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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
projectidd0de1f8e
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Michajlowitsch Fjedor Dostojewsky

Michajlowitsch Fjedor Dostojewsky wurde 1821 in Moskau als Sohn eines Arztes geboren und starb zu St. Petersburg 1881. Erst nach seinem Tode gelangten seine Werke zu jenem internationalen Rufe, den sie heute besitzen. Der starke und günstige Einfluß, den Dostojewski insbesondere auf die soziale Literatur Deutschlands ausgeübt hat und noch ausübt, datiert erst seit den Tagen des Naturalismus. So kommt es, daß dieser Russe, dessen Lebensschicksale einer anderen, einer im wesentlichen überwundenen Zeit, angehören, mit seinem Geiste mitten unter uns Lebenden steht und wie ein Lebender beurteilt und gewürdigt werden will. Aber selbst wenn ein günstigerer Stern über dem Schicksal des Dichters gestanden wäre und sein Wort schon zu seinen Lebzeiten den Weg über die Grenze Rußlands gefunden hätte – wer kann mit Sicherheit behaupten, ob es der herrschenden Geschmacksrichtung auch nur eine Handbreit Boden hätte abgewinnen können? Wir staunen, wie das politisch und wirtschaftlich zurückgebliebene Rußland uns mit solchen Dokumenten der Kultur, als welche sich die Werke Dostojewskys darstellen, vorausgeeilt ist. Ein überaus bewegtes Leben ist die Grundlage dieses empirischen Künstlers, der aus den feinsten Fasern der Seele seine wundersamen Gewebe geflochten hat. 1843 absolvierte Dostojewsky die Ingenieurschule in St. Petersburg und trat als Offizier in das Ingenieurdepartement ein. Schon im folgenden Jahre 1844 aber quittierte er den Dienst, um sich ganz der schriftstellerischen Karriere zu widmen. Seinen ersten Erfolg erntete der Dichter 1846 mit seinem Roman »Die armen Leute«, der bereits von jener feinen Kunst der Psychologie, wie sie in den späteren Werken des Dichters so glänzend zutage trat, durchsättigt war, und von seiner seltenen Beherrschung der Form und Technik Zeugnis ablegte. Es folgten kleinere Arbeiten, wie die Novellen »Weiße Nächte« und »Der Dopppelgänger«, die seinen Namen in weitere Kreise des Zarenreiches trugen. Schon sollte er die Sonne eines jungen Ruhmes genießen dürfen, als er, in den Prozeß des Kommunisten Petroschewsky verwickelt, auf 12 Jahre nach Sibirien verschickt wurde. Erst die Thronbesteigung Alexanders II. brachte ihm Begnadigung und Befreiung. Er kehrte nach Rußland zurück, um zunächst als Resultat seiner Studien und Erfahrungen aus dem Verbrecherleben seine »Erniedrigte und Beleidigte, Bilder aus dem Leben des städtischen Proletariats« zu veröffentlichen. Das geschah im Jahre 1861. 1868 erst erschien ein zweites, inhaltlich verwandtes Werk, »Verbrechen und Strafe«, eine meisterhafte psychologische Studie, die seitdem nicht mehr übertroffen wurde. Einen weiteren Höhepunkt im Schaffen Dostojewskys bezeichnet jedoch neben den »Memoiren aus einem toten Hause« sein großer, dreibändiger Roman »Raskolnikow«. Hier ist alles an Kraft und Genie vereinigt, was die ganze Produktion dieses großen Vorläufers des Naturalismus überhaupt charakterisiert. Die fast dramatische Komposition und die glänzende Abgeschlossenheit dieses Werkes, das trotz seiner beträchtlichen Dimensionen nirgends eine Erschlaffung des künstlerischen Geistes verrät, fällt unter die besten Leistungen der Weltliteratur. In seinen späteren Werken, den Erzählungen »Der Teufel«, 1865, »Der Idiot«, 1869, »Der Sprößling«, 1875 fällt er einem Mystizismus anheim, der seine besten Anlagen schädigt. Seine letzte Arbeit, »Das Tagebuch eines Schriftstellers«, 1881, enthält manches Interessante über die Persönlichkeit des Dichters. Ganz besonders verdient jedoch hier auf den vielbändigen Roman »Die Brüder Karamasow« hingewiesen zu werden, der, wie auch alle anderen Werke seiner Feder, ins Deutsche übertragen ist. Dies Werk bezeichnet wohl das Beste, das die moderne Romanliteratur überhaupt aufzuweisen hat.

Dr. B.

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