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Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XVI.

Als der General von Torisdorff noch lebte, hatte Josef am Weihnachtsabend ein paar armen Kindern bescheren dürfen.

Er wählte voll freudigen Eifers alles von seinen eigenen, alten Spielsachen aus, was ihm noch schön und gut genug für Christleins Tisch deuchte, und schon dieses geschäftliche Vorbereiten erfüllte sein Kinderherz mit all der Genugthuung, welche ein fröhlicher Geber fühlt.

Auch der feierliche Moment des Aufbauens selbst gehörte zu seiner schönsten Weihnachtsfreude, wenngleich er es stets wie eine Art Enttäuschung empfand, wenn die so reich bedachten Kleinen still, scheu, bis zur Versteinerung schüchtern vor all den Herrlichkeiten standen und kaum wagten, den Blick zu heben.

»Aber Mama, warum freuen sie sich denn gar nicht?« hatte er oft recht betrübt gefragt.

»Sie freuen sich ja, Herzenskind! Sie sind nur von all dem fremden Glanz befangen! Ihr Jubel kommt, wenn sie wieder daheim sind!«

Das beklagte Josef jedesmal sehr schmerzlich. Wenn er jemand eine Freude machen wollte, so verlangte er dieselbe auch zu sehen!

Als er jetzt die Wohnung für Frau und Fräulein von Damasus hergerichtet hatte, kam es ihm wie eine selige Kindererinnerung an ferne Weihnachtszeiten, wo er auch für Fremde den Tisch bereitet, und wie ein Nachhall an das Ehemals zitterte auch jetzt ein Klang durch seine Seele, der beinahe sehnsüchtige Wunsch: »Ach, wenn sie sich doch auch darüber freuen möchten und mir solche Freude zeigen!« – –

Jetzt, als er seine Schützlinge von der Bahn abholte, als er den Damen im Wagen gegenüber saß, sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen, sollte er eine jubelnde, überströmende Freude und Dankbarkeit erleben, nach welcher ehemals sein Kinderherz so sehnsüchtig und so vergeblich verlangt hatte. Die Geheimrätin schien anfangs ein wenig verlegen über die sprudelnde Lebhaftigkeit ihres Töchterchens und suchte dieselbe mit dem Umstand zu entschuldigen, daß Rothtraut so unmittelbar und rückhaltlos in ihrem Empfinden und Denken sei, da sie stets eine so ungeheure Liebe für das Landleben besessen. Ehemals, als die Großeltern noch lebten, habe sie jeden Sommer auf dem Gut derselben verbringen können!

Als sie aber in die glänzenden Augen des jungen Freiherrn sah, welcher ihr mit warmen Worten versicherte, solch ein Sonnenstrahl ansteckender Fröhlichkeit sei seltener Gast in seinem dunklen Leben gewesen, er empfinde ihn darum desto wohlthuender, da wehrte sie dem Plaudermäulchen nicht mehr, und Rothtraut triumphierte: »Siehst du, Mama? Herr von Torisdorff ist gar nicht nervös! Er erträgt die Geister, welche er gerufen hat, mit Würde!« Und dabei saß sie keinen Augenblick auf ihrem Platze still, jeder Baum, jedes Gebäude, jeder Acker interessierte sie, alles mußte ihr benannt und erklärt werden, auf den Anblick der geheimnisvollen Bergwerksarbeiten »brannte« sie, und auf Lichtenhagen, seine Pferde-, Kuh- und Schafställe freute sie sich so, so, – es gab gar keine Worte, zu sagen wie!

Und Josef freute sich mit ihr; auch ihm fuhr der Wagen plötzlich viel zu langsam, und als er endlich vor der steinernen Treppe des Gutshauses hielt und Rothtraut voll stürmischen Entzückens die Arme so jählings ausbreitete, daß die Geheimrätin bis in die äußerste Wagenecke flüchten mußte, da rüttelte er ebenso ungeduldig an dem etwas verquollenen Wagenschlag, wie das Backfischchen mit den kleinen Füßen zappelte! Endlich konnte sie zur Erde springen, und sie stand und starrte ungeniert den imposanten, altertümlichen Bau an und stieß so recht aus tiefstem Herzen hervor: »Mama! sieh doch, wie wunder-, wunderschön! Noch viel schöner, als ich gedacht habe!« Und ihre lebhaften Augen blitzten in dem frisch geröteten Gesichtchen und ließen die Blicke umherschweifen, so viel kindlich froher und entzückter, wie ehemals all die Kleinen zusammen, welche vor seinem Christbaum standen.

Josef konnte sich gar nicht satt an so viel ehrlicher und reizender Freude sehen.

Handgepäck, Mutter, Torisdorff, alles war vergessen! Rothtraut stand vor ihrem Weihnachtstisch und schaute – schaute!

Josef winkte der herbeieilenden Mamsell und Schaal zu, die Sachen aus dem Wagen zu nehmen; dann bot er Frau von Damasus respektvoll den Arm, sie voll ritterlicher Zuvorkommenheit nach ihren Zimmern zu führen.

Dieses Benehmen des Hausherrn räumte der Geheimrätin von vornherein die Stellung in Lichtenhagen ein, welche ihr gegeben werden sollte, und die alte Dame empfand diesen Takt ihres jungen Beschützers voll unbeschreiblichen Dankes.

Sie, welche für ein Markstück bei Schuster und Schneider am Herd gestanden, um ein Gevatteressen zu kochen, brauchte das in den Augen des Freiherrn von Torisdorff nicht zu entgelten; er gab ihr die Ehren, welche ihr gebührten, als etwas durchaus Selbstverständliches. Rothtraut sprang, fiebernd vor Neugierde und Interesse, die Steinstufen empor.

Zuvor nickte sie mit herzigem Lächeln der Mamsell und Schaal zu, rief dem knixenden Mädchen an der Thür ein beinahe übermütiges »Grüß Gott!« zu und staunte dann, einen Moment still stehend, die Halle an, in welcher zu Ehren des Tages ein helles Feuer in dem Kamin prasselte.

»Mama! Mama! Hast du gesehen?« Aber Frau von Damasus war schon in ihr Zimmer getreten und Rothtraut stürmte ihr nach.

Josef blickte ihr bereits entgegen, erwartungsvoll, mehr noch beglückt wie die, welche er erfreuen wollte.

Und er fand seinen Lohn. Die alte, verträumte Herrlichkeit des so lange Jahre verlassenen Lichtenhagen wurde wie mit einem Zauberschlage lebendig, als der helle, ungestüme Jubel der frischen Mädchenstimme sie durchhaute.

So erwachte wohl das Dornröschenschloß nach langem Zauberschlaf!

Welch ein Bewundern! Welch ein Danken! Welch ein Fragen kreuz und quer!

Während Frau von Damasus nur in übermächtigem Gefühl dem jungen Mann beide Hände entgegenbot und mit feuchten Augen flüsterte: »Gott lohne es Ihnen, was Sie an uns thun!«, kannte Rothtraut keine Rührung oder Ergriffenheit; sie jubelte durch die schönen, behaglichen Räume, sie war in dem einen Augenblick hier, in dem andern dort, sie sah mit hundert Augen, sie schwelgte wie ein Kind in dem Rausch interessanter Neuheiten. Und dann klappte sie mit einem silberhell jauchzenden Lachen das Klavier auf, unbekümmert um alle, welche ihr lachend mit den Blicken folgten, schlug ein paar Akkorde an und sang mit schallender, glockenheller Stimme: »Sei mir gegrüßt viel tausend Mal! Sei mir gegrüßt! Sei mir gegrüßt!«

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Ja, das stille Haus war lebendig geworden, und die Schneeflocken tanzten so toll draußen durch die Luft, als hätten sie durch die Scheiben gelugt und sich dieses Wandels unbändig gefreut. Josef trat mit strahlendem Gesicht neben das Klavier.

»Können Sie wirklich darauf spielen? Paßt es wirklich zu Ihrem Gesang?«

»Und ob es paßt!« nickte Rothtraut eifrig. »Finden Sie es etwa schlecht? Na, da hätten Sie mal den Rumpelkasten hören sollen, den Mama mir in der Stadt gemietet hatte! Da gingen immer nur drei Töne nebeneinander, und dazwischen klang es immer: pff – pff – als ob einer durch 'ne Zahnlücke pustete!«

»Und darauf mußten Sie üben?«

Rothtraut nickte und spielte mit kolossaler Vehemenz weiter. »Volle ein und ein halbes Jahr! Seit ich konfirmiert war, ging's mit der Musik los!«

»Schon vor so langer Zeit sind Sie konfirmiert?« lächelte er.

Sie sah ihn einen Moment prüfend an. »Ich war ja schon fünfzehn Jahre damals alt! Jetzt werde ich schon siebzehn. Ist das eigentlich noch jung oder schon alt? Mir ist nämlich beides ganz gleichgültig. In die Schule brauche ich nicht mehr zu gehen, und mehr verlange ich vorläufig nicht.«

»Musik studierten Sie gern?«

Sie zog das Näschen ein wenig kraus. »Man muß auch dabei so lange auf einem Fleck sitzen und mir macht es hauptsächlich Freude, im Haus herum zu wirtschaften! In unserm kleinen Stübchen hatte ich gar keinen Platz dazu – aber hier! – Ach, hier ist Freiheit! Hier kann ich mich doch bewegen!« – Und den Worten sogleich die That folgen lassend, sprang sie auf und dehnte voll Wonne die Arme.

»Und dieses prachtvolle, große Zimmer soll wirklich für mich sein? Ich habe meine eigene Stube?«

»Gewiß, mein gnädiges Fräulein!«

»Du großer Gott! Das muß ich heute abend sofort noch an Hagborns schreiben! Natürlich nur per Postkarte – zu einem Brief fände ich unmöglich schon Zeit! – Schreiben Sie gerne Briefe? – Gewiß nein! Ich auch nicht! Und... ach... hier steht ja noch ein Schreibtisch! – Auch für mich? – Mama! Mama! Ich habe einen eigenen Schreibtisch für mich! – Dann schreibe ich natürlich auch Briefe! – An wen denn nur? – O, ich werde mich schon auf genug Menschen besinnen, – vielleicht führe ich jetzt ein Tagebuch, dem Schreibtisch zu Liebe! Prachtvoll, das thue ich! – Und dieser süße, kleine Schrank! Welch eine seltsame Façon! Mit ganz schiefen Füßen, wie ein Teckel! Aber reizend, wonnig! Ganz von Gold und mit Perlmutter... Wo wohnen Sie eigentlich? – Dort? – Darf ich Ihre Zimmer auch sehen?«

»Wenn es Ihnen Freude macht, stehen Ihnen alle Schlüssel zu dem ganzen Hause zur Verfügung.«

»O Sie lieber, guter Herr von Torisdorff! Sie sind wirklich furchtbar nett! Ach, wie bin ich so glücklich, so sehr glücklich! Ob wohl die Kaiserin ebenso glücklich ist wie ich? Ich glaube, ja, die Kaiserin ist's! Aber sonst kein Mensch weiter auf der ganzen Welt!«

Frau von Damasus trat herzu und legte die Hand auf den Arm des aufgeregten Töchterchens.

»Nun beruhige dich erst einmal, du Wildfang, und lege deinen Mantel ab. Du siehst, daß Herr von Torisdorff gerufen wird.«

Schaal trat in die Thür und fragte in strammer Haltung an, ob das Mittagbrot allsogleich serviert werden solle.

»Ach ja, bitte, ich habe tollen Hunger!« flehte Rothtraut leise und ohne alle Prüderie.

Josef lachte, und empfahl sich mit der Versicherung, daß diesem Übel sofort abgeholfen werden solle.

»Aber, Kind, genierst du dich denn gar nicht?« entsetzte sich die Geheimrätin.

Die Kleine sah sie erstaunt an: »Vor Torisdorff? Nein! Muß ich mich vor ihm genieren? Ach, das ist so langweilig! Warum denn? Er ist ja so alt gegen mich, und bei Onkel Theodor habe ich mich auch nie geziert! Ich habe doch wirklich Hunger, wirklich schrecklichen Hunger, Mama!«

Frau von Damasus lächelt und durch ihre Gedanken zieht es wie ein trautes Wort: »Betend, – daß Gott dich erhalte, so jung, so hold und rein!«

– – – – – – – –

Welch einen Wandel hatten die wenigen Wochen für Lichtenhagen mitgebracht! Neues Leben flutete durch das Haus.

Die milde, aber sehr umsichtige und vortreffliche Leitung der Geheimrätin schaffte bald eine Ordnung und ein Behagen, welches dem ganzen Haushalt einen neuen Stempel aufdrückte, und Josef freute sich immer mehr auf die Stunden, welche er in Lichtenhagen zubringen konnte.

Die Arbeiten in Krembs schritten der Kälte wegen nur langsam vorwärts, und der junge Gutsherr hatte viel freie Zeit, welche er seinen Gästen – denn als solche erachtete er die Damen – widmen konnte.

Sein Verkehr mit Rothtraut gestaltete sich immer erquicklicher.

Die Gegensätze berührten sich in wohlthuendster Weise.

Der tiefe Ernst seines Wesens, welcher sich auch in seinem Äußeren ausprägte und nie ganz zu verwischen war, wenn er selbst auf den heitern Ton des Backfischchens einging und mit ihr scherzte und lachte, bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrer sonnigen Kindlichkeit und gestaltete den Verkehr zwischen ihnen so harmlos, wie zwischen einem gereiften Mann und einem kleinen Mädchen.

Rothtraut hatte von Anfang an das ruhige und gesetzte Wesen Torisdorffs »alt« genannt, und dieses Empfinden hielt alles fern, was auch nur den leisesten lyrischen Gedanken in ihr hätte wecken können.

In diesem Falle berührten sich die Gegensätze nicht. So gern und viel beide zusammen verkehrten, so erfrischend Rothtrauts Wesen auf Josef – und so veredelnd wie sein Einfluß auf ihre Oberflächlichkeit wirkte –, es lag doch zwischen ihnen ein unbewußtes Etwas, welches kein anderes Empfinden als das einer herzlichen Freundschaft zwischen ihnen aufkommen ließ. Josefs Herz gehörte mit all seiner Liebe und seinem treuen Sehnen Charitas, und je mehr die Zeit verstrich, ohne daß er Nachricht von ihr erhoffen durfte, um so quälender empfand er diese vollkommene Trennung von ihr. Nach Weihnachten erfaßte ihn eine so leidenschaftliche Sehnsucht, daß er mit bebender Hand den Federhalter umkrampfte, um ihr zu schreiben und sie wenigstens von dem ganzen Wandel der Verhältnisse in Kenntnis zu setzen, aber mit verzweifeltem Aufstöhnen warf er die Feder wieder aus der Hand.

Er durfte ihr nicht schreiben! Er mußte es sich selbst sagen, daß sein Brief, falls er von den Pflegeeltern abgefaßt wurde, der armen Geliebten namenlose Unannehmlichkeiten bereiten würde.

Ihr Leben war jetzt schon eine Hölle, – sollte er es noch trostloser gestalten?

Noch könnte er die Geliebte nicht als Weib heimführen, noch stand sie unter der Gewalt des Vormundes, welche erst im kommenden Herbst ihr Ende erreichen wird.

Freiwillig gibt Schaddinghaus nie seine Erlaubnis zu ihrer Ehe, denn Josefs Scharfblick ist es nicht entgangen, daß das Ehepaar die Nichte aus gemeinstem Egoismus an sich fesselt und sie aus Berechnung von aller Welt und allem Verkehr zurückhält.

Warum also unnötige Kämpfe heraufbeschwören! Charitas Mündigkeitserklärung wird eine ruhige und glatte Lösung bringen. Also in Geduld bis zum nächsten Herbst aushalten. Aber die Geduld war eine schwere Übung, und die Sehnsucht zeigte sich stärker als sie.

Im Januar mußte Torisdorff eine Reise antreten, geschäftliche Beziehungen anzuknüpfen.

Als er vor dem gepackten Koffer stand, kam es voll unwiderstehlicher Gewalt über ihn.

Er reiste nach Eisenach.

Vielleicht gelang es ihm, Charitas unbemerkt zu sehen, sie zu sprechen, ihr alles mitzuteilen. Ach, wie wird ihnen beiden nach einer solch seligen Aussprache das Warten leicht werden!

Er fand die kleine Villa im Marienthal, welche Regierungsrat Schaddinghaus bewohnte. Aber die Auskunft, welche er von der Dienerschaft des Nachbargebäudes erhielt, war trostlos.

Herr Schaddinghaus befand sich als Abgeordneter in Berlin, und seine Frau und Nichte hatten eine Reise nach dem Süden angetreten.

Ein Mädchen behauptete, die Regierungsrätin verbringe den Winter bei Verwandten auf einer ganz einsamen Oberförsterei, wohl der armen Pflegetochter zum Trotz, welche ja wie eine Gefangene gehalten werde.

Etwas Genaues wußte niemand.

Auch auf der Post kannte man keine Adresse der beiden Damen.

Es kamen keine Briefe zum Nachsenden.

Sehr niedergeschlagen setzte Josef die Reise fort. Es blieb keine Möglichkeit, sich der Geliebten zu nähern, er mußte den Herbst abwarten, um sein Glück zu erringen und zu eigen zu nehmen.

Rothtraut stand auf dem Perron und empfing ihn voll Jubel.

»Ich bin heimlich mit herausgefahren!« berichtete sie ihm strahlenden Blicks. »Mama würde es nicht erlaubt haben! Sie findet es unpassend – als ob Sie nicht alt genug wären, um mich chaperonnieren zu können! Ich mußte Ihnen aber entgegenkommen! Ich hielt es gar nicht aus vor Ungeduld. Denken Sie doch, Borbeck ist am Fieber krank geworden. Der Doktor meint, er habe sich bei der Erdarbeit erkältet, es war so naß in den letzten Tagen, – fünf Grad Wärme plötzlich! Aber Mama pflegt ihn, und der Doktor meint, wir bekämen ihn bald wieder hoch! Und der Förster hat jetzt einen prachtvollen Bericht erstattet, zwei kapitale Rehböcke stehen am Steinkopf, und von den königlichen Forsten sind Wildschweine übergetreten. Hasen gab's auch noch in schwerer Menge, wir mußten die paar Tage im Januar noch benutzen und abschießen! Darf ich wieder mit hinaus und treiben helfen? – Ach bitte, bitte, nicht wahr, Sie nehmen mich mit, lieber, allerbester Herr von Torisdorff?«

Josef war ein wenig betroffen, als er den kleinen Wildfang vor sich sah. Ihre große Freude und Munterkeit berührten ihn so sympathisch wie immer, aber er hielt es für ebenso wenig passend wie die Geheimrätin, allein mit dem jungen Mädchen eine verhältnismäßig weite Strecke durch Dorfschaften und die kleine Provinzialstadt, wo er noch vorsprechen mußte, zu fahren.

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»Wie freundlich, daß Sie mich abholen, Fräulein Rothtraut«, sagte er und schüttelte ihr herzlich die Hand, »und wie sehr schade, daß ich nun doch nicht mit Ihnen heimfahren kann. Ich habe noch in der Stadt zu thun und darf Sie unmöglich so lange aushalten, Ihre Frau Mama würde sich ängstigen!«

Sehr enttäuscht sahen die großen Kinderaugen zu ihm auf.

»Und ich hatte mich so sehr gefreut!« sagte sie leise.

Und warm ward es ihm bei solch herzlicher Naivetät ums Herz. Sein Blick umfaßte mit der Zärtlichkeit eines Vaters ihr junges Gesichtchen.

»Wir werden ja nun alle Tage wieder zusammen sein, Domino spielen, musizieren und auf die Jagd gehen«, lächelte er. »Sie wissen, daß mir Ihr Gesang so lieb ist, kleine Heidelerche, daß er mir so frohe, hoffnungsfreudige Gedanken vorzaubert, und deren bedarf ich jetzt recht viele, also wird es wohl oft heißen: »Bitte etwas Musik, Herr Kapellmeister!« –

Er scherzte, und doch lag dabei der alte ernste Ausdruck auf seinem Gesicht.

Auch Rothtraut lachte – und ihr Lachen war wie Sonnenschein. Sie nickte lebhaft und schritt an seiner Seite zu dem Gepäckschalter.

»Ich möchte Ihnen so gern etwas erzählen – ich kann's ja gar nicht mehr auf dem Herzen behalten, so recht albern wie ein ungeduldiges Kind, nicht wahr? Aber ich bin nun leider Gottes so, hinterher wird es mir meist klar, wie thöricht ich handle, aber dann ist es schon zu spät!« Sie seufzte so schmerzlich auf, daß Josef abermals lächelte: »Ist es denn gar so wichtig, daß Sie nicht ein Stündchen länger in Lichtenhagen warten konnten?«

»Furchtbar wichtig!« – Sie warf einen Blick hinter sich nach dem Schalter, ob auch niemand das Geheimnis erlauschen könne und fuhr hastig fort: »Wissen Sie noch, an dem ersten Tag, als wir ankamen, erlaubten Sie mir doch, daß ich alle Zimmer in dem Hause sehen könnte – auch die Ihren –, nicht wahr? Sie erinnern sich!«

»Gewiß! selbstverständlich!«

»Mama hat es nun nie erlaubt, daß ich Ihre Wohnung auf dem linken Flügel betrat, nicht mal, wenn Sie weg waren, wo Sie doch gar nichts davon gemerkt hätten! – als ob ich etwas anfassen und entzwei schlagen würde! So klein bin ich doch wirklich nicht mehr! Vor ein paar Tagen nun – als Sie verreist waren, stand die Thür von dem Eßzimmer nach Ihrer Wohnstube offen, und ich sah, daß die Mamsell darin rein machte. »Soll ich Ihnen ein bißchen helfen, Linchen? Vielleicht Staub wischen?« – fragte ich, und der dicken Pastete war das natürlich sehr recht. Also ich kam nun doch hinein und wischte Staub. – Und da ... da ...

»Gab es Scherben?« – Er amüsierte sich herrlich.

Voll Entrüstung hob sie die Hände. »Gott bewahre! Es war ja gar nichts Zerbrechliches da! Nein – ich kam auch an Ihren Schreibtisch –«

Sie senkte das Köpfchen sehr tief, glühende Blutwellen fluteten über die Wangen.

»Sie kippten die Tinte um?«

»Nein!« – – Ein schnelles Kopfschütteln. »Aber ein kleines Malheur gab es doch!«

»Nun? – Sie haben schon im voraus vollste Absolution!«

»Da stand eine Photographie – von einem jungen Herrn – ach, ein bildschöner Mensch! So schön wie ich noch gar niemand gesehen habe –« ihre Stimme klang stockend, ein strahlender Blick flog zu dem ernsten Mann empor – »und da nahm ich es – und wollte es besehen – und da –«

Er lächelte noch mehr. »Und da? – Was konnte dem Bildchen geschehen –?«

»Es fiel auf die Erde...«

Rothtraut hatte das Köpfchen noch tiefer gesenkt, sie atmete sehr schwer und die dunklen Wimpern blieben tief gesenkt.

»Was schadet das einer Photographie?« – fragte er erstaunt.

»Nichts! – Sie ist wirklich unversehrt!« – stotterte sie.

Nun lachte er schallend auf: »Und dies ist das ganze Unglück, welches sich ereignete?« –

Fräulein von Damasus blieb merkwürdigerweise recht ernst.

»Sie war doch hingefallen – auf die feuchte Erde – den Schreck hatte ich doch weg, denn ich wußte ja gar nicht, wen das Bild vorstellt, – ob es Ihnen nicht sehr lieb und teuer war?« – Abermals ein seltsam forschender, beinahe flehender Blick zu ihm auf. Josef war so gar kein Frauenkenner, er hatte nie Gelegenheit gehabt, in Mädchenaugen und Mädchenherzen zu lesen, er blieb völlig harmlos und lachte noch immer.

»Nein, mein Wort darauf, ich nehme die schlechte Behandlung des Bildes wirklich nicht übel!« – Ihre Fingerchen zupften ungeduldig an dem langhaarigen Muff.

»Mamsell wußte auch nicht, wen das Bild vorstellt!«

»I bewahre, woher soll sie das auch wissen, Klaus war noch niemals in Lichtenhagen!«

Ihre Augen flammten auf. »Klaus?« – wiederholte sie hastig.

Der Gepäckträger trat hinzu und meldete, daß der Koffer auf den Wagen geladen sei.

Herr von Torisdorff wandte sich zur Seite, zog die Börse und lohnte den Mann ab; und während er noch ein paar Worte mit ihm wechselte, stand Rothtraut erwartungsvoll, mit glühenden Wangen, sich schier verzehrend vor Ungeduld.

Endlich trat Josef zu ihr zurück. »Es ist so weit alles in Ordnung, mein gnädiges Fräulein, darf ich Sie zum Wagen bringen?«

Sie nickte. »Und wer... wer ist er also?«

»Wer? – Von wem sprechen Sie?«

Ihre scharfen, weißen Zähnchen schnitten in ihre Lippe. »Nun jener Klaus, – Sie wollten mir doch sagen, wer er eigentlich ist!«

»Ah so! Der Mann, welcher Ihnen zu Füßen gefallen!« – lachte Josef harmlos und ein wenig zerstreut, sein Blick musterte die Pferde, welche ein Stückchen abseits an der Chaussee hielten. »Habe ich Ihnen noch nicht von meinem Bruder erzählt?«

»Ihr Bruder?«

»Mein Stiefbruder, – Klaus Sterley! Ich dachte, wes das Herz voll ist, des geht der Mund über, und bin selber erstaunt, daß ich Ihnen meinen liebsten Kamerad noch nicht – in effigie wenigstens – vorgestellt habe!«

»Nein, das thaten Sie noch nicht!« versicherte Rothtraut sehr lebhaft, und es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichtchen, welcher wohl jedem anderen Manne aufgefallen wäre. »Wo wohnt denn Herr Sterley?«

»Zur Zeit in München!«

»Was thut er da?«

»Er malt.«

»Als Künstler? – Er ist Maler?« Wie ein Schrei schwärmerischen Entzückens klang es. Aber Josef bemerkte es nicht.

»Jawohl, Künstler! Und so Gott will, ist er einer von Gottes Gnaden, welcher noch viel Bedeutendes und Meisterliches schaffen wird!« versicherte er stolz. »Mögen Sie schöne Gemälde gern, Fräulein Rothtraut?«

Sie preßte den Muff stürmisch gegen die Brust, ihre frischen Lippen bebten. »Es gibt ja gar nichts schöneres! – Ach wie viel lieber hätte ich malen anstatt singen gelernt! Aber mein Vormund meinte, es sei eine zu brotlose Kunst, ich könne nicht schnell genug damit verdienen!«

»Haben Sie denn Talent?«

»Ich glaube wohl, ich habe immer gern gezeichnet und als Kind Bilderbogen angetuscht, ob es aber etwas taugt, weiß ich nicht! So ein Maler ist ein gar zu interessanter Mensch, – ich habe mal ein Buch gelesen, wo ein Maler der Hauptheld war, ach so geschwärmt wie für den habe ich noch nie wieder! –« Und dann senkte sie das Köpfchen wieder und blickte zur Seite. »Ist Ihr Herr Bruder schon lange verheiratet?« – forschte sie diplomatisch.

»Schon lange? – Nein, er ist überhaupt noch nicht vermählt!«

»Aber verlobt?«

»Daß ich nicht wüßte! So, wie ich Klaus kenne und taxiere, denkt er auch noch nicht daran, sich zu binden!«

»So; und wenn ihm nun Eine so recht, recht gut gefällt?« Wie leise sie sprach, er verstand es kaum.

»Nun, dann muß er sich auch erst eine sichere Existenz gegründet haben, ehe er ans Heiraten denken darf.«

»Er sieht so lustig auf dem Bilde aus –«

»Das ist er gottlob auch!«

»Fabelhaft nett?« –

»Ein Prachtmensch! Ein vortrefflicher Charakter!«

Josefs Augen leuchteten selber bei dem Gedanken in so stolzer Genugthuung, daß ihm das strahlende Lächeln Rothtrauts gar nicht auffiel.

»Kommt er nicht einmal nach Lichtenhagen?«

»Für den Sommer rechne ich bestimmt auf seinen Besuch!«

Ein leiser Jubellaut an seiner Seite, – die Kleine warf ausgelassen den Muff in die Luft und fing ihn wieder auf.

»Dann soll er Ihnen gewiß Malunterricht geben?« fragte Torisdorff amüsiert.

Sie schüttelte übermütig das blonde Köpfchen.

»Was thut König Ringangs Töchterlein?« sang sie schelmisch: »was thut sie wohl den ganzen Tag, da sie nicht sitzen und malen mag – thut fischen und jagen!«

»Ich glaube, damit ist Klaus ebenso einverstanden, denn das Streifen durch Feld und Wald ist ihm eine große Passion!«

»Ich würde mich auch viel zu sehr genieren, bei ihm zu malen, – ich kann ja noch nichts!«

»Wollen Sie sich ein wenig darin üben? Das Zeichnen verstehe ich zur Not, und könnte Ihnen dabei wohl behilflich sein!«

»O, das wäre schön!«

»Probieren wir's einmal!«

»Herrlich! Wann fangen wir an?«

»Wenn es Ihnen paßt! Ich habe jetzt noch viel freie Zeit, wenn aber der Frühling über die Berge steigt, ist's aus damit.«

»Gut, – morgen nach Tisch, in Mamas Zimmer, ja!«

»Ich stehe zur Verfügung; Was soll zuerst gezeichnet werden? – Landschaften?«

»Etwas ganz, ganz leichtes! Ich kann ja noch nichts.«

Seltsam, vor ihm geniert sie sich nicht.

Nein, Josef ist gar kein Menschenkenner, sonst hätte ihm solch ein Widerspruch wohl auffallen müssen.

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Er hebt die Kleine in den Wagen und reicht ihr die Hand zum Lebewohl.

Da blickt sie ihn plötzlich mit flehendem Blick an und wird ganz ängstlich.

»Sie fahren also wirklich nicht mit? Ach, ich verstehe, ich weiß warum! Lieber, bester Herr von Torisdorff, seien Sie mir, bitte, bitte, nicht böse! Ich empfinde es jetzt selber, wie unpassend es war, Ihnen entgegen zu fahren! Aber... ich war wieder so im Eifer... um des Bildes willen vergaß ich alles! – Wirklich nur um des Bildes willen! Nicht wahr, Sie sind nicht böse, und Sie sagen auch nichts Mama und Ihrem Bruder?«

»Klaus? Daß Sie das unerhörte Verbrechen begangen und sein Bild auf die Erde geworfen haben? O, wie sollte ich Sie derart verketzern! Nein, das bleibt für ewige Zeit ein Geheimnis zwischen uns! Und nun Gott befohlen, ich kann Ihnen weder heute noch jemals böse sein! Zufahren, Schaal! Sie bringen das gnädige Fräulein nach Hause und holen mich dann hier ab. Vor der ›Traube‹ können Sie auf mich warten! Addio, Fräulein Rothtraut! Auf Wiedersehen!«

* * *

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