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Fuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe

Gerhart Hauptmann: Fuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe - Kapitel 5
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleFuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1899
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid0c605a51
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Dritter Akt

Das Zimmer wie in den beiden vorhergehenden Akten. Es ist ein Abend Ende November; im Ofen brennt Feuer, ein Licht steht auf dem Tisch. Die Mitteltür ist geschlossen. Aus dem oberen Stockwerk des Hauses dringt gedämpft Tanzmusik. Hanne, jetzt Frau Henschel, sitzt am Tische und strickt; sie ist adrett und sauber in blauen Kattun gekleidet, dazu trägt sie ein rotes Brusttuch. Meister Hildebrant, der Schmied, kleine, nervige Erscheinung, kommt.

Hildebrant. Gu'n Abend, Henscheln! Wo is denn dei Mann?

Frau Henschel. Nach Breslau. A holt doch drei neue Ferde.

Hildebrant. Da wird a woll heute ni heemkomm'n? gelt?

Frau Henschel. Vor'n Montage nich.

Hildebrant. Heute haben mer Sonnabend. – Mir haben a Brettwagen wiedergebracht. A steht unterm Saale. Mer haben missen alle vier Reifen neumachen. Is Hauffe nich da?

Frau Henschel. Der is doch schonn lange ni mehr bei uns!

Hildebrant. Was Teifel red' ich bloß wieder fier Tummheeten. Ich meente ja ebens a neuen Knecht. Is Schwarzer nich da?

Frau Henschel. A is mitte nach Breslau.

Hildebrant. Nee, nee, mit Hauffe das wer ich woll wissen. A kommt immer nunter in de Schmiede und hat Maulaffen feil, weil mir Eisen uflegen. A hat doch noch immer kee Unterkommen.

Frau Henschel. De Leute sagen, a fängt an zu saufen.

Hildebrant. Ich gloob' immer, 's werd woll nich andersch sein, 's is halt schlimm fer den alten Kerl, 's will'n doch eemal kee Mensch mehr haben. – Was is denn heute da oben los?

Frau Henschel. Tanzmusik. Halt de Resursche.

Hildebrant. Wie wärsch, wennmer nufgingen, Henscheln, mitnander? Warum solln mir nich auch an'n Walzer mitmachen?

Frau Henschel. Da wern die nich schlecht die Augen ufreißen. – Was wollten Sie denn von Henscheln, Meester?

Hildebrant. Der Oberamtmann hat doch an'n Fuchshengst, das Luder will sich nich lassen beschlagen, da wollten mir Henscheln gern amal bitten. Wenn der den gehangnen Hund nich zum Stehn bringt, hernach da solln der Teifel scharf machen, Gu'n Abend, Henscheln!

Frau Henschel. Gu'n Abend, Meester!

Hildebrant ab.

Frau Henschel horcht auf ein schleifendes Geräusch, welches draußen vom Gange herkommt. Was is denn das fer a Geschleife da draußen? Sie geht und öffnet die Tür. Wer macht denn hier draußen solchen Randal?

Franziska kommt hereingetanzt. Platz, Platz, Frau Henscheln, ich hab' keine Zeit! Sie dreht sich um den Tisch herum nach dem Takte des von oben klingenden Walzers.

Frau Henschel. Nanu schlägt's dreizehn! Was fällt denn dir ein!? Dich hat woll a toller Hund gebissen!? Franziska tanzt unbeirrt weiter und singt die Walzermelodie dazu. Frau Henschel, immer mehr belustigt. Um Gottes willen, dich riehrt ja der Schlag. – Nee, Mädel, du werscht woll noch ieberschnappen!

Die Musik bricht ab.

Franziska fällt erschöpft auf einen Stuhl. Ich könnte mich mausetot tanzen, Frau Henscheln.

Frau Henschel, lachend. Wenn du's aso treibst, das will ich glooben. Da wird man ja drähnig bloß beim Zusehn.

Franziska. Tanzen Sie gar nicht?

Frau Henschel. Ich? Ob ich tanze? nu freilich tanz' ich. A Paar neue Schuhe, das kam ooch vor, die tanzt' ich ooch durch in eener Nacht.

Franziska. Kommen Sie, tanzen Sie mal mit mir.

Frau Henschel. Geh ock du nuf und tanz oben mitte.

Franziska. Ja, wenn ich bloß dürfte! Wissen Sie was, ich schleiche mich rauf. Ich schleiche mich rauf auf die Galerie. Sind Sie da schon mal oben gewesen? Im großen Saal auf der Galerie? Wo die Säcke stehen mit den gebackenen Pflaumen. Da geh' ich ganz frech rauf und gucke runter. Da ess' ich Pflaumen und gucke runter. Warum soll ich denn da nicht runtergucken?

Frau Henschel. Vielleicht läßt dich Siebenhaar runterholn.

Franziska. Ich gucke ganz frech. Das ist mir ganz gleichgiltig. Und wenn eine mit'n Herrn Siebenhaar tanzt, die bombardier' ich mit Pflaumenkernen.

Frau Henschel. In Siebenhaarn bist du doch reene vernarrt!

Franziska. Der ist auch der allerfeinste von allen. Musik. Nu geht's wieder los. Nu spielen sie Polka. Wieder tanzend. Mit Herrn Siebenhaar möcht' ich gleich mal tanzen. Da würde ich ihm, eh er sich versieht, ganz einfach 'nen Kuß geben, mir nichts – dir nichts.

Frau Henschel. Mir wär' der Siebenhaar freilich zu alt.

Franziska. Ihr Mann ist doch ebenso alt, Frau Henscheln.

Frau Henschel. Du Dare du; mei Mann is um finf Jahr jinger, verstanden?

Franziska. Aber er sieht doch viel älter aus. Der sieht doch so alt aus und so verrunzelt. Puh, nee, dem möchte ich keinen Kuß geben.

Frau Henschel. Nu sieh, daß du fortkommst, sonste nehm' ich'n Besen. Mach du mer mein'n Mann schlecht! Wo soll ich denn gleich an'n bessern hernehmen? Wart ock, wenn du in de Jahre kommst, du werscht ooch schonn merken, was das heeßt, an'n Mann haben dahier.

Franziska. Ich heirate gar nicht! Ich warte mal ab, bis 'n feiner Herr kommt, am liebsten 'n Russe – im Sommer – 'n Kurgast –, von dem lass' ich mich mitnehmen, raus in die Welt. Weit fort in die Welt; die Welt will ich sehn, nach Paris will ich reisen. Dann schreibe ich Ihnen auch mal, Frau Henschel.

Frau Henschel. Ich gloob' immer, daß du amal durchgehst, Mädel.

Franziska. Da könn Sie sich heilig drauf verlassen. Herr Siebenhaar war ja auch in Paris, bei der Revolution, der kann fein erzählen. So 'ne Revolution möcht' ich auch mal mitmachen; da muß man mit Barrikaden baun ...

Wermelskirchs Stimme. Franziska, Franziska! Wo steckst du denn wieder?

Franziska. Pst. Sagen Sie nichts!

Wermelskirchs Stimme. Franziska! Franziska!

Franziska. Pst. Stille. Ich soll wieder vorne bedienen. Das ist mir scheußlich, das mag ich nicht.

Wermelskirchs Stimme. Franziska!

Franziska. Das ist doch Papas Sache oder Mamas, oder sollen sie sich einen Kellner halten. Ich lasse mich nicht zur Biermamsell machen.

Frau Henschel. Das is doch's Schlimmste noch lange nich.

Franziska. Ja, wenn das vornehme Herren wären, aber nichts wie Brunnschöpfer, Kutscher und Bergleute. Da dank' ich dafür. Das paßt mir denn doch nicht.

Frau Henschel. Wenn ich wie du wär', mir wär' das a leichtes: ich tät' mer a scheenes Trinkgeld machen. Du kennt'st der an'n hibschen Beehmen ersparn, an'n hübschen Fennig beiseite legen.

Franziska. Böhmens und Sechser nehm' ich nicht an. Und wenn der Herr Siebenhaar oder der Baumeister oder der Dr. Vallentiner mir mal was schenkt, da vernasch' ich's gleich.

Frau Henschel. Das is ja ebens. Der Appel fällt ebens nich weit vom Stamme. Vater und Mutter sein auch nich viel andersch. Ihr nehmt euch die Schenkstube ebens nich wahr. Wenn ihr euch das Geschäfte tät wahrnehmen: ausgeborgt mißt't ihr schonn haben's Geld.

Franziska. Wir sind eben nicht so geizig wie Sie.

Frau Henschel. Ich bin nich geizig, ich halt's bloß zusammen.

Franziska. Die Leute sagen, Sie wären geizig.

Frau Henschel. De Leute kenn mich suchen, verstanden! und du da dazu. Mach, daß de nauskommst. Ich hab's nu satt, dei Gelapsche da; und wieder brauchste auch nich zu kommen. Mir is noch nich bange gewest nach dir. Am besten, man sieht und heert nischt von euch! von der ganzen Pakasche mitsammen dahier.

Franziska, schon an der Tür, sich wendend, böse. Wissen Sie, was die Leute noch sagen?

Frau Henschel. Nischt will ich wissen, bloß naus mit dir. Sieh du dich ock vor, daß du nischt zu heern kriegst. Wer weeß, wie du stehst mit Siebenhaarn. Ihr beede werd's wissen, und ich weeß auch. Zwanzig Mal wärt ihr schon rausgeflogen mit eurer pol'schen Wirtschaft da vorne. Man mißte doch Siebenhaarn sonste nich kennen.

Franziska. Pfui, pfui und pfui! Ab.

Frau Henschel. Pakasch, sag' ich!

Die Mitteltür ist offengeblieben. Der eine von oben kommend, der andre den Gang herauf, treffen sich Siebenhaar und der Kellner George, so daß ihre Begegnung im Rahmen der Türe sichtbar wird. George ist wienerisch gekleidet, Hut, Stöckchen, langer Paletot, bunter Schlips.

Siebenhaar. Was wünschen Sie hier?

George. Sie wern verzeihn, ich habe beim Fuhrmann Henschel zu tun.

Siebenhaar. Der Fuhrmann Henschel ist nicht zu Hause. Sie haben das nun schon dreimal gehört: in meinem Hause ist kein Platz für Sie. Wenn Sie sich nun das künftig nicht merken, dann lasse ich Ihr Gedächtnis auffrischen; durch den Gendarm, verstehen Sie mich!

George. Herr Siebenhaar: ich muß doch sehr bitten, ich komm' nicht zu Ihn. Die Leute wohnen in Ihrem Hause. Sie kenn mir nichts Ehrenrühriges nachweisen.

Siebenhaar. Aber wenn ich Ihnen wieder begegne, dann lass' ich Sie durch den Hausknecht rausschmeißen. Also richten Sie sich gefälligst danach. Ab.

George tritt ins Zimmer ein, fluchend. Das lass' ich druf ankomm! Das wolln mer erseht abwarten.

Frau Henschel schließt heftig die Tür, die Wut über Siebenhaar schwer bemeisternd. Mir sein auch noch da, a soll's erscht versuchen. Hier is unsre Stube, nich seine Stube, und wer de zu uns kommt, der kommt zu uns! Da hat a keen Wort nich neinzureden.

George. Wir wolln's amal abwarten, sag' ich bloß, das kennt'n doch teuer zu stehn komm. Das kost Pinkepinke, wenn ma das anzeigt. Er is schon mal äklich reingesaust, mit dem Alfons, der vor zwee Jahren hier war. Mit mir fällt er noch viel äklicher rein: dreißig Taler Schmerzensgeld is mir zu wenig.

Frau Henschel. Die hat a erscht gar nich mehr in der Tasche, der Hungerleider, verdammte, dahier. Im ganzen Kreese muß a sich rumpumpen. Nischte wie Schulden, wo man hinheert. Wie lange werd's dauern, da is a fertig, da muß a selber naus aus dem Hause, statts daß a andre Leute läßt nausschmeißen.

George hat den Überrock abgelegt, den Hut dazu aufgehangen und sucht nun die Federchen von Rock und Beinkleidern. Nu freilich. Das is ja auch gar kee Geheimnis mehr. Se reden ja schon am Stammtisch davon. Kee Mensch hat Mitleed, se genn's 'n alle. Mei jetziger Chef kann 'n schon gar nich verknusen. Bloß wenn er den Namen hört, wird er schon giftig. Holt Taschenspiegel und Taschenkämmchen heraus und schniegelt sich. Weeß Gott, sagt a immer, der Siebenhaar! Wahrhaft'ch, ich heb' in den Manne mehr Haare gefunden wie bloßich sieben.

Frau Henschel. Das will ich glooben, da werd a woll recht haben.

George. Nu sag amal, haste was Warmes, Hannchen?

Frau Henschel. Warum biste denn gestern nich gekommen?

George. Du denkst woll, ich kann alle Tage weg? Ich hab' mich schwer genug heute kenn losmachen. Gestern ging's bis um dreie in der Nacht.

Frau Henschel. Was war denn los?

George. Enne Feuerwehrsitzung. Se ham doch 'ne neue Spritze gekooft, da wolln se halt nächstens 'n Einweihungsfest geben. Da ham se eben 'ne Sitzung gehabt.

Frau Henschel. Wenn die bloß an'n Vorwand zum Saufen hab'n. Derweil hab' ich alleene gesessen und hab' gewart't bis tief in die Nacht. Eemal – ich weeß nich, was das muß gewest sein! a Vogel muß sein ans Fenster geschlagen –, da dacht' ich, du wärscht's, und da ging ich ans Fenster und macht' es uf. Hernach da ward ich aso verbost, ich konnte die halbe Nacht nich einschlafen. Sie schlägt mit der Faust schwach auf den Tisch. Ich weeß nich, ich bin auch noch immer verbost.

George. I, gar! Was soll mer sich lassen die Laune verderben? Er faßt sie um. Das is ja nich neet'ch! Warum nich gar!

Frau Henschel entwindet sich ihm. O nee! 's is wahr! Ich weeß nich, wie's kommt, 's muß een ooch immer alles verquer gehn. De ganze Woche sitzt Henschel daheeme, und wenn a nu wirklich amal a bissel fort is, da muß man de Zeit verstreichen lassen.

George. Na aber, mer ham doch heute noch Zeit. A kommt doch erscht Montag wieder, denk' ich.

Frau Henschel. Wer weeß, ob's wahr is?

George. Warum sollt's 'n nich wahr sein, das wißt'ch doch nich?

Frau Henschel. Der Mann muß amal daheeme sitzen. Frieher war das nich halb aso schlimm. Da war a wochenlang uf der Reese, heute da barmt a wer weeß wie sehr, wenn a bloß eene Nacht soll woandersch schlafen. Und wenn a sagt, ich bleibe drei Tage, da kommt a mehrschtens am zweeten schonn heem. – Nu heerschte's: ich gloobe, das sein se gar schonn. Wer werd denn sonste aso knallen im Hofe!

George, nachdem er gehorcht, unterdrückt. Da soll 'n doch gleich der Teifel holn. Verfluchtes Gemähre, verdammtes, dahier. Ma hat sich ja kaum ä bißchen erwärmt. Da wer ich wohl gleich wieder fortmissen, was? Das hab' ich mir freilich anders gedacht. Er zieht den Paletot wieder an und nimmt den Hut in die Hand.

Frau Henschel reißt ihm den Hut aus der Hand. Hier werd geblieben, was brauchste denn fortgehn? Vor wen soll ich mich firchten, etwan vor Henscheln? Der hat zu kuschen! Das sollte mir einfalln. Wärscht du gestern gekommen, ich hab' dir's gesagt. Da wär' uns kee Mensch nich dazwischen gekommen: kee Henschel nich und kee Siebenhaar auch nich. Heute da is der Teifel los.

Pferdehändler Walther tritt ein, ein hübscher, strammer Kerl, gegen vierzig Jahr alt. Baschlikmütze, Pelzjackett, Jagdstrümpfe und langschäftige Stiefel; Fausthandschuhe an Schnüren.

Walther. Henscheln, dei Mann is draußen im Hofe. Gu'n Abend! Ich komm' bloß schnell amal rein: ich will der an'n gutten Abend sagen. Hernach muß ich gleich wieder ufs Ferd. Scheene Brabanter haben mer gehandelt. A hat der ooch sonste was mitgebracht.

Frau Henschel. Ich dachte, ihr werd't erscht a Montag heemkommen.

Walther. Das wär' auch nich andersch sein geworden, mer sein ebens bloß bis Kanth geritten. Dort haben mer die Ferde verladen missen, sonste hätten se Hals und Beene gebrochen: aso schlechtes Laufen war bei dem Glatteis.

George. Mit der Eisenbahne geht's freilich schneller.

Walther. Was is denn das noch fer a Mannsbild dahier? Sie machen sich ja reene unsichtbar! Das is woll Schorschl? Ich gloobe immer! Der Kerl sieht ja aus wie a richt'ger Baron.

George. Ma verdient äben besser drieben im »Stern«. Ich steh' mich halt äben bei weitem besser. Hier hat man sich alles vom Halse gerissen. Ich war ja dahier fast nackt zuletzt, jetzt kann man sich eben wieder was anschaffen.

Walther. Nu rat amal, was a der mitbringt, Henscheln.

Frau Henschel. Was denn da, hä?

Walther. Ob de woll werscht ane Freude haben!?

Frau Henschel. Mer wem ja sehn. Je nachdem's werd sein.

Walther. Nu da leb ock gesund, sonste beißt mei Weib.

Frau Henschel. Leb gesund!

Walther. Leb gesund!

George. Ich gomme gleich mit, gu'n Abend, Frau Henscheln.

Frau Henschel. Wollten Sie nich mit Henscheln noch sprechen?

George. Das hat je doch Zeit, das eilt je doch nich.

Walther. Wenn Se was mit'n zu reden haben, da lassen Sie's lieber bis morgen, Schorschl. Heute hat a andre Sachen im Koppe. Weeßte denn, was a der mitbringt, Henscheln?

Frau Henschel. Was soll a'n mitbringen? Schwatz nich aso!

Walther. Nu halt deine Tochter bringt a der mit.

Frau Henschel. – Was bringt a mer mit? – Ich hab's nich geheert!

Walther. Mer warn halt in Quolsdorf und haben se geholt.

Frau Henschel. Ihr seid woll besoffen, hä, ihr zwee beede?

Walther. Nee, nee, was ich sag'!

Frau Henschel. Wen habt ihr geholt?

Walther. Mir hat a ja nischte davon gesagt; mer warn halt uf eemal drieben in Quolsdorf und saßen im Kretscham.

Frau Henschel. Nu, und was weiter?

Walther. Mer saßen halt da, und nach an kleen Weilchen, da kam halt dei Vater und brachte dei Mädel.

Frau Henschel. 's is nich mei Mädel!

Walther. Das weeß ich ja nich. Bloß aso viel weeß ich: a hat's halt draußen. A ging zu dein Vater hin und sagte: das Mädel wär' hibsch. – Darnach nahm a's halt uf a Arm und tat mit'n scheene. »Soll ich dich mitnehmen?« fragt a's darnach, und da wollt's halt gleich.

Frau Henschel. Nu, und mei Vater?

Walther. Dei Vater kannte doch Henscheln nich.

Frau Henschel. Das is ja noch besser! Weiter nischt?!

Walther, nun mehr an George seine Worte richtend. Weiter war nich viel. A nahm's halt mit raus und sagte zu Vatern: »Ich will bloß das Mädel amal ufs Ferd setzen.« Die brillte bloß immer: »Reiten, reiten!« Nu setzt' a sich halt uf sein'n großen Brabanter, ich mußt'n 's Mädel geruhig rufreechen. Darnach sagt' er hadje und ritt los.

Frau Henschel. Und Vater hat sich das lassen bieten?

Walther. Was wollt' er'n machen? Da hätte ja dreiste ganz Quolsdorf kenn'n anricken. Was Henschel amal in a Händen hat ... das wollt' ich keen'n Menschen nich raten dahier! Da getraut sich ooch keener im ganzen Kreese, im beesen mit Henscheln anzubinden. Der Vater wußt' ja nich, was'n geschah. Uf eemal brillt' a ja dann ganz erbärmlich und schrie und fluchte ja mehr wie genung. De Leute lachten. Sie kannten doch Henscheln. Aber der meente bloß ganz geruhig: »Leb gesund, Vater Schäl, ich nehm' se mitte. De Mutter daheem wart't schonn druf. Heer uf zu saufen«, sagt a'n noch, da werd auch für Vatern bei euch noch a Platz wern.

George. Adje, ich wer lieber morgen mal vorsprechen. George ab.

Frau Henschel. Und da denkt a, ich sollte se hierbehalten? Und nie und nimmer werd das geschehn. Das is nich mei Kind. Wie soll ich jetze dastehn vor a Leuten? Erst in Quolsdorf, hernach hier. Hat man sich etwa nich genug geschind't! Tag und Nacht, mecht' man sprechen, mit Gusteln. Nu kennte die Schinderei wieder anfangen. Das wär' aso was! A soll sich in acht nehmen.

Henschel, ebenfalls in Pelzjacke, Schaftstiefeln, Jagdstrümpfen und Lederhosen usw., wie er vom Pferde gestiegen, erscheint in der Mitteltür. Er führt ein sechsjähriges Mädchen, welches sehr schmutzig und zerlumpt angezogen ist, herein.

Henschel, halb fröhlich mit Bezug auf Hannes letzte Worte. Wer soll sich in acht nehmen?

Frau Henschel. – Oh, ich weeß nich.

Henschel. Sieh amal, Hanne, wer hier kommt! Zu dem Mädchen. Geh amal, Berthel! und sag gu'n Abend. Geh ock und sag's! Sag: Gu'n Abend, Mutter!

Berthel geht, nachdem sie sich schwer von Henschel losgemacht, welcher sie durch einige freundliche Schubse vorwärtsbringt, quer durch das Zimmer auf Hanne zu, die in der Haltung einer Schmollenden auf der Ofenbank sitzt.

Frau Henschel, als das Kind ratlos vor ihr steht. Was willst denn du hier?

Berthel. Ich bin geritten uf an scheen Ferdel.

Henschel und Walther lachen herzlich.

Henschel. Nu also: da wem mer se hierbehalten! – Gu'n Abend, Hanne! – Nu? Biste verbost?

Frau Henschel. Du sagtest doch, du wollt'st erschte am Montag heemkommen. Jetze hab' ich reen nischte zum Abendessen.

Henschel. A Sticke Brot und Speck werd woll da sein. Er hängt die Mütze auf.

Frau Henschel reißt unsanft an der kleinen Bertha herum. Wie siehst'n du aus?

Henschel. – Du werscht'r bald missen was koofen zum Anziehn. Se hat bald gar nischte mehr uf'n Leibel. 's war gutt, daß ich tichtig Decken mithatte, sonste wär se mer vollens erstarrt hierieber. Nachdem er die Pelzjacke aufgehangen, sich die Hände gewärmt usw. usw. Am besten nein in a Waschtrog mit'r.

Frau Henschel, unwillkürlich. Am besten, du hätt'st se gelassen, wo se war.

Henschel. Was sagste?

Frau Henschel. Nischte.

Henschel. Ich dachte, du sagst was. – Immer nein in a Waschtrog, hernach ins Bette. A Kopp, den kannst'r ooch a bissel absuchen. Ich gloobe immer, 's hat Einquartierung. Berthel heult. Was is denn? Zerr se ock nich aso.

Frau Henschel. O plärr nich, Mädel, das fehlte noch.

Henschel. Du mußt a bissel freindlich mit'r sein. Das Mädel is dankbar fer jedes Wort. Sei stille, Berthel, sei stille!

Berthel. Ich will zu Vatern.

Henschel. Du bist ja bei Muttern. Mutter is gutt. – Ich bin sehr zufriede, daß mer se dahaben; 's war heechste Zeit. Sonste hätt' ich se kenn'n uf'n Kirchhofe suchen.

Frau Henschel. Das is nich halb aso schlimm, wie du's machst.

Henschel, stutzig, doch gütig. Was heeßt denn das?

Pause.

Walther. Jetze lebt mer gesund, ich mach' mich davon.

Henschel. Nee, wart ock, mer trinken erseht a Glas Grog.

Frau Henschel. Ja, ja, wenn bloß Rum im Hause wär'.

Henschel. Du kannst'n doch holn bei Wermelskirchen.

Frau Henschel. Ich will mit den Leuten nischt nich zu tun haben.

Walther. Nee, nee, ich muß heem. Ich hab' keene Zeit. Ich hab' noch an halbe Stunde zu traben. Zu Hanne. Ich wer der beileibe nich zur Last liegen.

Frau Henschel. Wer hat denn dadavon gered't?

Walther, launisch. Nischte! Ich wollte auch gar nischt gesagt haben. Gott soll mich bewahrn! Ich lass' mich nich ein. Mit dir is a beeses Kirschenessen. Hadje, lebt gesund!

Henschel. Leb gesund! – An scheen'n Gruß fer dei Weib, verstanden?

Walther, schon von außen. 's gutt! Gu'n Abend! Ich wersch nich vergessen. Walther ab.

Henschel. Nu? Hab' ich's nu etwa nich recht gemacht?

Frau Henschel. Was soll ich denn zu a Leuten sagen?

Henschel. – – – Du werscht dich doch deiner Tochter nich schämen!

Frau Henschel. – Wer sagt denn das, hä? – Mir is das egal! – Du willst's ja nich andersch, wenn se mich schlechtmachen. Du stellst's ja druf an! Zu dem Kinde, barsch. Dahier, trink Milch! Hernach fort und schlafen mit dir.

Berthel trinkt.

Henschel. Werscht du das dahier aso weitertreiben?

Frau Henschel. Was treib' ich denn Beeses?

Henschel. Halt mit dem Mädel.

Frau Henschel. Die wer ich nich fressen, beileibe nich! Sie bringt das still weinende Kind in die Kammer, zu Bett.

Henschel, hinter ihr dreinsprechend. Zum Fressen is se ja auch nich da. Da hätt' ich se nich erscht brauchen mitbringen. Kleine Pause. Hanne kommt allein wieder. Wenn man's bloß wißte, wie man's euch recht macht. 's is eemal keen Auskommen mit euch Frauvelkern. Du hast dich doch immer aso gestellt ...

Frau Henschel, boshaft weinerlich. Das is an Liege, wenn de's willst wissen.

Henschel. Was wär' an Liege?

Frau Henschel, wie oben. Ich bin dir mit Bertheln niemals gekommen. Kaum daß ich dir eemal hab' von ihr gered't!

Henschel. Das sag' ich ja nich. Was brillst'n aso! – Drum ebens, weil de nischt hast gesagt, da wollt' ich der weghelfen über dei Schweigen.

Frau Henschel. Kannst du nich fragen? – Ma fragt doch, eh man aso was anstellt.

Henschel. Nu wer ich der was sagen: 's is heute Sonnabend. Ich hab' mich gesput't aso viel, wie ich konnte, bloß daß ich und wollte daheeme sein. Ich dachte, du werscht mich andersch empfangen. Nu, wenn's halt nich is, da kann ich's nich ändern. Bloß laß mir mein'n Frieden. Haste geheert!

Frau Henschel. Den raubt dir kee Mensch nich.

Henschel. Haste geheert? Ich will mein Frieden und weiter nischt. So weit hast du's richtig gebracht. Ich hab' mer nischt Beeses dabei gedacht. Gustel is tot. Die kommt nich mehr wieder. Die hat sich de Mutter auch noch geholt; 's Bett is leer; mer sein alleene. Warum sollten mir uns des Mädels nich annehmen? Ich denke aso und bin nich sei Vater. Um wieviel mehr sollt'st du so denken, da du doch Mutter bist zu dem Kinde.

Frau Henschel. Da haste's! Nu werd's een'n schonn vorgeschmissen.

Henschel. Wenn de nich ufheerst, geh' ich avor zu Wermelskirchen und komme die ganze Nacht nich heem. Du willst mich woll gar aus'm Hause treiben? – Ich denk' immer, 's werd amal andersch wem, aber's wird bloß immer schlimmer. Ich dachte, wenn de dei Mädel werscht haben, da werscht du a bissel zu Verstande kommen. Wenn das nich bald a Ende nimmt ...

Frau Henschel. Aso viel sag' ich: bleibt se im Hause und sagst du a Leuten, das wär' mei Mädel ...

Henschel. Sie wissen's ja alle! Was soll ich denn sagen?

Frau Henschel. Da kannste druf rechnen: ich laufe fort.

Henschel. Lauf, lauf, was de kannst, aso viel, wie de willst. – Du sollst dich schämen, aso lang wie de bist!!

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