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Fuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe

Gerhart Hauptmann: Fuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe - Kapitel 3
Quellenangabe
authorGerhart Hauptmann
titleFuhrmann Henschel. Hochdeutsche Ausgabe
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Haß
year1965
firstpub1899
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160922
projectid0c605a51
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Erster Akt

Ein Bauernzimmer, Kellerwohnung im Hotel »Zum grauen Schwan«. Durch zwei links hochgelegene Fenster fällt das Dämmerlicht eines Winterspätnachmittags. Unter den Fenstern steht ein Bett aus weichem, gelbpoliertem Holz, darin Frau Henschel krank liegt. Sie ist eine Frau von etwa sechsunddreißig Jahren. Nahe dem Bett die Wiege mit ihrem halbjährigen Töchterchen. Ein zweites Bett an der Hinterwand, die gleich den übrigen blau getüncht und gegen die Decke mit einem dunklen Streifen abgesetzt ist. Rechts vorn ein großer brauner Kachelofen mit Ofenbank. In der geräumigen »Helle«, dem Raum zwischen Ofen und Wand, ist viel kleingehacktes Brennholz aufgestapelt. Die Wand rechts enthält eine kleine Tür zur Kammer. Hanne Schäl, junge stramme Magd, ist in voller Beschäftigung; sie hat die Holzlatschen beiseite gestellt und läuft in den dicken blauen Strümpfen herum. Sie schiebt einen eisernen Topf, in dem etwas kocht, aus dem Röhr und wieder hinein. Kochlöffel, Quirl, Durchschlagsiebe liegen auf der Bank; ein großer, irdener, bauchiger Krug, der in einen Flaschenhals ausläuft und verstöpselt ist; der Bornkrug steht auch darunter. – Hannes Röcke sind in einen Wulst gerafft, ihr Mieder ist schwärzlichgrau, die nervigen Arme trägt sie bloß. – Um den Ofen herum läuft oben eine vierkantige Stange; lange, sogenannte Jagdstrümpfe sind über sie zum Trocknen aufgehängt, außerdem Windeln, Lederhosen mit Bändchen und ein Paar Wasserstiefel. Rechts davon eine Lade und ein Schrank; alte, bunte schlesische Stücke. Durch die offene Tür der Hinterwand sieht man in einen dunklen, breiten Kellergang und gegenüber auf eine Glastür mit bunten Scheiben; hinter ihr eine Holztreppe nach oben. Auf dieser Treppe brennt immer eine Gasflamme, so daß die Scheiben durchleuchtet sind. Es ist Mitte Februar und im Freien stürmisch.

Franz, ein junger Kerl in einfacher Kutscherlivree, zum Ausfahren fertig, guckt herein.

Franz. Hanne!

Hanne. Nu?

Franz. Schläft de Henscheln?

Hanne. Was denn sonste? Mach bloß nich Lärm.

Franz. Die Tieren schlagen woll genung im Hause! Wenn se dadavon nich ufwacht –! Ich fahr' nach Waldenburg mit'm Kutschwagen.

Hanne. Wer fährt denn mitte?

Franz. De Madam; einkoofen zum Geburtstag.

Hanne. Wer hat denn Geburtstag?

Franz. Karlchen!

Hanne. Die haben ooch aso a bissel Zucht. De Ferde einspann 'n wegen dem tummen Jungen; bei so'm Wetter nach Waldenburg reesen!

Franz. Ich hab' doch a Pelz!

Hanne. Die wissen reen gar nich, wie se's solln nausschmeißen, 's Geld, mir missen uns abrackern!

Der Tierarzt Grunert erscheint, langsam suchend, hinten im Gange; ein kleiner Mann im schwarzen Schafpelz, mit Baschlikmütze und langen Stiefeln. Er schlägt mit dem Peitschenstiel gegen die Türumrahmung, um sich bemerklich zu machen.

Grunert. Is Henschel Willem noch nich zu Hause?

Hanne. Was soll denn sein?

Grunert. Ich komm' ebens wegen dem Wallach.

Hanne. Da sein Sie der Dokter aus Freiburg, gelt? A is nich zu Hause, Henschel. A is auch runter uf Freiburg, mit Fracht; mich deucht, Sie mißten 'n getroffen haben!

Grunert. In welchem Stalle steht denn der Wallach?

Hanne. 's is halt der große Fuchs mit der Blesse. Se haben ihn, gloob' ich, in a Gaststall gezogen. Zu Franz. Kannst amal mittegehn; kannst's 'n zeigen.

Franz. Ieber a Hof nieber, immer nunter, unterm Saale, neben der Kutscherstube nein. Fragen S' ock a Friedrich, der wird Ihn Bescheid sagen.

Grunert ab.

Hanne. Nu geh ock mit!

Franz. Haste nich a paar Fennige Kleegeld fer mich?

Hanne. Ich soll woll mei Fell verkoofen, wegen deiner?

Franz kitzelt sie. Ich koof's gleich!

Hanne. Franze! Laß das! De Frau soll woll ufwachen? Nach dem Gelde kramend. Wenn du een bloß kannst a paar Beehmen rauslocken! Sonste ist dir ni wohl. Reen abgebrannt is man. – Dahier! Sie drückt ihm etwas in die Hand. Nu mach dich!

Eine Schelle wird angezogen.

Franz, erschrocken. Der Herr! Hadje! Schnell ab.

Frau Henschel ist erwacht und sagt schwach. Mädel! – Mädel! – Heerschte denn gar nich, Mädel!

Hanne, grob. Was is denn?

Frau Henschel. Sollst druf heern, wenn man dich ruft!

Hanne. Ich heer' ja; wenn Se nich lauter sprechen, da kann ich nich heern! Ich hab' ooch bloß zwee Ohrn.

Frau Henschel. Kommste mer wieder fläm'sch, Mädel?

Hanne, kurz. Oh, vor mir!

Frau Henschel. Is das woll recht, hä? Sollst du 'nem kranken Weibe aso iebers Maul fahrn?

Hanne. Wer fängt denn an? Wenn Sie bloß ufwachen, geht's Kujoniern los. Da is ooch reen nischte nich recht, man macht's nu aso oder aso.

Frau Henschel. Weil du nich folgen kannst.

Hanne. Da machen S' Ihn an Sache selber. Man schind't sich'n ganzen Tag und de halbe Nacht, aber wenn das aso ist, da geh' ich schonn lieber meiner Wege! Sie läßt den aufgebundenen Rock herunter und rennt hinaus.

Frau Henschel. Mädel! Mädel! Tu mer bloß das nich an. – – Was hab' ich denn wieder Beeses gesagt?! – Nee, jemersch, jemersch! was soll denn wem, wenn die Mannsbilder kommen? Die wollen doch essen. – Nee, Mädel – Mädel ... Sie sinkt erschöpft zurück, wimmert leise und fängt an, die Wiege am Bande leise zu wiegen.

Durch die hinten sichtbare Glastüre drückt sich mit einiger Mühe Karlchen. Er trägt einen Topf Suppe und bewegt sich ängstlich und sorgfältig bis an das Bett der Frau Henschel, dort den Topf auf einen Holzstuhl abstellend.

Frau Henschel. Nee, Karlchen, bist du's? Nee, sag mir bloß, was bringst'n du, hä?

Karlchen. Suppe! Die Muttel läßt grüßen und gute Besserung wünschen! Sie möchten sich's schmecken lassen, Frau Henscheln.

Frau Henschel. Nee, Junge, du bist doch der Beste von allen. – Hiehnlasuppe! 's is woll nich meeglich! Nu, da sag nur der Mutter, ich ließ' mich ooch vielmals scheene bedanken. – Heerschte's. Tu's bloß nich etwa vergessen! – Nu wer ich der was sagen, Karlchen! Gelt! Du kannst mer amal'n Gefallen tun. Nimm der den Hader, der dorte liegt, steig amal uf de Bänke, gelt? Und zieh mer den eisernen Topp a bissel vor. 's Mädel is fort. Se hat'n zu tief ins Rehr geschob'n.

Karlchen steigt sogleich willig, nachdem er einen Hader gefunden, damit auf die Ofenbank und guckt ins Röhr, fragend. Den schwarzen oder den blauen, Frau Henscheln?

Frau Henschel. Was is denn im blauen?

Karlchen. Sauerkraut.

Frau Henschel, aufgeregt. Zieh 'n raus, 's zerkocht mer ja. – Nee, Mädel, Mädel!

Karlchen hat den Topf ganz nach vorn gezogen. Is 's so gutt?

Frau Henschel. Aso kannst'n stehn lassen. Komm amal her, ich wer der a Peitschenschnierla schenken. Sie langt es vom Fensterbrett und gibt es ihm. Wie geht's denn der Mutter?

Karlchen. Gutt. Sie ist nach Waldenburg einkaufen, für mich, zum Geburtstag.

Frau Henschel. Mir geht's ni gutt, Jungel! Ich wer woll sterben!

Karlchen. O nee, Frau Henscheln.

Frau Henschel. Ja, ja, kannst's glooben, ich sterbe, Jungel! Kannst's auch meinswegen der Mutter sagen.

Karlchen. Ich krieg' eine Baschlikmütze, Frau Henscheln!

Frau Henschel. Ja, ja, kannst's glooben. Komm amal her. Sei stille. Gib amal Obacht. Heerschte, wie's tickt? Heerschte, wie's tickt im morschen Holze?

Karlchen, den sie fieberisch am Gelenk festhält. Ich fürcht' mich, Frau Henscheln!

Frau Henschel. Oh, beileibe! Wir missen ja alle sterben. Heerschte, wie's tickt, hä? – Gelt? – Was is das? Der Totenwurm tickt. Sie fällt zurück. Eens, zwee. – Nee, Mädel, Mädel! Karlchen, den sie losgelassen, zieht sich ängstlich nach der Tür hin zurück. Wie er die Klinke der Glastür schon in der Hand hat, überkommt ihn die Angst; er reißt die Tür auf und schlägt sie hinter sich zu, daß die Scheiben klirren. Gleich darauf wird draußen heftig mit Peitschen geknallt. Von diesem Geräusch berührt, fährt Frau Henschel heftig auf. Vater kommt!!

Henschel, noch nicht sichtbar, draußen im Gange. Dokter, was machen wir denn mit dem Vieche? Er und der Tierarzt Grunert werden im Türrahmen sichtbar.

Grunert. 's läßt sich nich ankommen; mer wern's missen bremsen.

Henschel, athletisch gebauter Mann von etwa fünfundvierzig Jahren; Pelzmütze, Schafpelzjacke, darunter blaue Fuhrmannsbluse, lange Wasserstiefel, grüne Jagdstrümpfe, Peitsche, brennende Laterne. Ich weeß gar nich, was mit dem Vieche is! Ich komm' gestern nach Hause, ich hatte Steenkohlen geladen uf der Fuchsgrube drieben, schirr ab, bringe die Ferde in 'n Stall – und ooch gleich im Augenblick: schmeeßt sich hin und fängt an, um sich zu schlagen. Er stellt die Peitsche in die Ecke und hängt die Mütze auf. – Hanne kommt wieder und nimmt ihre alte Arbeit auf, jedoch sichtlich verbost. Mädel, mach Licht.

Hanne. Eens ums andre!

Henschel hängt die Laterne auf, nachdem er sie ausgelöscht. Das weeß auch der liebe Himmel, was das muß sein: da wird mersch Weib krank! da fällt mer a Ferd. 's is balde, als wärsch uf mich abgesehn! – Den Wallach hab' ich gekauft um Weihnachten von Walther Gottfrieden; zwee Wochen, da lahmt a. Ich wer's 'n eintränken. Zweehundert Taler hab' ich gegeben.

Frau Henschel. 's regnet woll draußen?

Henschel, beiläufig. Ju, ju, Mutter, 's regnet. – Bescheeßt mich aso der eigne Schwager. Er setzt sich auf die Ofenbank. Hanne hat ein Talglicht angezündet und stellt es im Blechleuchter auf den Tisch.

Frau Henschel. Vater, du bist halt eemal zu gutt! Du traust halt a Menschen nischt Beeses zu.

Grunert nimmt Platz am Tisch und schreibt ein Rezept. Ich wer'n was ufschreiben, aus der Ap'theke.

Frau Henschel. Nee, wenn uns der Fuchs nu auch noch krepiert –! Das wird doch der liebe Gott nich wolln!

Henschel, indem er Hanne das Bein hinhält. Kumm, zieh mer amal die Stiefeln runder! – Das hat was gepfiffen hier rein von Freiburg, 's Kirchdach unten im Niederdorfe hat's, gloob' ich, halb abgedeckt, sprechen de Leute. Zu Hanne. Das is a Gewirge. Wird's nu balde?!

Frau Henschel, zu Hanne. Ich weeß nich, daß du auch das nich lernst!?

Hanne bekommt den ersten Stiefel herunter, stellt ihn beiseite, greift den zweiten an.

Henschel. Sei stille, Mutter, du machst's nich besser!

Hanne bekommt den zweiten Stiefel herunter, stellt ihn beiseite, hierauf unfreundlich zu Henschel. Haben Se mer meine Schirze von Kramstan mitgebracht?

Henschel. Was sollt' ich bloß alles in dem Koppe haben! – Ich bin zufriede, wenn ich mein bißl Gelumpe fer mich beisammen hab' und meine Brunnenkisten heil uf die Bahn bringe. Was bekimmere ich mich um Weiberschirzen!

Grunert. Dadafier seid Ihr ooch nich beriehmt.

Frau Henschel. Das wär' woll ooch gar schlimm!

Henschel, in Holzpantinen, erhebt sich, zu Hanne. Nu mach! mach! Daß mir Essen kriegen! Mir missen heut noch in die Schmiede nunter.

Grunert ist aufgestanden, hat das Rezept liegen lassen, steckt das Notizbuch mit Bleistift zu sich und sagt, im Begriff zu gehen. Bald in die Ap'theke damit! Und morgen beizeiten seh' ich zum Rechten.

Henschel läßt sich am Tisch nieder.

Hauffe kommt langsam herein; er ist in Holzpantinen und Lederhosen und trägt ebenfalls eine brennende Laterne in der Hand. A richtiges Schmeißwetter is das wieder.

Henschel. Wie sieht's denn aus im Ferdestalle, hä?

Hauffe. 's schlägt halt'n ganz'n Stand entzwee. Er löscht die Laterne aus und hängt sie neben die Henschels.

Grunert. Gu' Nacht mitnander! Da heeßt's halt abwarten. Mir Duktersch, mir sind eben ooch bloß Menschen!

Henschel. Nu freilich! Das wissen mir woll von ganz alleene. Gu'n Abend, schmeißen Se nich etwa um! Grunert ab. Nu sag mer bloß, Mutter, wie steht's denn mit dir?

Frau Henschel. Ich hab' mich halt wieder so missen ärgern.

Henschel. Wer ärgert dich denn?

Hauffe nimmt Platz am Tische.

Frau Henschel. Nu, weil ich doch gar nich und kann gar nich zugreifen.

Hanne setzt eine Schüssel mit Klößen und eine Schüssel mit Kraut auf den Tisch, nimmt Gabeln aus dem Tischschub und legt sie zurecht.

Henschel. Dazu da is ja's Mädel da!

Frau Henschel. A Mädel hat doch keene Gedanken!

Henschel. Mer haben ja zu essen; 's geht ja ganz gutt. – Wärscht du nich ufgestanden zu zeitich, heute kennt'ste schonn wieder tanzen.

Frau Henschel. Ojemersch, tanzen! Das wär' aso was!

Hanne hat drei Teller mit je einem Stückchen Schweinefleisch zurechtgestellt, rückt nun auch für sich einen Schemel heran und setzt sich zu Tisch.

Hauffe. Der Haber wird ooch balde alle sein.

Henschel. Ich hab' gekooft, dreiß'g Sackfel, gestern. Uf a Sonnabend kommt ane Fuhre Heu. 's Futter wird immer teurer.

Hauffe. Wenn's Viech soll arbeiten, will's halt ooch fressen.

Henschel. Aber die denken, 's lebt von der Luft, a will mer wieder vom Fuhrlohn abdricken.

Hauffe. A sagte ooch zu mir aso was.

Frau Henschel. Der Brunneninspekter?

Henschel. Nu, wer denn sonste! Aber fer dasmal kommt a nich an.

Frau Henschel. Nee, aber ihr Leute, nu heert's doch vollens uf; wo solln ooch mir bleiben bei den schlechten Zeiten?

Hanne. Der Chausseeufseher is dagewest. Ihr sollt, gloob' ich, morgen Gespanne schicken, an die große Walze. Se sein in Hinterhartau jetzunder.

Die Treppe hinter der Glastür herunter kommt Herr Siebenhaar. Anfang der Vierziger; er ist auf das sorgfältigste gekleidet. Schwarzer Tuchrock, weiße Weste, helle englische Beinkleider; Eleganz aus dem Ende der sechziger Jahre. Die schon ergrauten Haupthaare bilden nur noch einen wohlgeordneten Kranz, der Schnurrbart dagegen ist üppig und dunkelblond. Siebenhaar trägt eine goldene Brille und nimmt, wenn er scharf zusehen will, ein ebenfalls goldenes Pincenez zu Hilfe, welches er meist hinter den Brillengläsern aufsetzt; er stellt einen intelligenten Typus dar.

Siebenhaar tritt, in der Rechten einen Blechleuchter mit unangezündetem Licht und ein Schlüsselbund, gegen die offene Stubentür und späht, die Linke über die empfindlichen Augen haltend, herein. Ist Henschel schon da?

Henschel. Jawoll, Herr Siebenhaar!

Siebenhaar. Na, Sie essen ja grade. Ich habe im Keller was zu tun. Wir können das ja dann nachher besprechen.

Henschel. Nee, nee, wegen meiner! Vor mir! Ich bin fertig.

Siebenhaar. Kommen Sie lieber dann mal rauf. Er tritt ein und zündet sein Licht an dem an, welches brennend auf dem Tische steht. Ich will mir nur mal das Licht anstecken. – In meinem Büro sind wir ungestörter. – Wie geht's, Frau Henschel? Wie hat denn die Hühnersuppe geschmeckt?

Frau Henschel. Nu sagen Se mer bloß, die hab' ich vergessen!

Siebenhaar. Is woll nicht möglich!

Hanne, den Topf mit der Hühnersuppe entdeckend. Nu richtig, da steht se!

Henschel. So is das Weib! Da mecht' se gesund wem! Dabei da vergißt se Essen und Trinken.

Heftiger Windstoß.

Siebenhaar. Sagen Sie mal, was meinen Sie denn: meine Frau ist noch rüber nach Waldenburg. Das Wetter scheint immer toller zu werden. Ich mache mir Sorge. Meinen Sie nicht?

Henschel. 's heert sich woll schlimmer an, wie's is.

Siebenhaar. Na, na, man soll keine Kunststücke machen! Haben Sie's denn nicht klirren gehört? Eins von den großen Fenstern, Sie wissen doch, an der Terrasse, im Speisesaal, hat mir der Wind doch schon eingedrückt. Das ist ein ganz kolossaler Sturm.

Henschel. Ihr Leute, ihr Leute!

Frau Henschel. Das kost't wieder was!

Siebenhaar, durch den Kellergang nach links abgehend. Umsonst ist der Tod!

Henschel. A hat ebens auch a Puckel voll Sorgen!

Frau Henschel. Was wird a bloß wieder wolln von dir, Vater?

Henschel. O nischte. Wer weeß!? Ich wer's ja heern.

Frau Henschel. Wenn a bloß nich wieder Geld verlangte!

Henschel. Nee, schwatz ock du keene Tummheeten, Mutter.

Hanne. Wenn aber die Leute un haben's nich dazu, was braucht da de Frau 'nen Hutt fer vier Taler?!

Henschel. Halt du deine Gusche! Du bist nich gefragt! Deine Nase geheert in a Backtrog nein, aber nich in andrer Leute Geschichten. – So'n Haus, das soll man erhalten. Acht Wochen im Jahre kommt was ein, hernach kann a sehn, wo a bleibt.

Hauffe. Dabei hat a noch missen bauen.

Frau Henschel. Das hat'n erseht richtig neingeritten. Das hätt' a sollen unterwegens lassen.

Henschel. Weiber verstehn nischt von solchen Sachen. Bauen hat a missen, a konnte nich andersch. – Heute hab'n mer Kurgäste ieber Kurgäste, frieher waren 'r nich halb so viel. Dazumal aber hatten se Geld, heute mechten se alles umsonst. Schenk amal ein, 'nen Korn will ich trinken.

Hauffe, indem er langsam sein Taschenmesser zusammenklappt, im Begriff aufzustehen. Vierzig Stuben, drei große Säle, und nischte drin wie Ratten und Mäuse. Wo soll a da die Interessen ufbringen? Er erhebt sich.

Franziska Wermelskirch blickt herein; sie ist ein munteres, hübsches Kind von sechzehn Jahren. Das lange dunkle Haar trägt sie offen. Ihr Kostüm ist ein wenig exzentrisch: das Röckchen weiß und kurz, die Bluse spitz ausgeschnitten, die Schärpe bunt und lang. Ziemlich weit entblößt sind die Arme; um den Hals trägt sie ein buntes Bändchen mit einem goldenen Kruzifix.

Franziska, sehr lebendig. Herr Siebenhaar war doch eben hier? – Ich wünsche wohl zu speisen, die Herrschaften. Ich wollte mir nur zu fragen erlauben, ob nicht Herr Siebenhaar eben unten gewesen ist?

Frau Henschel, unfreundlich. Mir wissen's nich. Bei uns war a nich.

Franziska. Nicht? Ich dachte. Sie stellt den Fuß kokett auf die Ofenbank und bindet sich ein Schuhband.

Frau Henschel. Herr Siebenhaar hinten, Herr Siebenhaar vorne. Was haben Sie bloß immer mit dem Manne?

Franziska. Ich? Nichts! Er mag bloß so gerne Gänseleber. Mama hat grade welche, da schickt mich Papa, ich soll's ihm sagen. – Übrigens, wissen Sie was, Herr Henschel? Sie könnten auch wieder mal zu uns kommen.

Frau Henschel. Nee, laß du bloß Vatern, wo a is. Das wär' woll gar! Der hat jetzt keene Gedanken uf Wirtshauslaufen.

Franziska. Heut ist aber ganz frisch angesteckt.

Henschel, während Hauffe grinst und Hanne laut lacht. Mutter, du kannst dich um dich bekimmern. Wenn ich wer gehn wollen avor a Glas Bier trinken, da frag' ich, kannst glooben! keen'n Menschen darnach.

Franziska. – Wie geht's denn, Frau Henschel?

Frau Henschel. Morgen mach' ich mir auch eine Schärpe um und tanz' aufm Seile.

Franziska. Da mach' ich mit. Das kann ich famos. Auf der Wagendeichsel üb' ich das immer.

Henschel. Drum hängen auch alle Deichseln so!

Franziska. Sehn Sie, so macht man's, so balanciert man. Die Bewegungen einer Seiltänzerin auf dem Seile nachahmend, tanzt sie zur Tür hinaus. Rechtes Bein, linkes Bein. Au revoir! Ab.

Hauffe, die Laterne herunternehmend. Die schnappt bald ieber, wenn se keen'n Mann kriegt. Ab.

Frau Henschel. Wenn die bloß und mißte tichtig mitschuften. Der wollt' ich den Iebermut freilich austreiben.

Hanne. Nuf darf se nich kommen, das leid't die Madam nich.

Frau Henschel. Da hat se auch recht, ich tät's auch nich leiden.

Hanne. Die is doch ooch her hinterm Herrn wie a Schießhund. Alles was recht is, die treibt's a bissel toll.

Frau Henschel. Die Leute sollte ooch Siebenhaar nausschmeißen. Die Zucht mit dem Frauenvolk und mit den Kerlen.

Henschel. Nee, Mutter, was red'st'n!

Frau Henschel. Nu, in der Schenkstube. –

Henschel. Die Leute wolln leben, grade wie mir. Soll a se etwa uf de Straße schmeißen? Der Wermelskirch is kee beeser Mann.

Hanne. Aber das Weib is 'ne alte Hexe.

Henschel. Derwegen, wenn der a Pacht richtig zahlt – und wegen dem Mädel schonn lange nich. Er ist aufgestanden und hat sich über die Wiege gebeugt. Mir hab'n ja hier auch so a Dingel, mir werd'n doch derwegen auch nich nausfliegen.

Frau Henschel. Nu nee, das wär'! – 's schläft egelganz, 's will gar nich ufwachen.

Henschel. 's is halt nich viel dran – – – – Nu, Mutter, du werscht mir doch nich etwa sterben! – Indem er die Mütze vom Nagel nimmt. Hanne, ich hab' dich vorhin belogen. Draußen im Wagen liegt deine Schirze.

Hanne, schnell. Wo d'nn?

Henschel. In der Kelle; mußt gehn und suchen. Ab durch die Mitte; Hanne ab in die Kammer.

Frau Henschel. Da hat a – die Schirze – doch – mittegebracht! Hanne kommt schnell aus der Kammer und entfernt sich durch die Mitteltür. Da hat a – de Schirze – doch – mittegebracht!

Siebenhaar tritt vorsichtig ein, wie vorhin Licht und Schlüssel und noch zwei Flaschen Rotwein tragend.

Siebenhaar. Ganz alleine, Frau Henschel?

Frau Henschel. Da hat a – de Schirze ...

Siebenhaar. Ich bin's, Frau Henschel; Sie täuschen sich wohl?

Frau Henschel. Ich gloobe – schwerlich. –

Siebenhaar. Ich hab' Sie doch nicht im Schlafe gestört? Ich bin der Siebenhaar!

Frau Henschel. Freilich! – Nu freilich.

Siebenhaar. Ich bring' Ihnen nur ein'n Tropfen Wein, den sollen Sie trinken, der wird Ihnen guttun – Sie erkennen mich wohl am Ende noch gar nicht?

Frau Henschel. Nu nee! – Das war' woll! – Sie sein doch ... nu freilich! – Sie sein doch unser Herr Siebenhaar. Aso weit is doch noch nich mit mir. Ihn wer ich doch kenn'n. – – – – Ich weeß nich, hab' ich geträumt oder was –?

Siebenhaar. Das kann schon sein. – Wie geht's denn so jetzt?

Frau Henschel. Natierlich sein Sie doch Siebenhaar!?

Siebenhaar. Sie dachten wohl, ich wäre Ihr Mann?

Frau Henschel. Ich weeß nich – ich kann das – – wirklich – nich sagen. – Mir war halt so –

Siebenhaar. Sie liegen aber, scheint's, unbequem. Ich will mal das Kopfkissen bißchen zurechtrücken; kommt denn der Doktor noch regelmäßig?

Frau Henschel, weinerlich aufgebracht. Ich weeß auch gar nich: se lassen mich egelganz alleene. – Nee, nee, Sie sein Siebenhaar, ich weeß. Und wissen Se was? Ich wer Ihn was sagen, Sie sein immer gutt mit mir gewest! Sie haben a gutt Herze. Wenn Sie auch manchmal a beeses Gesicht machen. Ihn kann ich's sagen: ich hab' aso Angst! Ich denke halt immer: 's geht'm zu langsam.

Siebenhaar. Was denn zu langsam –?

Frau Henschel, in Weinen ausbrechend. Ich lebe zu lange – – –! Was soll denn aber aus Gusteln wern?

Siebenhaar. Aber, liebe Frau Henscheln, was reden Sie denn?

Frau Henschel, leise in sich schluchzend. Was soll denn wern, wenn ich sterbe, aus Gusteln? –

Siebenhaar. – Frau Henschel, Sie sind 'ne vernünftige Frau! Frau Henscheln, hören Sie mal jetzt auf mich: wenn man so stilliegen muß im Bett, sehen Sie mal an, so Woche um Woche, wie Sie leider jetzt, da hat man natürlicherweise allerlei dumme Gedanken. Dumme Dinge macht's einem vor. Aber da muß man ganz resolut sein, Frau Henschel. Das war' noch schöner! Solches Zeug! raus aus dem Kopfe! Das sind ja doch Torheiten!

Frau Henschel. Ihr lieben Leute, ihr wullt's nich glooben: ich weeß, was ich sag'.

Siebenhaar. Das wissen Sie nicht. Das wissen Sie eben leider jetzt nicht, und wenn Sie mal später dran zurückdenken, dann werden Sie lachen. Ganz gewiß!

Frau Henschel, leidenschaftlich ausbrechend. Hat a se nich in der Kammer besucht!? – – –

Siebenhaar, in ratlosem Staunen, zugleich durchaus ungläubig. Was denn? Wer denn?

Frau Henschel. Nu, Henschel! Das Mädel!

Siebenhaar. Ihr Mann? – Die Hanne? Hier, wissen Sie was ... Wer Ihnen das eingeredet hat, das ist ein niederträchtiger Lügner.

Frau Henschel. Und wenn ich tot bin, nimmt er se doch!

Henschel erscheint in der Tür.

Siebenhaar. Sie leiden an Einbildungen, Frau Henschel!

Henschel, gutmütig, erstaunt. Was hat's denn, Malchen? – Was flennst'n aso?

Siebenhaar. Henschel! Sie dürfen die Frau nicht alleinlassen!

Henschel ist freundlich bis ans Bett getreten. Wer tut der denn was?

Frau Henschel wirft sich verbost auf die andere Seite herum, das Gesicht gegen die Wand, Henschel den Rücken kehrend. – Oh, laß mich zufriede!

Henschel. – Was soll denn das heeßen?

Frau Henschel, tränenerstickt, belfernd. Oh, geh du weg!

Henschel steht sichtlich verdutzt und blickt dann fragend auf Siebenhaar, welcher kopfschüttelnd sein Pincenez putzt.

Siebenhaar, leise. Lassen Sie nur Ihre Frau jetzt ruhig.

Frau Henschel, wie vorher. Unter die Erde wollt'r mich haben!

Siebenhaar, zu Henschel, der aufbrausen will. Pst! Tun Sie mir den Gefallen! Stille!

Frau Henschel. Man hat ja Augen. Man is ja nich blind. Man braucht's een'n nich erseht merken lassen. Man is nischte mehr nitze. Man kann sich packen!

Henschel, mit Zwang ruhig. Was meenste denn, Malchen?

Frau Henschel. Ja, ja, verstell dich.

Henschel, aufs äußerste ratlos. Nu sag mer ock bloß ...

Frau Henschel. – Mag's kommen, wie's will ... Betriegen lass' ich mich nie und nimmer, und wenn ihr euch auch noch aso sehr versteckt. Ich seh' durch de Wände, ich seh' euch doch. Nu nee! nu doch! Ihr denkt, a Weib, das is leicht zu betriegen. Plompe! sag' ich. Eens kannst der merken: wenn ich sterbe, stirbt Gustel mitte. Ich nehm' se mitte. Eher erwürgen, wie an so'n Frauvolk, verdammtes, ausliefern!

Henschel. Nu, Mutter, was is denn in dich gefahrn?

Frau Henschel. Unter de Erde wollt'r mich haben!

Henschel. Nu heer aber uf, sonst wer ich wilde!

Siebenhaar, leise warnend. Ruhig, Henschel! Die Frau ist krank!

Frau Henschel, die es gehört hat. Krank? Wer hat mich denn krank gemacht? Ihr zwee beeden: das Frauvolk und du.

Henschel. Nu mecht' ich bloß wissen, in aller Welt, wer dir die Raupen hat in a Kopp gesetzt? Das Mädel und ich? Da schlag' doch auch gleich a Gewitter nein. Mir sollten was miteinander haben?

Frau Henschel. Bringst'r nich Schirzen und Bändel mitte?

Henschel, aufs neue hilflos. Schirzen und Bändel?

Frau Henschel. Ja, Schirzen und Bändel. –

Henschel. Nu heert's doch uf.

Frau Henschel. Macht se nich alles immer scheen und gutt? Gibst du'r woll a beeses Wort? Is se nich schonn wie Frau im Hause?

Henschel. Mutter, sei stille, sag' ich der bloß!

Frau Henschel. Du mußt schweigen, weil du nischt weeßt! – –

Siebenhaar, am Bett. – Frau Henschel, nehmen Sie sich zusammen. Das ist ja doch rein aus den Fingern gesogen.

Frau Henschel. Sie sind nich besser, Sie machen's nich andersch! Die armen Weiber, die gehn dran zugrunde! In weiches Weinen aufgelöst. Da meegen se doch zugrunde gehn. Siebenhaar lacht kurz und ernst, tritt an den Tisch und öffnet resigniert eine der Rotweinflaschen.

Henschel hat auf der Bettkante sich niedergelassen und begütigt nun. Mutter! Mutter! Dreh dich ock rum! Ich will der a Wort im guten sagen. Er wendet sie mit freundlicher Gewalt um. Nu siehste, Mutter, du hast geträumt! Du hast halt amal an'n Traum gehabt. Unser Spitz, der träumt ja ooch manchmal a Ding. Nu sei aber wach! Verstanden, Mutter!? Du hast ja a Zeug zusammengeschwadroniert, da zerbricht ja der greeßte Frachtwagen, wenn man's will ufladen. Mir is noch ganz wirblich davon im Koppe.

Siebenhaar, der ein Glas gesucht und gefunden hat, in das er nun eingießt. Mir lesen Sie auch noch die Leviten!

Henschel. Nee, nehmen Se's ock beileibe nich iebel. Aso a Weib! Da hat man sein Leiden. Nee, mach ock und wer du wieder gesund! Sonst kommt's aso weit, du sagst mer amal: ich hätte in Bolkenhain Ferde gestohln.

Siebenhaar. Hier, trinken Sie Wein und stärken Sie sich.

Frau Henschel. Wenn man's bloß wißte!

Siebenhaar unterstützt sie beim Trinken.

Henschel. Was denn nu wieder?

Frau Henschel, nachdem sie getrunken. Kenntest du's versprechen?

Henschel. Alles, was du willst!

Frau Henschel. Wenn ich nu sterbe, tät'st du se heiraten?

Henschel. Frag nich aso dumm!

Frau Henschel. Ja oder nee?

Henschel. De Hanne? Im Spaß. Natierlich!

Frau Henschel. Ernstlich gesprochen –!

Henschel. Nu heern Se bloß druf, Herr Siebenhaar! Was soll eener da sagen? Du werscht ja nich sterben!

Frau Henschel. Aber wenn ich nu sterbe?

Henschel. Da nehm' ich se auch nich. Na siehste! Da weeßte's. Daß mir amal zu Ende kommen.

Frau Henschel. Kannst du's versprechen?

Henschel. Was denn versprechen?

Frau Henschel. Daß du das Mädel nich tät'st nehmen!

Henschel. Vor mir auch versprechen.

Frau Henschel. Hier in die Hand?

Henschel. Ich sag' dersch ja. Er legt seine Hand in die ihre. Nu is 's aber gutt. Nu laß mich mit solchen Sachen zufriede! –

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