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Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130822
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XIX.

Klaus verbrachte den Tag in einer völlig ungewohnten Erregung und Unruhe.

Die heiße Sonne Siziliens, welche er gestern noch unerträglich gefunden, genierte ihn nicht mehr.

Die Holzjalousien geschlossen, verbrachte er die Mittagsstunden auf der rohrgeflochtenen Chaiselongue seines Hotelzimmers.

Er rauchte und wollte lesen, aber seine Blicke glitten über das Buch hinweg, und seine Gedanken schweiften weit ab von den Schicksalen der Romangestalten, sie beschäftigten sich mit seinen eigenen.

Und er griff wieder und wieder zu dem begonnenen Studienkopf, nahm ihn aus dem Malkasten und vertiefte sich immer mehr und inniger in den Anblick dieses schönen, sehnsuchtskranken Mädchengesichts.

Welch eine Dolorosa! Welch ein Ausdruck!

Sein Herz hämmert bei dem Anblick, denn trotz der flüchtigen Anlage des Ganzen ist die Ähnlichkeit eine erstaunliche, und der Zug des Schmerzes, der todestraurigen Sehnsucht tritt in wunderbarer Wiedergabe hervor.

Es ist ihm jetzt schon geglückt! Wie erst wird sich dieses Bild gestalten, wenn er es nach dem Leben bis in alle Details ausführen kann! Das hohe Selbstbewußtsein des Künstlers erwacht in Klaus Sterley, das Vertrauen auf seine eigene Kraft und seine gottbegnadete Meisterschaft. Zum erstenmale entfaltet der junge Aar seine Schwingen und steigt voll trunkener Wollust des Schaffens zum Himmel der Kunst empor!

Was er bisher geleistet, war das Resultat fleißiger Studien. Was er aber heute morgen auf die Leinewand gebracht, war eine schäumende Woge aus dem Quell der Unsterblichkeit, hervorbrechend aus seinem tiefinnersten Sein und Wesen, der volle Herzschlag seines Genies, die unmittelbare Äußerung jener Götterkraft, welche in jedem wahren Künstler lebendig ist!

Er hatte mit wenig Strichen den Entwurf zu einem Meisterwerk geschaffen, das fühlte und empfand er selbst mit vollglühender Begeisterung, nun heißt es, das Begonnene vollenden zu vollem Sieg und vollen Ehren!

Wird es gelingen?

Ja, es wird; es muß!

Eine geheimnisvolle Macht hat ihn diesen Weg geführt; sie wird auch weiter ihre Wunderkraft bethätigen und ihm das idealste aller Modelle aufs neue zuführen, und angesichts ihrer – o dann wird es an nichts fehlen!

Seine Augen leuchten, das frische, hübsche Männergesicht scheint in überirdischen Glanz getaucht.

Er glaubt an sich selbst!

Und neben dieser rein künstlerischen Begeisterung schleicht sich noch ein anderes Empfinden in sein Herz, ein weiches, schwärmerisches Interesse für dieses schöne, thränenbetaute Antlitz. Warum weint sie? Nach wem sehnt sie sich? Wie glühende Funken sind diese Fragen in sein Herz gefallen und haben gezündet. Wer anders könnte ein solches Leid und Weh schaffen als die Liebe? Nur sie allein.

Dies dünkt ihm nur allzubegreiflich.

Welch eine Anmut, welch ein Zauber keuscher Jungfräulichkeit ruht auf dieser blühenden Mädchengestalt! Muß sie nicht jedes Auge fesseln, dessen Blick sie trifft?

Sie liebte!

Und jenes Schiff, welchem ihr umflorter Blick folgte, nach welchem sie in qualvoller Leidenschaft die Arme ausstreckte, wen hat es davongetragen über die blaue, treulose Flut?

Eine Jünglingsgestalt wie jene, welche droben am schneeumwirbelten Nordlandsstrand von der fernen, einsam trauernden Palme träumt? Wer weiß es! –

Wer kann ihm Antwort geben? –

Oder täuschte er sich? Ist es vielleicht die Kindesliebe, welche um enteilende Eltern klagt? Ist es ein anderer schwerer Verlust?

Hat das Meer nicht den Geliebten entführt, sondern sucht ihr stummer Blick der Sehnsucht fern – fern hinter jenen wogenden Massen ein Grab, welches einen jungen, blühenden Traum von Glück und Hoffen verschlungen? Wer antwortet ihm, und wenn er sein Hirn noch so sehr mit Fragen martert?

Langsam streicht er die blonden Lockenringel aus der Stirn.

Vielleicht lüftet ein Zufall jene Schleier.

Er muß es abwarten.

Aber es ist wie ein Zauberspuk, der all sein Denken an sie bannt!

Und es träumt sich so süß in dieser schwülen, blütendurchdufteten Stille seines Zimmers. Soll er einen Versuch machen, in die Favorita überzusiedeln?

Klaus seufzt tief auf. Die Wohnungen in den Villen sind stets doppelt so teuer wie in den Gasthöfen, wo er sich sein Unterkommen bescheiden einrichten kann.

In den Familienpensionen ist er genötigt, alle Mahlzeiten in dem Hause zu nehmen, und das fällt besonders schwer für ihn ins Gewicht, denn bei seiner Genügsamkeit kann er viel billiger leben. Er will sparsam sein, er will mit seinen Mitteln haushalten.

Und doch, wenn es keinen anderen Weg gibt, die holde Fremde wiederzusehen, so muß und wird er das Opfer bringen und übersiedeln. Vorläufig vertraut er noch seinem guten Glück.

Endlich sinkt die Sonne, das Straßenleben erwacht in neuen, schrillen Tönen, und auch Klaus fürchtet die schrägfallenden Strahlen nicht mehr, sondern drückt den leichten Panamahut auf das Haupt und steigt ungeduldig die kleine, schmale Holztreppe nach dem Garten hinab.

Unter dem Leinwandzelt sitzen ein paar Fremde und radebrechen ein furchtbares Italienisch mit den zerlumpten Kindern, welche ihnen unter den problematischsten Klängen einer Guitarre, ein sehr verdrossenes und seinen Namen mit voller Berechtigung tragendes Meerschweinchen vorführen. Eine hübsche Italienerin, der Wirtin Töchterlein, welche die Füßchen in den weißen Strümpfen recht kokett unter der rotgetupften Falbel des Kleides hervorstreckt, lächelt den blauäugigen Maler verheißungsvoll an. Ihre Arme, geschmeidig und rund wie zwei glänzende Schlangen, bewegen sich in absonderlichem Dehnen und Recken, ehe sie sich zu süßem Nichtsthun hinter dem Köpfchen verschränken.

Krauses, blauschwarzes Haar bäumt sich über der Stirn und legt sich in dicken Puffen zurück; dickknopfige Korallennadeln leuchten darin, ebenso rot und leuchtend wie die Lippen des nicht allzu kleinen Mundes, in welchem grellweiße Zähne blinken ...

Sie ist hübsch, und gestern abend noch hat ihr Klaus lachend zur Seite gesessen und ihr den Hof gemacht!

In seiner Skizzenmappe lacht ihr Gesicht bereits zwischen fruchtbeladenen Apfelsinenzweigen hervor, während ihr schlanker Arm sich durch die Zweige streckt und eine Frucht darbietet.

»Willst du?« steht darunter.

Es kann ein hübsches Bildchen geben. Jetzt grüßt der junge Maler auch heiter zu ihr hinüber und ruft der niedlichen Ninetta ein heiteres Wort zu.

Aber er hastet nach der Pforte und stürmt die Straße hinab.

Ninetta lächelt wohlgefällig. Warum bleibt der hübsche, blonde Mann mit der hohen Germanengestalt noch hier? Er wollte doch heute morgen abreisen! Und als Peppo ihn weckt und schlaftrunken die Stiefel reicht, da wirft sich der Signor auf die andere Seite und sagt: »'s ist gut, Peppino, ich reise nicht, ich bleibe noch eine Weile bei euch!«

»Warum bleibt er plötzlich? – Warum?

Ninetta lächelt noch mehr. Hat sie ihm nicht gestern abend noch gesungen? Hat sie ihm nicht das Glas gefüllt? Und dufteten die Orangenblüten an ihrer Brust nicht so stark – so stark, daß er – o, hätte nicht die Laube voll Menschen gesessen, er hätte sein hübsches, lachendes Gesicht wohl ganz nahe auf die Blumen geneigt! Nun bleibt er da... und heute abend? Ninetta schließt zwinkernd die Augen wie ein Kätzchen, welches ins Licht schaut.

Klaus Sterley aber stürmt eine kleine Strecke weiter, und dann geht er plötzlich langsam, ganz langsam.

Er ist immer ein lustig Blut gewesen. Er hat voll leichten Künstlersinns der Schönheit gehuldigt, wo sie ihm in den Weg trat. Er liebt die lachenden Schelmengesichter und küßt wohl auch ein dargereichtes Mündchen – alles in Ehren! Alles mit Maß und Ziel! Er ist ein anständiger und charakterfester Mensch, welcher die Kunst zu heilig hält, um sie durch die zügellose Freiheit, welche die meisten ihrer Jünger als berechtigt von ihr fordern, zu entweihen. Und vollends heute würde ihm ein Schäkern mit der glutäugigen Italienerin wie ein Verbrechen an seiner weihevollen Stimmung dünken.

Seine Gedanken fliegen ihm voraus zur Villa Favorita.

Soll er ihnen folgen?

Nein, sein feines Taktgefühl sagt ihm, daß die trauernde Dolorosa eine Menschenblüte ist, welche den warnenden Namen »Noli me tangere!« führt.

Durch die kleinste Unschicklichkeit, durch die leiseste Andeutung eines Interesses für sie kann er sich alles verscherzen.

Ein Mädchenherz, welches unter solch tiefen Wunden von Leid und Sehnsucht blutet, hat keinen Sinn für Huldigungen, und was anderen zur Ehre gereicht, das kann bei ihr zur Beleidigung werden!

Nein, er darf nicht schon wieder ihre Nähe suchen, er muß die Majestät ihres Schmerzes respektieren!

Langsam wendet er sich dem Hafen zu. Dort findet er wohl ein Boot, welches ihn zu seelischem Genuß über die blaukräuselnde Flut dahin trägt.

Wie schön ist Italien, wenn die ersten Sterne blitzen!

Die Sonne ist geschieden, aber sie hat dennoch einen goldenen Strom von Licht zurückgelassen, der flutet als heißes, schnell pulsierendes Leben durch die Adern der Menschen, der glüht als Funken und Flamme aus liebestrunkenem Blick.

Musik, Tanz, Gesang!

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Man sollte wähnen, es gibt keine unglücklichen Menschen hier, selbst in Lumpen jubiliert und lacht man, und selbst das große, verkrüppelte und aussätzige Elend, welches tagsüber an den Kirchentreppen liegt und die Hände aufhält, das verschwindet im Dunkel der Nacht, und was da bleibt unter sternbesätem, dunkelazurblauem Himmel, das ist das leichte, bunte und lustige Leben der Liebe und des Genusses! Die Fremden in Catania durchwachen die halbe Nacht und verschlafen den halben Tag.

Auch Klaus Sterley hat die köstliche, frische Nachtluft lange um seine heiße Stirn streichen lassen. Von der Dunkelheit geschützt, ist er im Schatten der Gebüsche vor der Favorita hin und her gewandelt, bald vorüber an dem matt beleuchteten Straßenportal, bald vorbei an der Mauer des Gartens, über welche die Dattelpalmen und die breitgeschweiften, starren Kaktusblätter regungslos im silbernen Mondlicht emporragen.

Die er sucht, findet er nicht.

Und so ist er einsilbig und gedankenvoll heimgekommen, wo die bunten Windlichter zwischen den Blütenzweigen des Hotelgartens schaukeln, wo eine übermütige, lebensfrohe Gesellschaft bei Mandolinenklängen und Gesang den Becher leert.

Klaus will unbemerkt sein Zimmerchen erreichen, aber Ninetta lehnt an der Thür und blitzt ihn mit ihren Glutaugen schier ungeduldig an.

»Wo bleiben Sie, Signor? Ich habe Ihnen die besten Stücke vom Reishuhn zurückgelegt!«

»Nun, so bring sie, Ninetta. Ich habe Hunger und werde deinem Mahl alle Ehre anthun!«

Eigentlich will er auf seinem Zimmer essen, aber die Lust weht ihm erstickend heiß aus dem Hause entgegen, und vom Garten her wogt es wie balsamischer Duft.

»Ich habe an jenem Tisch für Sie gedeckt!« flüstert der Wirtin Töchterlein voll bestrickender Anmut. »Es sind die Touristen, welche gestern aus Siracusa kamen! Der eine ein Maestro der Musik, der andere ein Bildhauer. O was für lustige Gesellen! Aber keck, Signore Sterley – ich gehe nicht allein wieder zu ihnen! Wenn Sie aber mit mir gehen und mich beschützen – dann, ja dann mag's sein! Wir wollen dann alle zusammen lachen! Aber küssen – ah küssen darf mich nur einer!«

Welche Augen! Welch ein verführerisches Lächeln, und sie legt kichernd ihre Hand in die seine und zieht ihn mit sich fort in den Garten.

»Wißt Ihr, Signore, – heut bin ich noch frei, heut kann ich noch scherzen und mich necken mit Euch, – aber morgen ist's vorbei! Kennt Ihr Giuseppe? Der Schönste, welcher je eine Gondola geführt! Er ist mein Schatz – und morgen kommt er heim aus Comiso, wo man seine Mutter – die liebe Seele – möge die heilige Jungfrau ihr gnädig sein! – begraben hat! Giuseppe ist eifersüchtig, er darf Euch nicht zu viel bei mir sehen, denn Ihr seid ebenso schön wie er, nur daß Euer Haar gelb und die Augen blau sind! O und seine Eifersucht. Man fürchtet ihn auf ganz Sizilien! Habt Ihr auch einen Schatz, Signore Sterley?«

Er hat nicht viel verstanden von all dem, was sie sagt, er freut sich aber, zu hören, daß Giuseppe keine Herrengesellschaft für sein kokettes Bräutchen wünscht, und daß dies ein Grund ist, ihre Gesellschaft etwas zu meiden. Ihre letzte Frage errät er.

Beinahe schrickt er zusammen.

»Einen Schatz?«

Wunderlich, er hat daheim schon oft die Schönheit und Anmut angeschwärmt und oft geglaubt, dieses oder jenes holde Kind habe es ihm angethan, in diesem Augenblick fällt ihm aber keines all der lachenden Gesichtchen ein, sondern ein blasses, thränenbetautes Antlitz steigt in rührender Schöne vor ihm auf.

Nein – er hat keinen Schatz – noch nicht!

Dennoch wirft er jählings den Kopf zurück und lacht. »Ja, Ninetta, ich habe auch einen Schatz, der ist auch so schön wie du, und so eifersüchtig wie Giuseppe, und dieses Liebchen wird bald hier sein und durch die Lorbeerbüsche lugen! Hüt dich vor ihr! Sieht sie dich allzu nahe bei mir, ist's um deine blanken Äuglein geschehen!«

Der Wirtin Töchterlein ist nicht sehr angenehm überrascht von dieser Neuigkeit, sie macht den blonden Maler für ihre Begriffe recht uninteressant. Aber sie trauert nicht, im Gegenteil, sie lacht desto heller auf und drückt seine Hand.

»So gehört uns beiden nur noch der heutige Tag evviva l'amore! Laßt Euch einschänken!«

Die beiden fremden Künstler schwenken ihnen jubelnd die Hüte entgegen, und es währt nicht lange, so hallt die stille Nacht wieder von Musik, Gelächter und Gläserklang.

Und diese Nacht währt so lange, bis flammend rote Strahlen am östlichen Himmel emporzucken, bis Vogelstimmen dem jungen Tag entgegen schmettern.

Nun ist man müde – ehrlich müde, und die Augen schließen sich zu bleiernem, traumlosem Schlaf.

Als Klaus Sterley erwacht, glüht die Sonne schon wieder gegen die Fenster, es ist bereits eine vorgerückte Stunde, und der junge Mann sucht das Versäumte durch fliegende Eile nachzuholen.

Er stürmt den Weg zu der Favorita empor. Der Garten liegt still und einsam, der Platz auf der Mauer ist leer.

Ein Gefühl angstvoller Sorge überkommt ihn.

Er tritt an die kleine Gartenpforte und legt die Hand auf den Drücker, – sie öffnet sich.

Er tritt ein, – sein Blick irrt suchend umher. – Still und einsam.

Die gelben Jonquillen duften vom Rasen empor, und in den Citronenzweigen raschelt es, zwei kleine »Oscines« flattern auf, in den entfernter stehenden Maulbeerbäumen Schutz gegen den Eindringling zu suchen.

Von einem menschlichen Wesen ist weit und breit nichts zu entdecken, selbst die hellen Mauern der Favorita stehen mit geschlossenen Augen, wie im Schlaf, die Läden sind zumeist zum Schutz gegen die Sonne geschlossen.

Langsam steigt Klaus die kleine Anhöhe empor, wo er gestern sein luftiges Atelier aufgeschlagen, der Kies knirscht als einziger Laut unter seinen Schritten.

Ein Gefühl der Enttäuschung und Niedergeschlagenheit überkommt ihn.

Unschlüssig steht er und überlegt, was beginnen.

Soll er an dem Entwurf weiter arbeiten?

Nein, in dieser Stimmung nicht. Aber gehen darf er nicht, – kann nicht jeden Augenblick ihre schlanke Gestalt hinter den Büschen auftauchen?

Was soll er aber während dieser Zeit beginnen? Wenn man ihn überrascht, muß er bei der Arbeit sein!

Mit nachdenklichem Gesicht blickt er auf die weit hingebreitete Stadt und das Meer hinaus, und er bemerkt, daß die Aussicht von hier wirklich schön ist.

Sie trägt das echte, farbensatte Colorit eines südländischen Küstenbildes; er sieht bis Palermo.

Vielleicht kann er diesen Ausblick noch einmal gebrauchen, im Vordergrund Catania; die Mauern der Kathedrale leuchten im Sonnenschein, im Hintergrunde ragt der Ätna.

Mechanisch, beinahe etwas gelangweilt, nimmt er seinen gestrigen Platz wieder ein, läßt seine köstliche Dolorosa-Skizze im Deckel des Malkastens ruhen und stellt ein anderes Stück Malpappe auf, mit schnellen, genialen Pinselstrichen, ohne Kohle oder Bleistift zu benutzen, das neue Landschaftsbild zu entwerfen.

Und kaum daß er die Konturen fixiert, und den Himmel in sein leuchtendes Gewand gehüllt hat, erklingen leise, langsame Schritte hinter ihm auf dem Wege.

Klaus fühlt, wie seine Hand erbebt, aber er zwingt sich zu größter Gelassenheit und malt weiter, – erst als die Schritte so nahe erklingen, daß er sie nicht ignorieren kann, wendet er den Kopf, und in seiner Betroffenheit und abermaligen Enttäuschung reißt er erschrocken den Hut ab und macht eine tadellose Verbeugung. Aber seine Augen starren die fremde Erscheinung an wie eine Vision, und zwar wie eine der weniger erfreulichen.

Vor ihm steht eine unförmige, kleine Fleischmasse, von jenem schrecklichen Embonpoint der Südländerin, welche gereiftere Jahre erreicht hat. Verschwimmende Wellenlinien markieren ihre Figur, umspannt von einem buntgeblümten Mousselinekleid, welches in seiner Mitte einen schwachen Einschnitt zeigt, etwa wie eine Fischblase, deren beide Hälften sanft gegen einander gedrückt werden.

Die kleinen Fleischwülste von Händen liegen behaglich auf dem Hochplateau des Leibes, und über die etwas fettigen Spitzen des Halsausschnittes quillt ein wohl vierfaches Kinn, so rund und glänzend wie der Ring, welcher die leuchtende Scheibe des Saturns umgibt.

Und freundlich wie der gute, ferne Planet lächelt das feiste Antlitz mit dem großen, flachen, ersichtlich rot geschminkten Mund, den dunklen Äuglein, welche nur noch durch eine schmale Ritze aus den Specklagen und Thränensäcken hervor blinzen. Die Nase ist wohl niemals groß gewesen, jetzt hat sie sich vollkommen in ihr nichts zurückgezogen.

Und um dieses gelbrote Gebilde kraust sich schwarze Negerwolle, auf welcher ein schwarzer Spitzenshawl mit hohem Goldfiligrankamm festgesteckt ist, während sich in den lang herabgezogenen Ohrlappen mächtige Ohrringe von lapis lazuli schwingen.

Mit huldvollem Lächeln nickt die Signora dem fremden Maler zu und tritt mit Kennermiene hinter das entworfene Bild.

»O scharmant! Recht brav gemacht!« lobt sie mit einer Stimme, welche schon durch ihre Klangwellen Fettflecke hinterläßt. »Ich freue mich, daß Sie in meinem Garten so gute Aussicht gefunden haben. Fräulein Reckwitz sprach mir bereits von Ihnen und bat mich, Ihnen das Bürgerrecht für dieses Plätzchen zu verleihen, was ich hiermit sehr gern und in aller Form thun will!«

Eine leichte, noch immer graziös kokette Neigung ihres Hauptes, welche Klaus durch eine mehr galante als respektvolle Verbeugung erwiderte. Er kannte die Signoras, die alten wie die jungen, und hatte gefunden, daß sich alle untereinander zum Verwechseln ähnlich waren.

Seine erste bittere Enttäuschung, ja sein Schreck waren einem schier eifrigen Interesse gewichen. Fräulein Reckwitz! Nun wußte er schon den Namen, und gewann er die freundliche Matrone hier zur Bundesgenossin, so erfuhr er auch noch viel mehr von seiner schönen Dolorosa!

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»Ich habe den Vorzug, Signora Julia Livornesi gegenüber zu stehen?« fragte er mit einem Blick seiner blauen Augen, wie ihn selbst Ninetta in seiner vollen Unwiderstehlichkeit noch nicht zu sehen bekommen hatte. »Welch ein Vorzug, hochverehrte Frau, von Ihnen selber in dieses kleine Paradies der Favorita eingeführt zu werden! Wo der Geist schöner und gütiger Frauen waltet, da fühlt sich der Genius besonders gern heimisch, und darum bin ich überzeugt, gerade hier, unter Ihrem Patronat, Signora Julia, ganz Außerordentliches zu leisten!«

Sie knickte, so gefühlvoll sie es vermochte, in der markierten Taille zusammen und reichte dem bildhübschen, galanten Schlingel sehr huldvoll die Hand entgegen, welche Klaus mit wahrem Heroismus und sprechendstem Blick an die Lippen führte. .

Das war der Signora lange nicht mehr passiert, sie blies die Backen auf und pustete vor Genugthuung.

»Ich liebe die Maler, vornehmlich die deutschen; es sind Menschen von Lebensart und gutem Geschmack. Auch mag ich die Fröhlichkeit gerne, sie macht jung und erhält frisch! Und Ihre Augen verstehen zu lachen, Signor; das ist die gefährlichste Waffe, welche Sie gegen Weiberherzen führen können! Sind Sie schon längere Zeit in Catania? Ich sah Sie bisher noch nicht, und doch entgeht mir selten etwas Fremdes hier!«

»Die Favorita liegt etwas abseits von der Straße, Signora!« kokettierte Klaus mit seinem allerlachendsten Blick, und obwohl ich schon einmal ahnungslos meiner scharmanten Gönnerin« – wieder eine Verbeugung – »Fensterparade machte, mußte ich doch zu ungelegener Zeit gekommen sein!«

Die Livornesi sah ganz echauffiert aus vor Freude. Sie watschelte seitwärts nach einer Bank, welche unter den Maulbeerbäumen stand, und winkte Klaus zu folgen.

Es sah sehr spaßhaft aus, sie gegen das Licht zu sehen. Die Unterkleider waren bedeutend kürzer als das dünne Mousselinegewand, welches in spitzer, kleiner Schleppe hinterher wedelte und einer indiskreten Gardine glich, durch welche man hindurch sehen kann.

Da die Fußbekleidung etwas bequem und die Strümpfe der Hitze wegen gespart waren, so bekam Klaus Dinge zu sehen, welche eine etwas weniger durchsichtige Robe gnädig mit Nacht und Grauen bedeckt haben würde.

Nein, eine Venus war Donna Julia nicht an Gestalt, und daß sie etwas über die große Zehe ging, war ein Umstand, welcher Sterley als großen Geist nicht genieren durfte.

Dennoch glaubte er an seinem innerlichen Gelächter ersticken zu müssen, und es war gut, daß sich die massige Schöne von Catania nicht umsah, sie hätte doch vielleicht ein recht verräterisches Spitzbubenlachen in den schönen Augen ihres neuen Verehrers wahrgenommen. Die Bank ächzte unter der Ehre und Last, welche ihr angethan wurde, und Klaus lehnte sich vorsichtshalber an den Baumstamm zur Seite, derweil die Signora einen Fächer von ungeheurer Dimension, welcher sich an einem roten Band vor ihren Knien schaukelte, zur Hand nahm und sich mit all der Koketterie verflossener, schöner Tage Kühlung zufächelte.

»Sie heißen... ja, Fräulein Reckwitz wußte Ihren Namen auch nicht mehr genau –« hub die Italienerin mit beinahe neckischem Aufblick an, und Klaus beeilte sich, die versäumte Vorstellung nachzuholen.

»Ein schöner, wohlklingender Name!« lobte die Livornesi, »obwohl unsere Zunge sich schwer an das Deutsche gewöhnt. Ich spreche diese Sprache nicht und freue mich doppelt, daß Sie so gut italienisch gelernt haben!«

»Aber Signora haben so viele deutsche Gäste im Haus.«

»Pah... nicht viel. Die Damen Schaddinghaus und Reckwitz – puh – und die sind nicht mein Geschmack, daß ich um ihretwillen eine Sprache lernen möchte.«

»Ah – Sie mögen Fräulein Reckwitz nicht leiden?«

Die Signora zuckte so lebhaft die Achseln, daß alles an ihr wogte. »Die schon eher als die gräuliche Tante Schaddinghaus, welcher sie Gesellschaft leisten muß. Die Charitas ist...«

»Charitas?« –

»Ja, ja, das ist Fräulein Reckwitz! Sehen Sie, die Charitas ist ein hübsches Mädchen, alles was recht ist, das ist sie! Aber eine Thränenweide! Nichts als Trauer und Seufzen und einsames in der Ecke Hocken! Soll das Jugend sein? Ja? Wenn sie nicht mit den jungen Leuten mitthun will, mag sie doch in ein Kloster gehen! Ich kann solch lamentabeles Gethue nicht leiden!«

»Nun Signora, nicht alle Menschen sind solche Lieblinge des Glückes wie Sie! Vielleicht hat das arme Mädchen ein schweres Schicksal oder einen Herzenskummer...«

»Herzenskummer?« Die Speckmassen ihres Gesichts legten sich in beinahe verächtliche Falten. »Woher denn? Sie sieht ja keinen Menschen im Wege an! Der hübsche, flotte Ernesto hat Abend für Abend unter ihrem Fenster gesungen. Glauben Sie, daß sie nur einmal die Gardine gelüftet hätte? – Gott strafe mich, wenn es geschah. Nein, Fischblut! – Fischblut! – Da ist nichts mit Liebe! Aber ein schweres Schicksal hat sie, das weiß und sehe ich, obwohl sie nie klagt. Die Tante ist eine Satanella, ein bitterböses Weib und quält das arme Kind noch zu Tode! Du lieber Gott, ich wollte ihr heimlich zu ihrem Recht verhelfen, sagte ihr: ›Die Julia Livornesi ist die Schutzpatronin aller Liebenden, sie können sich bei mir sehen, so viel sie wollen...‹ Aber glauben Sie, daß sie auch nur die kleinste Liebelei mit Ernesto anfing? Maledetto! Nein!

»Hat sie keine Eltern mehr?«

»Nein, sie steht ganz allein und verlassen in der Welt!«

»Und ist Signor Ernesto gestern abgereist?«

»Wie wird er! Der liebe Mensch ist mein Neffe, er wohnt in der Villa Mercedes, welche seinen Eltern gehört.«

»So, so! Welch eine gute Partie also! Unbegreiflich. In die Familie der Signora heiraten zu können, wäre doch für jedermann ein Glück!«

»Sie Schelm! Ich habe graue Haare!«

»Man sieht dieselben nicht, Signora Julia! Aber hat es denn Fräulein Reckwitz so schwer bei der Tante, daß sie nicht einmal hier in den Garten kommt? Dann könnte Signor Ernesto sich ihr wohl mit mehr Erfolg nähern!«

»Hier in den Garten? O was denken Sie! Die Tante bewacht das arme Kind wie ein Cerberus, ununterbrochen muß sie ihr zu Diensten sein, flicken, nähen, massieren, ihr jede Tasse reichen! O, wenn die Frau Schaddinghaus erst die Augen auf hat, kommt sie aus Schelten und Mißhandeln gar nicht mehr heraus! Armes Teufelchen, die Charitas! Nur am frühesten Morgen, wenn wir alle noch schlafen, schleicht sich das liebe Seelchen einmal hierher in die Einsamkeit – ach ja, man muß sie bedauern, sie führt ein elendes Leben, und wenn in acht Tagen der Onkel noch herkommt, dann soll es noch trostloser werden! Um so wunderlicher, daß sie bei solchen Menschen bleibt! Wenn man so hübsch ist! Diavalo! – Sehen Sie, Signor Sterley, als ich vierzehn Jahre alt war, bin ich auch meiner Großmutter davongelaufen, weil sie mich zu streng hielt! Da ging ich mit Pietro nach Napoli! Du lieber Gott, es war ja kein sonderliches Glück, erst lebten wir wie die Zigeuner, bis das Geld alle war, da hatten wir auch genug von einander. Pietro nahm Dienste auf einem Schiff, und ich sang abends in den Kaffeegärten. Nach Hause wollte ich nicht zurück; es ging mir auch gut; ich war damals noch jung und hübsch! si signor« – blinzelte sie neckisch hinter dem Fächer hervor und bekam plötzlich etwas ganz Naives in Ausdruck und Wesen – »ich war sehr hübsch!«

Klaus legte beteuernd die Hand auf das Herz und die Sprecherin fuhr befriedigt fort: »Es ging ganz lustig vorwärts mit mir, gute Tage und gute Nächte! Meine Stimme fiel auf, ich fand einen Kunstfreund, welcher sie ausbilden ließ, von der Chansonnette arbeitete ich mich bis an die Oper hinauf. Ich verdiente viel Geld und war frei, o, so frei und so jung und so glücklich! Das Leben habe ich genossen. Dann kamen die Jahre. Ach, wo sind Taille und Stimme geblieben! Ich kaufte mir die Favorita und finde nun mein Vergnügen darin, für fremde Menschen zu sorgen. Die Künstler liebe ich besonders, gehöre ich doch selber zu ihnen, und sie gefallen mir besonders, Signor Sterley! Charitas sagt, daß Sie noch im Hotel gebunden seien. Schade, die Lamprellos sind eine üble Sippe. Aber hilft nichts, wenn Sie frei sind, wohnen Sie bei mir! Und nun avanti an die Arbeit, Sie werden bald ein Maëstro sein – und morgen erzählen Sie mir von Ihren Schicksalen! addio

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