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Fromme Lieder

Julius Sturm: Fromme Lieder - Kapitel 72
Quellenangabe
typepoem
authorJulius Sturm
titleFromme Lieder
publisherF. A. Brockhaus
printrunSechste Auflage
year1867
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid7a04ff4d
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Nathan vor David.

Gesandt als Bote Gottes steht
Vor seinem König der Prophet
Und blickt ihn lange traurig an,
Als wär' ein Leid ihm angethan,
Spricht dann: »Vernimm, Herr, was geschehn:
Es lebten hier der Männer zween;
Den einen bettete gar weich
Die Hand des Herrn, denn er war reich
Und kannte selber nicht einmal
Der Schafe und der Rinder Zahl,
Die sich noch mehrten jeden Tag,
Weil Gott den Segen drüber sprach.
Dem andern fiel ein karges Loos,
Er wuchs in bittrer Armuth groß;
Sein ganzes Hab' und Gut bestand
In einem Lamm, wozu die Hand
Ihm auch noch erst mit sauerm Schweiß
Verdient zum Kauf den nöth'gen Preis.
Drum hielt er auch sein Schäflein werth
Und hat's gepflegt und hat's genährt;
Es folgt' ihm treu auf jedem Schritt,
Von seinen Bissen aß es mit,
Trank, was in seinem Becher floß,
War seiner Kindlein Spielgenoß.
Da kam dem reichen Mann ein Gast
Und machte bei ihm Abendrast.
Dem Reichen, dem kein Mahl bereit,
That seine eigne Heerde Leid;
Er grübelte und sann und sann,
Und – nahm das Schaf dem armen Mann,
Und rüstet's in geschäft'ger Hast
Zum leckern Mahl dem werthen Gast.«

Da rief der König zorndurchbebt:
»Der Mann, so wahr Jehova lebt!
Der nicht geschont des Armen Gut,
Büßt es noch heut mit seinem Blut.«
Und ernst sah der Prophet ihn an:
»Du selber, König, bist der Mann!
So spricht der Herr: Aus meiner Hand
Empfingst du Scepter, Kron' und Land;
Ich schützte dich vor Saul's Geschoß,
Gab seine Weiber und sein Schloß
Zu eigen dir; – doch abgekehrt
Von meinem Wort, triebst du das Schwert
Urias' tückisch in den Leib
Und nahmst zum Weibe dir sein Weib.
Nun soll auch forthin sein das Schwert
Vernichtend auf dein Haus gekehrt;
Den Segen wend' ich von dir ab
Und nehmen will ich, wie ich gab.«

Der König stand und seufzte tief,
Schlug schmerzlich an die Brust und rief
»Ich trieb mit dem Gesetze Spott
Und hab' gesündigt wider Gott!
Er thue mit mir, wie er will.«
Verhüllte sich und weinte still.
Da, wie verklärt von höherm Licht,
Strahlt des Propheten Angesicht,
Als er, erfüllt von Gottes Geist,
Vergebung seinem Herrn verheißt
Und tröstend spricht: »Gott übt Geduld,
Und wahre Reue tilgt die Schuld.«

*

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