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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
projectidd0de1f8e
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Gabriele d'Annunzio

Gabriele d'Annunzio (eigentlich Rapagnetta) wurde 1864 auf einem Schiffe geboren, das auf dem Adriatischen Meere kreuzte. In Florenz erzogen, bezog er als Sechzehnjähriger die Universität Rom, wo er sich durch sein wildes Leben bekannt machte. Schon vorher, 1879, hatte er seinen ersten Gedichtband, »Frühling«, veröffentlicht, 1880 folgte der zweite, »In in memoriam«. der bereits eine außerordentliche Beherrschung der Form verriet. Diese sprach sich noch mehr in den folgenden lyrischen Bänden »Neuer Sang« und »Intermezzo« aus, die 1882 und 1883 herauskamen. Diese beiden Bände erregten starkes Aufsehen, da aus ihnen eine rasende, fast wahnsinnige Sinnenglut atmete. Nach einer Reihe weiterer Gedichtbände (»Römische Elegien«, bemerkenswert durch ihr meisterhaftes Erfassen des Landschaftlichen, »Paradieseslied«, »Schiffslieder« und andere mehr) wandte er sich ganz der Prosa zu, die er schon 1882 in dem Novellenbande »Jungfräuliches Leid« gepflegt hatte. Die Sinnlichkeit war schon in den späteren Gedichtbänden einem pessimistischen Grundton fast ganz gewichen; in seinen weiteren Prosabänden der achtziger Jahre, »San Pantaleon« und das »Buch der Jungfrauen« vertritt er einen starren Realismus, der oft grauenhaft wirkt. Die Aufmerksamkeit der Welt lenkte er durch seinen farbenschillernden Roman »Die Lust« 1889 zuerst auf sich, dessen Form von keinem lebenden Schriftsteller erreicht wurde. Seitdem wurden alle späteren Werke gleich nach ihrem Erscheinen Eigentum der Weltliteratur, d'Annunzio war ein Anerkannter, der, wie auf die Franzosen, so auch auf die deutschen modernen Schriftsteller stark einwirkte. Es folgten in kurzen Fristen seine Romane »Der Unschuldige«, »Bischof Giovanni«, der »Triumph des Todes« und »Die Jungfrauen vom Felsen«, die alle die glänzenden Eigenschaften seines meisterhaften, blendenden Stiles zeigen. 1898 ließ sich d'Annunzio ins italienische Parlament wählen, in dem er zwar nicht durch Reden, wohl aber durch eine in der parlamentarischen Geschichte aller Völker einzig dastehende Tat die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Als Konservativer gewählt, verließ er eines Tages nach der Rede eines Ministers seinen Platz auf der rechten Seite des Hauses und ging ostentativ zu den Bänken der äußersten Linken hinüber, um sich der sozialistischen Partei anzuschließen. – 1897 wandte sich d'Annunzio der Bühne zu; es entstanden der Reihe nach: »Der Traum eines Lenzmorgens«, »Die tote Stadt« und »Gioconda«. Die berühmte Tragödin Eleonore Duse, des Dichters intime Freundin, eroberte ihm die Bühne nicht nur in seinem Heimatlande Italien, sondern auch auf ihren ruhmgekrönten Gastspielreisen in Frankreich, England, Deutschland, Österreich und Rußland. Sein Verhältnis zu dieser besten lebenden Schauspielerin und seinen Bruch mit ihr schilderte dann d'Annunzio in seinem letzten Romane »Das Feuer«, der künstlerisch in seinen zauberfarbigen Bildern vielleicht noch stärker wirkt als die vorhergegangenen. – Eine andere italienische Tragödin, Irma Gramattica, die vielleicht bestimmt ist, das Erbe der Duse auf der europäischen Bühne anzutreten, trat auch bei dem Dichter ihr Erbe an: sie war es, die seinem letzten starken Drama, der »Tochter Jorios«, zu einem weiteren großen Erfolge verhalf. – D'Annunzio hat selbst von Dostojewsky, noch mehr von Théophile Gautier und Baudelaire gelernt, er selbst hat seinerseits stark auf die zeitgenössische Literatur, auch in Deutschland, eingewirkt. In seiner Lyrik zuerst, später in seinen Romanen hat er eine ihm eigentümliche Sprache gefunden, die bisher nicht gekannt war. Er sieht farbig und löst diese Farben in musikalische Klänge aus, die von berauschender Wirkung sind. So geschah es, daß Eleonore Duse selbst vor einem Publikum, das kein Wort italienisch verstand, dennoch eine tiefe, ergreifende Wirkung auszuüben vermochte, daß – durch sie – der Dichter zu Menschen sprechen konnte, denen seine Laute fremd waren. Der Sieg der inneren Klangmusik in der Dichtung ist durch d'Annunzio entschieden worden.

Dr. H. E.

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