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Frühlingsstürme. Band II

Nataly von Eschstruth: Frühlingsstürme. Band II - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleFrühlingsstürme. Band II
publisherLeipzig Verlagsbuchhandlung von Paul List
illustratorK. Egersdörfer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XXIII.

Es war ein unfreundlicher Morgen. Ein Gemisch von Regen und Schnee stäubte durch die Luft, und die Thüringer Berge verschwanden hinter grauen Nebelwogen, daß sich kaum ihre Umrisse gegen den schweren, wolkigen Himmel abzeichneten.

Der März hatte den Winter um sein Recht betrügen wollen, nun mußten es der letzte April und der Anfang des Mai um so empfindlicher büßen und dem gestrengen Herrn die pflichtige Steuer zahlen.

Klaus ging, in einen dicken Pelz gewickelt, auf dem Perron des Bahnhofs auf und nieder. Sein nachdenklicher Blick war geradeaus gerichtet. Nun war alles vorbereitet, und wenn es Charitas gelang, sich unbemerkt aus dem Hause zu entfernen, so konnte man den Plan wohl als geglückt ansehen.

Und warum und wodurch sollte sie in dieser sehr frühen Morgenstunde aufgehalten werden? War es doch in erstaunlich guter Weise geglückt, daß Klaus unter dem Pseudonym eines Versicherungsagenten die Villa betreten und in bequemster Weise Charitas ein Zettelchen zustecken konnte. Leider war das Dienstmädchen, wohl von der Herrschaft beauftragt, keinen Augenblick aus ihrer Nähe gewichen und war mündliches Besprechen der Angelegenheit dadurch unmöglich geworden.

Aber der Zettel genügte ja. Er enthielt die wenigen Worte: »Wenn möglich, kommen Sie morgen früh zu dem Schnellzug 5 15 an die Bahn. Ich habe alles vorbereitet und erwarte Sie, falls Sie morgen verhindert sind, auch alle folgenden Tage um diese Zeit auf dem Perron. Eine Frau Geheimrätin von Damasus auf Lichtenhagen bei Rankendorf wird Sie als liebe Tochter aufnehmen und Ihnen, so lange es Ihnen gefällt, von Herzen gern Zuflucht gewähren. Wenn möglich, hinterlassen Sie einen Brief an die Pflegeeltern und teilen Sie denselben mit, daß Sie sich als deutsche Gesellschafterin mit einer älteren Dame in das Ausland begeben; im Herbst, zu Ihrer Mündigkeitserklärung, würden Sie zurückkehren. Ein Aufgebot der Polizei würde nur zur Folge haben, alle guten und verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen für immer zu lösen.« Falls die Flucht für morgen früh zu ermöglichen sei, bitte er, ein brennendes Licht gegen elf Uhr an eins der Frontfenster zu stellen! –Das Licht hatte gebrannt, und nun schritt Klaus unter dem Glasdach des Perrons auf und nieder und wartete.

Es war nicht mehr viel Zeit zu verlieren, das erste Glockenzeichen war gegeben.

Voll sorgender Unruhe schritt der junge Mann auf den Bahnhofsplatz zurück und schaute den Weg hinab.

Richtig! Dort in dem grauen Regendunst taucht eine hohe, eilig schreitende Mädchengestalt auf. Sie sieht ihn – er winkt ihr zu und macht ein Zeichen, dann stürmt er zur Telegraphenstation und legt hastig einen beschriebenen Zettel und Geld vor dem Beamten nieder.

»Bitte sehr, die Depesche aufzugeben – ich bin sehr eilig!« sagte er höflichst grüßend.

»Wir kommen heute vormittag 10 Uhr 40 Minuten in Rankendorf an. Klaus«, steht in dem Telegramm, welches an den Freiherrn von Torisdorff gerichtet ist.

Wenige Augenblicke später drückt Klaus voll freudiger Erregung die Hand des jungen Mädchens.

»Gott sei Dank, so weit also wäre es geglückt!« atmet er auf. »Ich besorge jetzt die Fahrkarten und händige Ihnen die Ihre ein. Vorsichtshalber steige ich hier in ein Rauchcoupé, damit man uns nicht zusammen abreisen sieht. Wenn Sie gestatten, schließe ich mich Ihnen in Weimar an.«

Charitas hat leichenhaft blaß ausgesehen, jetzt flutet dunkle Glut über ihre Wangen.

»Herr Sterley«, flüstert sie gepreßt, »ich habe eine große, herzliche Bitte an Sie!«

»Befehlen Sie, mein gnädiges Fräulein!«

»Reisen Sie nicht mit mir! Reisen Sie, bitte, nach München zurück! Ihre Empfehlung begleitet mich ja – und – – es würde mir unerträglich sein, wenn meine Abreise von hier auch nur den leisesten Schein einer Entführung trüge!«

Er verneigt sich respektvoll. »Sie haben darüber in jeder Weise zu bestimmen, mein gnädiges Fräulein. Daß ich etliche Tage später für ganz kurze Zeit nach Lichtenhagen komme, gestatten Sie mir hoffentlich, ich habe geschäftliche Angelegenheiten dort zu erledigen, welche meine persönliche Anwesenheit erfordern!«

»Selbstverständlich, Herr Sterley! Es handelt sich ja lediglich um meine Abreise hier und die möglicherweise auftauchenden Gerüchte! Ich werde im Gegenteil von Herzen froh sein, wenn ich bald Gelegenheit finde, Ihnen für all die großen, großen Opfer, welche Sie mir gebracht, danken zu können! Gott lohne es Ihnen, und nun leben Sie wohl, die Zeit drängt wohl!«

Nach wenigen Minuten händigte Klaus seiner Schutzbefohlenen die Fahrkarte ein. Charitas war ein Stückchen Weges am Bahndamm entlang gegangen, niemand hatte wohl gesehen und bemerkt, daß sie mit dem fremden Herrn gesprochen.

Nun schritten sie auf dem Perron fremd aneinander vorüber.

Das Signal ertönte – ein schriller Pfiff – der Schnellzug brauste heran, und aus den Wartesälen strömte eine eilige, fröstelnde Menschenmenge.

Klaus schritt dicht hinter Charitas; er sah, daß sie wohlbehalten ein Damencoupé bestieg.

Noch einmal grüßte er zu ihr empor. – Sie sah mit ihren müden, übernächtigten Augen voll unaussprechlicher Dankbarkeit zu ihm hinüber, neigte das Köpfchen und regte die Lippen, als wolle sie noch ein Lebewohl rufen. Klaus aber trat hastig zurück und blieb von ferne stehen, bis der Schaffner die Thüren schloß, bis die Glocke ertönte und der Zug davonstürmte in den grauen, feuchtkalten Morgen hinein.

Klaus atmete tief auf und trat in den Wartesaal.

Er wollte mit dem nächsten Zuge nach Weimar weiterreisen und daselbst bei einem ihm befreundeten Maler etliche Tage Aufenthalt nehmen, bis er Charitas nach Lichtenhagen folgen konnte.

Den Kopf in die Hand gestützt, saß er vor einer Zeitung und blickte über dieselbe hinweg.

Die Gedanken fluteten hinter seiner Stirn.

Der Würfel war gefallen. Das arme, gefangene Vögelchen war seinem Kerker entflohen.

Goldene Freiheit umgab es – aber wo findet es aufs neue ein heimatlich Nest? Was soll nun werden?

Er wird, er muß sie heiraten.

Klaus empfindet, daß bei diesem Gedanken ein heimliches Weh sein Herz durchzuckt.

Charitas ist schön, engelsgut, rein wie eine Lilie – und doch ... er liebt sie nicht!

Gleichviel, er darf nicht an sich selber denken.

Daß Charitas seinen Antrag jetzt ablehnte, entsprach nur ihrem spröden, stolzen Sinn, welcher Almosen von sich weist – sie wird später Ja sagen, wenn er in Treuen um sie wirbt.

.

Fremdes Brot schmeckt bitter, das wird sie empfinden, und sie wird sich nach dem eigenen Herd sehnen.

Wovon aber denselben gründen?

Je nun, Josef wird Rat schaffen.

– – – – – – – –

Freiherr von Torisdorff stand in früher Morgenstunde auf seinem Posten bei den Erdarbeiten, als ein Depeschenbote die Nachricht brachte, daß Klaus und seine unbekannte Braut heute eintreffen würden.

Er rief nach seinem Pferde und sprengte nach Lichtenhagen hinüber, Befehl zu geben, daß alle Vorbereitungen getroffen und ein Wagen zur Bahn gesandt werde.

»Wissen Sie auch, Fräulein Rothtraut, wer die junge Dame herbringen wird?« fragte er lächelnd, als die Kleine mit strahlenden Augen in die Hände klatschte und sich dieser Neuigkeit voll stürmischen Jubels freute.

Sie sah überrascht zu ihm auf. »Nein ... wer denn?« stammelte sie verwirrt.

»Bruder Klaus, dessen Skizzen Sie neulich so anschwärmten, und dessen Photographie Sie kopfüber in den Rahmen steckten«, sagte er, mit einem Versuch zu scherzen.

Rothtraut ward abermals dunkelrot: sie schien ganz atemlos vor Überraschung.

»Weiß das Mama schon?« stotterte sie, die Händchen krampfhaft ineinander schlingend.

»Nein – Klaus wohnt bei mir in Krembs.«

»Aber ... aber ... o ich muß es ihr doch sagen!«

Und wie eine schillernde Libelle durch die Sommerluft blitzt, so war auch Fräulein Rothtraut schnell wie ein Gedanke hinter der Thür verschwunden. Josef aber wandte sich um und dachte: »Welch ein glückseliges, beneidenswertes Kind ist sie doch! Welch ein Unterschied zwischen uns! Als ich siebzehn Jahre zählte, war ich ein Greis gegen sie!«

Er stieg abermals zu Pferd und ritt nach Krembs zurück.

Sein Haupt sank tief auf die Brust, ernster und hoffnungsloser als je starrte sein Blick geradeaus. Klaus brachte heute die Braut heim!

Welch ein sonniges, strahlendes Glück wird mit diesen beiden Liebenden in das ernste Gutshaus einziehen, welch ein Frühlingsleben und -Weben wird nun seine Silberfäden von Herz zu Herzen spinnen, Rothtraut wird wie eine Heidelerche voll ahnender Lust in dies Glück hinein zwitschern, und Frau von Damasus wird voll gütiger Freude die Hände schirmend darüber breiten, – nur er wird wie ein Bettler, hungernd und dürstend, an der Thür dieser Reichen stehen, und einzig in seinem Herzen wird es öde und dunkel bleiben, trotz all der sonnigen Liebeslust ringsum! O wie schwer war ihm das Herz schon jetzt! Angesichts des Bruders, welcher so reich an Lust und Wonne geworden, fühlte er es doppelt, wie arm, wie bitter arm er an allem geworden war, was eines Menschen Leben verschönen und wertvoll machen kann.

Sein Leben war eine Niete, und alles, was es ihm an Inhalt bot, war künftighin die Arbeit und die ernste Pflicht, für fremdes Glück zu schaffen und zu sorgen.

Wohl ihm, daß ihm diese Aufgabe gestellt war, er würde ohne sie zu Grunde gehen.

Nun ist sie das Morphium, welches ihn über den großen, unheilbaren Schmerz verlorener Liebe hinweg täuscht.

Das Alleinsein und Sinnen hat ihm seit jeher nicht getaugt, – vorwärts, zurück auf seinen Posten, wo der Spaten im feuchten Sand knirscht und der Hammer mit hellem Ton gegen das Gestein klingt!

Er gibt dem Pferde die Sporen und sprengt querfeldein über die Wiesen.

Ein eisiger Windstoß pfeift ihm entgegen und reißt mit Ungestüm an seinem Mantel, und über den dunklen Tannen des Waldes ballen sich schwere Schneewolken auf.

Der Inspektor schreitet seitlich auf einem kleinen Rain durch die Felder, er grüßt und deutet nach dem Forst.

»Es gibt noch bös Wetter heut, Herr Baron!« ruft er kaum verständlich herüber. »In jener Ecke dort brauen die Hexen ihre Schlossen für uns!«

»Kann schon sein!« ruft Josef zurück. »Sind Sie gerüstet?«

»Ich denke ja!«

»Gott befohlen!«

»Serviteur, Herr Baron!«

Ja, es gibt ein böses Wetter.

Die Frühlingsstürme haben noch immer nicht ausgetobt, sie scheinen sich heute für einen ganz besonderen Kampf zu rüsten, sie wollen noch einmal für König Winter zu Felde ziehen, ehe der liebliche Held in der goldenen Wehr sie mit Sonnenlanzen zu Boden wirft! Josef überlegt, ob es sich noch lohnt, zu den Arbeiten hinauszureiten, er muß doch dem Anstand genügen und den Bruder und die zukünftige Schwägerin an der Bahn begrüßen.

Schneeflocken wirbeln ihm entgegen, es wird so wie so nicht viel mit dem Arbeiten werden, wenn das Wetter losbricht.

Josef lenkte das Pferd auf die Chaussee zurück und reitet nach Krembs.

Das warme Zimmer thut ihm wohl.

Huh; wie es heult und im Schornstein braust! Schwärzer und schwärzer ziehen die Wolken auf.

Ob es ein Gewitter gibt? Unmöglich ist es nicht, es hat schon oft über kahle Bäume gedonnert.

»Wollen Sie wirklich reiten; Herr Baron?« fragt die Wirtschafterin des Inspektors besorgt. »Der kleine Wagen wäre wohl besser, wenn er auch offen ist!«

Josef schüttelte zerstreut den Kopf. »Das Fahren wäre mir heute noch unsympathischer als das Reiten, Frau Müller«, sagte er. »Ich friere nicht so leicht und habe außerdem auch keine Zeit zu verlieren. Haben Sie das Mittagbrot für uns bereit? Mein Bruder wird wohl zu Tisch in Lichtenhagen bleiben, möglicherweise aber begleitet er mich auch hierher. Auf jeden Fall rechnen Sie auf ihn! Auf Wiedersehen!«

Er grüßte in seiner stets höflichen Weise, schritt spornklingend die Steinstufen hinab und stieg wieder zu Pferd.

Der Sturm warf schmetternd die Hausthür hinter ihm zu, und der Goldfuchs sprang aufschnaufend zur Seite. Mit sicherer Hand faßte Josef die Zügel, und Roß und Reiter waren im nächsten Augenblick in den wirbelnden Schneeflocken verschwunden.

Die Wege waren naß und weich. Da die Luft bei aller Schärfe warm war, so taute der Schnee allsogleich und verwandelte die Straßen in Wasserlachen und Schlamm. Josef ritt scharf zu, er sah auch bereits die vom Wind zerrissenen Rauchwolken der Lokomotive über den Bahndamm jagen, als er die letzte kleine Wegbiegung vor dem Bahnhof hinter sich gelassen.

Das Wetter ward von Minute zu Minute unwirtlicher.

Der geschlossene Wagen von Lichtenhagen stand hinter dem niederen Gebäude, um möglichsten Schutz gegen den Sturm zu suchen. Der Kutscher stand neben den Pferden und hielt sie, das Glockensignal und die scharfen Hagelschauer hatten sie wohl scheu gemacht.

Josef sah zu seiner Überraschung, daß nicht die alten Kutschpferde, sondern zwei junge, neu angekaufte Jucker angespannt waren, welche noch nicht einmal perfekt eingefahren waren. »Um Himmels willen, Schaal, bei diesem Wetter die neuen Pferde?« rief er erschreckt.

»Ja, leider, leider, gnädiger Herr! Die Melusine hat sich doch bei dem Glatteis gestern das ganze Bein aufgeschlagen, da war bei der Geschwulst an Fahren nicht zu denken.«

»Ach richtig, ich hatte es ganz vergessen! Sehr fatal! Hoffentlich werden Sie mit den Tieren fertig?

Josef sah besorgt aus, aber Schaal machte eine beruhigende Handbewegung. »Da seien der gnädige Herr ganz beruhigt. Racker sind's zwar, aber ich gehe nun an die dreißig Jahre mit Pferden um. Geben Sie, bitte, die Zügel, Herr Baron, ich kann den Rübezahl gut halten, derweil Sie die Herrschaften empfangen!«

Josef stand allein auf dem Perron.

Das Schneetreiben ward immer heftiger, und wen nicht der Dienst gewaltsam hinaustrieb, der blieb heute gern in der schützenden Stube zurück.

Nur die beiden Postbeamten und der Inspektor hatten sich, frierend, in die Mäntel gewickelt, auf dem einsamen Bahnsteig eingefunden. Der Verkehr war auf dieser kleinen Station selten ein reger, heute stockte er vollends.

Mit heißem Atem fauchte der Zug heran.

Der Schaffner riß ein Damencoupé auf und reichte einer aussteigenden Frauengestalt das Handgepäck hastig heraus.

Josef blickte gleichgültig über sie hinweg, die Reihe der Coupés entlang, angestrengt nach dem lieben Antlitz des Stiefbruders forschend, welches doch nun an einer der Scheiben erscheinen wird. Vergeblich – die Pfeife schrillt, die Schaffner springen auf, die Thür des Postwagens schlägt hinter dem herausfliegenden Briefsack wieder zu. »Fertig! – Weiter!«

Aufs höchste überrascht starrt Josef dem Zug nach, welcher sich langsam wieder in Bewegung setzt.

Sie kommen nicht? – Was bedeutet das?!

Und als er sich umwendet und hastig nach dem Wagen schreiten will, sieht er eine schlanke Mädchengestalt allein und verlassen neben ihrem Handgepäck stehen, sich sichtbar ratlos auf dem sehr schnell wieder einsam gewordenen Perron umsehend.

Josef zögert unwillkürlich im Vorüberschreiten, sein Blick trifft das Antlitz, von welchem der Sturm den dichten Schleier zurückreißt, und plötzlich steht er, streckt mit lautem Aufschrei höchster Überraschung die Hände vor, als sähe er ein Gespenst, und taumelt dann jählings einen Schritt näher.

»Charitas!«

Die Fremde wendet das Haupt; starr, weit aufgerissen richten sich die dunklen Augen auf ihn, ihre Hände in dem kleinen Pelzmuff zucken empor und pressen sich gegen das Herz.

Sie steht lautlos, wie gelähmt, nur ihr Blick bekommt wieder Leben, wie ein heißer, leuchtender Strahl glüht es verräterisch in ihm auf.

Ihre Lippen zittern – sie möchte sprechen, sie kann nicht.

.

Da steht er schon vor ihr und faßt krampfhaft ihre Hände. »Charitas … wohin? – Wohin führt Sie Ihr Weg?« stößt er hervor, wie ein Mensch, welcher ein ungeheures, unfaßliches Glück ahnt, aber noch nicht daran zu glauben wagt.

Kommt sie zu ihm? Flüchtet sie sich vor der Größe ihres Elends in seine Arme?

Heiße Glut flammt in ihren Wangen, und dann wird sie bleicher noch denn zuvor.

Angstvoll schüttelt sie das Haupt und ringt nach Worten.

»Ich werde bei Frau Geheimrat von Damasus auf Lichtenhagen erwartet, ich soll einen Wagen hier vorfinden.«

Als habe ihn ein Schlag getroffen, weicht Josef zurück. Eine furchtbare Veränderung geht in seinen Zügen vor sich, er blickt in ihr Antlitz wie ein Sterbender.

»Zu Frau von Damasus … und Klaus Sterley hat Sie dort angemeldet?«

Sie nickt lebhaft, überrascht.

»Ganz recht, doch um alles in der Welt … woher wissen Sie?«

Wie ein Aufstöhnen ringt es sich aus seiner Brust, er deckt sekundenlang die Hand über die Augen, ob zum Schutz gegen Schnee und Sturm … Charitas weiß es sich nicht zu deuten.

Daun richtet er sich hoch auf, ein flammender Blick trifft sie, wie Zorn und Verachtung, wie wilder, aufbäumender Stolz.

»So sind Sie die Dame, welche ich erwarte!« sagt er kalt, mit sehr förmlicher Verbeugung. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht sofort den Gast der Geheimrätin in Ihnen vermutete, ich erwartete Sie jedoch in Begleitung meines Bruders!«

»Ihres Bruders?!«

»Klaus Sterley ist mein Bruder, wußten Sie das etwa nicht?«

Sie zuckt zusammen, ein Blick namenloser Qual bricht aus ihren Augen.

»Herr Sterley Ihr Bruder? Allbarmherziger Gott!«

Sein finsterer Blick streift sie.

»Sie verschwiegen mir den Namen Ihres Bräutigams, als Sie mir Ihre Verlobung mitteilten, sonst hätte ich vielleicht das Rätsel gelöst, wenn Klaus keine Zeit fand, Ihnen von seinen Angehörigen zu sprechen!«

Wie schneidende Ironie klang es durch seine Worte, dann wandte er sich hastig um.

»Darf ich aber bitten, mir zu folgen? Ich möchte Sie nicht länger dem Unwetter aussetzen, dort wartet der Wagen.«

Er schritt, ohne sie noch einmal anzusehen, voraus, und der Sturm fuhr heulend zwischen ihnen daher, als wolle er sie für ewige Zeiten auseinander reißen.

Frühlingsstürme! Noch einmal fassen und packen sie zu, voll wüster, unbarmherziger Kraft, noch einmal schütten sie, wie eisigen Schnee, alles Winterleid über blutende Herzen. Aber der Schnee hat keine dauernde Gewalt mehr, er schmilzt unter dem Lenzeshauch, welcher schon jetzt das Brausen durchklingt! »Winterstürme wichen dem Wonnemond!«

Mit wankenden Knien folgte Charitas. Sie hat das Gefühl der Verzweiflung: »Fort von hier! um jeden Preis!« Und doch gibt es keinen andern Weg für sie als diesen einen, auf welchem sie der rauhe Sturmesodem des Schicksals vorwärts peitscht.

Sie kann nicht denken, nicht überlegen, sie kann sich in diesem Augenblick keine Rechenschaft ablegen von dem, was sie gethan, von dem, was geschehen, sie empfindet es nur wie eine dumpfe, bleischwere Last auf dem Herzen, – elend, elend zum Sterben!

Josef öffnet den Wagenschlag und tritt zu den Pferden, die Zügel zu fassen.

»Holen Sie das Gepäck, Schaal!«

Von ihr abgewandt steht er und Charitas sinkt mit geschlossenen Augen in die Wagenpolster zurück, es heult und saust und dröhnt um sie her, seine hohe Gestalt ragt aus dem wüsten Schneetreiben hervor, wie Milliarden von feindseligen Gewalten stürzen sich die bleichen, kleinen Geister auf ihn, trennend zwischen ihn und sie.

Schaal bringt das Gepäck.

»Auch einen Koffer, gnädiges Fräulein – oder nur diese beiden Handtaschen?«

Sie schüttelt mechanisch den Kopf. »Keinen Koffer«, sagt sie, so leise, daß der Alte es kaum versteht.

Und der junge Herr Sterley ist nicht mitgekommen?« fragt Schaal abermals.

Charitas preßt die Lippen zusammen. Dann stößt sie kurz hervor: »Nein, er kommt später.«

»Na, dann darf ich wohl zufahren, die Pferde stehen so wie so nicht mehr.«

Er scheint noch momentan zu warten, daß Herr von Torisdorff sich verabschiede, aber Josef winkt ihm nur kurz mit der Hand, und der Schlag kracht zu.

Schweigend schwingt sich Josef auf sein Pferd, und mit weit offenen Augen, voll Angst und Sorge schaut ihm Charitas einen Moment nach, wie er in das Unwetter hineinjagt.

Dann sinkt sie abermals in den Wagen zurück, ein leiser, qualvoller Aufschrei bricht über ihre Lippen, und all die starre, gebannte Qual der letzten Viertelstunde löst sich in heiße Thränen der Verzweiflung.

Welch eine furchtbare, tückische Verkettung des Geschicks. Wehe ihr, daß sie ehemals die Lüge von ihrer Verlobung ersann, wehe ihr, daß sie voll unduldsamen Trotzes das Elend des pflegeelterlichen Hauses von sich abschütteln wollte – es hat sich an ihre Sohlen geheftet und folgt ihr in die Fremde hinaus, – ach, doppelt so groß und unerträglich denn je zuvor! Und doch – unter all dem herben Leid zieht es wie jauchzende Frühlingsstimmen durch ihr Herz! Sie hat ihn wiedergesehen! Sie hat durch den ersten jauchzenden Aufschrei von seinen Lippen all die treue, unveränderte Liebe klingen hören, welche auch voll tiefer Innigkeit aus seinen Blicken strahlte, sie hat den Druck seiner Hände gefühlt und ihr Herz hat still gestanden in der Himmelswonne dieses Augenblicks. Wie kommt er hierher?

Was hat ein katholischer Geistlicher hier auf dem Lande zu thun?

Weilt er auch in Lichtenhagen zu Gast? Ach nur das nicht, nur das nicht!

Und weil Klaus Sterley ihr hier ein Unterkommen verschaffte, glaubt er in ihm den Bräutigam zu sehn, jene wesenlose Phantasiegestalt, welche sie einst selber in einer Stunde höchster Not und Ratlosigkeit geschaffen! treulos wähnt er sie, treulos und verräterisch – als Braut des eigenen Bruders!

O Herr, mein Gott, wie brennt sein stolzer, verächtlicher Blick noch auf der Seele! Wird sie die Kraft haben, ihn zum zweitenmal zu ertragen? Womöglich muß sie im täglichen Verkehr dem Geliebten gegenübertreten, um mit sehnsuchtskrankem, schuldlosem Herzen sein demütigendes Schweigen zu ertragen, welches sie tausendmal härter verurteilt als die bittersten Worte! Nein, sie kann es nicht – lieber sterben! Und doch ... muß sich nicht der furchtbare Irrtum aufklären, wenn Klaus Sterley kommt? Wird er ihm nicht am besten sagen können, daß sie nicht verlobt ist, daß sie keinen anderen Schützer und Retter auf der Welt hatte, als ihn, den fremden Maler? Wie ein zages, wonniges Sehnen und Hoffen zieht es bei dem Gedanken durch ihr Herz, und kaum, daß das zarte Pflänzchen der Hoffnung emporkeimt, schüttet es der Frühlingssturm aufs neue mit Eis und Schnee zu. Wozu all die Lösung dieses traurigen Rätsels? Wird sie darum anders denken, wie früher? Ist ihr der katholische Geistliche jetzt um Haaresbreite erreichbarer wie vor etlichen Wochen, als es ihr die höchste und heiligste Pflicht geschienen, ihm zu entsagen? –

Gewiß nicht.

Verloren für jetzt und immerdar.

Welch ein Brausen und Heulen um sie her! Will denn der grausame Winter alle hoffnungs- und lebensfroh keimende Welt in diesem Schneesturm begraben?

Wie dunkel es wird ... und wo er wohl sein mag? Allein, – zu Pferd – bei diesem Wetter? In entgegengesetzter Richtung, – auf anderen Wegen als wie sie fuhr, sprengte er davon. Welch ein fernes Rollen und Grollen ... ein grelles Aufzucken leuchtenden Lichts ...

Ein Gewitter um diese Zeit?

Der Kutscher ruft laut durch den Sturm, der Wagen wird hin- und hergeschleudert – die Pferde scheinen durchzugehen.

Charitas hebt das Haupt, wie ein fieberhaftes, irres Lächeln geht's um ihre Lippen.

Sie fürchtet sich nicht.

Im Gegenteil, wie ein grausiges Frohlocken geht es durch ihre Seele.

Es gibt ja nur noch eine Rettung aus all dieser Herzensnot, – möge sie kommen, je eher, desto besser, – sie ruft ihn, sie ersehnt ihn – den Tod.

Die Hufe knattern, – in rasender Flucht – mit den Frühlingsstürmen um die Wette jagt der Wagen dahin.

Da verdunkelt ein Schatten die Fensterscheibe. Ein schnaubendes Roß schießt vorüber – ein sturmzerissener Zuruf – –

Und wenn Himmel und Erde zusammenbrächen, und wenn der Sturm noch zehnmal stärker wütete – Charitas würde dennoch die Stimme des Geliebten hören und erkennen.

Er ist es! – er naht zu ihrer Hilfe!

Ihr Herz schlägt zum Zerspringen, wie feurige Nebel wogt es vor ihrem Blick.

Noch eine kleine Strecke rasen die Pferde, dann ruckt und stößt der Wagen zurück – und steht still.

»Bleiben Sie auf dem Bock, Schaal, – ich halte die Pferde!«

Seine Stimme! – seine Stimme!

Wie eine Verschmachtende, welche neben sich frisches Wasser des Lebens rauschen hört, neigt Charitas die thränenheißen Augen gegen die Scheibe.

Nur einmal ihn noch sehen! Sie muß es, wie mit Zaubergewalt zieht es sie!

Und sie sieht, wie er vom Pferd springt, wie er halb abgewandt gegen den Wettersturm, der Kälte und Nässe nicht achtend, die Kutschpferde mit starker Hand faßt und bändigt.

Abermals ein Donnerschlag, ein zischender Blitz. Charitas deucht es noch, als seien die Pferde hochaufbäumend vorwärts gestürmt, der Wagen schleudert abermals hin und her, der Kutscher schreit sein »Hoh – hüh!!« – und dann still – still ringsum –

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Als sie sich aus ihrer Betäubung aufreißt und mit entsetzten Augen hinausschaut, sieht sie, wie Schaal vom Bock springt und mit allen Zeichen des Schreckens nach vorn stürmt.

»Herr Baron – allmächtiger Gott – –«

Mit bebenden Händen stößt Charitas den Schlag zurück und springt zur Erde.

Der Herzschlag stockt ihr, mit einem Schrei der Verzweiflung stürzt sie auf die dunkle Gestalt zu, welche auf dem weißen Schnee wie ein schwarzer Schatten hingestreckt liegt.

Sie weiß nicht, was sie thut, sie hört und sieht nichts anderes mehr als ihn.

Auf die Knie wirft sie sich neben ihn nieder, umfaßt mit kraftvollen Armen seine Schultern und richtet ihn auf. »Josef, Josef!« schreit sie auf und ihr verstörter Blick sucht sein Auge.

Da zuckt er empor, starrt sie an und heiße, flammende Glut steigt in sein Antlitz. Wie gebannt ruht Blick in Blick – und alles, was zwei arme, schmerzgefolterte Menschenherzen an höchster Liebe und tiefstem Leid empfinden, spiegelt dieser Blick.

Der Sturm aber rast noch einmal über sie hin, wild, zornig, im erbitterten Kampf gegen alles, was Lenzesluft und Lenzesblüten verheißt, und er wirft über den heißen Blick der Liebe zum letztenmal den Schnee. –

Josef richtet sich empor, noch einmal blickt er in ihr Antlitz und vor seinen Ohren zittert noch ihr Angstschrei – Josef! –

Da weicht der Traum.

Er preßte die Lippen zusammen, er springt auf und tritt zurück.

»Es ist nichts, Schaal, die Pferde haben mich nur niedergerissen, es that mir nichts. Das Wetter ist vorbei, Sie können weiter fahren.«

Charitas regt sich nicht, Josef muß sich zu ihr wenden, er muß es, soll sein Benehmen nicht auffallen.

Stumm reicht er ihr die Hand, und sie erhebt sich wankend von den Knien. Ihr schönes Antlitz ist farblos wie der Schnee, welcher sie überschüttet, Thränen glänzen an den Wimpern, sie blickt ihn nicht an und wendet sich zu dem Wagen zurück.

Das Herz in der Brust will ihm zerspringen. Er preßt jählings ihre Hand in der seinen.

»Zu spät«, murmelte er, »zu spät!« Und dann tritt er bei Seite.

Schaal schließt abermals die Wagenthür.

»Reiten Sie mit uns, gnädiger Herr, ich traue den Pferden nicht«, bittet er.

Josef kämpft einen Augenblick mit sich selbst. Dann nickt er hastig und finster.

»Fahren Sie zu, ich begleite Sie.«

Rübezahl stand mit flatternder Mähne neben den Kutschpferden, er war ein paar Schritte davongalloppiert, wandte sich auf Schaals Pfiff gehorsam um und trabte zurück.

Jetzt ließ er sich, mit gesenktem Kopf gegen den Wind stehend, greifen.

Josef sprang in den Sattel und ritt dem Wagen voraus.

Das Wetter verzog. Linder und linder sauste es daher – und fern über Lichtenhagen glänzte ein Streifen blauen Himmels durch die Wolken.

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