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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Liquidation nach Inventur

In der Rue de Vaugirard merkte Regine, daß die Fenster des Salons erleuchtet waren.

Sie stieg die Treppe hinan, mit schweren Gliedern, wie zerschlagen. Reine, die, die Füße zum Feuer gekehrt, auf den Knien kritzelte, wandte kaum den Kopf. Die Scheu, einander lästig zu werden, hatte zwischen uns alle herkömmlichen Förmlichkeiten unterdrückt.

»Guten Abend!«

Der merkwürdige Klang der Stimme überraschte Reine, und sie sah Regine aufmerksamer an.

»Müde? Wie du aussiehst!«

Die junge Frau strich sich mit der Hand über die müde Stirn, über die trockenen Augen.

»Du ... du hast ihn gesehen?« fragte Reine, die wohl wußte, wie Regine ihre Zeit hinbrachte.

»Ja, und zum letztenmal, denke ich.«

In Reines Gesicht prägte sich mitfühlende Enttäuschung aus. Ihre Empfindungen, ob tief oder oberflächlich, hielten sich immer in engen Grenzen. Jeder Überschwang fehlte ihrer gesammelten, empfindsamen Natur, in der Scharfblick, Logik und kritischer Sinn von jeher die göttliche Jugend zerstört hatten. Sie legte ihren Bleistift und ihre Papiere auf einen Tisch, glitt liebevoll zu Regine hin.

»Erzähl' mir, mein Kleines...«

Regine schluckte schwer.

»Es gibt nichts zu erzählen. Es war niemals schön. Es konnte nicht anders als in die Brüche gehen. Er wird mich nicht wiedersehen.«

»Sei nicht zu streng«, meinte Reine sanft, die die Heftigkeit ihrer Freundin kannte. »Man muß soviel Nachsicht haben, wenn man liebt.«

Regine schüttelte den Kopf, und ihre Haare, von der Farbe scharfgebackenen Brotes, schienen in Strahlen das reglose Licht der Philips Argenta zu zerstreuen, die, weiß und warm unter dem gefalteten Papierschirm, ganz wie ein gekochtes Ei aussah.

»Es ist nämlich so, siehst du, daß meine Empfindlichkeit und mein Selbstbewußtsein zutiefst verletzt sind.

Die Liebe, das weiß ich wohl, sollte diese Empfindungen ausschalten, sie nicht kennen, sie aufsaugen. Aber ich bin ja auch in meiner Zärtlichkeit verwundet, in meinen eifersüchtigen Wünschen.

»Die freie Liebe,« fuhr sie fort, »das nennt man die freie Liebe! Keine sonst legt mehr Einschränkungen auf, mehr Zwang und Opfer. Wäre er krank, so könnte ich gar nicht auf gewöhnlichem Wege Nachricht von ihm haben oder ihn pflegen, ihm beistehen im Todeskampf, meine Tränen zeigen nach seinem Tod.«

»Da siehst du ja, daß du ihn liebst.«

»Was für Freuden habe ich denn gehabt, während der drei Monate, die sich nun diese jämmerliche Geschichte hinzieht? Welche Genugtuung? Und wie unglaublich bescheiden war ich dabei in meinen Ansprüchen an das Glück!

Nie ein Augenblick wahrer Vertrautheit, nie ein Abendessen zu zweien, nie eine Nacht an seiner Schulter, nie einen Abend in der gleichen Loge, um die gleiche Musik zu hören!

Vom übrigen zu schweigen. Eine Reise mit ihm? An seiner Seite die schönen Horizonte sehen, die weite Erde? Ach ja, ach ja, ›ich bin frei‹, hat er mir gesagt. Und so sieht diese Freiheit aus: zwei Stunden wöchentlich unter den scheußlichsten Verhältnissen, mit der Uhr auf dem Nachttisch, um nicht zu vergessen, daß abends seine Frau ausgeht oder empfängt.«

Reine hörte ihre Freundin schweigend an und ließ sie das ganze Elend einer Verbindung ausbreiten, deren Armseligkeit uns Regine bisher aus Scham oder Stolz verschwiegen hatte.

Regine schüttete ihr Herz aus, machte reinen Tisch:

»Unsere beiden Leben sind durchaus nicht vermengt, vereint. Sie laufen nicht einmal gleichgerichtet nebeneinander, in oberflächlicher Berührung, die eine Selbsttäuschung gestatten könnte.

Nichts gibt es, nichts, kein Vertrauen, keine Möglichkeit dazu, weil er von Angst geknebelt ist. Kein Glück, keine Möglichkeit dazu, weil sein Leben anderswo liegt. Anderswo, verstehst du, Reine? Und ich, ich komme mir vor, als wäre ich für die Stunde gemietet, zu flüchtigem Genuß. Käme dieser Genuß als Ergänzung zu sonst etwas, dann könnte ich es vielleicht ertragen, daß er so demütigend, so mittelmäßig ist.

Das aber! Nur das – das ist zu jämmerlich. Ich will nicht mehr, ich will nicht mehr.«

»Du tust dir weh, meine Liebe«, sagte Reine traurig und zog den strahlenden Kopf an sich. »Für ihn ist es ja doch auch hart.«

»Er leidet nicht auf die gleiche Art darunter. Er hatte mir nur ein Abenteuer zu bieten, ein kurzes, fast unsauberes Abenteuer. Es ist unentschuldbar, daß er meinen guten Glauben getäuscht hat.«

Endlich brach sie los und ließ an Reines schwesterlicher Schulter den Tränen freien Lauf, die ihren langgliedrigen, festen Körper erschütterten.

»Gewiß,« murmelte Reine, »es war hoffnungslos von Anfang an.«

Sie brach ab und wiegte an ihrer Brust unsere Freundin, die sich allmählich beruhigte. Reines zerstörender Scharfblick gab ihr noch den Nachsatz ein:

»Übrigens ist auf diesem Gebiet alles hoffnungslos.«

Regine machte ihr tränenüberströmtes Gesicht frei und hob es zu Reines Gesicht auf, zu diesem kleinen Gesicht mit den festgeprägten Zügen, die von einem uns unbekannten, geheimen Schmerz gehärtet schienen.

»Sie auch, vielleicht?« dachte Regine.

Man hörte die Eingangstür in den Angeln knirschen, und hinter den Milchglasscheiben zeichnete sich Maguys Silhouette ab.

Sie trat ein. Die Müdigkeit zeigte sich an ihren Augen, die durch fast schwarze Ringe unheimlich vergrößert schienen; das Gesicht war abgespannt und wie entmutigt.

Doch zeigte sie immer noch die köstliche Gepflegtheit, der zufolge sie am Ende eines harten Arbeitstages aussah, als käme sie aus einem Schrein.

Der Karminstrich auf den Lippen, die samtige Puderschicht, alles war vollkommen, tadellos, wie am Morgen beim Verlassen des Bades.

Als sie die Handschuhe ausgezogen hatte, sah man ihre rosigen Nägel blitzen, als hätte sie den ganzen Tag über den Polierer gehandhabt und nicht die Füllfeder. ›Maguys Nägel‹, sagte Laure von ihr, ›erinnern mich immer an die Nägel auf den Reklamebildern für Nagelpasta, die Strahlen schießen.‹

»Ich bin müde.«

Sie ließ sich in keiner Weise gehen. Wir wußten, sie würde ihren Hut ordentlich abnehmen, ohne ihn auf den Diwan zu werfen oder ihn der Kaminfigur aufzusetzen. Und dann würde sie sich hinsetzen, sich nicht fallen lassen. Die Äußerungen der Müdigkeit blieben bei ihr immer durchaus aristokratisch. Oft hänselten wir sie deswegen. »Maguy,« sagte Laure, »das ist ›die Prinzessin auf der Erbse‹ aus Andersens Märchen.«

Maguy bemerkte Regines verstörtes Gesicht, das ihr der enge Lichtkreis der Lampe bis dahin verborgen hatte.

»Liebste, geht's denn gar nicht?«

»Sie hat genug,« erklärte Reine, »sie will Schluß machen.«

Maguy zog einen Sessel herbei und setzte sich, ohne den Mantel auszuziehen. Sie machte den Eindruck, als wäre sie in ihrem eigenen Heim zu Gast.

»Wo fehlt es?« fragte sie mit dem ihr natürlichen Ernst, der noch verstärkt wurde durch die etwas kalten Linien ihres kostbaren Gesichtchens.

Regine lächelte unter Tränen:

»Ich habe vor Reine schon ausgepackt. Verzeih mir, wenn ich ihr nicht eine zweite Auflage meiner Wut zumuten möchte. Es handelt sich um Fred.«

»Du hast keine Geduld«, sagte Maguy vorwurfsvoll.

Jeder Mißerfolg dieser Art erschien Maguy als ein Angriff auf die Majestät ihrer Grundsätze. Es war so weit, daß ihr gerader Sinn, ihre strenge Rechtlichkeit durch diese Grundsätze beeinflußt wurden.

Wir haben Maguy eine gewisse Genugtuung äußern sehen – unbewußt vielleicht und bestimmt nicht überbetont, aber doch merklich – bei irgendeiner Erzählung von ehelichem Mißgeschick. Beispiele von gesetzmäßigen und dabei unglücklichen Ehen bestärkten sie in ihren Überzeugungen. Erzählte man ihr von einem ruhigen, dauerhaften Glück zweier Wesen außerhalb des Bürgerlichen Gesetzbuches, so bekam diese vereinzelte Tatsache in ihren Augen den Wert eines Symbols; sie berauschte sich daran.

Eine gefährlich einfache Psychologie! Das fühlten wir, die wir uns auch zur freien Liebe bekannt hatten – allerdings nicht auf Grund unweigerlich falscher Überzeugungen, sondern weil unser liebes Schicksal es so gefügt und wir diesem Schicksal nicht widerstanden hatten.

Dennoch: lebte nicht die bittre Wahrheit, die unser Stolz, unsere Eigenliebe, unsere krampfhafte Glückssehnsucht umzulügen trachteten – lebte sie nicht auf dem Grunde unserer gewollten Unbefangenheit?

Maguy kannte diese dumpfe Unruhe nicht, mit der wir andern, jede für sich, uns das furchtbare Wort Reines wiederholten: ›Auf diesem Gebiet ist alles hoffnungslos.‹

»Man muß wollen, Regine«, sagte Maguy streng. »Das Glück ist nichts Fertiges.«

Regine wiederholte:

»Ich möchte nicht länger Geige, ich möchte einmal Bogen sein.«

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