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Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130822
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XXI.

Acht Tage waren vergangen.

Der Verkehr zwischen Charitas und Klaus hatte sich immer freundschaftlicher und anregender gestaltet und hatte nie mit einem Wort oder Blick die Grenzen überschritten, welche Form und Harmlosigkeit vorgeschrieben.

Das junge Mädchen hatte bei all ihrer Lieblichkeit und gewinnenden Güte doch eine Art und Weise, welcher ein kühler Stolz, eine unnahbare und abweisende Gleichgültigkeit nicht abzusprechen waren.

Klaus hatte anfangs die Eigenart ihres Wesens bewundert wie die Tugend einer Heiligen; sein Herz, welches für alles Gute und Schöne so leicht empfänglich war, loderte auf in einem Opferbrand idealster Begeisterung.

Das Mitleid wob ebenfalls einen Glorienschein um das Haupt der Trauernden, und die Dankbarkeit, welche er gegen sie empfand, weil sie ihm, wenn auch ahnungslos, den Weg zu einem Erfolg bereitete, ließ sein Herz vollends höher schlagen.

Tagelang war er selbst davon überzeugt, sie grenzenlos über alles zu lieben!

Nicht mit der sonnig strahlenden Glückseligkeit, welche sonst sein Inneres durchglüht hatte, wenn es ihn beim Anblick eines lachenden Mädchengesichtes wie süße Ahnung durchschauerte, auch nicht mit der himmelstürmenden Leidenschaft, wie er sich für gewöhnlich sein Empfinden vorstellte, wenn er von der Liebe und ihrer berauschenden Offenbarung träumte, nein, voll ernster, beinahe wehmütiger Erhabenheit trat ihm die Göttin in den Weg. Kein Jubel und Lachen, sondern Thränen, keine neckischen Grübchen und blühende Rosen, sondern ein Cypressenkranz über bleichen Wangen.

War das die Liebe, eine Liebe, wie sie Klaus Sterley beglücken wird?

Je mehr er mit Charitas verkehrte, desto ruhiger wogte der gewaltige Strom innigen Empfindens durch seine Brust.

Wie ein leuchtender Stern am Himmel der Kunst schwebte die ideale Mädchengestalt durch seine Gedanken, verehrt, bewundert, warmherzig beklagt und von treuesten Wünschen umgeben, aber nicht mehr zu eigen begehrt als bräutlich Weib.

Etwas Unsichtbares stand zwischen ihnen, aber nicht als düster drohender, Glück zerstörender Schatten, sondern wohlthuend empfunden, wie die Nähe eines freundlichen Schutzgeistes, welcher trennend seinen Palmenzweig zwischen zwei Herzen senkt, welche nicht für einander geschaffen sind.

Das Bild war beinahe vollendet, Klaus hatte es gemalt, ohne daß Charitas eine Ahnung davon hatte, daß sie ihm Modell gesessen.

Einmal hatte Sterley absichtlich seine Landschaftsskizze, an welcher er während kurzer Plauderstunden mit Signora malte, derart auf die Staffelei hingestellt, daß Charitas beim Nahen wohl einen flüchtigen Blick darauf geworfen hatte.

Seit zwei Tagen weilte der Regierungsrat Schaddinghaus in der Favorita, um die Damen zu einem kurzen Übergangsstadium wieder nach Montreux zu geleiten, und das junge Mädchen sah unglücklicher aus wie je. Aber kein Wort der Klage verlautete, nur durch die Livornesi erfuhr Klaus, daß die unglückliche Waise ein immer trostloseres und qualvolleres Leben bei den unerträglichen Stiefeltern führe.

Mit verweinten Augen saß Charitas auf der Mauer unter der Dattelpalme, und Klaus stand seitwärts neben ihr und malte.

Sie plauderten nicht so heiter wie sonst. Der Gedanke an die baldige Trennung berührte sie beide recht traurig, waren doch diese sonnigen Morgenstunden die einzige Zerstreuung in dem öden Leben des jungen Mädchens.

»Ich kehre nun auch heim, es wird doch gar zu heiß hier!« nickte Klaus, und sein Gegenüber fragte besorgt: »Wollen Sie direkt nach München zurückgehen? Um alles nicht! Der Klimawechsel ist ein viel zu schroffer! Wir haben auch hier einen verfrühten Lenz gehabt, aber daheim ist dem April noch nicht zu trauen, und ich fürchte, die schönen Tage, welche der März gebracht, wird er wieder durch grausame Nachwehen quitt machen!«

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Klaus lächelte: »Er fängt schon an damit. Wie ich von daheim höre, wirbelt wieder Schnee durch die Luft! Ein wunderlicher Gedanke für uns hier, die beinahe in der Sonnenglut zerschmelzen!«

»Auch für hier ist Sturm und schlecht Wetter prophezeit, wir flüchten wohl zu rechter Zeit davon. Aber Sie sagten mir noch nicht, ob Sie direkt nach München zurückreisen?«

»Selbstverständlich thue ich es, mein gnädiges Fräulein, ich brenne darauf, an die Arbeit zu kommen, welche bis zum Herbst ausgereift sein muß! Vor dem Witterungswechsel fürchte ich mich nicht, ich bin in dieser Beziehung, gottlob, ein tüchtiger Gesell! Aber... pardon... was ist denn da unten los? Die Notpfeife schrillt ja wie besessen... und der Rauch... kommt er aus dem Schornstein des Dampfers, oder ist da etwas nicht in Ordnung?«

Charitas wandte den Kopf und blickte besorgt nach dem Hafen hinab, von welchem ein ungewohnter Lärm emporhallte, und Klaus trat ebenfalls an die Mauer und schaute angestrengt hinab. »Es muß Feuer in einem Lagerraum ausgebrochen sein.«

»Welch ein Gottesglück, daß sich solch ein Unglück nicht auf hoher See ereignete!

Beide sahen so eifrig beobachtend auf das Gewimmel hinab, daß keines von ihnen die Schritte vernahm, welche sich im Garten näherten.

Erst ein scharfer, schriller Schrei höchster Wut, ein zorniges Schimpfen und Wettern ließ sie wie gelähmt vor Schrecken auf das Unerwartete starren.

Bleich wie der Tod lehnte Charitas an der Mauer, hoch aufgerichtet, stolz, mit blitzenden Augen trat Klaus neben sein Bild, vor welchem Herr und Frau Schaddinghaus, halb sinnlos vor Zorn, die Hände ballten.

»Also doch! Also die Lauretta hat demnach recht! Du saubere Person gibst dir jeden Morgen Rendezvous mit einem fremden Maler hier im Garten?« tobte die Tante, mit ihrem wutverzerrten Gesicht einen Anblick bietend, welcher Sterleys kühnste Vorstellungen noch weit übertraf, und sie fuhr mit erhobenen Händen gegen die Nichte ein, sie mit maßlosesten Schmähungen zu überschütten.

Und der Regierungsrat sekundierte ihr.

»Also malen hast du dich lassen, du affiges Frauenzimmer«, höhnte er, »malen wie eine Mater dolorosa mit dem Thränenblick? – Welche Ironie! – Der Herr hier hätte dich sehr anders auffassen müssen, wenn er dich leichtfertige Mamsell, die bei Tau und Tag zu den Künstlern läuft, hätte richtig treffen wollen!«

»Mein Herr, wagen Sie es nicht...!« Bebend vor Empörung trat Klaus einen Schritt gegen den alten Mann vor, die Tante aber flatterte ihm mit zeternder Stimme entgegen.

»Wollen Sie noch ein großes Wort hier führen, Sie Farbenklexer? Sie Mädchenverführer! Machen Sie, daß Sie auf die Straße kommen, sonst schicke ich nach der Polizei! Solch ein schlechtes Ding wie die Charitas verteidigt man nicht! Und mit Ihnen haben wir überhaupt nichts zu thun, höchstens haben wir Rechenschaft zu verlangen, wie Sie zu der unverschämten Frechheit kommen, ohne unsere Erlaubnis unsere Nichte zu malen!«

»Hihihi! Er wird die Erlaubnis wohl schon von dem artigen Liebchen eingeholt haben – –!«

»Herr – ich vergesse mich! – Kein Wort weiter...« Mit schnellem Schritt stand Charitas an Sterleys Seite und umklammerte mit zitternden Fingern seine Faust.

»Um meinetwillen, Herr Sterley, gehen Sie! Demütigen Sie mich nicht durch Ihre Gegenwart noch mehr; die Worte, welche ich hören muß, sind schon zu viel für mich allein!«

Ihr farbloses Antlitz sah zu ihm auf wie das einer Sterbenden, und dann trafen ihre Augen das Bild – ihr Bild! Groß, weit aufgerissen starrten sie es an.

»Nein, Charitas, mein Platz ist an Ihrer Seite, Sie gegen Brutalitäten zu schützen, denen gegenüber Sie wehrlos sind!«

Sie antwortet nicht, sie starrt auf das Bild, aber Frau Selma stemmt mit gellendem Gelächter die Arme in die Seiten. »Charitas nennt er die freche Person schon! Ei, das zarte Verhältnis scheint schon recht weit gediehen zu sein!« Und mit giftigem Blick faßt sie den Arm der Pflegetochter und schüttelt ihn. Die Stimme schnappt über vor Wut: »Weißt du auch, du ehrvergessenes Geschöpf, daß wir dich auf der Stelle aus dem Hause jagen könnten, daß wir dich auf die Straße werfen könnten – du – du – Dirne du!«

Ein leis zitternder Schrei der höchsten Seelenqual. Charitas schlägt die Hände vor das Antlitz und wankt einen Schritt zurück, Klaus aber tritt hochaufgerichtet vor die Regierungsrätin. »Sie weisen Ihrer Nichte die Thür? Gut, sie wird gehen und sich unter meinen Schutz stellen als meine Braut und, so Gott will, bald auch mein Weib! Es ist eine seltsame Zeit für eine Brauterbung, aber ich denke, Sie haben dieselbe verstanden! Kommen Sie, Charitas, hier ist Ihres Bleibens nicht länger!«

Mit festem Druck zieht er ihr die Hände von dem Antlitz und umschließt sie innig mit den seinen. Der Regierungsrat und seine Gattin aber stürzen sich, jähe Betroffenheit in den Gesichtern, dazwischen.

»Unterstehen Sie sich, meine Pflegetochter zu berühren! Wagen Sie es, sie gewaltsam zu entführen! Ihre Werbung, Sie seltsamer Freier, weise ich ebenso entschieden wie verachtend zurück! Meine Nichte steht unter meiner Vormundschaft! Verstanden?«

Charitas hebt das Haupt und blickt Sterley flehend in die Augen. »Wenn Sie es gut mit mir meinen, so gehen Sie jetzt, Herr Sterley!« flüstert sie.

»Sie befehlen es, Charitas. Ich gehe, ja – aber ich komme wieder. Diese Stunde hat mir ein Anrecht an Sie gegeben!«

Die Rätin faßt die Nichte an der einen Seite, der Rat an der anderen Seite am Arm und ziehen sie wie in plötzlicher, sinnloser Angst mit sich fort.

»Kein Anrecht haben Sie, gar keins!« schreit Frau Selma noch kirschrot vor Aufregung zurück. »Das Mädchen befindet sich in unserer Gewalt, mein Mann ist Vormund!«

Klaus wendet ihr den Rücken, und die Schritte und die keifenden Stimmen der Pflegeeltern verklingen hinter dem Boskett.

Wie gebrochen, unfähig, das Entsetzliche völlig zu fassen, sinkt Klaus auf die Mauer nieder. Das war alles so schnell gekommen, hatte sich so grauenhaft schnell abgespielt.

Wie ein böser, beängstigender Traum dünkt es ihm.

Er fühlt, wie es brennend heiß in seine Augen emporschießt, wie es schwindelnd durch seine Sinne braust.

»Armes, armes, unglückliches Kind, welch ein Elend habe ich über dich gebracht!« stöhnt er auf und wühlt wie ein Verzweifelnder die Hände in sein lockiges Haar.

»Ich allein trage die Schuld, ich allein habe das Unglück heraufbeschworen! Allmächtiger Gott, wie habe ich mich so leichtsinnig an ihr versündigt!« Seine Pulse fliegen wie im Fieber, das Entsetzen schüttelt ihn bei der Rückerinnerung an die Scene, die er soeben erlebt, bei dem Gedanken an all das unbeschreibliche Leid, welches Charitas noch erdulden wird!

Ihr schon so hartes Los ist nun unerträglich geworden – und das ist sein Werk!

Er dachte nur an sich! Rücksichtslos stürmte er auf dem Wege zum Ruhm und Erfolg vorwärts und trat die weiße Lilie dabei unter die Füße. Welch ein Blick, als sie ihr eigen Bild sah!

Und kein Wort des Vorwurfs, keine Schmähung gegen ihn, welche sie rechtfertigte!

Welch ein Engelsgemüt, welch eine Dulderin hat er so freventlich gekränkt!

Herrgott des Himmels! Wie soll er diese Schuld an ihr sühnen?

Dadurch, daß er sie ihrem trostlosen Schicksal so bald wie möglich entzieht.

Die Aufregung des Augenblicks hat ihm die Liebeswerbung abgerungen; er hat offiziell vor den Pflegeeltern um sie angehalten, und obwohl er keinerlei Antwort von Charitas erhielt, erachtete er sich dennoch als ihren Verlobten. Er hat ihr den Aufenthalt in diesem Hause der Pflegeeltern unmöglich gemacht, sie ist durch ihn und sein heimlich von ihr entworfenes Bild aufs ärgste kompromittiert.

Kein anderer Schutz, kein anderer Ritter bleibt ihr als Klaus Sterley.

Er wird sie zu seinem Weibe machen! Bei Gott! er wird's! Die Pflicht gebietet es, seine Ehre verlangt es!

Warum durchzuckt es ihn bei diesem Gedanken wie ein jäher Schreck?

Gleich einem Schleier zerreißt es plötzlich vor seinen Augen. Er empfindet es, er weiß es in diesem Augenblick, daß er sie nicht liebt, nicht so liebt, wie er stets geglaubt hat, daß er ein Weib lieben müßte, das er für alle Ewigkeit sein eigen nennen will.

Gleichviel, der Würfel ist gefallen, und er wird sie lieben lernen, eben so heiß und innig lieben, wie er sie jetzt achtet, verehrt, anbetet wie eine Heilige!

Er muß viel an ihr sühnen, sehr viel, kaum, daß ein Leben voll aufopfernder Hingabe dafür genügt!

Kann er, der Unbemittelte, der unbekannte Maler, welcher kaum für sich selber zu leben hat, an heiraten denken?

Er hätte es nicht gekonnt und nicht gedurft, wenn er aus freier Wahl, nur aus Neigung und Leidenschaft ein geliebtes Mädchen hätte heimführen wollen, – in seiner jetzigen Lage aber ist es etwas anderes.

Sind die Kohlenlager in Lichtenhagen nicht vielverheißende Goldgruben, und wird Josef der fremden Not eher zu Hilfe eilen als der seines Bruders?

So viel weiß er gewiß, daß Josef alles thun wird, um seine Heirat zu ermöglichen, darauf kann er bauen. Sein Stiefbruder, welcher selber die Ehre so hoch hält, welcher sich nicht gescheut hat, ihr persönlich die höchsten Opfer zu bringen, er wird die Sage, in welcher sich Klaus befindet, besser als jeder andere verstehen und alles aufbieten, das Unmögliche möglich zu machen.

Vor allen Dingen muß er sich mit Charitas selber aussprechen.

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Sie antwortete nicht auf seine Werbung, aber ihr ganzes Benehmen ihm gegenüber ist Antwort genug und versicherte ihm, daß sie ihn nicht abweisen wird.

Es bleibt ja nichts anderes übrig, – was soll die Hilflose, Verlassene beginnen, wenn die Pflegeeltern ihre Drohung wahr machen und ihr die Thür weisen, oder wenn sie die Unglückliche durch ihre Brutalität zwingen, das Haus zu verlassen?

Er ahnt nicht, ob Charitas Vermögen besitzt, – aber das ist ja momentan auch gleichgültig, sie ist auf jeden Fall von dem Vormund abhängig. Wie lange noch? Auch das ist nebensächlich, der Augenblick zwingt zu einer Entscheidung.

Klaus starrt regungslos geradeaus, dann springt er auf und schreitet erregt auf dem kleinen Kiesplatz auf und nieder, um seine Gedanken zu sammeln und mit sich selbst ins reine zu kommen.

Endlich atmet er tief auf. Sein Weg liegt klar und deutlich vor ihm, – zuerst führt er zu Charitas.

Er packt voll nervöser Hast seine Malsachen zusammen und steht einen Moment noch überlegend, ob er sogleich einen Versuch machen soll, zu dem jungen Mädchen zu dringen.

Er sagt sich aber selbst, daß dies auf geradem und ehrlichem Weg nicht zu erreichen sein wird. Sein Blick fliegt zu der Villa hinüber.

Herr Schaddinghaus steht auf dem Balkon und blickt scharf zu ihm herüber, augenscheinlich bewacht er ihn und den Weg zu der Favorita.

Kurz entschlossen wendet sich Klaus zu der kleinen Pforte und stürmt nach seinem Hotel zurück. In diesem Augenblick ist nichts zu machen, das sieht er ein.

Läßt man ihn nicht im guten zu Charitas, so wird er Umwege wählen. Signora Julia, die sich selber eine Schützerin der Liebenden genannt, wird wohl auch zu ihrem Schutzengel, wenn es ihm gelingt, sie geschickt zu gewinnen.

Die See geht höher, ein kräftiger Wind hat eingesetzt und fegt weiße Wellenköpfchen vor sich her. Wie eine graue Dunstwand steigt es am Horizont empor, und die Sonne blickt schon jetzt wie durch zarte Nebelschleier. Der Ätna hüllt sich in Wolken. Es gibt bös Wetter.

Klaus hat zwei Stunden gewartet, dann begibt er sich wieder auf seinen Beobachtungsposten vor die Favorita.

Das Haus liegt still, wie ausgestorben.

Gelassen schreitet er zur Hausthür und klingelt.

Ein schwarzäugiges Mädchen mit blatternarbigem Gesicht öffnet und kneift bei seinem Anblick die schmalen Lippen noch fester zusammen. Lauretta, die Verräterin.

»Ist Fräulein Reckwitz zu sprechen?«

»Bedaure, das Fräulein darf keine Besuche empfangen!«

»Bitte mich bei Signora Livornesi zu melden.«

Das Mädchen lächelt noch höhnischer.

»Die Signora ist verreist.«

Ist das Wahrheit oder Lüge? Nun, er erfährt das wohl, denn sie ist bekannt genug in Catania.

Er wendete sich zum Hafen.

Ist sie mit einem Dampfschiff gefahren, erfährt er es am Landungsplatze sicher.

Und er hat Glück.

Gleich der erste der Brückenbummler, welcher rauchend auf dem Geländer hockt und seine Gondoliera anbietet, weiß Bescheid.

»Die Livornesi, Signor? Alle Heiligen seien uns gnädig! Ja, sie ist mit der ›Margherita‹ heut früh davongefahren, und doch steht die Brücke noch fest!«

Er lacht, daß seine Zähne blinken.

»Und wißt Ihr nicht, wohin sie fuhr und wie lang sie bleibt?«

Das verschlagene Gesicht des Burschen neigt sich schief auf die Schulter, er blinzelt den Fremden listig an.

»Hier auf dem Land kann unsereins schlecht sprechen! Nehmt für eine Stunde meine Gondoliera, wir bleiben hart am Ufer, und ich sag' Euch alles, was Ihr wissen wollt!«

Klaus zieht hastig die Börse: »Ich bezahle die Stunde, zum Fahren habe ich keine Zeit. Also, wann kommt die Signora zurück?«

»Heut abend; ists Wetter gut, zu Schiff, ists schlecht mit der Eisenbahn.«

»Wißt Ihr das genau?«

»So genau, wie die Stunde des Ave Maria, Signor. Die Livornesi fährt jeden Sonnabend hinüber, den Rosenkranz am Grab ihrer Eltern zu beten. Ich habe sie schon seit zehn Jahren kommen und gehen sehen.«

»Ich danke Ihnen.«

– – – Das Wetter ward schlecht, sehr schlecht. Sturm und Regen.

Entweder kam Signora Julia mit der Bahn oder gar nicht.

Klaus schritt fröstelnd auf dem menschenleeren Perron auf und nieder. Es war empfindlich kühl geworden, der Umschlag der Temperatur ein greller.

In seiner Aufregung achtete er dessen nicht, er blickte ungeduldig dem Zug entgegen, welcher mit glühenden Augen dahergeschnaubt kam.

Und wahrlich – aus einer Coupéthüre quoll die massige Gestalt der Alten.

Ihre Überraschung, den lieben, jungen Amico zu ihrem Empfang bereitstehen zu sehen, ging mit einem Gefühl höchster Genugthuung Hand in Hand, sie beklagte in Gedanken nur eins, daß so wenig Menschen diesen Triumph sahen.

Klaus versicherte mit gewohnter Galanterie, daß er sich bei dem schlechten Wetter um die teure Gönnerin geängstigt habe. Heute mittag habe er ihr einen feierlichen Besuch abstatten wollen und bei dieser Gelegenheit von ihrer Abreise erfahren.

Die Livornesi schwamm in Entzücken, sie hing sich als süße Last an seinen Arm, und beide traten den Heimweg an.

Klaus war klug genug, nicht gleich mit der Thür in das Haus zu fallen.

Dann begann er allmählich zu erzählen. Er habe im Garten gemalt und dabei Fräulein Reckwitz auf der Mauer sitzen sehen. Natürlich in Thränen. Da ihr Gesicht trotz derselben einen schönen Ausdruck behalten habe, sei ihm der Wunsch gekommen, sie zu skizzieren, er wolle mal eine büßende Magdalena oder eine mater dolorosa malen, und dazu habe er das Antlitz gut gebrauchen können. Das Fräulein habe nichts davon gemerkt, trotzdem er – lediglich um des Bildes willen – sich in ein Gespräch mit ihr eingelassen habe. Das sei von dem abscheulichen Ding, der Lauretta, beobachtet und der Tante hinterbracht worden. Nun schilderte er den Vorgang des heutigen Morgens.

Die Signora fauchte schon bei der Anstrengung des Gehens wie ein Hamster, obwohl es nur sehr langsam, Schritt um Schritt vorwärts ging. Jetzt blieb sie stehen und sprudelte in ihrer Empörung alle Schimpfworte hervor, welche sie momentan auf Lager hatte.

»Dieses schlechte, dieses miserable Ding, die Lauretta! Boshaft und neidisch ist der häßliche Affe. Das habe ich schon lange gemerkt, und nun wird sie aus dem Hause geworfen! Solch eine Teufelin! Gott strafe ihre Seele! Ja, Signor Sterley, ein übles Ding ist es immer, ein junges Frauenzimmer zu malen, sogar heimlich! Warum haben Sie es nicht mir gesagt? – Ich hätte Ihnen gleich Modell gesessen, bei warmem Wetter sogar nur mit einem einzigen Shawl, wie die büßende Magdalena! O, o! Das wird für die arme Charitas ein Elend geben! Die wird böse Tage sehen! Ja, hätten Sie doch nur den Domplatz mit dem Elephantenbrunnen – oder das Benediktinerkloster gemalt – was die Maler hier meistens thun, – aber gerade so ein Menschenkind wie Charitas!«

Klaus hatte den Wortschwall nicht unterbrochen, er mußte sich erst von seinem Schreck über Julia als wenig bekleidete Magdalena erholen! Jetzt aber stimmte er der Sprecherin eifrig zu und klagte, daß er das arme Fräulein nicht einmal um Verzeihung habe bitten können! Das laste wie eine schwere Schuld auf ihm! Wenn er nur Mittel und Wege wüßte, sich ihr zu nähern, wenn doch ein lieber, holder Engel daher schweben wolle, ihm hilfreich beizustehen!

Donna Julia blieb wieder stehen. Ihr heißes Gesicht glänzte wie eitel Genugthuung aus dem schwarzen Spitzenshawl heraus, und Klaus neigte den Schirm tiefer über sie, um Sturm und Regen abzuwehren.

»Nun – und wenn ich dieser Engel sein wollte?« gluckerte ihre fette Stimme.

Sterley preßte ihren Arm jählings an sich: »Ja, Sie, Signora Julia! Sie allein könnten solch ein rettender Engel sein!« rief er enthusiastisch. »Sie, bei welcher Güte, Schönheit und Klugheit Hand in Hand gehn – Sie werden es schon einrichten können, daß ich Charitas für eine kleine Weile ungestört sprechen kann!«

»Schönheit? O Sie Schmeichler – das ist jetzt wohl vorbei!« wehrte die ehemalige Chansonnette bescheiden und schämig ab, dann aber ging ihr Temperament mit ihr durch. »Ob wohl die Marmorbraut auf ein Rendezvous eingehen wird? kicherte sie. »O, es würde mir eine Genugthuung sein, wenn ihr Heiligenschein ein wenig von seinem Glanz verlieren würde! Ich hasse diese Tugendheldinnen; sie sind meist Heuchlerinnen und wollen nur auf uns andere, die wir ehrlich und freimütig gesündigt haben, mit gerümpften Nasen herabsehen! Nun, ich denke, auch für Charitas hat das Stündlein geschlagen! – Nun wollen wir mal unsern Plan machen. An der Straßenecke trennen wir uns. Sie schleichen sich heimlich in den Garten an unsern gewohnten Platz. Ich werde das Terrain rekognoszieren und bringe schnell Bescheid. Armes Jungchen, im Regen müssen Sie aushalten, ich kanns aber nicht ändern!«

Klaus jubelte auf im Herzen. Er hatte das Spiel gewonnen.

Und sie trennten sich an der Straßenecke.

Wie ein unförmiger, dunkler Klumpen watschelte die Signora dem Hause zu, und Klaus wandte sich und erreichte auf einem Umwege, durch die kleine Pforte, den Garten.

Harrend schritt er auf und nieder; der Sturm pfiff durch die Gebüsche, und die Zweige der Dattelpalme rauschten klagend über ihm in der Luft.

Jetzt empfand Klaus die kühlere Luft als Wohlthat. Kühlere Luft! Du lieber Gott! Bei uns daheim würde man sie einen feuchtwarmen Sommerwind nennen!

Wie wird ihm der Münchner Wind so ungewohnt um die Ohren pfeifen!

.

Und wie bald wird er wieder durch die heimatlichen Straßen schreiten, als anderer, gänzlich veränderter Mensch! Mit einem Ring am Finger kehrt er zurück und doch nicht voll Jubel und Seligkeit, sondern mit schwerem Herzen.

Wie wird sich alles entwickeln? Wird Charitas ihn wiedersehen wollen? Wird sie ihm folgen? Liebt sie ihn und wird sie sein Weib werden? Quälende, brennende Fragen!

Wieder steht er an der Mauer und schaut hinab auf das Lichtmeer von Catania. Wie Funken blinkt es zu ihm herauf, zerrissene Glockenklänge hallen von der Kathedrale durch Sturm und rollende See.

Der Himmel dräut sternlos und dunkel, nur über dem Ätna ist er mit hellerem Schein gefärbt. Die Schiffssirenen heulen, Signale schrillen durch die Luft.

Der Dunkelheit, nicht der Stunde nach ist es Nacht. Wie träge schleicht die Zeit.

Endlich ein Geräusch, ein schlürfender Schritt. »Signor Sterley?« flüstert eine Stimme.

»O Signora, beste, herrlichste der Frauen, Sie kommen wahrlich?«

»Und bringe gute Nachricht, das Täubchen ist zahm geworden!« kichert Julia. Sie hat einen großen, dunklen Mantel über den Kopf geworfen. »Das arme Kind war natürlich von ihren Tyrannen eingeschlossen, saß hungernd in ihrem Stübchen und weinte sich die Augen aus! Den Thürschlüssel zum Korridor hat der alte Drachen in der Tasche. Hoho, wollen ihr doch ein Schnippchen schlagen! Der Salon neben Charitas' Stube steht leer, wir werden leicht den Schrank von der Verbindungsthür fortstellen, und der Weg zu Ihrem Stelldichein ist gebahnt. Ich verhandelte soeben schon mit dem armen Seelchen durch dieses Schlüsselloch. Um 11 Uhr, wenn alles im Hause schläft, lasse ich Sie durch die Hinterthüre ein, Signor Sterley. Aber die Kleine verlangt mit großer Entschiedenheit, daß ich bei der Unterredung zugegen bin. Werden aber wohl deutsch sprechen, wie? Je nun, wenn nur ein Anfang gemacht ist, das nächste Mal guck ich schon aus dem Fenster und dann – o, ich kenne das! Also um 11 Uhr, Signor. Zwei Stunden haben Sie noch Zeit, trinken Sie zuvor ein Glas Wein. Ich thue es auch, man friert heut wie im Winter. Und somit addio caro mio! Der Schutzengel wacht!«

Klaus stürmte nach dem Hotel zurück, der Kopf brannte ihm, eine ungeheuere Aufregung bemächtigte sich seiner.

Sie wird ihn sehen und sprechen! Sie liebt ihn! Sie, die kalte, unnahbare Charitas!

Die Eitelkeit besitzt eine wunderbare Macht über den Menschen.

Der Gedanke, geliebt zu sein, so geliebt zu sein, daß eine Königin der Tugend sich plötzlich zur Sklavin ihrer Leidenschaft macht, hat für jeden Mann etwas Berauschendes.

Wie ein scheues Vöglein, dessen Nest ein Wettersturm zerstört, flüchtet Charitas an seine Brust. Das rührt und bewegt ihm das Herz, und die heißen Flammen einer entfachten Leidenschaft schlagen empor.

Liebt er sie dennoch, oder ist es nur der Rausch dieser süßen, geheimen Stunde, welcher sich wie ein Schleier über seine Sinne breitet?

Gleichviel, er weiß, daß sich in dieser Stunde sein Schicksal entscheidet, und wenn erst die Sonne des Glücks die Thränen von den bleichen Wangen trocknet, wenn ein holdes, bethörendes Lächeln um ihre Lippen spielt, wird er Charitas auch dann nur zu seinem Weibe machen, weil es Pflicht und Ehre verlangen?

Mit hämmernden Pulsen stürzt er den feurigen Wein hinab, die Augen auf die Uhr gerichtet, welche vor ihm, an der Wand der Osteria, tickt.

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