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Frühlings Erwachen

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFrühlings Erwachen
authorFrank Wedekind
year1994
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07674-9
titleFrühlings Erwachen
pages5-74
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Fünfte Szene

Sonniger Nachmittag. – Melchior und Wendla begegnen einander im Wald.

Melchior Bist du's wirklich, Wendla? – Was tust denn du so allein hier oben? – Seit drei Stunden durchstreife ich den Wald die Kreuz und Quer, ohne daß mir eine Seele begegnet, und nun plötzlich trittst du mir aus dem dichtesten Dickicht entgegen!

Wendla Ja, ich bin's.

Melchior Wenn ich dich nicht als Wendla Bergmann kennte, ich hielte dich für eine Dryade, die aus den Zweigen gefallen.

Wendla Nein, nein, ich bin Wendla Bergmann. – Wo kommst denn du her?

Melchior Ich gehe meinen Gedanken nach.

Wendla Ich suchte Waldmeister. Mama will Maitrank bereiten. Anfangs wollte sie selbst mitgehen, aber im letzten Augenblick kam Tante Bauer noch, und die steigt nicht gern. – So bin ich denn allein herauf gekommen.

Melchior Hast du deinen Waldmeister schon?

Wendla Den ganzen Korb voll. Drüben unter den Buchen steht er dicht wie Mattenklee. – Jetzt sehe ich mich nämlich nach einem Ausweg um. Ich scheine mich verirrt zu haben. Kannst du mir vielleicht sagen, wieviel Uhr es ist?

Melchior Eben halb vier vorbei. – Wann erwartet man dich?

Wendla Ich glaubte, es wäre später. Ich lag eine ganze Weile am Goldbach im Moose und habe geträumt. Die Zeit verging mir so rasch; ich fürchtete, es wolle schon Abend werden.

Melchior Wenn man dich noch nicht erwartet, dann laß uns hier noch ein wenig lagern. Unter der Eiche dort ist mein Lieblingsplätzchen. Wenn man den Kopf an den Stamm zurücklehnt und durch die Äste in den Himmel starrt, wird man hypnotisiert. Der Boden ist noch warm von der Morgensonne. – Schon seit Wochen wollte ich dich etwas fragen, Wendla.

Wendla Aber vor fünf muß ich zu Hause sein.

Melchior Wir gehen dann zusammen. Ich nehme den Korb, und wir schlagen den Weg durch die Runse ein, so sind wir in zehn Minuten schon auf der Brücke! – Wenn man so daliegt, die Stirn in die Hand gestützt, kommen einem die sonderbarsten Gedanken...

Beide lagern sich unter der Eiche.

Wendla Was wolltest du mich fragen, Melchior?

Melchior Ich habe gehört, Wendla, du gehest häufig zu armen Leuten. Du brächtest ihnen Essen, auch Kleider und Geld. Tust du das aus eigenem Antriebe, oder schickt deine Mutter dich?

Wendla Meistens schickt mich die Mutter. Es sind arme Taglöhnerfamilien, die eine Unmenge Kinder haben. Oft findet der Mann keine Arbeit, dann frieren und hungern sie. Bei uns liegt aus früherer Zeit noch so mancherlei in Schränken und Kommoden, das nicht mehr gebraucht wird. Aber wie kommst du darauf?

Melchior Gehst du gern oder ungern, wenn deine Mutter dich so wohin schickt?

Wendla O für mein Leben gern! Wie kannst du fragen!

Melchior Aber die Kinder sind schmutzig, die Frauen sind krank, die Wohnungen strotzen von Unrat, die Männer hassen dich, weil du nicht arbeitest...

Wendla Das ist nicht wahr, Melchior. Und wenn es wahr wäre, ich würde erst recht gehen!

Melchior Wieso erst recht, Wendla?

Wendla Ich würde erst recht hingehen. – Es würde mir noch viel mehr Freude bereiten, ihnen helfen zu können.

Melchior Du gehst also um deiner Freude willen zu den armen Leuten?

Wendla Ich gehe zu ihnen, weil sie arm sind.

Melchior Aber wenn es dir keine Freude wäre, würdest du nicht gehen?

Wendla Kann ich denn dafür, daß es mir Freude macht?

Melchior Und doch sollst du dafür in den Himmel kommen! – So ist es also richtig, was mir nun seit einem Monat keine Ruhe mehr läßt! – Kann der Geizige dafür, daß es ihm keine Freude macht, zu schmutzigen kranken Kindern zu gehen?

Wendla O dir würde es sicher die größte Freude sein!

Melchior Und doch soll er dafür des ewigen Todes sterben! – Ich werde eine Abhandlung schreiben und sie Herrn Pastor Kahlbauch einschicken. Er ist die Veranlassung. Was faselt er uns von Opferfreudigkeit! – Wenn er mir nicht antworten kann, gehe ich nicht mehr in die Kinderlehre und lasse mich nicht konfirmieren.

Wendla Warum willst du deinen lieben Eltern den Kummer bereiten! Laß dich doch konfirmieren; den Kopf kostet's doch nicht. Wenn unsere schrecklichen weißen Kleider und eure Schlepphosen nicht wären, würde man sich vielleicht noch dafür begeistern können!

Melchior Es gibt keine Aufopferung! Es gibt keine Selbstlosigkeit! – Ich sehe die Guten sich ihres Herzens freun, sehe die Schlechten beben und stöhnen – ich sehe dich, Wendla Bergmann, deine Locken schütteln und lachen, und mir wird so ernst dabei wie einem Geächteten. – – Was hast du vorhin geträumt, Wendla, als du am Goldbach im Grase lagst?

Wendla – – Dummheiten – Narreteien –

Melchior Mit offenen Augen?!

Wendla Mir träumte, ich wäre ein armes, armes Bettelkind, ich würde früh fünf schon auf die Straße geschickt, ich müßte betteln den ganzen langen Tag in Sturm und Wetter, unter hartherzigen, rohen Menschen. Und käm' ich abends nach Hause, zitternd vor Hunger und Kälte, und hätte so viel Geld nicht, wie mein Vater verlangt, dann würd' ich geschlagen – geschlagen –

Melchior Das kenne ich, Wendla. Das hast du den albernen Kindergeschichten zu danken. Glaub' mir, so brutale Menschen existieren nicht mehr.

Wendla O doch, Melchior, du irrst. – Martha Bessel wird Abend für Abend geschlagen, daß man anderntags Striemen sieht. O was die leiden muß! Siedendheiß wird es einem, wenn sie erzählt. Ich bedaure sie so furchtbar, ich muß oft mitten in der Nacht in die Kissen weinen. Seit Monaten denke ich darüber nach, wie man ihr helfen kann. – Ich wollte mit Freuden einmal acht Tage an ihrer Stelle sein.

Melchior Man sollte den Vater kurzweg verklagen. Dann würde ihm das Kind weggenommen.

Wendla Ich, Melchior, bin in meinem Leben nie geschlagen worden – nicht ein einziges Mal. Ich kann mir kaum denken, wie das tut, geschlagen zu werden. Ich habe mich schon selber geschlagen, um zu erfahren, wie einem dabei ums Herz wird. – Es muß ein grauenvolles Gefühl sein.

Melchior Ich glaube nicht, daß je ein Kind dadurch besser wird.

Wendla Wodurch besser wird?

Melchior Daß man es schlägt.

Wendla – Mit dieser Gerte zum Beispiel! – Hu, ist die zäh und dünn!

Melchior Die zieht Blut!

Wendla Würdest du mich nicht einmal damit schlagen?

Melchior Wen?

Wendla Mich.

Melchior Was fällt dir ein, Wendla!

Wendla Was ist denn dabei?

Melchior O sei ruhig! – Ich schlage dich nicht.

Wendla Wenn ich dir's doch erlaube!

Melchior Nie, Mädchen!

Wendla Aber wenn ich dich darum bitte, Melchior!

Melchior Bist du nicht bei Verstand?

Wendla Ich bin in meinem Leben nie geschlagen worden!

Melchior Wenn du um so etwas bitten kannst...

Wendla – Bitte – bitte –

Melchior Ich will dich bitten lehren! – Er schlägt sie.

Wendla Ach Gott – ich spüre nicht das geringste!

Melchior Das glaub ich dir – – durch all deine Röcke durch...

Wendla So schlag mich doch an die Beine!

Melchior Wendla! Er schlägt sie stärker.

Wendla Du streichelst mich ja! – Du streichelst mich!

Melchior Wart, Hexe, ich will dir den Satan austreiben!

Er wirft den Stock beiseite und schlägt derart mit den Fäusten drein, daß sie in ein fürchterliches Geschrei ausbricht. Er kehrt sich nicht daran, sondern drischt wie wütend auf sie los, während ihm die dicken Tränen über die Wangen rinnen. Plötzlich springt er empor, faßt sich mit beiden Händen an die Schläfen und stürzt, aus tiefster Seele jammervoll aufschluchzend, in den Wald hinein.

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