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Frühlings Erwachen

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen - Kapitel 15
Quellenangabe
typetragedy
booktitleFrühlings Erwachen
authorFrank Wedekind
year1994
publisherGoldmann Verlag
isbn3-442-07674-9
titleFrühlings Erwachen
pages5-74
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Zweite Szene

Friedhof in strömendem Regen. – Vor einem offenen Grabe steht Pastor Kahlbauch, den aufgespannten Schirm in der Hand. Zu seiner Rechten Rentier Stiefel, dessen Freund Ziegenmelker und Onkel Probst. Zur Linken Rektor Sonnenstich mit Professor Knochenbruch. Gymnasiasten schließen den Kreis. In einiger Entfernung vor einem halbverfallenen Grabmonument Martha und Ilse.

Pastor Kahlbauch ... Denn wer die Gnade, mit der der ewige Vater den in Sünden Geborenen gesegnet, von sich wies, er wird des geistigen Todes sterben! – Wer aber in eigenwilliger fleischlicher Verleugnung der Gott gebührenden Ehre dem Bösen gelebt und gedient, er wird des leiblichen Todes sterben! – Wer jedoch das Kreuz, das der Allerbarmer ihm um der Sünde willen auferlegt, freventlich von sich geworfen, wahrlich, wahrlich, ich sage euch, der wird des ewigen Todes sterben! – Er wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft. – Uns aber, die wir fort und fort wallen den Dornenpfad, lasset den Herrn, den allgütigen, preisen und ihm danken für seine unerforschliche Gnadenwahl. Denn so wahr dieser eines dreifachen Todes starb, so wahr wird Gott der Herr den Gerechten einführen zur Seligkeit und zum ewigen Leben. – Amen.

Rentier Stiefel Mit tränenerstickter Stimme, wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft Der Junge war nicht von mir! Der Junge war nicht von mir! Der Junge hat mir von kleinauf nicht gefallen!

Rektor Sonnenstich wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft Der Selbstmord als der denkbar bedenklichste Verstoß gegen die sittliche Weltordnung ist der denkbar bedenklichste Beweis für die sittliche Weltordnung, indem der Selbstmörder der sittlichen Weltordnung den Urteilsspruch zu sprechen erspart und ihr Bestehen bestätigt.

Professor Knochenbruch wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft Verbummelt – versumpft – verhurt – verlumpt – und verludert!

Onkel Probst wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft Meiner eigenen Mutter hätte ich's nicht geglaubt, daß ein Kind so niederträchtig an seinen Eltern zu handeln vermöchte!

Freund Ziegenmelker wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft An einem Vater zu handeln vermöchte, der nun seit zwanzig Jahren von früh bis spät keinen Gedanken mehr hegt als das Wohl seines Kindes!

Pastor Kahlbauch Rentier Stiefel die Hand drückend Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. I. Korinth. 12, 15. – Denken Sie der trostlosen Mutter, und suchen Sie ihr das Verlorene durch verdoppelte Liebe zu ersetzen!

Rektor Sonnenstich Rentier Stiefel die Hand drückend Wir hätten ihn ja wahrscheinlich doch nicht promovieren können!

Professor Knochenbruch Rentier Stiefel die Hand drückend Und wenn wir ihn promoviert hätten, im nächsten Frühling wäre er des allerbestimmtesten sitzengeblieben!

Onkel Probst Rentier Stiefel die Hand drückend Jetzt hast du vor allem die Pflicht, an dich zu denken. Du bist Familienvater...!

Freund Ziegenmelker Rentier Stiefel die Hand drückend Vertraue dich meiner Führung! – Ein Hundewetter, daß einem die Därme schlottern! – Wer da nicht unverzüglich mit einem Grog eingreift, hat seine Herzklappenaffektion weg!

Rentier Stiefel sich die Nase schneuzend Der Junge war nicht von mir... der Junge war nicht von mir...

Rentier Stiefel, geleitet von Pastor Kahlbauch, Rektor Sonnenstich, Professor Knochenbruch, Onkel Probst und Freund Ziegenmelker, ab. Der Regen läßt nach.

Hänschen Rilow wirft eine Schaufel voll Erde in die Gruft Ruhe in Frieden, du ehrliche Haut! – Grüße mir meine ewigen Bräute hingeopferten Angedenkens, und empfiehl mich ganz ergebenst zu Gnaden dem lieben Gott – armer Tolpatsch du! – Sie werden dir um deiner Engelseinfalt willen noch eine Vogelscheuche aufs Grab setzen...

Georg Hat sich die Pistole gefunden?

Robert Man braucht keine Pistole zu suchen!

Ernst Hast du ihn gesehen, Robert?

Robert Verfluchter, verdammter Schwindel! – Wer hat ihn gesehen? – Wer denn?!

Otto Da steckt's nämlich! – Man hatte ihm ein Tuch übergeworfen.

Georg Hing die Zunge heraus?

Robert Die Augen! – Deshalb hatte man das Tuch drübergeworfen.

Otto Grauenhaft!

Hänschen Rilow Weißt du bestimmt, daß er sich erhängt hat?

Ernst Man sagt, er habe gar keinen Kopf mehr.

Otto Unsinn! – Gewäsch!

Robert Ich habe ja den Strick in Händen gehabt! – Ich habe noch keinen Erhängten gesehen, den man nicht zugedeckt hätte.

Georg Auf gemeinere Art hätte er sich nicht empfehlen können!

Hänschen Rilow Was Teufel, das Erhängen soll ganz hübsch sein!

Otto Mir ist er nämlich noch fünf Mark schuldig. Wir hatten gewettet. Er schwor, er werde sich halten.

Hänschen Rilow Du bist schuld, daß er daliegt. Du hast ihn Prahlhans genannt.

Otto Papperlapapp, ich muß auch büffeln die Nächte durch. Hätte er die griechische Literaturgeschichte gelernt, er hätte sich nicht zu erhängen brauchen!

Ernst Hast du den Aufsatz, Otto?

Otto Erst die Einleitung.

Ernst Ich weiß gar nicht, was schreiben.

Georg Warst du denn nicht da, als uns Affenschmalz die Disposition gab?

Hänschen Rilow Ich stopsle mir was aus dem Demokrit zusammen.

Ernst Ich will sehen, ob sich im Kleinen Meyer was finden läßt.

Otto Hast du den Vergil schon auf morgen? – – –

Die Gymnasiasten ab. – Martha und Ilse kommen ans Grab.

Ilse Rasch, rasch! – Dort hinten kommen die Totengräber.

Martha Wollen wir nicht lieber warten, Ilse?

Ilse Wozu? – Wir bringen neue. Immer neue und neue! – Es wachsen genug.

Martha Du hast recht, Ilse! – Sie wirft einen Efeukranz in die Gruft. Ilse öffnet ihre Schürze und läßt eine Fülle frischer Anemonen auf den Sarg regnen.

Martha Ich grabe unsere Rosen aus. Schläge bekomme ich ja doch! – Hier werden sie gedeihen.

Ilse Ich will sie begießen, sooft ich vorbeikomme. Ich hole Vergißmeinnicht vom Goldbach herüber, und Schwertlilien bringe ich von Hause mit.

Martha Es soll eine Pracht werden! Eine Pracht!

Ilse Ich war schon über der Brücke drüben, da hört' ich den Knall.

Martha Armes Herz!

Ilse Und ich weiß auch den Grund, Martha.

Martha Hat er dir was gesagt?

Ilse Parallelepipedon! Aber sag es niemandem.

Martha Meine Hand darauf.

Ilse – Hier ist die Pistole.

Martha Deshalb hat man sie nicht gefunden!

Ilse Ich nahm sie ihm gleich aus der Hand, als ich am Morgen vorbeikam.

Martha Schenk sie mir, Ilse! – Bitte, schenk sie mir!

Ilse Nein, die behalt' ich zum Andenken.

Martha Ist's wahr, Ilse, daß er ohne Kopf drinliegt?

Ilse Er muß sie mit Wasser geladen haben! – Die Königskerzen waren über und über mit Blut besprengt. Sein Hirn hing in den Weiden umher.

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