Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Nataly von Eschstruth >

Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130822
projectid41d4e40c
Schließen

Navigation:
.

XXIV.

In der Hausthür von Lichtenhagen stand Frau von Damasus und blickte dem Wagen sorgenvoll entgegen.

Sie hatten sich alle im Hause um die Reisenden gesorgt, welche von diesem Unwetter überrascht waren, und Mamsell Tinchen hatte die Hände gerungen und geschluchzt: »Schaal ist mit den neuen Pferden fort, da gibt's bei dem Wetter sicherlich ein Unglück! Ach, gnädige Frau, Sie sollen sehen, man bringt uns die Gäste als Leichen ins Haus!« und wehklagend war sie an den Leinenschrank getreten und hatte schon die Tücher zurecht gelegt, mit welchen sie, altem Brauch gemäß, die Spiegel verhängen wollte; denn einen Todten im Haus und offene Spiegel, das wäre ja unverantwortlich gewesen!

Auch die Geheimrätin war durch Mamsells grausige Prophezeiungen geängstigt und von ihrer Besorgnis angesteckt worden, und Fräulein Rothtraut schien vollends außer sich und lief von einem Fenster an das andere, mit immer blasser werdendem Gesichtchen und ein paar Augen, welche bei der gruseligsten Gespenstergeschichte nicht entsetzter hätten dreinschauen können.

Und als die Zeit verging und der Wagen noch immer nicht kam, da fuhr Mamsell mit dem Schürzenzipfel über die Augen und sprach dumpf: »Nun sind sie sicher tot, ich werde gleich mit Wachholderbeeren räuchern!«

Das war zu viel für Rothtraut, sie schluchzte so verzweifelt auf, daß Mamsell nur den einen wehmütigen Vergleich für sie wußte: »Als ob sie der Bock gestoßen hätte!« Und wie sie so kreuzunglücklich auf der alten, eichenen Truhe saß und ihr Taschentuch kaum Platz für all die Thränen bot, da versammelten sich die Getreuen um sie her, Mamsell, Frau Menz und die dicke Emma, und weinten aufs herzzerreißendste mit. Da klang Pferdegetrappel, und alles hob betroffen die Köpfe.

»Seht nicht aus!« kreischte die Mamsell. »Das ist der schwarze Thanatos, der kommt auf seinem fahlen Roß und meldet sie an!«

Mamsell war gebildet und belesen, und weil Rothtraut auch schon mal bei heimlicher Kerze den Heinrich Heine verschlungen hatte, so schüttelte sie sich vor Grauen und stöhnte: »Es ist entsetzlich!« Es war auch bei dem Schneegestöber so dunkel und unheimlich im Hause.

»Rothtraut! Mamsell! Gott sei Dank, sie kommen!« schallte die Stimme der Geheimrätin vom Fenster her, und dann klangen ihre hastigen Schritte auf dem Flur; sie eilte zur Hausthür.

»Sie kommen!« schrie Rothtraut auf, und Mamsell wischte resolut die Augen. »Welch ein Glück! Dann sparen wir die Wachholderbeeren!«

Vor der Treppe hielt Herr von Torisdorff auf seinem Goldfuchs, hinter ihm der Wagen, an welchem der Gärtner bereits eifrig den Schlag aufriß.

Eine junge Dame stieg aus und griff zurück nach dem Gepäck.

In demselben Augenblick schallte der leise Jubelschrei von der Hausthür her. Rothtraut, in all der ungestümen Freude über die Rettung der Totgeglaubten, stürmte die Steintreppe herab, daß die goldenen Löckchen im Winde flogen.

Sie war so aufgeregt, so außer sich vor Glückseligkeit, daß sie kaum wußte, was sie that.

Sie flog auf Josef zu, reichte ihm jubelnd die Hände entgegen und schmiegte sich an das Pferd.

»Sie sind da! Sie sind gesund und heil geblieben! Ach du lieber Gott, wie habe ich mich so furchtbar um Sie geängstigt!«

Josef blickte ganz betroffen und gerührt über solch ein Willkommen in die rotgeweinten Augen. Er hielt ihre kleinen Hände und drängte das Pferd etwas von ihr zurück.

»Aber Fräulein Rothtraut, warum denn geängstigt?« fragte er überrascht.

»Ach bei dem schrecklichen Wetter ... und Mamsell sagte, es gäbe ein Unglück«, stammelte die Kleine, und dann zog sie schnell die Hände zurück, sah ganz verwirrt und verlegen um sich und flüsterte: »Aber wo ist er denn?«

»Wer, Fräulein Rothtraut?«

»Ei – Ihr Bruder – Herr Sterley?«

Er konnte kaum verstehen, was sie sagte, er mußte sich tief zu ihr hinab neigen. Er lächelte seltsam, es sah aus, als beiße er die Zähne zusammen. »Klaus kommt erst später. Wollen Sie aber nicht Fräulein Reckwitz begrüßen?

»Kommt erst später?« wiederholte sie bitter enttäuscht, und machte ein Gesichtchen, als ob sie sagen wollte: dann hätte ich mich ja gar nicht zu ängstigen brauchen.

»Rothtraut!« klang die Stimme der Geheimrätin, »wilde Hummel, vergißt du ganz, daß noch andere Menschen auf ein Willkommen warten?«

Die Kleine schnellte herum und ihr Mündchen, welches soeben die Unterlippe noch schmollend vorgeschoben, lachte wieder und zeigte die weißen Perlzähnchen.

Sie eilte zu Charitas und streckte auch ihr die Hände entgegen. »Grüß Sie Gott, liebes Fräulein Reckwitz! Ich bin gar zu froh, daß Sie da sind!«

Wie eine Träumende starrte Charitas in die blauen Augen der Sprecherin, welche verrieten, wie sehr sie um den Freiherrn von Torisdorff geweint hatten.

Mit zitternden Händen umschloß sie die Fingerchen der Kleinen, sie wollte sprechen – sie vermochte es nicht.

.

»Ich bitte dringend, daß die Damen näher treten!« rief Josef mahnend. »Sie werden sich erkälten, Fräulein Rothtraut! Bitte gnädigste Frau, sorgen Sie vor allen Dingen für Fräulein Reckwitz, und entschuldigen Sie, wenn ich nicht absteige, ich möchte direkt zurück und die durchnäßten Kleider wechseln! Seien Sie willkommen, Fräulein Reckwitz –« er zog grüßend den Hut und riß das Pferd herum, noch ein Blick traf Rothtraut, welche bittend die Hände hob. »Auf Wiedersehen!« nickte er kurz, und Rübezahl sauste auf flüchtigen Hufen davon.

Frau von Damasus aber nahm den Arm ihrer Pflegebefohlenen und blickte voll ehrlichen Entzückens in das schöne, bleiche Angesicht.

»Schnell, schnell ins Warme, mein liebes Fräulein!« sagte sie herzlich. »Sie werden tüchtig durchfroren sein nach dieser schrecklichen Fahrt; mein Gott, Sie beben ja vor Kälte! – Emma! nehmen Sie die Sachen und bringen Sie dieselben gleich auf das Zimmer des gnädigen Fräuleins!«

– – – – – – – –

Allein – endlich allein!

Charitas sank wie zu Tode erschöpft auf einen Stuhl in ihrem Zimmer nieder und preßte die eisige Hand gegen die Stirn.

Wo war sie? Was bedeutet dies alles? Wer sind die Menschen um sie her?

Wie ein verworrener, entsetzlich quälender und wüster Traum deucht ihr alles. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen; – sie sieht nur eins – das junge, wonnige blondlockige Kind voll zärtlichen Jubels an das Roß des Geliebten geschmiegt, voll Todesangst weinend um ihn, den sie in Gefahr geglaubt, – und er, der sich tief und vertraulich zu ihr herabneigt, der mit ihr flüstert ...

Ein leiser Klagelaut – Charitas preßt die Hände gegen das Herz. Wie weh, wie sterbensweh ist ihr zu Mute.

Liebt Rothtraut ihn – ihn, den katholischen Priester, der für die Welt verloren ist?

Was bedeutet das alles? Ist sie krank? Sind dies alles nur Fieberphantasien?

Es klopft an die Thür.

»Kann ich Ihnen etwas helfen, liebes Fräulein Charitas?« schmeichelte die Stimme der Kleinen. »Bitte, kommen Sie bald, die Suppe steht schon auf dem Tisch.«

Charitas erhebt sich und streicht über die Stirn.

Nein, sie ist nicht krank, sie darf auch jetzt nicht krank sein – im Gegenteil, sie bedarf ihrer ganzen, vollen Willenskraft und Stärke, um voll demütiger Ergebung den Dornenweg der Strafe zu wandeln, welche ihre Unduldsamkeit, ihre Flucht aus dem Hause der Pflegeeltern nach sich zog.

Sie strich glättend über das Haar und öffnete die Thür.

»Ich bin bereit, Fräulein Rothtraut«, sagte sie freundlich; aber ihre Stimme war klanglos und ihr Antlitz schien von Marmor.

»Bereit? – Mein Gott, Sie haben aber noch Ihr nasses Kleid an! Haben Sie denn im Schnee gekniet? Sehen Sie doch hier, die ganze Vorder- und Seitenbahn ist zum ausringen!«

Wie geistesabwesend blickte Charitas an sich nieder. »Sie haben recht – ich hatte gar nicht mehr an das Kleid gedacht! Bitte noch um einen Augenblick Geduld, ich folge Ihnen sofort.«

»Darf ich hier bleiben?«

»Gewiß!«

»Sie sehen so blaß und müde aus, liebes Fräulein Reckwitz. Gewiß haben Sie die Nacht auch nicht geschlafen! O, ich sage Ihnen, ich konnte auch kein Auge zuthun, ehe wir reisten; ich war so furchtbar aufgeregt! Aber sagen Sie – ganz allein sind Sie so weit mit der Eisenbahn gefahren?«

Das junge Mädchen nickte mechanisch: »Ganz allein.«

Vertraulich trat die Kleine näher.

»Und er – ist er wirklich nicht mitgekommen?«

Charitas zuckte zusammen. Wie in jähem Forschen traf ihr Blick das süße Kindergesicht.

Sollte sie etwa ausgeforscht werden? Ist die kleine Unschuld etwa eine Intriguantin, welche um der eigenen Liebe willen eine vermeintliche Nebenbuhlerin aushorchen will?

»Wen meinen Sie, Fräulein Rothtraut?« fragt sie kühl.

»Nun, wen denn sonst als Herrn Sterley, welcher doch auch für heute angemeldet war?!«

Sie scheint recht ungeduldig, wendet das Köpfchen und wird sehr rot.

»Ich kenne Herrn Sterley zu wenig, um allein mit ihm, dem jungen, fremden Herrn, reisen zu können!«

»Aber Sie sind doch verwandt mit ihm, und persönlich kennen Sie ihn doch auch?«

»Allerdings, wenn unsere Begegnung auch nur eine recht flüchtige war.«

»Er ist sehr hübsch, riesig hübsch – nicht wahr?«

Charitas ordnet an ihrem Kleid, sie sieht nicht den strahlenden, beinahe stehenden Blick des Backfischchens, sie hört nur ihre Worte, und der Argwohn flüstert ihr zu: »Fraglos, sie will die vermeintliche Braut Sterleys ausforschen, um Herrn von Torisdorff berichten zu können, sie findet ihn bildschön, sie liebt ihn rasend!« Seltsam, warum ist sie auf einen katholischen Priester eifersüchtig? Sie weiß, daß keine von ihnen beiden ihn heiraten kann.

»Sehr schön? – Je nun, alle Schönheit ist Geschmackssache«, antwortet sie mit beinahe bitterem Lächeln. »Sie würden ihn vielleicht hübscher finden als ich!«

Wie in einem Paroxysmus von Begeisterung blickte Rothtraut zum Himmel und verschlang die Händchen so krampfhaft, daß die Gelenke knackten: »Hübsch? O, ich finde ihn schön, bezaubernd, hinreißend! Der Apoll von Belvedere kann mit all seinen geschundenen Gliedern – oder hat er noch ganze? – nicht schöner sein als Klaus Sterley! Was für Augen er hat, und wie er lacht. – Mama findet, er sieht etwas englisch aus. Nun, mein Gott, er ist doch auch Amerikaner! Aber ich finde, daß er der herrlichste, der bezauberndste von allen ist, und ich hoffe, Sie sind derselben Meinung.« Charitas sah sie einen Moment an. War das Verstellung? Komödie? Undenkbar, diese Kinderaugen lügen nicht.

»Sie kennen Herrn Sterley noch gar nicht?«

Die Kleine schüttelt erregt das Köpfchen. »Nein, nur dem Bilde nach, aber wenn Sie das Bild sehen würden! Ach so, Sie kennen ihn ja persönlich! Und beinahe hätte ich ihn heute auch kennen gelernt. Warum kam er nur nicht mit? Hat er den Zug versäumt – kommt er morgen? Oder wann glauben Sie, daß er eintrifft?«

Abermals klopft es an die Thür.

»Es ist angerichtet, gnädige Frau läßt bitten!« meldet Emma.

Rothtraut nimmt vertraulich den Arm der neuen Freundin. »Kommen Sie schnell, liebe Charitas, wir wollen uns beeilen, Mama meint, Sie würden sehr hungrig sein! Nachher schwatzen wir weiter, ja?« Und die Arme stürmisch und jählings um die schlanke Mädchengestalt schlingend, jubelt sie voll herzlicher Natürlichkeit: »Ach wie bin ich glücklich, daß Sie hier sind! Ich war so allein! Nun werden Sie mich ein bißchen lieb haben und mir eine Schwester sein, nicht wahr, liebe Charitas? Sie gefallen mir schon jetzt, auf den ersten Blick, schrecklich gut, ich vertraue Ihnen so, o ich könnte Ihnen sofort meine größten Geheimnisse erzählen! Aber kommen Sie, schnell, schnell! Muttchen ruft schon!«

Charitas hatte nie eine Freundin besessen, die ehrliche Herzlichkeit des anmutigen kleinen Wesens that ihr unendlich wohl und doch konnte sie sich dem vollen Zauber eines solchen Glücksgefühls nicht hingeben, ein Argwohn hatte sich in ihr Herz geschlichen und legte eisige Bande darum her, daß es sich nicht öffnen und solch warme, junge Freundschaft in sich aufnehmen konnte.

Während der Mahlzeit trug Rothtraut die Kosten der Unterhaltung und wenn sie in ihrer lebhaften Weise fragte: »Warum sind Sie nur so einsilbig, Charitas? Warum erzählen Sie gar nicht von zu Hause und von Ihrer Reise?« – dann verwies die Geheimrätin solche Wißbegier und sagte: »Du siehst wie müde und abgespannt Fräulein Reckwitz aussieht, – rede nicht so viel, du Plappermäulchen, und iß lieber, es thut not, daß unser lieber Gast Ruhe bekommt.« Und nach Tisch erhob sich die alte Dame sogleich und drückte dem jungen Mädchen herzlich die Hand. »Nun legen Sie sich hin, mein liebes Herz, und holen Sie allen Schlaf der letzten Nacht nach! Es ist auf unserem einsamen Lichtenhagen nichts mehr zu versäumen! Herr von Torisdorff kommt fast gar nicht mehr aus Krembs herüber, und außer seinen Besuchen gibt es keine Abwechslung, Arbeit ebensowenig! Also schlafen Sie tüchtig aus, damit ich Sie heute abend wieder mit roten Wangen sehe!«

»Fräulein Rothtraut macht ein Gesicht, als sei sie gar nicht mit diesem gütigen Plan einverstanden!« lächelte Charitas; aber ihr Lächeln sah aus wie Wehmut.

»Doch, doch! Ich bin ganz einverstanden!« versicherte das Backfischchen eifrig. »Mama hat recht, Sie müssen ruhen. Ich male während dessen!« Und sich ganz nahe zur ihr neigend, während Frau von Damasus nach dem Schlüsselkorb griff, flüsterte sie heimlich mit strahlenden Augen: »Ich kopiere Skizzen von ihm! O, ich sage Ihnen, himmlische Skizzen!«

Und dann begleiteten die beiden Damen ihren schönen Gast nach dem Fremdenzimmer und Charitas sank auf das Bett nieder. Tiefe, tiefe, wonnige Ruhe!

Einen Augenblick starrt das junge Mädchen mit weit offenen Augen vor sich hin, dann überkommt es sie wie eine schwere, bleierne Müdigkeit; sie seufzt tief auf und sinkt in einen erlösenden, traumlosen Schlaf. –

Das Feuer knistert im Kamin und erleuchtet mit grellem Flackerlicht die große Flurhalle, welche oft und gern als Wohnraum benutzt wird. Die schwerklobigen Eichenmöbel sind in den Bereich des Feuerscheins gezogen. Felle bedecken die Steinfliesen, und in heiterem Gespräch halten die drei Damen eine Dämmerstunde.

Zu Rothtrauts Entzücken ist Charitas weniger wortkarg als heute mittag, und als die Kleine wieder allerhand neugierige Fragen thut, und die Geheimrätin sich auch voll warmer Teilnahme erkundigt, ob das junge Mädchen allein und verwaist in der Welt stehe, da blickt Charitas fest und zuversichtlich in das liebe, herzgewinnende Gesicht der alten Dame, faßt erregt ihre Hände und drückt sie an die Lippen.

.

»Wie sind Sie so gut, so unendlich freundlich zu mir, gnädige Frau!« flüstert sie mit zuckenden Lippen. »Wie schlägt Ihnen mein Herz so dankbar und innig entgegen, als habe es in Ihnen eine zweite Mutter gefunden, welche mir voll Liebe und Erbarmen die Arme öffnet! Sie fragen nach meiner Heimat, nach meinem Herkommen, gnädige Frau? Sie sind berechtigt dazu, und mich drängt es wie eine heilige Pflicht, Ihnen rückhaltlos alles aus meinem traurigen Leben zu erzählen, was mich in Ihr gastliches Haus geführt. Es wäre mir unerträglich, wenn man meinem Hiersein eine falsche Deutung gäbe, wenn Sie die geringsten Zweifel in meine Person setzten!«

Frau von Damasus nahm das schöne, bleiche Antlitz zwischen ihre Hände und küßte die reine Stirn. »Ich habe schon in viele Menschenaugen gesehen, liebe Charitas, und die Ihren werden nie einen Zweifel, nie ein Mißtrauen aufkommen lassen. Ich habe Sie jetzt schon so lieb, als gehörten Sie fortan zu uns, und Ihr Vertrauen wird mich Ihrem Herzen noch näher führen! Soll Rothtraut bei uns bleiben oder wollen Sie mir allein Ihr sorgenschweres Herz ausschütten?«

Charitas faßte die Hand des Backfischchens und zog sie unwillkürlich näher an sich. »Ich bitte Sie, liebe, gnädige Frau, Ihr Töchterchen bei uns zu lassen!« bat sie mit bebender Stimme. »Ich würde ja vor Scham vergehen, wenn ich etwas aus meinem Leben zu erzählen hätte, was nicht jedes Kinderohr vernehmen dürfte!« Und sie begann mit kurzen, schlichten Worten von ihrer einsamen, lieblosen Kindheit und Jugend zu erzählen, von den unerträglichen Jahren, welche sie im Hause der Pflegeeltern verlebte, und Rothtraut schlang voll leidenschaftlichen Mitgefühls die Arme um die Sprecherin und drückte sie so ungestüm an sich, als wolle sie ihr all die entbehrte Liebe nun doppelt und dreifach ersetzen. Und Charitas empfand diese reine, ehrliche Liebe wie ein Gnadengeschenk Gottes; was sich je an Mißtrauen in ihr Herz geschlichen, schwand dahin wie ein Schatten vor der Sonne.

Sie fuhr fort, von ihrem Aufenthalt in Catania, von ihrem ersten Zusammentreffen mit Klaus Sterley zu erzählen. Neben ihr kicherte es plötzlich, das Backfischchen rückt vollends näher, stützt die Ellenbogen auf der Erzählerin Schoß und das glühende Gesichtchen in die Hände und lauschte atemlos, bebend vor Interesse, jedem Wort. »Aber ich erzähle Ihnen jetzt gewiß bekannte Dinge«, unterbrach sich Charitas und blickte fragend in der Geheimrätin teilnehmendes Gesicht. »Herr Sterley hat doch wohl all diese Vorkommnisse mitgeteilt, ehe er mich Ihrem lieben Schutz empfahl?«

Frau von Damasus bewegte verneinend das Haupt. »Wir wissen und ahnen von nichts, liebes Herz, bitte, fahren Sie fort.«

Das junge Mädchen sah etwas betroffen aus, aber sie sprach weiter und schilderte rückhaltlos alles, was sich in dem Garten der Favorita und später in dem Salon der Julia Livornesi zugetragen. »Ich wußte mir keinen anderen Rat!« fuhr sie mit verzweifeltem Blick fort. »Ich klammerte mich an den Strohhalm, welcher mir in der Flut meines Elends entgegentrieb! Ob ich recht gehandelt? Gott im Himmel mag mir verzeihen, wenn ich undankbar gegen die Pflegeeltern war, ihm habe ich mich befohlen, und ich vertraue seiner Gnade, daß er mich seine Wege führt. – Liebe, teure, gnädige Frau, wollen Sie mir helfen, diesen rechten Weg zu finden? Ich habe keine Zeit zu verlieren, ich muß noch heute abend Zeitungsannoncen aufsetzen und einen Brief nach Kaiserswerth schreiben, um ein Unterkommen zu finden! Darf ich dabei auf Ihre freundliche Unterstützung rechnen, welche Herr Sterley mir verhieß? Sie erfuhren doch wohl bestimmt durch ihn, daß ich mich um eine Stellung – und eine jede ist mir recht, welche mich mein Brot in Ehren verdienen läßt – von hier aus bewerben will?«

Frau von Damasus hatte ihre Schutzbefohlene tief ergriffen an die Brust gezogen: »Vorläufig erholen Sie sich erst von all den Aufregungen und Anstrengungen der letzten Zeit, mein Herzenskind! Sie sind mir für unbemessene Frist als Gast unseres liebenswürdigen Gutsherrn angemeldet, und ich muß mich genau nach dessen Befehlen richten, was ich für Sie zu thun und was ich zu unterlassen habe! Aber ich denke – –«

Charitas richtete sich überrascht empor. »Als Gast des Gutsherrn?« fragt sie mit weit offenen Augen. »Sind Sie denn nicht die Besitzerin von Lichtenhagen, gnädige Frau?«

Die alte Dame lächelte: »Welch hohe Meinung haben Sie von mir, liebes Kind! Nein, in solch goldener Wiege hat mich das Schicksal nicht gebettet; im Gegenteil, mein Kind und ich leben zur Zeit nur von der Gnade und Großmut unseres Beschützers, bis, so Gott will, auch durch seine treue Fürsorge die Not für immer von uns gewendet wird!«

Charitas strich fassungslos mit der Hand über die wirren Stirnlöckchen. »Aber ... mein Gott ... Herr Sterley sagte mir doch, daß er sein Brot durch seiner Hände Arbeit verdienen müsse, kein Wort davon, daß er Besitzer dieses Gutes sei –«

»Das ist er ja auch nicht!« unterbrach Rothtraut sehr lebhaft. »Sterley hat ja gar kein Vermögen, das weiß ich längst... Aber was thut das? Die Liebe –« Die Geheimrätin legte unterbrechend die Hand auf die rosigen Lippen.

»Sie ahnen gar nicht, liebe Charitas, wem Lichtenhagen gehört? Sie hörten zuvor gar nichts von Herrn von Torisdorff –«

»Torisdorff!« – Wie ein leiser Aufschrei klang der Name von ihren Lippen, wie in entsetzter Abwehr hob sie die bebenden Hände. »Um Gottes Willen – Lichtenhagen gehört doch nicht ... ich bin doch hier nicht Gast von ...«

»Ei gewiß, von unserm lieben, prächtigen Herrn, diesem Menschenfreund und Helfer par excellence. – Aber, bestes Kind, warum regt Sie diese Thatsache so auf? Sie wohnen ja doch nicht mit ihm unter einem Dach, ich bin ja doch zu ihrem Schutze hier, und selbst die prüdesten Ansichten können bei dieser Gastfreundschaft absolut nichts Ungehöriges finden!«

Charitas zwang sich zur Ruhe, sie biß wie in leidenschaftlicher Qual die Zähne zusammen und krampfte die Hände um die Sessellehne. »Wie ist das aber möglich ... wie kann er als Priester auf diesem oder einem Nachbargute wohnen? ...

»Als Priester?«

»Aber Charitas, Sie fiebern! Torisdorff ein Priester?«

Langsam richtete sich ihre schlanke Gestalt empor, ein Zittern und Frösteln durchschauerte sie, und mit einem Blick, einem Ausdruck in den farblosen Zügen, als erwarte sie ihr Todesurteil zu hören, murmelte sie tonlos: »Er ist nicht katholischer Priester? – Er ist es nicht?«

Frau von Damasus und Rothtraut wechselten einen beinahe angstvollen Blick.

»Nein, gewiß nicht! Er ist Gutsbesitzer und lebt jetzt hier, um in Krembs die neu entdeckten Kohlenlager erschließen zu lassen. Aber richtig, ja, jetzt fällt mir eine Äußerung Hagborns ein«, fuhr Frau von Damasus lebhaft auf, »Charitas hat doch recht! Er ist ein oder zwei Jahre Kleriker gewesen, mußte aber diesen Beruf aufgeben, weil die Kohlenlager entdeckt wurden! Da kam ihm der hochherzige Gedanke, sein Leben in den Dienst der Pflicht zu stellen und die Schuld abzuzahlen, welche sein Stiefvater unverschuldeterweise mit in das Grab nehmen mußte! Der liebe Gott hat wieder zu rechter Zeit durch seine Werke geredet, Tausende von Menschen werden durch den Opfermut dieses edlen, jungen Manschen wieder glücklich werden!«

Charitas strich mit dem Taschentuch über die Stirn, feuchte Perlen glänzten darauf. Sie atmete so tief, als kämpfe sie gegen das Ersticken.

»Wie kann denn ein katholischer Priester seinen Beruf aufgeben?« fragte sie mit fremder, rauher Stimme.

»Er war ja kein geweihter Geistlicher, sondern nur studierender Kleriker. Das Glück war uns allen hold, daß er noch nicht dauernd an die Kirche gebunden war, sondern jederzeit noch zurücktreten konnte!«

»Und wie lange ist's schon her, daß er zurücktrat?«

»Das kann ich nicht genau sagen, aber ein halbes Jahr mag's wohl her sein! – Hat denn Herr Sterley nie von den Angelegenheiten seines Stiefbruders gesprochen?«

Eine Thür schlug hastig auf, Mamsell Linchen stand auf der Schwelle.

.

»Gnädige Frau! Gnädige Frau! Inspektors Fritzchen ist so schlimm gefallen und will sich nicht verbinden lassen, da läßt die Frau Inspektor recht dringend bitten, die Damen möchten doch mal für einen Augenblick herüber kommen! Fräulein Rothtraut kann ja alles mit ihm anstellen, was sie nur will, und die gnädige Frau weiß mit der Bandage wohl auch besser Bescheid als die Mutter! Ach, du lieber Gott ist das ein Geschrei! Die ganze Stirn ist offen!«

Rothtraut stand längst neben ihr.

»Sofort, sofort! Sagen Sie, wir kommen! Bitte, Mutterchen, den Schlüssel zum Speiseschrank; ich muß ein paar Stückchen Zucker mitnehmen! Ach siehst du, hättest du die Mamsell Makronen backen lassen! – Kommst du, Mama, ich bitte, eile dich!«

»Natürlich ich komme, hole nur mein Tuch!« ... Und hastige Schritte hin und her, rasselnde Schlüssel und klappende Thüren, und dann still, ganz still. Nur das Feuer knistert und die Funken tanzen.

Charitas regt sich nicht, sie starrt in die Glut. Ach, daß sie weinen könnte! Sie kann es nicht mehr, ihr Herz stirbt eines tausendfachen Todes. Nun weiß sie, warum Rothtraut ihn liebt und lieben darf; von Klaus Sterley schwärmt sie wohl nur seiner Braut zur Liebe.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.