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Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXV.

Mit beinahe fieberhafter Hast hatte Charitas den ganzen Abend geschrieben.

Annoncen für die Rubrik »Stellengesuche« verschiedener Zeitungen, mehrere Briefe an Krankenhäuser und Kleinkinder-Bewahranstalten, ja sogar an die afrikanischen Kolonien und die deutschen Diakonissenhäuser in Kairo und Konstantinopel hatte sie gedacht.

Frau von Damasus schüttelte besorgt den Kopf. »Aber um alles in der Welt, liebes Fräulein Reckwitz, wozu diese Hast und Überstürzung? Warten Sie doch vor allen Dingen die Ankunft des Herrn Sterley ab, welcher vielleicht ganz andere und viel bessere Pläne in Vorschlag bringen kann! Sie sind sehr elend und marode von der letzten bösen Zeit, so daß Sie einer gründlichen Ruhezeit bedürfen.«

Charitas legte mit dankbarem, aber unendlich wehmütigem Lächeln die Hand in die dargereichte Rechte der Sprecherin.

»Lassen Sie mich mit den Vorbereitungen beginnen, liebe teure, gnädige Frau«, bat sie weich, »wer weiß, ob unter all diesen vielen Briefen ein einziger ist, auf welchen überhaupt eine Antwort, geschweige ein Engagement erfolgt. Und ich muß an die Arbeit! Ich muß fort von hier; glauben Sie mir, verehrteste gnädige Frau, es ist am besten so!«

»Gefällt es Ihnen denn so gar nicht bei uns einfachen Menschen, in der ländlichen Stille hier?« fragte die Geheimrätin beinahe vorwurfsvoll; »Sie sehen doch, wie offen unsere Arme und Herzen Ihnen stehen?«

Die Augen des jungen Mädchens leuchteten in beinahe schwärmerischem Entzücken auf, sie schaute in dem traulichen Wohnzimmer umher, als wolle sie jeden einzelnen Gegenstand mit den Blicken zärtlich umfangen. Wie in jäher Erregung preßte sie die Hände gegen die Brust. »Hier bleiben können! Diesen Frieden, die Ruhe ewig atmen, dieses Dach zeitlebens über dem Haupt zu wissen – o, Gott im Himmel, gäbe es wohl ein größeres Glück für mich?« flüsterte sie leis wie in Gedanken. »Wahrlich, gnädige Frau, ich lasse mein Herz bei Ihnen zurück, und doch ... doch muß ich fort, so bald wie möglich, es ist besser so!«

Frau von Damasus küßte sie auf die Stirn. »Ich verstehe Sie, Charitas, dieser Stolz, dieser unbezwingliche Stolz, welcher nicht länger als nötig die Gastfreundschaft annehmen will! O, ich kann Ihnen das nachfühlen! Aber in diesem Hause ist er am unrichtigen Platz. Dennoch soll ihm Rechnung getragen werden. Sie suchen Arbeit bestes Herz; die finden Sie auch hier. Mamsell klagt seit gestern so sehr über geschwollene Füße, wollen Sie mir statt ihrer ein wenig zur Hand gehen? Sie können sich während Ihres hiesigen Aufenthalts recht nützlich machen, das gibt Ihnen das angenehme Bewußtsein, daß sie Ihrem Gastfreund tagtäglich die Schuld abtragen! Sie können dann in aller Seelenruhe und ohne Gewissensbisse hier sein, bis eine zusagende Offerte kommt, denn jede erste beste können Sie unmöglich annehmen, das sehen Sie wohl ein! – Sie willigen ein? O, wie endlich mal Ihr blasses Gesichtchen sich rötet und wieder froh aussieht! Das möchte ich mal bei Rothtraut erleben, daß sich der kleine Schmetterling so sichtlich über Arbeit freut! Aber da steckt noch kein Ernst dahinter, sie hat noch tausenderlei andere Interessen, für welche sie schwärmt, sie möchte vorläufig noch mehr durch das Leben tanzen und singen, anstatt ehrwürdig mit dem Schlüsselbund einher zu schreiten! Ja, und mit der Arbeit fangen wir morgen sogleich an!«

Die Sprecherin freute sich im Herzen des Erfolges ihrer Worte.

Charitas schien richtig von ihr beurteilt, sie lebte förmlich auf in dem Gedanken, ihre Dankesschuld abtragen zu können, und sie legte all ihre Briefe selbst in die große Postledermappe, mit frohem Lächeln und der Versicherung: »Nun werde ich mit mehr Geduld der Antworten harren.«

Man ging zeitig in Lichtenhagen zur Ruhe und stand zu guter Stunde wieder auf.

Als Charitas sich in ihr Zimmerchen zurückgezogen hatte, nahm Frau von Damasus die verschlossene Postmappe und ging in die Gesindestube des Inspektorhauses.

»Ist noch eine Gelegenheit nach Krembs?« fragte sie. »Die Post soll der Bequemlichkeit halber von dort besorgt werden, damit der gnädige Herr seine Schreiben nicht extra zu schicken braucht.«

»Befehlen, gnädige Frau, die Müllerin ist noch bei ihrer Tochter drüben, die kann die Tasche gut mit zurück nehmen.«

»Schön, das trifft sich ja ausgezeichnet. Laufen sie mal rüber, Jochen, und geben Sie sie ab!« Jochen stampfte mit respektvollem Gruß davon und die Geheimrätin ging beruhigt zu Bett.

– – – – – – – –

Nun wollte es wohl wirklich Frühling werden. Die Luft wehte lind und herbduftig über die moosige Erde, und die Sonne lugte durch Weiße Wolkenstreifen und vergoldete die jungen Grasspitzchen und schwellenden Knospen, an welchen noch die dicken Tautropfen hingen. Charitas hatte das Kleid geschürzt und schritt leichtfüßig über die weichen Gartenwege nach jenem Abteil des Parks, wo Schaal sein kleines Treibhaus und die Mistbeete errichtet hatte, und wo er unter großen Erdhaufen die Wurzeln, Steckrüben, Sellerie und Kohlköpfe für den Winter eingeschlagen hatte.

»Ich hab' die Rüben schon rausgebuddelt, sie liegen mit dem Porree dicht zu Hauf am Wege«, hatte er in der Küche gemeldet, und Charitas hatte hastig den Korb zur Hand genommen und ging sie zu holen.

Rothtraut stand auf dem Hof und fütterte die Tauben und Hühner, und Charitas blieb momentan stehen, dieses reizende Bild voll neidlosen Entzückens zu schauen.

Just bog die Kleine das blondlockige Köpfchen zurück und ließ die schneeweiß flatternden Täubchen die Körner von ihren roten Lippen picken. Dann sah sie die Freundin und nickte und winkte ihr so lebhaft zu, daß die befiederten Gäste erschreckt davonschwirrten.

»Wo gehen Sie hin, Liebchen?« rief sie lachend.

Charitas hob ihren Korb: »Rüben holen!«

»Hat das Faultier, der Schaal, sie mal wieder nicht mitgebracht? Zu arg, jeden Morgen derselbe Witz! Na, ich bin bald fertig hier, dann komme ich nach, nota bene, wenn ich nicht Staub wischen muß; wollen mal sehen, ob noch Zeit bleibt!«

»Ich bin ja sogleich zurück! Wir gehen nachher lieber zusammen zum Förster und fragen nach dem Holz, welches heute noch angefahren werden muß!«

» Bon, mir auch recht. Also, addio, mia bella Napoli«, und Rothtraut schmetterte die hellen Töne so übermütig in die warme Lenzesluft hinaus und lachte so voll Jugendlust dabei, als ahne sie gar nicht, daß addio »Lebewohl« heißt, und daß ein Lebewohl an das schöne Neapel doch etwas ernsthaft genommen werden muß.

Charitas war lächelnd davon geschritten, sie atmete voll inniger Wonne die köstliche Luft und blickte um sich, als halte sie ein fremder, nie gekannter Traum von Frieden und seliger Ruhe umfangen.

Lag die furchtbare, qualvolle Zeit im Hause ihrer Pflegeeltern denn so weit schon hinter ihr?

Sie begreift es jetzt selber nicht mehr, wie sie das Leben in jener Hölle so lange Jahre ertragen hat, ein Schauer überrieselt sie, wenn sie daran zurückdenkt, und sie scheucht solche Gedanken angstvoll von sich, als müßte sie den Zauber dieses weltfernen Paradieses vor jedem Mißklang hüten.

Wie schön, wie schön ist es hier!

Welche Liebe, welche Freundschaft, welch sorgende Güte umgeben sie.

Kein Hader, kein Zank, keine Zwietracht – Lachen und Singen, wohin man hört, strahlende und zufriedene Gesichter, wohin man blickt!

Ach ja, daß sie bleiben könnte, für immer ihr müdes Haupt unter diesem Dach niederlegen könnte! Keine liebere Stätte gäbe es auf weiter Welt für sie, und müßte sie arbeiten von früh bis spät, arbeiten mit Aufgebot all ihrer Kräfte, ach wie gern, wie über alles gern würde sie es thun! Und doch ist es bestimmt in Gottes Rat, daß sie vom Liebsten, was sie hat, muß scheiden! – Und sie wird es thun, ruhigen und gefaßten Herzens. Die kurze Zeit aber, welche sie den schönen Traum dieses Friedens träumen kann, will sie genießen und sich das Herz daran wärmen für eine lange, trostlose Pilgerfahrt. Ungestört wird sie sein; denn was sie anfänglich so besonders ängstigte und quälte, der Gedanke, dem Geliebten hier auf Schritt und Tritt zu begegnen, womöglich gar mit ihm zusammen in Lichtenhagen wohnen zu müssen, hat sich als grundlose Sorge erwiesen.

Sie hört es aus aller Mund bestätigt, daß Josef seit Wochen das Gutshaus nicht betreten hat, daß er den ganzen Tag bei dem Bergwerk beschäftigt ist und persönlich den Bau desselben überwacht.

Kam er früher nicht, wird er jetzt erst recht nicht kommen.

Was sie stets voll stillen Herzeleids gewähnt, daß er nur aus Pflichtgefühl um sie gefreit hat, das scheint ihr jetzt eine Gewißheit. Noch einmal fragte er als freier Mann bei ihr an, um sein Gewissen zu beruhigen. Ihre Antwort enthob ihn jeder Verpflichtung, und jener kurze, unüberlegte Taumel jäher Leidenschaft, jenes selige Waldeinsamkeitsidyll auf der Alpmatte der Printanière verflog und verwehte unter dem neuen Eindruck, welchen ein rosiges, lachendes Elfenkind auf ihn gemacht.

Er liebte Rothtraut, und sie liebte ihn.

Sprach sich in seinen Zügen nicht auch viel mehr Schreck, Bestürzung, ja finsterer Trotz aus, als er sie so unerwartet wiedersah?

Warum stieß er so kurz und rauh hervor: »Zu spät«, als sie an seiner Seite kniete?

Weil sie verlobt war?

Daran konnte er selber nicht mehr glauben, da sie als Verlassene, Hilflose, unter dem Schutze eines ihr so fremden Mannes Stehende hierher kam!

Rothtraut mag wohl wähnen, sie sei die Braut Klaus Sterleys, aber Josef muß doch Bescheid wissen, muß es doch durch den Bruder erfahren haben, wie energisch und für immer sie jede Annäherung des jungen Mannes zurückgewiesen hatte!

Sein »Zu spät« galt ihm selber und seinem eigenen Herzen, welches eine andere erwählt hat. Kein Groll, keine Bitterkeit ist in Charitas' Seele. Sie hat Rothtraut gesehen und begreift, daß man sie lieben muß!

Sie ist viel zu demütig, viel zu bescheiden und anspruchslos, um solch ein märchenhaft großes Glück wie seine Liebe für sich und ihre armselige Person zu beanspruchen.

Es ist ruhig in ihrem Innern geworden.

Die Ruhe heilig liebender Entsagung.

»Nur die Herrlichste von allen
Soll beglücken deine Wahl –
Segnen viele tausend Mal!«

Und dies wird ihr Wunsch, ihr Gebet für ihn sein, so lange, wie noch ein Pulsschlag ihr Leben gibt. – Mit ruhigen, glänzenden Blicken sieht sie sich um.

Seine Heimat! Sein Grund und Boden!

Ist es nicht schon eine Gnade Gottes, groß und unverdient, daß sie diese Luft hier atmen darf?

Rüstig schreitet sie aus, ihr Gürtelband flattert in dem leichten Luftzug, Vogelgezwitscher tönt über ihr.

– – – – – – – –

Sie läßt sich auf das Knie nieder und füllt ihren Korb, und dann hört sie vom nahen Kirchdorf die Uhr schlagen, eilig rafft sie die letzten Suppenkraut-Pflanzen zusammen und schreitet zurück.

Vor ihr teilt sich das Boskett, sie blickt über die flache Wiese und die sonnenbeglänzten Wege, welche sie durchschneiden, und plötzlich zuckt sie zusammen, krampft bebend die Hände um den Korb und starrt geradeaus.

Dort über diese Wiese schreitet eine hohe, schlanke Männergestalt in kleidsamem Reitanzug, wendet das Antlitz seitwärts und blickt lächelnd auf Rothtraut, welche sich in ihrer eifrigen, naiven Weise mit gefalteten Händen an seinen Arm gehakt hat und mit silberheller Stimme auf ihn einschwatzt.

Charitas bleibt zaudernd stehen, sie hat nur ein jähes, angstvolles Wünschen: »Verbirg dich vor ihnen, sie wollen wohl nicht gern gesehen sein!« Aber das unbelaubte Gebüsch, die flache Wiese, nichts bietet ein sicheres Versteck!

Rothtraut hat sie auch schon gesehen.

Sie deutet ungeniert auf sie hin, lacht und winkt ihr zu, und dann schüttelt sie seine Rechte noch einmal, recht nach Kinderart, hin und her, hebt dann, wie ein kleines Bettelmädchen, welches sehr eindringlich um etwas bittet, die beiden zusammengelegten Händchen zu ihm empor, jubelt über seine Antwort laut auf, wirft ihm in übermütiger Weise eine Kußhand zu und stürmt wie eine flinke Schwalbe den Weg zurück.

Josef blickt nach ihr herüber. Sein Gesicht verfinstert sich, aber er schreitet über die Wiese geradeswegs auf sie zu.

– – – – – – – –

Als Rothtraut soeben ihren Hühnern die letzten Körnlein hingestreut hatte, klang Hufschlag vom Hofthor herüber, und wenige Augenblicke später stand Josef ihr gegenüber.

In ihrer stürmischen Freude lief sie ihm entgegen, ihn zu begrüßen. »So früh am Morgen kommen Sie schon? O, das ist herrlich, das gilt doch gewiß unserm herzigen Gast, nach dessen Ergehen Sie fragen wollen, nicht wahr?«

Er nickt ein wenig zerstreut und sieht wieder alt aus, älter als je.

»Allerdings, Fräulein Rothtraut, der Weg führt mich zu Fräulein Reckwitz; ist sie im Salon?«

»I, wo wird sie im Salon sitzen und Daumen drehen! Da kennen Sie Charitas schlecht! Sie hilft in der Küche, und eben holt sie Rüben aus dem Garten. Ich weiß, wo sie ist; soll ich mitgehen und Sie hinbringen? Ich habe so wie so eine schrecklich große Bitte auf dem Herzen, welche ich Ihnen gern ganz allein sagen möchte, ohne daß eine Menschenseele es hört!«

Er ist mit so trüben, finstern Gedanken hergeritten, jetzt, als er in ihr rosiges Gesichtchen und in die schelmischen Augen sieht, geht es wie Sonnenschein über sein Gesicht.

»Wie nett von Ihnen, daß Sie mich begleiten wollen«, nickt er freundlich, »und welch eine Freude für mich, daß Sie um etwas bitten wollen! Also im Gemüsegarten haben wir Ihre neue Freundin zu suchen? Schön, gehen wir direkten Weges hin!«

Rothtraut nimmt ungeniert seinen Arm, sie hat sich das bei ihrem Vater so angewöhnt, daß sie kaum anders an der Seite eines Begleiters gehen kann! Auch ist ihr nie der Gedanke gekommen, daß dies zu vertraulich sei. Bei solch einem alten Onkel! Du liebe Zeit!

»Meine neue Freundin, ja das ist sie«, fährt sie eifrig plaudernd fort und beginnt ihrem Enthusiasmus über die »himmlische Schönheit« dieser Herrlichsten von allen die Zügel schießen zu lassen. Sie bemerkt nicht, wie Josefs Antlitz sich wieder verdüstert, wie ein tiefer, verhaltener Schmerz um seine Lippen bebt, wie er sie voll nervöser Hast zu unterbrechen sucht.

»Und Ihre Bitte, Fräulein Rothtraut? Was hat die mit Fräulein Reckwitz zu thun?«

»Ach so, richtig, meine Bitte! Bald hätte ich sie über Charitas ganz und gar vergessen! Also aufgepaßt, lieber, lieber, allerbester Herr von Torrisdorff –«

»Das ist viel des Guten!«

»Es kommt noch besser! Also, einzig guter, liebenswürdigster und geduldigster Herr von Torisdorff, hören Sie mich an, ohne Ihr greises Haupt voll Spott und Mitleid über mich zu schütteln! Ich bin noch sehr kindisch und albern; das sagt Mama mir alle Tage, und da ich nun einmal so bin, will ich doch mindestens noch einen Spaß davon haben! Also, lieber Herr von Torrisdorff –«

»Allerbester Herr von Torrisdorff, wenn ich bitten darf!«

»Gut, himmlischer Herr Baron! In der Flurhalle steht doch, wie sie wissen, eine große, alte, eichene Truhe, die sieht so schrecklich geheimnisvoll aus, als müßten die interessantesten Dinge darin verborgen liegen! Ich knuspere schon seit Wochen daran herum und möchte so brennend, so für mein Leben gern einmal hinein sehen, aber Muttchen schlägt mich jedesmal auf die Finger und will nicht leiden, daß ich meine neugierige Nase überall hineinstecke! ›Neugierde!‹ sagt sie, und indiskret wäre es, behauptet sie! Und dabei ist es doch nur der edelste Wissensdrang! Aber, du liebe Zeit, in solch einer alten Truhe stecken doch keine Familienbriefe und Familienakten! Nun kommt die Bitte, die schrecklich große Bitte! Ahnen Sie schon etwas?«

»Welch ein Ausbund von Schlauheit wäre ich, wenn ich jetzt schon ahnen wollte, was Sie möchten!«

»Natürlich ahnen Sie es! Ich sehe es ja Ihrem Gesicht an, Sie wissen's ganz genau!« und laut aufjubelnd schüttelte sie seinen Arm: »Sagen Sie doch, Barönchen, darf ich? Ja? Darf ich nur ein einziges Mal aufschließen?

»Aber nur einmal – nur ein einziges Mal!« neckte er lächelnd.

»Hurra, hurra! Endlich! Gott sei Dank! Ich konnte es faktisch kaum noch aushalten! Und da drüben, sehen Sie, uns gegenüber am Gebüsch, steht Charitas! Ja, dann finden Sie nun wohl allein den Weg zu ihr! Und ich suche gleich nach dem Schlüssel, und wenn keiner passen will, hol ich mir den Schlosser aus dem Dorf – ach bitte, bitte, nicht wahr, ich darf doch?«

Sie sieht in ihrer Freude nicht, wie ernst sein Antlitz wieder geworden ist, sie sieht nur, daß er eine zustimmende Kopfbewegung macht und höflich, aber mit etwas gepreßter Stimme hervorstößt: »Sie wissen, mein gnädiges Fräulein, daß Sie im Lichtenhagener Haus nach Belieben schalten und walten können. Suchen Sie nach alten Raritäten, so viel es Ihnen Spaß macht, ich werde mich freuen, wenn Ihre Mühe nicht vergeblich ist!«

Ein silberhelles Jubeln. Rothtraut klatscht in die Hände, versichert noch einmal voll überströmender Dankbarkeit, wie furchtbar nett er sei, und wendet sich winkend und grüßend zurück, voll Ungeduld sogleich an die Untersuchung der Truhe zu gehen!

Josef sieht der zierlichen Gestalt nicht nach, wie sie graziös durch den goldenen Sonnenschein dahin eilt, glückselige Lieder auf den Lippen, sein Blick richtet sich voll düsterer Schwermut auf die Geliebte, welche ihm so nah, und doch so ewig fern gegenübersteht.

Dann beißt er entschlossen die Zähne zusammen und schreitet ihr entgegen.

Sein Blick trifft flüchtig, wie erloschen, den ihren. Er zieht höflich und formell den Hut.

»Darf ich um einen Augenblick bitten, mein gnädiges Fräulein, oder störe ich?« fragte er sehr ruhig und sehr ernst.

Auf ihrem Antlitz wechseln Glut und Blässe. Aber auch sie steht mit erhobenem Haupt ruhig und fremd vor ihm.

»Nicht im mindesten, Herr von Torisdorff«, sagt sie freundlich, »im Gegenteil, ich freue mich der Gelegenheit, Ihnen für die große Gastfreundschaft danken zu können, welche Sie mir gewähren. Ich habe mich in dem Glauben befunden, daß Frau von Damasus die Besitzerin von Lichtenhagen sei, und bin erst gestern abend des Wahren beschieden worden.«

»Da ich mit meinem Stiefbruder alles teile, was ich besitze, so hat er auch ein Anrecht an dieses Haus, und bitte ich Sie, ihn und nicht mich als Ihren Gastgeber zu erachten. Auch nur als sein Stellvertreter stehe ich jetzt vor ihnen. Ich habe aus den sehr flüchtigen Nachrichten meines Bruders nie den vollen Zusammenhang der obwaltenden Verhältnisse erfahren, eine soeben von ihm eingetroffene Depesche ersucht mich jedoch, Ihre Anwesenheit in Lichtenhagen so geheim wie irgend möglich zu halten. Ich entnehme daraus, daß Ihre Pflegeeltern bemüht sind, Ihre Spur zu finden, und ich würde es unendlich bedauern, wenn Sie gezwungen würden, in jene traurigen Verhältnisse zurückzukehren, ehe sich Ihr Schicksal in gewünschter Weise entscheiden konnte. Ich fand nun in der Postmappe eine Anzahl von Briefen und Postkarten Ihrer Hand, welche Ihre volle Namensunterschrift und genaue Adresse tragen. Ich möchte Sie nun darauf aufmerksam machen, daß diese Briefschaften Ihren Aufenthaltsort rettungslos verraten würden.«

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Charitas verschlang krampfhaft die Hände. »Ich habe das allerdings in meiner Hast und Erregung nicht bedacht!« sagte sie leise mit gesenkten Augen, »und ich danke ihnen herzlich für diesen freundlichen Rat. Ich werde diese Briefe und Karten noch einmal abschreiben. Frau von Damasus ist mir wohl behilflich, daß die Antworten postlagernd eintreffen können.«

»Sie bewerben sich um eine Stellung?« fragte er halb zur Seite gewandt.

»Ja, ich habe keine Heimat mehr.«

»Besprachen Sie mit meinem Bruder bereits Ihre Pläne?«

»Nur im allgemeinen, das Nähere glaubte ich ihm brieflich, oder mündlich – falls er herkommen sollte – mitteilen zu können.«

»Ich lese aus den Briefen Adressen in das Ausland, sogar an die neuen Kolonien scheinen Sie gedacht zu haben! Sollte mein Bruder damit einverstanden sein, daß Sie sich solchen Gefahren, solchem mörderischen Klima aussetzen?«

Ihr Haupt zuckte empor, glühende Blutwellen stiegen in ihr Antlitz.

»Ihr Herr Bruder hat sich meiner sehr freundlich angenommen, und ich bin ihm zu großem Dank verpflichtet«, antwortete sie mit bebenden Lippen; »aber die Art und Weise, mir mein künftiges Leben zu gestalten, überläßt er wohl meiner freien Wahl!«

»Dennoch würde es mir sehr lieb sein, wenn Sie diese Briefe zurückhalten würden, bis Klaus hier eintrifft. Es läßt sich ja alles wohl noch anders und befriedigender arrangieren, ich werde mich mit ihm auseinandersetzen und hoffe, Ihren Wünschen ein schnelleres Ziel geben zu können, als mein Stiefbruder bisher annehmen konnte. So lange bitte ich Sie, Ihren Aufenthalt in Lichtenhagen zu nehmen.«

Verständnislos sah sie ihn an, er aber wich ihrem Blick aus und schaute finster zu Boden.

»Wozu diese Verzögerung? Ich kann nicht länger hier bleiben, ich kann es wahrlich nicht!« rang es sich, erregter als sie wollte, über ihre Lippen.

»Und warum nicht? ... Weil Lichtenhagen auch ein Stücklein von meiner Heimat ist?«

Wie bitter das klang!

Sie preßte die Lippen zusammen. Glaubt er, sie grollt ihm, weil er eine andere liebt? Ein tiefer Atemzug hebt ihre Brust: »Gewiß nicht, Herr von Torisdorff! Ich wollte nicht unbescheiden sein und Ihre Güte mißbrauchen. Wenn Sie mir jedoch meine Hast, einen Wirkungskreis zu finden, falsch auslegen, so will ich Ihnen gern beweisen, daß Sie sich geirrt haben. Ich werde die Briefe zurückhalten, bis Herr Sterley kommt, und wenn ich mich hier nützlich machen kann, so bleibe ich gern bis –«

»Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird!« nickte er tonlos, und doch starrte er sie dabei mit umschatteten Augen an wie ein Sterbender. Sie sieht es nicht. Ihr Herz zittert in namenlosem Weh. Also doch! Doch bis Rothtrauts Kranz gewunden wird.

Sie fühlt, wie brennend heiße Tropfen in ihren Augen aufsteigen.

Allmächtiger Gott nur jetzt nicht schwach sein! Nur in diesem Augenblick nicht!

All ihre Willenskraft nimmt sie zusammen. Sie ist ein Weib, sie kann mit brechendem Herzen lächeln.

Und sie lächelt und reicht ihm die Hand. »Bis ein Kranz von Myrten gewunden wird! Wenn sie mich behalten wollen, so bleibe ich, und ich denke, wir bleiben dennoch Freunde!«

Momentan hat er ihre eiskalten Finger umfaßt, dann tritt er mechanisch zurück, sie schreitet hastig an ihm vorüber.

»Freunde!« murmelt er, »Gott helfe mir dazu, um Klaus' willen!« Nun bleibt ihm kein Zweifel mehr, sie ist des Bruders Braut, und es werden die hiesigen Glocken sein, welche ihr zur Hochzeit klingen!– – –

Rothtraut hat den ganzen Tag mit Schlüsseln gerasselt, sie ist geschäftig Trepp auf, Trepp ab gesprungen und hat viel in der Flurhalle zu schaffen gehabt, ihr Gesichtchen hat immer ärgerlicher ausgesehen, aber niemand hat sie gefragt, was sie verdrießt, und seltsamerweise hat sie es diesmal keinem anvertraut.

Als die Dämmerstunde kommt, sitzen die Damen wieder am Kamin, Frau von Damasus ist in das Dorf zu einer Kranken gerufen worden, und Rothtraut rückt zärtlich ihren niederen Holzschemel an Charitas Seite, lehnt das Köpfchen an die Freundin und bittet vertraulich: »Nun sind wir ganz allein, Charitas, ach bitte, bitte, erzählen Sie mir von Catania und Klaus Sterley! Sie Glückliche, Sie konnten ihn alle Tage dort sehen! Ach, beschreiben Sie mal ganz, ganz genau, wie er aussah!«

Das junge Mädchen empfindet dieses Plaudern als Qual. Ausweichend bittet sie: »Viel hübscher wäre es, liebstes Herz, Sie sängen mir ein paar Lieder vor! Ich habe Sie noch gar nicht richtig singen gehört, und ich liebe Musik so sehr!«

»Ich mag sie gar nicht mehr!« grollte die Kleine, »Seit Torisdorff mir gerade meine liebsten Sachen verboten hat –«

»Verboten?«

»Na, indirekt wenigstens, er hat mir sehr, sehr deutlich gezeigt, daß ich scheußlich singe! Bei lustigen Liedern hörte er allenfalls zu, aber auch mehr höflich, als interessiert; wenn ich aber so was recht Schwermütiges, was ich besonders liebe, anfing, z. B. ›Verlassen bin i!‹ oder ›Am Brunnen vor dem Thore‹ oder ›Es ist bestimmt in Gottes Rat‹, dann sprang er auf, als brenne der Boden unter seinen Füßen und lief davon, daß ich es wirklich hätte übelnehmen können! Fragte ich ihn dann: ›Was hatten Sie nur gestern plötzlich vor?‹ so legte er die Hand über die Augen und redete sich heraus: Diese Lieder habe er einmal im Leben so schön gehört, daß er sie von keiner anderen Stimme mehr ertragen könne – also mit anderen Worten: ich sänge sie nicht schön und meine Stimme eigne sich viel mehr für heitere Lieder! – Na, ich danke, wenn ich weiter nichts kann und soll, als wie ein Kanarienvogel zwitschern – aber, was haben Sie denn, Liebchen? Ihre Hand zittert ja so?«

»Es ist nur nervös! Herr von Torisdorff ist ein sehr ernst beanlagter Mann, welcher gern durch fröhliche Weisen aufgeheitert sein möchte.«

»Ein ernster Mann! Das weiß Gott!« seufzte Rothtraut voll drolliger Ergebung die Hände faltend. »Ja, Charitas, ein furchtbar ernster Mann! Früher, da ging es ja noch eher, da sah er wenigstens glücklich und zufrieden aus und plauderte und konnte sogar noch scherzen, obwohl man ihm solche Witze nie recht glaubte! Aber seit ein paar Wochen ist er ja wie ausgewechselt! Er kommt nicht mehr, er lacht nicht mehr, er sieht aus wie zehn Tage Regenwetter! Und warum nur? Ja, wenn das eine Menschenseele wüßte! Die Müllern hat zur Menzen gesagt, ein Brief aus dem Ausland sei daran schuld; als der gekommen sei, da war's mit dem armen Herrn anders geworden. Vielleicht hat er irgendwo eine Jugendliebe und die ist ihm untreu geworden oder gestorben!«

Leichenhaft blaß starrte Charitas' Antlitz aus der Dunkelheit: »Er hat eine Liebe; und das sagen Sie so lächelnd und harmlos, Sie, Rothtraut?« klang es halb erstickt von ihren Lippen.

Die Kleine riß die Augen weit auf. »Warum soll ich denn das nicht sagen?« fragte sie naiv. »Ich habe ja Herrn von Torisdorff riesig gern und bin ihm für all das Gute, was er uns gethan hat, unbeschreiblich dankbar! Es thäte mir wahrhaftig auch furchtbar leid, wenn sie gestorben wäre – aber warum soll ich Ihnen das nicht sagen und nicht harmlos sein?«

Charitas umklammerte die Hand der Sprecherin und neigte sich tief zu ihr herab. »Rothtraut«, flüsterte sie, »lieben Sie ihn denn nicht?«

Die Kleine fuhr ganz erschrocken zurück.

»Lieben?« stammelte sie entsetzt, »lieben? Wen denn? Doch nicht etwa den Baron?«

»Nicht? Nicht? Sie sind nicht mit ihm verlobt?«

Da pruschtete das Backfischchen laut aus vor Lachen, drückte das Gesichtchen in die dunklen Kleiderfalten der Freundin und umschlang sie ungestüm mit den Armen.

»Aber Charitas! Was für eine unglaubliche Idee! Ich sollte mich mit so einem alten Manne verloben, der wie mein Großvater ist?«

»Alter Mann?« Verwirrt strich sich das junge Mädchen über die Stirn. »Josef von Torisdorf nennen Sie alt?«

»Ja, ich nenne ihn alt, uralt! Gegen mich ist er ein Greis! Wissen Sie, Liebste, den Jahren nach ist er ja vielleicht noch in den Vierzigern, aber sein Wesen – puh!! So gemessen, so stolz, so kühl – so – so – na, mit einem Wort – uralt! Furchtbar gut und freundlich ist er, und daß er den armen, betrogenen Leuten ihr Geld zurückgibt, das ist das Großherzigste, was man sich denken kann! Aber ihn heiraten, ... ihn lieb haben, ich fideles, kleines Göhr den alten Mann? Nein, das ist zum totlachen, das ist einfach unglaublich!«

»Aber er liebt Sie!«

»Denkt ja gar nicht dran! Wie ein Baby behandelt er mich, fehlte noch, daß er ›Kleinchen‹ zu mir sagt und mir Bonbons mitbringt! Er amüsiert sich über den Unsinn, den ich treibe und ist zu mir so nachsichtig und wohlwollend, wie ein guter, alter Onkel, höchstens wie ein Kamerad, der Scherzes halber mitmarschiert, aber lieben, mich lieben? Nie! Ach, ich denke mir wenigstens die Liebe sehr, sehr anders!« und das rosige Menschenknöfpchen legte plötzlich voll süßer Schwärmerei beide Händchen auf die Brust und flüsterte mit verklärtem Blick: »O Charitas, ich wüßte wohl einen, den ich lieben könnte! So frisch und jung, so lachend und lustig, mit blauen Augen und blondem Haar! Die Künstler haben es mir seit jeher angethan – und wenn ich auch arm sein müßte mit ihm, ich möchte keinen andern als ihn allein!«

.

Charitas hörte kaum; sie saß wie im Traum und starrte schwer atmend in das Dunkel der Halle hinein, welches sich mehr und mehr vertiefte und alles mit schwarzem Mantel deckte, was nicht in dem Bereich der rotflackernden Kaminflammen stand.

Rothtraut harrte auch keiner Antwort, und da alles um sie her still blieb, neigte sie das lächelnde Antlitz an die Schulter der Freundin und schloß die Augen. »Wenn er doch käm wie der Frühlingswind, goldblond seine Locken, sein Fuß geschwind« klang ein Lied durch ihre Seele, dessen Worte sie längst in obiger Weise abgeändert hatte: »Ins Auge die ganze Seele gedrängt, ach, der eine Blick hat das Herz mir versengt! Und ich stand, als ob ewig ich schauen ihn müßt ... Er hielt mich umfangen, er hat mich geküßt!«

Ein zitternder, wohliger Seufzer der Sehnsucht ... und dann verharrten beide Arm in Arm, innig aneinander geschmiegt, gebannt von ihren Gedanken.

Draußen strich Lenzesodem um schwellende Knospen und hier drinnen bebten zwei junge Menschenherzen voll süßer, geheimnisvoller Ahnung eines großen Glückes, dem ewigen Frühling der Liebe entgegen ...

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