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Fromme Lieder

Julius Sturm: Fromme Lieder - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
authorJulius Sturm
titleFromme Lieder
publisherF. A. Brockhaus
printrunSechste Auflage
year1867
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150618
projectid7a04ff4d
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Der Herr in Knechtsgestalt

Es hat das kleinste Vögelein
Sein Nest im Waldgehege,
Des Menschensohn nicht einen Stein,
Daß er sein Haupt drauf lege.

Er klopft an deine Thüre an
Und läßt sein Wort erschallen;
Du aber hast nicht aufgethan,
Und weiter muß er wallen.

Ihn durstet, du bist nicht geeilt,
Ihm einen Trunk zu bieten;
Ihn hungert, du hast nicht getheilt
Mit ihm, was Gott beschieden.

Verächtlich blickst du auf sein Kleid,
Das er sich auserlesen,
Nimmst Anstoß an der Dürftigkeit
Und an dem stillen Wesen.

Du meinst, im prunkenden Gewand
Da würdest du ihn kennen;
Siehst du nicht an durchbohrter Hand
Die Wundenmale brennen?

So wisse, wenn er einst sich naht
In Königspracht und Prangen,
Und du ihm ebnen willst den Pfad,
Ihn jubelnd zu empfangen:

Dann harrst vergebens du auf ihn,
Fern bleibt er deinen Wegen,
Und wird an dir vorüberziehn
Mit seinem Gnadensegen.

*

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