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Fünf Frauen auf einer Galeere

Suzanne Normand: Fünf Frauen auf einer Galeere - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorSuzanne Normand
titleFünf Frauen auf einer Galeere
publisherS. Fischer Verlag
year1928
printrunErste bis vierte Auflage
translatorErnst W. Freissler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080618
projectid974c67d2
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Das Mass ist voll

Regine, angewidert von ihrem Zimmer, war zum Arbeiten in die Rue de Vaugirard gekommen.

Sie hielt im Schreiben inne, hob den Kopf und sah nach der Uhr. Der kleine Wecker, den sie einmal während einer Reise auf dem Londoner Trödelmarkt um zwei Schillinge gekauft hatte, wollte seit langem nicht mehr anders gehen als mit dem Kopf nach unten. Heute aber hatte ihn die junge Frau durch die verwegensten Stellungsänderungen und heftiges Schütteln nicht in Gang halten können.

Im gegenseitigen Einvernehmen hatten die drei Freundinnen, gleich beim Einzug in die Wohnung, die beiden Wanduhren, Denkmäler bürgerlicher Scheußlichkeit, in den Keller hinuntergeschafft.

Und Maguy, die als einzige eine Uhr besaß, war nicht da!

Regine öffnete das Fenster und wartete, bis sich die Stunde von den verschiedenen Uhren des Hauses losringen würde. Sie kannte sie alle gut. Die eine schlug zu Mittag ein Uhr. Die andere ging um fünf Schläge vor. Das Glockenspiel, genannt ›Westminster‹, vom dritten Stock gegenüber, ging genau. Auf dieses lauerte sie.

Unter ihrem Kinn gekreuzt trugen ihre Hände, gebrechliche Säulen, ihr schönes Gesicht.

Von dem Packen Korrekturen, an dem sie eben gearbeitet hatte, wanderte ihr Blick bald über den mit Papieren beladenen Tisch weg zu den Zimmerwänden, die ihn kurz festhielten.

Dann hörten die äußerlichen Dinge auf, wichtig zu sein. In Regines tiefstem Innern bildete sich ein Gedanke, erfüllte ihr Auge und verdrängte die Dinge, die in Nebeln verschwammen.

Regines Blick war nach innen gekehrt. Dort verfolgte sie den Schatten einer Bitterkeit, die sich seit langen Tagen in ihrem Herzen sammelte.

Sie bedachte, daß sie gleich nachher Frédéric wieder treffen sollte. Wieder in dem abscheulichen Hotel, wie gewöhnlich. Das bedachte sie, und weiter noch, daß sie keinen Wunsch fühlte, hinzugehen.

»Oh!« sagte sie, »Iphigenie, als sie zur Opferung schritt, war heiter im Vergleich zu mir!«

Sie durchlebte im Geiste den Ritus dieser Zusammenkünfte: die Begegnung am Fuße der Treppe zur Untergrundbahn, mit dem krampfhaften Anschein einer Zufallsbegegnung; das Hinaufsteigen ans Tageslicht, mit betonter Unbefangenheit; dann das verstohlene Hineinhuschen in die Hoteltüre, der Kellner mit dem Galgengesicht, der sie zum Zimmer führte und an der Türe auf die Bezahlung wartete. Sie hörte das Flüstern der beiden Männer:

»Es macht nicht zwanzig Franken, mein Herr, sondern fünfundzwanzig.«

»Wie denn? Das letztemal ...«

»Der Preis wurde erhöht, mein Herr.«

Ekel schnürte ihr die Kehle zu. Sie rief sich das widerliche Zimmer vor Augen, die Wände im Schmuck großer Mohnblumensträuße, den schreienden Teppich, den Leinenvorhang, der rings um den Waschtisch an einer Stange lief.

»Nein, nein,« rief Regine laut aus, »ich gehe nicht, ich gehe nie wieder!«

Im ersten Antrieb sprang sie auf, überdachte einen Augenblick die Möglichkeit, Fred zu verständigen, und setzte sich wieder hin.

Gab es ein Mittel, ihn zu verständigen? Sie konnte ihm nicht telephonieren, keine Rohrpostkarte schreiben, weil er die Bemerkungen seiner Frau fürchtete.

Es war so weit gekommen, daß Regine ihm überhaupt nicht schreiben konnte. Er hatte davon gesprochen, sich Umschläge mit seiner Adresse tippen zu lassen, aber auch das war ihm nicht sicher genug erschienen.

Die bösen Erinnerungen bestürmten Regine. Wie oft hatte eine eheliche Verpflichtung Fred im letzten Augenblick gezwungen, ihr abzusagen? Sie war außerstande zu antworten, sie mußte das festgesetzte Stelldichein annehmen, sie hatte kein Recht, verletzt zu sein, enttäuscht, gemartert.

»Ich liebe ihn nicht genug. Liebte ich ihn ohne Rückhalt, so fiele mir all dieser Zwang gewiß nicht schwer. Oder nein, ich hätte vielleicht noch mehr darunter zu leiden.«

Sie trieb hin wie ein Schiff im Strom.

»Ich kann nicht mehr, es geht nicht so weiter.«

Tränen brannten in ihren Augen, Tränen, die aus dem tiefsten Herzen voll Zorn und Reue kamen und die sie wie eine harte Kugel in der Kehle spürte.

Die Arbeit wieder aufnehmen, sich in die leidige Tüftelei des Korrekturenlesens verlieren ... Nein. Sie gab sich ihrer Wut hin, peitschte sie in jedem Augenblick durch eine neue Einzelheit auf.

Das widerliche Zimmer. Und, danach, der Ritus der Verliebtheit, zwingend, unentrinnbar. Wenn man einem schmierigen Kellner fünfundzwanzig Franken bezahlt hat, was sollte man dann wohl treiben, wenn nicht Verliebtheiten?

»Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr«, wiederholte Regine, wütend, geblendet von Tränen und das Gesicht verzerrt von dem unbewußten Krampf, den die Wut in ihre Muskeln brachte.

Das Glockenspiel verkündete fünf Uhr. Das Stelldichein war für halb sechs vereinbart.

»Ich gehe nicht, ich gehe nicht, ich ...«

Schon schwankte sie, durchdrungen von einem unbestimmbaren Gefühl der Nachsicht.

»Es ist nicht seine Schuld, es sind die Verhältnisse ...«

Doch sofort meldet sich der Widerspruch: »Er hat mir gesagt, er wäre frei. Er hat gelogen. Er hat mein Vertrauen verraten.«

Sie sah Frédérics erregtes Gesicht vor sich:

»Ich bin frei, ich tue, was ich will...«

Was ich will! Hatten sie je einen Nachmittag oder nur einen Augenblick miteinander verbracht, der nicht vergiftet gewesen wäre durch die Minutenangst, durch die blinde Furcht vor dem Leutegerede, durch die ewige, unaufhörliche, aufreizende ›Vorsicht‹?

»Und ich, ich bin frei, ich habe niemand Rechenschaft zu geben. Das Recht, keinerlei Rücksichten nehmen zu müssen, habe ich teuer genug bezahlt. Und das also ist die Frucht der Anstrengung, die meine Fesseln gesprengt hat: ein klägliches Abenteuer mit einem Mann, den das gesellschaftliche Herkommen für immer in der engsten Abhängigkeit von seiner Frau erhält.

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