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Frühlings Erwachen

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen - Kapitel 4
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFrühlings Erwachen
authorFrank Wedekind
year1994
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07674-9
titleFrühlings Erwachen
pages5-74
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Dritte Szene

Thea, Wendla und Martha- kommen Arm in Arm die Straße herauf.

Martha Wie einem das Wasser ins Schuhwerk dringt!

Wendla Wie einem der Wind um die Wangen saust!

Thea Wie einem das Herz hämmert!

Wendla Gehn wir zur Brücke hinaus! Ilse sagte, der Fluß führe Sträucher und Bäume. Die Jungens haben ein Floß auf dem Wasser. Melchi Gabor soll gestern abend beinah ertrunken sein.

Thea O der kann schwimmen!

Martha Das will ich meinen, Kind!

Wendla Wenn der nicht hätte schwimmen können wäre er wohl sicher ertrunken!

Thea Dein Zopf geht auf, Martha; dein Zopf geht auf!

Martha Puh – laß ihn aufgehn! Er ärgert mich so Tag und Nacht. Kurze Haare tragen wie du darf ich nicht, das Haar offen tragen wie Wendla darf ich nicht, Ponyhaare tragen darf ich nicht, und zu Hause muß ich mir gar die Frisur machen – alles der Tanten wegen!

Wendla Ich bringe morgen eine Schere mit in die Religionsstunde. Während du »Wohl dem, der nicht wandelt« rezitierst, werd' ich ihn abschneiden.

Martha Um Gottes willen, Wendla! Papa schlägt mich krumm, und Mama sperrt mich drei Nächte ins Kohlenloch.

Wendla Womit schlägt er dich, Martha?

Martha Manchmal ist es mir, es müßte ihnen doch etwas abgehen, wenn sie keinen so schlecht gearteten Balg hätten wie ich.

Thea Aber Mädchen!

Martha Hast du dir nicht auch ein himmelblaues Band durch die Hemdpasse ziehen dürfen?

Thea Rosa Atlas! Mama behauptet, Rosa stehe mir bei meinen pechschwarzen Augen.

Martha Mir stand Blau reizend! – Mama riß mich am Zopf zum Bett heraus. So – fiel ich mit den Händen vorauf auf die Diele. – Mama betet nämlich Abend für Abend mit uns...

Wendla Ich an deiner Stelle wäre ihnen längst in die Welt hinausgelaufen.

Martha ... Da habe man's, worauf ich ausgehe! – Da habe man's ja! – Aber sie wolle schon sehen – o sie wolle noch sehen! Meiner Mutter wenigstens solle ich einmal keine Vorwürfe machen können...

Thea Hu – Hu –

Martha Kannst du dir denken, Thea, was Mama damit meinte?

Thea Ich nicht. – Du, Wendla?

Wendla Ich hätte sie einfach gefragt.

Martha Ich lag auf der Erde und schrie und heulte. Da kommt Papa. Ritsch – das Hemd herunter. Ich zur Türe hinaus. Da habe man's. Ich wolle nun wohl so auf die Straße hinunter...

Wendla Das ist doch gar nicht wahr, Martha.

Martha Ich fror. Ich schloß auf. Ich habe die ganze Nacht im Sack schlafen müssen.

Thea Ich könnte meiner Lebtag in keinem Sack schlafen!

Wendla Ich möchte ganz gern mal für dich in deinem Sack schlafen.

Martha Wenn man nur nicht geschlagen wird.

Thea Aber man erstickt doch darin!

Martha Der Kopf bleibt frei. Unter dem Kinn wird zugebunden.

Thea Und dann schlagen sie dich?

Martha Nein. Nur wenn etwas Besonderes vorliegt.

Wendla Womit schlägt man dich, Martha?

Martha Ach was – mit allerhand. – Hält es deine Mutter auch für unanständig, im Bett ein Stück Brot zu essen?

Wendla Nein, nein.

Martha Ich glaube immer, sie haben doch ihre Freude – wenn sie auch nichts davon sagen. – Wenn ich einmal Kinder habe, ich lasse sie aufwachsen wie das Unkraut in unserem Blumengarten. Um das kümmert sich niemand, und es steht so hoch, so dicht – während die Rosen in den Beeten an ihren Stöcken mit jedem Sommer kümmerlicher blühn.

Thea Wenn ich Kinder habe, kleid' ich sie ganz in Rosa, Rosahüte, Rosakleidchen, Rosaschuhe. Nur die Strümpfe – die Strümpfe schwarz wie die Nacht! Wenn ich dann spazierengehe, laß ich sie vor mir hermarschieren. – Und du, Wendla?

Wendla Wißt ihr denn, ob ihr welche bekommt?

Thea Warum sollten wir keine bekommen?

Martha Tante Euphemia hat allerdings auch keine.

Thea Gänschen! – weil sie nicht verheiratet ist.

Wendla Tante Bauer war dreimal verheiratet und hat nicht ein einziges.

Martha Wenn du welche bekommst, Wendla, was möchtest du lieber, Knaben oder Mädchen?

Wendla Jungens! Jungens!

Thea Ich auch Jungens!

Martha Ich auch. Lieber zwanzig Jungens als drei Mädchen.

Thea Mädchen sind langweilig!

Martha Wenn ich nicht schon ein Mädchen geworden wäre, ich würde es heute gewiß nicht mehr.

Wendla Das ist, glaube ich, Geschmacksache, Martha! Ich freue mich jeden Tag, daß ich ein Mädchen bin. Glaub' mir, ich wollte mit keinem Königssohn tauschen. – Darum möchte ich aber doch nur Buben!

Thea Das ist doch Unsinn, lauter Unsinn, Wendla!

Wendla Aber ich bitte dich, Kind, es muß doch tausendmal erhebender sein, von einem Manne geliebt zu werden, als von einem Mädchen!

Thea Du wirst doch nicht behaupten wollen, Forstreferendar Pfälle liebe Melitta mehr als sie ihn!

Wendla Das will ich wohl, Thea! – Pfälle ist stolz. Pfälle ist stolz darauf, daß er Forstreferendar ist – denn Pfälle hat nichts. – Melitta ist selig, weil sie zehntausendmal mehr bekommt, als sie ist.

Martha Bist du nicht stolz auf dich, Wendla?

Wendla Das wäre doch einfältig.

Martha Wie wollt' ich stolz sein an deiner Stelle!

Thea Sieh doch nur, wie sie die Füße setzt – wie sie geradeaus schaut – wie sie sich hält, Martha! – Wenn das nicht Stolz ist!

Wendla Wozu nur? Ich bin so glücklich, ein Mädchen zu sein; wenn ich kein Mädchen wär', brächt' ich mich um, um das nächste Mal...

Melchior geht vorüber und grüßt.

Thea Er hat einen wundervollen Kopf.

Martha So denke ich mir den jungen Alexander, als er zu Aristoteles in die Schule ging.

Thea Du lieber Gott, die griechische Geschichte! ich weiß nur noch, wie Sokrates in der Tonne lag, als ihm Alexander den Eselsschatten verkaufte.

Wendla Er soll der Drittbeste in seiner Klasse sein.

Thea Professor Knochenbruch sagt, wenn er wollte, könnte er Primus sein.

Martha Er hat eine schöne Stirn, aber sein Freund hat einen seelenvolleren Blick.

Thea Moritz Stiefel? – Ist das eine Schlafmütze!

Martha Ich habe mich immer ganz gut mit ihm unterhalten.

Thea Er blamiert einen, wo man ihn trifft. Auf dem Kinderball bei Rilows bot er mir Pralinés an. Denke dir, Wendla, die waren weich und warm. Ist das nicht...? – Er sagte, er habe sie zu lang in der Hosentasche gehabt.

Wendla Denke dir, Melchi Gabor sagte mir damals, er glaube an nichts – nicht an Gott, nicht an ein Jenseits – an gar nichts mehr in dieser Welt.

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