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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
projectidd0de1f8e
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Hermann Conradi

Hermann Conradi, geb. 1862 zu Jeßnitz in Anhalt, starb 1890 in Würzburg. Conradi war der eigentliche künstlerische Vorläufer der Moderne, und als solcher ein Opfer der Zeit, der er entgegenging. Seine ersten Skizzen veröffentlichte er als Vierundzwanzigjähriger unter dem Titel »Brutalitäten«, künstlerisch noch ziemlich wertlose Arbeiten, in denen aber schon das Blut des Gehetzten, Suchenden, groß Wollenden brandete. Es folgte der Roman »Phrasen«, ein leidenschaftliches Buch, das in aphoristischer Abgerissenheit das Ringen einer Seele zeigt, die unter dem neuen, hinreißenden Eindruck der Schriften Nietzsches mit Gewalt von der überkommenen Moral, von den gesellschaftlichen Konventionen und Lügen loszukommen sucht, und die einer nur geahnten, ganz unklaren Zukunft der Freiheit und des menschenwürdigen Gebens zustrebt. Seine Gedichte »Die Lieder eines Sünders« sind auf denselben Ton gestimmt. Brutale Selbstanklagen wechseln mit ekstatischen Zukunftshoffnungen und verzweifelter Entsagung. Das Hauptwerk Conradis ist sein letzter Roman »Adam Mensch«. Er schildert einen Menschen, der rücksichtslos seinen Weg geht, der all das Alte, Schlechte, Morsche der Vergangenheit erkannt hat und sich als neue Persönlichkeit, als Apostel der Neuzeit fühlt, ohne doch den Weg zu kennen, der zur Zukunft führt. Ist auch dichterisch manches ungefügig und ungegoren, so ist doch menschlich und kulturgeschichtlich der »Adam Mensch« ein Buch von sehr großer und bleibender Bedeutung. Conradi litt an der Gärung seiner Zeit, an dem Werden des Neuen, Großen, das er herannahen fühlte, ohne zu wissen, wann es kommen soll, und wie es beschaffen sein wird. So tastete er unter dem Einfluß Dostojewskys und Nietzsches nach einem philosophischen und künstlerischen Halt, bis er im Alter von 28 Jahren starb, ob durch Selbstmord oder infolge seiner nervösen Ausschweifungen, steht dahin; jedenfalls aber, um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, als ein »Opfer der Zukunft«. Er selbst hat das Werden der jungdeutschen Literatur nicht mehr miterlebt, aber sein Einfluß auf all diejenigen, die die »Moderne« gestalten halfen, ist unbestritten. Johannes Schlaf wäre ohne Conradi kaum denkbar, und auch Gerhart Hauptmann wurde durch Conradis Einfluß in die naturalistische Bahn gedrängt. Unter den Vorkämpfern für die sogenannte literarische Revolution Deutschlands steht somit der Name Hermann Conradi an erster Stelle.

Dr. H. E.

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