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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 202
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
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Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche, geb. 1844 in Röcken bei Lützen, verfiel 1889 in Wahnsinn und starb 1901 in Weimar. Nietzsches Einfluß auf das ganze Geistesleben unserer Zeit ist so bedeutend, die Umwälzung in der Auffassung aller Welt- und Lebensfragen seit Nietzsche so vollständig, daß er als eigentlicher geistiger Vater unserer modernen Literatur gelten kann. Er führte einen künstlerischen Stil in der Behandlung theoretischer Probleme ein, und schuf daher der Publizistik einen fruchtbaren Boden (Wilhelm Bölsche, Maximilian Harden usw.); er stieß die Kantsche Philosophie als ethische Grundlage aller Diskussionen um und gab damit den Künstlern die moralische Ellenbogenfreiheit, die das Erfordernis aller individuellen Kunstentfaltung sein muß. Er zerstörte den auch in der Dichtung bis dahin wohlgepflegten Glauben an die alleinseligmachende Bergpredigtsmoral des Mitleids und des Samaritertums, indem er dagegen das Prinzip der rücksichtslosen Selbstdurchsetzung aufstellte und die Lehre vom Herrenmenschen im Gegensatz zum Herdenmenschen aufstellte. Nietzsche war Künstler vom Fundament aus, nicht nur in seinen rein dichterischen Werken, sondern auch in seinen philosophischen Streitschriften und in seinen philologischen und sozialen Polemiken. Jedes Problem sah er vom künstlerischen Standpunkte aus an und verfocht seine Stellung zu diesem Problem in künstlerischer Form. Und diese Art des Anschauens der Dinge stellte er auch als Gesetz auf, wie er es gleich in seinem ersten Werk »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« ausführt und selbst befolgt. Es folgten die »Unzeitgemäßen Betrachtungen«, eine Sammlung von Essays, in denen er – immer unter dem Gesichtspunkte eines künstlerischen Kulturideals – seine ketzerischen Lehren zwar noch nicht in ihrer späteren Geschlossenheit zeigt, aber doch schon lebhaft andeutet. Noch steht er hier unter dem Banne der Wagnerschen Musik und der Schopenhauerischen genial-logischen Denkweise, wenn er auch hier schon die Lebensverneinung des letzteren heftig befehdet, und die Begeisterung für den ersteren mit der glühenden Lebensbejahung begründet, die er, bevor der »Tannhäuser« geschrieben war, in Wagners Temperament voraussetzte. Wagner hat er später völlig fallen lassen, seine frühere Liebe zu ihm als eine »Krankheit« bezeichnet, und ihn, in dem er nur einen christlichen Renegaten sah, mit Schimpf und Hohn überschüttet (»Der Fall Wagner«). Dagegen ist seine Anerkennung des Schopenhauerschen Geistes trotz der scharfen Kluft, die beide Denker sachlich trennte, doch bis zuletzt eine sehr große gewesen. Die Lehre vom »Willen zum Leben«, die Schopenhauer aufstellte, und die Nietzsche begierig aufgriff, war der Kitt der Verehrung, wenn auch Nietzsche sich nicht scheute, den großen Philosophen wegen der Logik, mit der er eben aus diesem Willen zum Leben seine pessimistischen Folgerungen ableitete, einen »Begriffslumpen« zu nennen. Es dauerte nicht lange, bis Nietzsche alle Autoritäten abschüttelte, und nun teils mit schneidendem Hohn, teils mit leidenschaftlicher Begeisterung seine Lehre vom »Willen zur Macht« allen in der früheren Kantschen oder christlichen Moral befangenen Theorien entgegenstellte. Das geschah zunächst in den aphoristischen Werken: »Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister« und »Morgenröte. Gedanken über moralische Vorurteile«. Hier zeigt sich Nietzsche zuerst als der gewaltige Aphoristiker, der er in allen späteren Werken geblieben ist. Jeden Gedanken, dem er Ausdruck geben will, packt er in einem kurzen, schlagenden Satz, und stellt ihn gleichsam als Ausrufungszeichen hin. Eine große Menge neuer Wortbildungen, kühner Vergleiche, schlagender Ausdrücke sind auf diese Weise aus Nietzsches überreichem Geist in die deutsche Sprache übergegangen. Einen neuen, sehr wichtigen und für die Gestaltung unserer künstlerischen Kultur maßgebenden Faktor führt Nietzsche in seinem nächsten Werk »Die fröhliche Wissenschaft« in den modernen Denkkreis ein: die Herleitung aller psychologischen Momente aus physiologischen Ursachen. Mit diesem, in seiner blendenden Sprache vorgetragenen und einem immensen Wissen und logischer Überzeugungskraft begründeten Argument zieht er gegen die Leiden des Körpers, des Geistes und der Seele und vor allem gegen das Mitleiden zu Felde. Er will Kraftnaturen züchten, aber keine Schwächlinge. Wer stark ist, soll seine Stärke fördern und pflegen, aber nicht den Krankenwärter der Schwachen spielen. Jetzt hat er das Mittel, um seine machtvollen Schläge gegen das Christentum, gegen alle traditionelle Moral, gegen Kant und die herkömmliche sittliche Vernunft zu führen. Die »Fröhliche Wissenschaft« ist ein Dithyrambus auf das irdische Leben im Gegensatz zu dem jenseitigen, außerweltlichen, überirdischen. Nietzsche erinnert den Menschen an das Tier in seinem Wesen, das er nicht unterdrücken, sondern pflegen und entwickeln solle, um sich selbst auch in den seelischen und geistigen Fähigkeiten zur letzten, höchsten Entwicklung zu bringen. Hier kommt zuerst die Idee des »Übermenschen« zum Vorschein, des Menschen, der aus Kraft und physischer Überlegenheit gezeugt, an Körper und Geist den Herdenmenschen überragt und dadurch befähigt ist, als ein höheres Wesen, mit der rücksichtslosesten Ausnutzung der Schwachen und Herdenmenschen, eine neue irdische Kultur, seine Kultur zu züchten. Der Traum vom Übermenschen ersteht nun in strahlender Sprache in dem wunderbar phantastisch-realistischen Dichtwerk »Also sprach Zarathustra«, Nietzsches Hauptwerk und künstlerisch wie inhaltlich tiefste Arbeit. Es ist eine Unmenge geschrieben und gedeutet worden, um Nietzsches Absicht mit diesem Werk auf den Grund zu kommen. Hat Nietzsche hier eine philosophische Lehre schaffen wollen oder wollte er nur ein Gedicht schreiben, das sein ethisches Ideal zum Thema hat? Gegen die erste Vermutung wurde geltend gemacht, daß sich Widersprüche in den philosophischen Ausführungen finden, daß Lehren, die erst ausführlich begründet werden, in demselben Werke wieder fallen gelassen werden usw. Auch glaubte man die symbolistische Verbrämung der Gedanken nicht in Einklang bringen zu können mit der Erörterung der letzten Weltfragen. Denen dagegen, die im »Zarathustra« lediglich eine Dichtung sahen, wurde entgegengehalten, daß dazu die leidenschaftliche, prophetische Verkündung des Neuen, die höhnische Verneinung des Alten nicht stimmen wolle. – In Wirklichkeit ist der »Zarathustra« wohl als Nietzsches persönliches Bekenntnis aufzufassen, in dem er ein Bild gibt von der Entwicklung seiner kühnen Erkenntnisse; – und in einem solchen Werk konnte bei der monumentalen Persönlichkeit des Verfassers die oft irreführende Mischung von philosophischer Polemik und getragenster, großartigster Dichtung nicht ausbleiben. Die Sprache dieses Werkes ist eine Modernisierung der Bibelsprüche, eine Mischung von Psalm und Dithyrambus, von Musik und Plastik. Zarathustra aber, in dem Nietzsche sich selbst symbolisiert, ist der große Einsame, der sich zu sich selbst zurückzieht, um das Problem des Lebens zu finden. Wie er glaubt, es gefunden zu haben, sagt er es den Freunden: »Der Sinn des Lebens ist der Übermensch!« Und er geht wieder zurück in die Einsamkeit und kehrt wieder und predigt »die ewige Wiederkunft«. Aber auch diese Rettung läßt er fallen, als es ihm klar wird, wie sich sein Predigen immer nur wiederholen wird, wie im ewigen Kreislauf der Dinge er immer wieder einsam grübeln wird, und bei der Rückkehr immer wieder nur prophezeien wird: der Übermensch wird kommen; denn das ist der Sinn der Erde! – Was standhält, ist auch in diesem Werk nur »der Wille zur Macht«.

»Also sprach Zarathustra« gehört zu den gewaltigsten Erscheinungen der Weltliteratur. Es konnte nicht fehlen, daß dieses Werk in seinem dichterisch-grandiosen Stil, seiner märchenhaften, symbolistischen Einkleidung und seinem geisterrevolutionierenden Inhalt in der deutschen Künstlerschaft ungeheuren Eindruck machte. Hermann Conradi sog seinen nach Befreiung lechzenden Geist voll von Nietzsches Worten; Gerhart Hauptmann machte den verunglückten Versuch, in seiner »Versunkenen Glocke« das Problem des höheren Menschen zu dramatisieren, und dem Einfluß dieses Buches hat sich bis heute die moderne Literatur noch nicht zu entziehen vermocht, noch auch – abgesehen vielleicht von Stefan George – das auch nur versucht! – Nach solch ungeheurem Aufstieg begann Nietzsche die Moral als philosophisches Problem erkenntnistheoretisch zu bewerten. In den Schriften »Jenseit von Gut und Böse« und »Die Genealogie der Moral« beschäftigt er sich mit diesem Versuch. So glänzend nun auch diese Arbeiten sprachlich und im Hinblick auf geistreiche und tiefsinnige Betrachtungen sind, so leiden sie doch an dem übertriebenen Bestreben, das Wesen der Dinge auf ethymologische Zusammenhänge zurückzuführen, »Der Fall Wagner« erschien alsdann als eine nochmalige Auseinandersetzung mit Wagners Rückfall ins Christentum, eine aus dem Schmerz der Enttäuschung herausgeborene leidenschaftliche Anklage.

1889, als letzter der von Nietzsche noch selbst besorgten Bände seiner Werke, kam die »Götzendämmerung oder wie man mit dem Hammer philosophiert« heraus. Hier setzt sich Nietzsche in kurzen, aphoristischen Betrachtungen mit den sozialen Zuständen seiner Zeit auseinander. Mit besonderer Schärfe wendet er sich gegen das neue deutsche Reich, von dessen Begründung her er den Niedergang der deutschen Kultur datiert. Aber auch für die Freiheitskämpfer, vornehmlich die Anarchisten und Sozialisten, hat er nur Worte des Hohns und der Ablehnung, insofern er ihnen für ihre Bestrebungen und selbst für revolutionäre Taten urchristliche Gefühle vorwirft, die ihm mit seinem Ideal des freien Menschen im Widerspruch zu stehen scheinen. – Im Jahre 1895 veranlaßte Nietzsches Schwester, Frau Elisabeth Förster-Nietzsche, eine Gesamtausgabe seiner Werke, die an bisher Ungedrucktem u. a. enthielt: »Nietzsches Gedichte und Sprüche« und »Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums«. In den Gedichten erweist sich Nietzsche als ebenso hervorragender Lyriker wie Aphoristiker. Auch hier ist er wieder der unumschränkte Beherrscher, beziehungsweise Neubildner der Sprache. In den Sprüchen zeigt sich hier und da eine ausgezeichnete Begabung zur Satire. »Der Antichrist« ist das erste Essay zu einem groß angelegten Werke: »Die Umwertung aller Werte«, an dessen Weiterführung Nietzsche durch den Ausbruch seiner Geisteskrankheit verhindert wurde. Nietzsche war einer der gewaltigsten Geister, die Deutschland, ja, die Europa und die Welt je besessen hat. Das können die gehässigen und blöden Anfeindungen, denen er von den verschiedensten Seiten ausgesetzt ist, nur bekräftigen!

E. M.

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