönnen.«

»Und wie schlägst du dich durch?« fragte Laure. »Ich habe einmal einen Artikel von dir gelesen, eine Geschichte von einem italienischen Arbeiter, der seine Frau getötet hatte .. .«

»Mein Gott, der Artikel ist der Schandfleck meiner Laufbahn! Ich habe ihn unter unwahrscheinlichen Verhältnissen geschrieben.

Ich sollte damals im ›Cardinal‹, zwei Schritte von meiner Tretmühle, Mittag essen, mit Daniel, dem Bruder meiner Freundin Léonore. Er ist ein bißchen verliebt in mich, aber ich denk' nicht dran: verheiratet und drei Kinder, danke schön!«

Laure zuckte zusammen:

»Wie weise, Aline!«

»Mein Kleines, diese Geschichten gehen immer schief. An dem Tag, wo der Liebhaber merkt, daß die Neigung, die er für dich empfunden hat, nachläßt – an dem Tag entdeckt er in sich Bedenken und Gewissensbisse. Er kehrt zu seiner Frau zurück und läßt dich fallen, wie eine ausgedrückte Zitrone. Aber das ist eine andere Geschichte. Kommen wir wieder zu meinem Reporterstückchen. Vielleicht wird es dir Spaß machen, da du das Geschäft ja kennst. Mittags, um viertel nach zwölf, läßt mich der Chefredakteur rufen. Die Nacht zuvor hatte ein italienischer Arbeiter, in einem Vorort draußen, erst seine Frau, dann sich selbst umgebracht, unter Hinterlassung von fünf Waisen. Der Chefredakteur hielt darauf, es sollte ein Drama des Elends werden: ›Erkundigen Sie sich. Ihr Artikel kommt an erste Stelle. Sie verstehen, worauf es ankommt: zu unserer Zeit gibt es noch Leute, die Hungers sterben usw. usw... .‹

Im Restaurant erwartete mich Daniel seit zehn Minuten. Wir frühstücken. Sehr gut, das Frühstück. Daniel ließ sich's angelegen sein.

Beim Likör drückte der Bruder meiner Freundin einen schmachtenden Kuß auf meine Hand – da sehe ich, wie der Kellner den Chefredakteur und den Generalsekretär an einen Tisch geleitet.

Ich entziehe Daniel meine Hand, so etwa wie eine Katze, die mit der Pfote im Milchtopf erwischt worden ist und nun so tut, als kratzte sie sich die Nase.

›Wir müssen sausen, mein Lieber. Ich darf meinen Artikel nicht verpatzen, denn die beiden hier würden nie einen andren Grund dafür gelten lassen als den, daß ich mich hier in Ihrer Gesellschaft über einem alten Curacao verspätet habe. Und das könnte mir den Kragen brechen.‹

Es gibt nichts Gefügigeres als einen Mann, der einem den Hof macht.

›Wohin gehen Sie?‹

›Ich weiß es nicht, denken Sie nur. Die Sache spielt zwischen Noisy-Le-Sec und Gargan. Ich habe zu suchen.‹

›Nehmen Sie ein Taxi?‹

›Ein Taxi? Er hat das Wort Taxi ausgesprochen! Mein Lieber, ich gehöre einem demokratischen Blatt an, die Trambahn drängt sich gebieterisch auf. Die 95 muß wohl hinausgehen, von der Place de l'Opéra aus.‹

›Die verläßt Paris bei der Porte des Lilas. Fahren wir also zu den Lilas im Taxi.‹

Bei den Lilas sah Daniel nach der Uhr:

›Ich habe vielleicht noch Zeit, Sie zu begleiten . ..‹

Ich schwanke. Auf der einen Seite die Erleichterung der Nachforschung, Vermeidung der Schinderei, die sonst jede Reportage mit sich bringt; auf der andern Seite die enge Nachbarschaft, in einem Wagen, mit einem Mann, der einem den Hof macht – nicht sehr vernünftig. Er ist gut erzogen, aber ziemlich verliebt. Die Sache wird nicht vorübergehen, ohne daß er zärtlich wird. Aber wie dumm ich bin! Das Taxi ist ja offen! Sollte Daniel selbstlos sein?

›Das ist nett! Mich auf diese blödsinnige Expedition begleiten – das nenne ich Ergebenheit!‹

Wir fahren. Vororte. Blühende Bäume unter blauem Himmel. Müllablagerung auf weiten Strecken, dazwischen Gärten hinter blühenden Heckenzäunen.

Anhalten bei den Siedlungen.

›Hat hier in der letzten Nacht ein italienischer Dachdecker ...?‹

Erschreckte Kindergesichter längs der Straße. Falsche Auskünfte von Seite der Hausfrauen:

›Dort unten, Madame, sehen Sie, am Ende des Dorfs könnte man sagen. Ein einzelnes Haus, rechter Hand.‹

Wir kommen ans Ende des Dorfs:

›Hat hier in der letzten Nacht ...?‹

›Sie kommen eben von da, meine liebe Frau. Gehen Sie zurück: am Ende des Dorfs, könnte man sagen, ein einzelnes Haus, linker Hand. Er hatte es sogar selbst gebaut, der Ärmste.‹

Umkehr. Daniel hat meine Hand genommen. Ich lasse sie ihm, in dem Gedanken, daß die Tramway fünfzehnhundert Meter weiter weg vorbeigeht und daß ich, wäre ich alleine gewesen ...

Nach zahllosen Irrtümern, nach einer Suche, die, alleine und zu Fuß betrieben, aufreibend gewesen wäre, finden wir das einzelne Haus, das ›er selbst gebaut hatte, der Ärmste‹.

Aber ich kann aus den Leuten nichts herausbringen. Die Herren und Damen der Familie sind mißtrauisch und verschlossen. Meine überzeugendste Liebenswürdigkeit, mein zärtlichstes Mitleid prallen ab von einer wütend entschlossenen Stummheit. Keine Erklärung für das Drama. Diesen Italienern fehlt der Überschwang.

Ich bemerke, daß die Kinder durchaus nicht wie Opfer des Hungers aussehen: Pausbacken, feiste Körperchen, alle Anzeichen leiblichen Wohlergehens. Das sieht nicht nach einem Drama des Elends aus.

Verdammter Beruf. Ich werde also nicht erfahren, warum der Maurer seine Frau und sich selbst zur Strecke gebracht hat. Großer Gott, was werde ich nun erzählen, in diesem Artikel, der an erste Stelle kommen soll?

Nach halbstündigem vergeblichen Bemühen kehre ich zu Daniel zurück. Aus dem Taxi heraus lächeln mir seine Augen zu. Irgend etwas ist verändert. Was? Ich komme nicht gleich darauf. Plötzlich werde ich traurig:

›Wie, Sie haben das Taxi schließen lassen? ...‹

›Ja ... ein bißchen kalt. Diese Aprilabende, wissen Sie, sind tückisch. Man kann sich's kaum vorstellen.‹

›Der tückischere der beiden ...‹

›Chauffeur, nach Paris, Boulevard Montmartre ...‹

›Aber, aber, seien Sie vernünftig ...‹

›Ach, hören Sie!‹ meint Daniel. ›Das werden Sie mir doch nicht abschlagen: einen Kuß, einen einzigen. Nachher will ich vernünftig sein. Abgemacht.‹

Da habe ich nach dem Zähler gesehen. Der zeigte fünfunddreißig Franken – und die Fahrt war noch nicht zu Ende.

Und dann küßt er so gut, dieser Daniel!

Bei der Heimkehr habe ich dem Chef des Nachrichtenbureaus erklärt: ›Es ist nichts daran, nichts und wieder nichts. Die Gören sind fett und munter. Es ist ein Drama der Eifersucht oder der Hysterie. Das und sonst nichts.‹

›Schon möglich, meine Kleine, aber der Chefredakteur hat doch nun mal den Einfall gehabt. Er verzichtet sicher nicht darauf. Ihr Drama des Elends kommt an erster Stelle.‹

›Aber, guter Gott, es ist doch gar kein Drama des E...‹

Er reckt die Arme zum Himmel:

›Pfeifen Sie doch drauf, meine Kleine, pfeifen Sie drauf. Wenn nur der Artikel fertig wird, verstanden? Los, setzen Sie sich dahinter, Sie haben höchste Zeit. Wir wollen es nennen: ,Was wird aus den fünf armen Waisen?' – und alle Welt wird zufrieden sein.‹«

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