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Friedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band

Friedrich Strubberg: Friedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band - Kapitel 7
Quellenangabe
authorArmand
titleFriedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band
publisherFriedrich Fleischer
year1867
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171108
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Fünftes Kapitel

Der saumselige Emigrant. Der Fremde. Die Mormonen. Die drei Glücklichen. Der Geizhals. Die Ratten. Der Kranke. Die Einbildung. Der Tod. Schauerliche Erscheinung. Die Baarschaft. Keine Ruhe im Grabe. Der Rattenkönig.

 

Eines Morgens lag Ludwina im Fenster, und die Ziege stand auf den Hinterfüßen davor, um kleine Leckerbissen von ihrer Herrin zu empfangen, als der Director vor dem Hause anlangte, und das schöne Mädchen begrüßte. Der alte Nimanski, welcher ihn hatte kommen sehen, trat schnell aus der Thür, und bat ihn, näher zu kommen, der Director aber entschuldigte sich, und sagte, er wolle dem Herrn Küster aus Frankfurt einmal wieder einen Besuch abstatten, denn es sei ihm gesagt, daß der Mann noch gar Nichts für die Benutzung des ihm gegebenen Grundbesitzes gethan habe.

Nimanski erbot sich, ihn zu begleiten, Schubbert empfahl sich bei Ludwina, und schritt dann mit deren Vater nach der Hütte des besagten Herrn Küsters.

Dieser trat wie bei dem ersten Besuche des Directors in die Thür, und sagte sich tief verbeugend und die Hände reibend, mit verlegenem Lächeln:

Sie finden hier noch wenig verändert, Herr Director, es ist aber so schwierig, Arbeitsleute zu bekommen.

Das wundert mich sehr, Herr Küster, es sind hier doch so viele Menschen, die gern ein Paar Dollars baares Geld verdienen; an wen haben Sie sich denn gewandt? Ich werde sogleich mich darnach befragen, entgegnete Schubbert ungehalten.

Ja, eigentlich gewandt habe ich mich noch an Niemanden, man muß die Leute nicht sogleich wissen lassen, daß man sie sehr nöthig hat, sonst gehen sie sofort mit ihren Forderungen über alle Grenzen hinaus, fuhr Küster noch verlegener fort, und machte ein hoch bedenkliches Gesicht.

Und bei diesem Nichtwissenlassen bleibt der Ihnen zugetheilte Grund in der schönen Verfassung, wie er jetzt ist, sagte der Director ärgerlich. Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Küster, ich gebe Ihnen noch acht Tage Zeit, wenn aber dann noch keine Anstalten zum Erbauen eines Hauses und Einzäunen Ihres Bodens gemacht sind, so lasse ich es auf Ihre Kosten ausführen, oder Sie müssen auf den Besitz dieses Stadtlots verzichten. Wenn Andere es ebenso gemacht hätten, wie Sie, wie stände es dann um Friedrichsburg?

Ja, ja Herr Director, Sie haben vollkommen Recht, ich befand mich aber nicht recht wohl, und bitte, die Verzögerung zu entschuldigen. Ich werde nun mit aller Macht daran gehen, antwortete Küster mit seinem unternehmenden Gesicht, und richtete sich stolz auf.

Das soll mich freuen, Herr Küster, also bis nächste Woche, sagte Schubbert mit ernster Betonung, reichte ihm zum Abschied freundlich die Hand, und wandte sich im Davongehen zu Nimanski, indem er sagte:

Wie ein solcher Mann nur auf den tollen Gedanken kommen konnte, auszuwandern! Ein schwächlicher, nervenkranker Mensch. der weder den Willen, noch die Kraft besitzt, selbst etwas für sich zu thun. Ich weiß wahrlich nicht, was hier aus ihm werden soll. Warum hat man ihn nicht unten in Braunfels gelassen, dort hätte er mit seinem baaren Gelde irgend ein kaufmännisches Geschäft beginnen können, aber hier in Friedrichsburg braucht man arbeitende Hände, sagte der Director, und fuhr nach einer kurzen Pause fort:

Da habe ich auch meinen Aerger gehabt; denken Sie sich, mit den Heute von Braunfels eingetroffenen Gütern kommen auch wieder einige Stücke von der Mühle an, doch ein Hauptrad fehlt und man schreibt mir, das wäre Alles, was davon vorhanden sei. Mit dem Bau der Mühle ist es also zu Ende, und sie wäre uns doch so hoch nöthig. Ich muß sehen, daß ich ein eisernes Werk dazu aus den östlichen Staaten erhalt.

Nachmittags saß der Director in seinem Hause am Fenster beim Kaffee, und war in Gedanken mit den unzähligen Fragen und Aufgaben beschäftigt, welche das Wohl und Gedeihen dieser Colonie ihm auferlegten, da sah er einen ihm unbekannten Reiter sich der Stadt nahen. Nach wenigen Augenblicken hatte derselbe seine Wohnung erreicht, und hielt, ihn grüßend, sein Pferd an.

Ich wünsche, den Director, Doktor Schubbert zu sprechen, sagte er auf Englisch, worauf dieser sich als die gesuchte Person nannte, und ihn bat, abzusteigen und einzutreten.

Der Fremde war ein Mann zwischen fünfzig und sechszig Jahren von großer kräftiger Gestalt, mit grauem Haar, schwarzen buschigen Braunen und kleinen, lebendigen grauen Augen. Er trug einen Anzug von grauem Leinen, einen breitrandigen grauen Filz und braune rindslederne Schuhe, an deren einem ein alter rostiger Sporn angeschnallt war, statt der Reitgerte aber hielt er einen schweren Knotenstock in der Hand.

Mein Name ist Gray, sagte er, als er zu dem Director in das Zimmer trat und ihm zum Gruß die Hand reichte.

Nehmen Sie Platz, Herr Gray, antwortete dieser, auf einen Stuhl am Fenster zeigend, und fuhr, sich ihm gegenüber niederlassend, fort: Womit kann ich Ihnen dienen.

Ich wünsche, Ihr Nachbar zu werden und mich der Stadt nützlich zu machen, hub Gray wieder an. Ich lagere mit meiner Familie vier Meilen von hier an der Pierdenales, wo ich mich anbauen möchte. Meine Arbeitskräfte sind bedeutend, und ich bin Willens, eine Schneide- und Mahlmühle zu errichten, um die Stadt mit Mehl und geschnittenem Holz zu versehen; diese beiden Artikel werden hier wohl nicht unwillkommen sein.

Nein, sehr willkommen, Herr Gray, fiel ihm der Direktor freudig in das Wort, Sie erscheinen mir wie gerufen, denn ich wollte noch Heute wegen einem eisernen Mühlenwerk schreiben.

Das werden Sie nun nicht nöthig haben, denn ehe Sie Antwort erhalten würden, soll meine Mühle schon in Arbeit stehen, nahm der Fremde wieder das Wort, und fügte mit einer unverkennbaren Verlegenheit nach einigen Augenblicken hinzu:

Ich wollte mir nur ihre Genehmigung zu meiner Ansiedelung einholen.

Meine Genehmigung? antwortete Schubbert verwundert, diese Frage aus dem Munde eines Amerikaners zu hören, während diese Leute niemals um Erlaubniß fragen, sondern immer thun, was ihnen gut dünkt, doch die Rechte eines Andern dabei im Auge halten. Ich kann es Ihnen ja nicht wehren, sich irgendwo außerhalb des Vereinslandes anzusiedeln, als Mühlenbauer aber sind Sie mir doppelt angenehm, und ich werde gern Alles thun, um Sie bei Ihrem Unternehmen zu unterstützen.

Nun, Sie sollen auch einen friedfertigen, guten Nachbarn an mir haben, sagte Gray, indem er mit dem Ende seines Stockes an seiner Nase spielte. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:

Es wäre mir angenehm, wenn Sie mit mir nach meinem Lager reiten wollten, damit wir zusammen den besten Platz für die Mühle aussuchen könnten; in sechs Wochen muß sie Ihnen täglich vier tausend Fuß Dielen und so viel Mehl liefern, wie Sie zu haben wünschen. Auch werde ich sofort ein Maisfeld anlegen, und Sie im Spätsommer mit Mais versorgen, denn aus Ihrem Felde, an welchem ich vorüber ritt, werden Sie nicht genug für die Stadt ernten.

Der Director hörte dem Manne mit immer wachsendem Erstaunen zu, und sagte endlich:

Ihre Familie muß aber wirklich sehr groß sein, wenn Sie so bedeutende Unternehmungen auszuführen gedenken, und mit dem Maisfeld ist es doch schon etwas spät im Jahre.

Ich habe noch später Mais in die Erde gethan, und dennoch gute Ernten gemacht, und der Boden, den ich mir an der Pierdenales ausgesucht habe, ist gerade dazu geeignet: locker, fett und leicht zu bearbeiten.

Ich will gleich satteln lassen, Sie trinken aber erst eine Tasse Kaffee, Herr Gray, sagte der Director in freudiger Aufregung.

Ich danke Ihnen, Doctor, antwortete dieser, indem er mit dem Kopfe nickte, wenn sie aber einen Schluck Brandy haben, so nehme ich ihn an.

Schubbert reichte ihm darauf den gewünschten Trank, und bald nachher saßen Beide zu Roß und eilten zur Stadt hinaus. Anstatt aber der Straße nach der Pierdenales zu folgen, schlug Gray den Weg ein, den der Director vor einigen Wochen nach Austin genommen und bezeichnet hatte.

Woher sind Sie denn gekommen, Herr Gray? fragte ihn Schubbert verwundert.

Auf dem Wege von Austin her, den Sie selbst angelegt haben, man sagte mir dort davon, und der Kürze wegen schlug ich ihn ein, entgegnete Gray.

So lagern Sie wohl in dem ersten schönen Thale von hier an der Pierdenales?

Ja wohl, wo an dieser Seite desselben sich die ungeheuere Wasserkraft befindet.

Dann haben Sie sich einen besseren Platz gewählt, als Friedrichsburg erhalten hat, sagte der Director, ich gönne Ihnen denselben aber von ganzem Herzen, weil Sie unserer Stadt so nützlich zu werden versprechen. Wie haben Sie sich denn aber mit Ihrer Familie so allein durch die Wildniß einen Weg bahnen können, da Sie doch sicher Wagen mit sich führen?

Nun, wo es nöthig war, haben wir die Gewässer und Schluchten überbrückt, oder eine Straße in die Berge eingehauen; jetzt kann jeder Wagen den Weg leicht passiren, antwortete Gray, und lenkte das Gespräch wieder auf die Mühle und auf die vielen Vortheile, welche die Stadt durch seine Niederlassung erhalten sollte.

So erreichten sie den Engpaß an der Pierdenales und naheten sich dem Ende desselben, wo er in das herrliche Thal ausmündet, als der Director plötzlich eine ganze Stadt von Zelten vor sich gewahrte, zwischen denen eine große Zahl von schweren Wagen standen, und um welche Hunderte von Pferden, Maulthieren, Stieren und Kühen weideten.

Mein Gott, was ist das? rief er verwundert, zu seinem Gefährten gewandt, aus, Sie sagten mir ja nur von Ihrer Familie, Herr Gray.

So ist es auch, Herr Director, wir nennen uns nur eine Familie, weil wir sämtlich zusammen und für Alle arbeiten; wir sind in der That nur eine Familie.

Also ein Verein von Familien ähnlich, wie unser Verein? sagte der Director erstaunt.

Ja, nur mit dem Unterschied, daß wir sämmtlich für eine gemeinschaftliche Kasse arbeiten, und sämmtlich Einer, wie der Andere daraus ernährt werden. Es herrscht die vollständigste Einigkeit unter uns, und darum können wir auch große Unternehmungen mit Leichtigkeit ausführen, antwortete Gray, und ohne daß derselbe weitere genauere Mittheilungen über das eigentliche Wesen seines Vereins gab, naheten sie sich dem großen Lager, welches aus einigen fünfzig Zelten bestand, die in vier langen Reihen wie in Straßen aufgestellt waren.

In der Mitte hatte man einen größern Platz gelassen, an welchem ein sehr geräumiges Zelt, einem Hause ähnlich, stand, dessen Seitenwände in die Höhe genommen waren, um dem Luftzug freien Durchgang zu lassen. Nach diesem Zelte lenkte Gray sein Pferd.

Es fiel dem Director auf dem Wege dahin auf, eine unverhältnißmäßig große Zahl weiblicher Gestalten zu sehen, und ein Gleiches bemerkte er in dem Zelte des Herrn Grays, vor welchem sie vom Pferde stiegen, denn dort befanden sich acht Frauenzimmer von allen Altersklassen, die älteste derselben, wie es schien, einige fünfzig und die jüngste kaum sechszehn Jahre alt.

Gray bat den Director, in das Zelt einzutreten, und dieser verneigte sich gegen die weibliche Besatzung, ohne daß Jener ihm die Damen nannte, was bei Amerikanern doch strenge Sitte ist. Darum er wandte sich an ihn und sagte:

Darf ich Sie bitten, mich den Ladies vorzustellen?

Gray schien für einen Augenblick verlegen, ermannte sich aber sogleich, und sagte zu den Frauenzimmern mit einer Handbewegung gegen Schubbert:

Der Herr Director, Doctor Schubbert, und wandte sich dann zu diesem, deutete nach der weiblichen Versammlung hin, und sagte:

Meine Frauen.

Ihre Frauen – wie soll ich das verstehen, Herr Gray? versetzte der Director im größten Erstaunen.

Das ist leicht erklärt, antwortete Gray jetzt entschlossen, wir sind Mormonen, und wie Ihnen bekannt sein wird, so erlaubt es unser Glaube, so viele Frauen zu nehmen, wie wir wollen.

Mormonen? wiederholte Schubbert sehr überrascht, dann kann ich Ihnen allerdings meinen Schutz nicht zusagen, Herr Gray, denn Sie sind aus den Vereinigten Staaten verbannt, weil Ihre religiösen und gesellschaftlichen Einrichtungen den Gesetzen der Union zuwider laufen; und hier befinden Sie sich noch in den Grenzen der Vereinigten Staaten.

Ich verlange auch keinen Schutz, Herr Director, ich wünsche nur, daß Sie keine Schritte gegen uns thun, und ich verspreche Ihnen, daß wir den Einwohnern von Friedrichsburg in keiner Weise störend, oder lästig, sondern nur nützlich und hülfreich werden wollen. Lassen Sie uns hier nur ruhig gewähren, und Sie sollen alle Ursache haben, mit uns zufrieden zu sein. Wir werden mit Ihren Schutzbefohlenen in keinen weiteren Verkehr treten, als den geschäftlichen, und der kann Ihnen nur willkommen und erwünscht sein. Was die Regierung der Vereinigten Staaten und deren Bevölkerung anbetrifft, so haben sie keinerlei Ursache, ihre Verfolgung gegen uns bis hier in die Wildniß auszudehnen, und wenn einst diese Länder von Amerikanern angesiedelt werden, so ziehen wir weiter; denn unsere Heimath liegt jenseits der Cordilleren an den großen Salzseen.

Schubbert hatte schweigend dem Manne zugehört und sagte nach einer kurzen Pause:

Ich habe gegen Ihre Vorschläge Nichts einzuwenden, Herr Gray, ich bin nicht zu Ihrem Richter berufen, und werde, so lange Sie nicht störend in unsere Einrichtungen treten, Nichts gegen Sie thun. Die Vortheile, die Sie unserer Colonie in Aussicht stellen, muß ich willkommen heißen, und kann ich dagegen Ihnen hülfreich sein, so bin ich gern dazu bereit.

So sind wir denn vollkommen einverstanden, hub Gray nun wieder an, und sehr bald sollen Sie sich darüber wundern, was die so verschrieenen Mormonen leisten können und welch' musterhaftes Leben sie führen. Darf ich Ihnen zur Erfrischung vielleicht ein Glas Milch reichen lassen? Branntwein wird unter uns nie gehalten, wenn es auch nicht gegen unsere Gesetze ist, solchen mäßig gelegentlich zu trinken.

Der Direktor nahm das Anerbieten an, worauf die jüngste der Frauen des Herrn Grays, eine reizend schöne, blühende Erscheinung, sofort aus einem verdeckten Blecheimer ein Glas mit Milch füllte und es ihm mit lieblicher Anmuth reichte.

Die acht Frauen schienen in wirklich einigem, freundlichem Einvernehmen zu stehen, wie aus jedem ihrer Worte, ihres Verkehrs untereinander deutlich hervorging, wenn auch unverkennbar die älteste von ihnen alle Anordnungen traf. In dem Zelte herrschte die größte Reinlichkeit und Ordnung. Der Fußboden darin bestand in nebeneinandergelegten breiten Dielen, das Zelt selbst aus starkem Baumwollenzeug, welches über einem Gestell von langen Stangen ausgespannt war, und die Möbel darin in einem großen Feldstuhl und einer Menge hölzerner Koffer, welche rund um nebeneinander aufgestellt und mit weißen Baumwollendecken und mit Netzarbeiten belegt waren, so daß sie als Sitze, und wahrscheinlich auch Nachts als Betten dienten. Die Frauen waren sämmtlich sehr einfach, doch geschmackvoll und vor Allem sehr sauber gekleidet, und ihr Haar sorgfältig und nett aufgesteckt.

Der Director hatte, während er die Milch zu sich nahm, diese Bemerkungen gemacht, und dabei im Stillen mit Verwunderung nach dem alten Gray hingeschaut, als dieser sich erhob, und vorschlug, den Platz in Augenschein zu nehmen, wo die Mühle am zweckmäßigsten aufzustellen sei.

Der Director empfahl sich den Frauen freundlich und höflich und bestieg dann sein Pferd, Gray that ein Gleiches, und nun ritten sie in einer der Zeltreihen hinunter, um sich nach dem Fluße zu begeben.

Aus allen Zelten schaute eine große Auswahl der reizendsten, lieblichsten Weibergestalten hervor, und alle schienen in der frohsten, heitersten Stimmung zu sein. Die Männer aber, die Schubbert sah, waren alle jung, kräftig, blühend und von energischer, unternehmender Haltung, und es wurde ihm klar, daß ein solcher Verein Großes unternehmen und einer bedeutenden Zukunft entgegensehen könne, denn von Kindern groß und klein, aber alle schön und kernig, wimmelte das Lager.

Auch in das letzte Zelt warf der Direktor noch einen Blick, da saß ein bildschöner, schwarzgelockter, junger Bursch in saubern weißen Hemdärmeln auf einem, mit einer bunten Lappendecke überhangenen Koffer, und hielt auf seinen Knieen eine reizende Blondine und eine üppige Brünette in seinen Armen, die beide seinen Nacken zärtlich umschlungen hatten und lächelnd mit seinen Locken spielten.

Gray bemerkte, daß dem Direktor die Gruppe auffiel, und sagte im Vorwärtsreiten:

Dies ist einer unserer tüchtigsten Arbeiter, er ist Schmied, Mechanicus, Möbel- und Hausschreiner und ein ausgezeichneter Mühlenbauer, er wäre berechtigt, ein Dutzend Frauen zu haben, doch die beiden, welche er besitzt, wiegen an Liebenswürdigkeit, Geschicklichkeit und Bravheit zwei Dutzend Anderer auf.

So sehr diese letzte Gruppe den Direktor auch angesprochen hatte, so blieb es ihm doch ein Räthsel, wie wirkliche, wahre Liebe so vertheilt bestehen könne.

Diese Dreie sind die Glücklichsten unter uns Allen, setzte Gray noch hinzu.

Bald hatten die Reiter den Fluß erreicht, wo er sich mit einer fliegenden Strömung über colossale Felsen donnernd in die Tiefe stürzte, und hier bestimmten sie, daß die Mühle aufgerichtet werden solle.

Nachdem sie Alles reiflich überlegt hatten, nahmen sie auf's Freundlichste Abschied von einander, und dann eilte der Direktor mit dem Versprechen, bald wieder einen Besuch bei Gray abzustatten, nach der Stadt zurück.

So viel er nun auch schon über die Mormonen und ihr Leben gehört hatte, so war er doch durch die eigene Anschauung ihrer gesellschaftlichen und häuslichen Einrichtungen im höchsten Grade überrascht worden, und der Gedanke drang sich ihm auf, welche Folgen es wohl haben würde, wenn man unter den Bewohnern von Friedrichsburg ähnliche Gebräuche einführte? Unwillkührlich fiel ihm Sodom und Gomorra ein.

Eine Woche war verstrichen, als der Director mit seinen Beamten am Mittagstisch saß und fragte, ob der Herr Küster aus Frankfurt wohl Anstalten zum Bauen gemacht habe, Keiner aber wollte Etwas darüber wissen.

Der Mann thut mir leid, sagte der Director, und doch kann und darf ich sein Nichtsthun nicht länger mit ansehen; denn das Stadtlot ist ihm unter der Bedingung gegeben worden, daß er es einzäune und ein Haus darauf baue. Wie lebt der Mann überhaupt? Man bekommt ihn ja gar nicht zu sehen.

Er lebt von Maisbrod und Kaffee. Von beiden hatte er einen großen Vorrath mitgebracht, antwortete der Proviantmeister. Er ist ein Geizhals, der gar nichts essen würde, wenn ihn der Hunger nicht dazu triebe. Er ließ sich sein ganzes Guthaben am Verein von der Direktion in Braunfels baar auszahlen, so daß er aus Rechnung Nichts bei uns erhalten kann, und für baares Geld hat er nur Einmal etwas Maismehl von uns geholt. Wahrscheinlich hat er berechnet, daß er in dieser Weise bis an sein seliges Ende von seinen viertausend Dollars leben kann.

Es ist unbegreiflich, wie ein Geizhals doch immer gegen sein eigenes Interesse rechnet, nahm der Director wieder das Wort. Diese viertausend Dollars würden ihm zweihundert Dollars Zinsen abwerfen, von denen er bei seiner jetzigen Lebensweise den größten Theil zum Kapital schlagen könnte. Solcher Geiz ist eine Verrücktheit, und nicht ohne Grund nennt man ihn die Wurzel alles Uebels. Ich kann dem Manne aber nicht helfen, entweder er richtet sich wie ein Bürger von Friedrichsburg ein, oder er verzichtet auf den Grundbesitz.

In diesem Augenblicke trat ein Diener des Directors in das Zimmer, und theilt ihm mit, daß Herr Küster aus Frankfurt einen Main hergeschickt habe und den Herrn Director höflichst bitten lasse, ihm doch etwas Arsenik zu senden; die Ratten ließen ihm keine Ruhe in seiner Hütte, und er müsse sie vergiften.

Die Anzeige erregte ein einstimmiges Gelächter, und als der Diener sich entfernt hatte, sagte der Director verwundert:

Ratten – Ratten in dem offenen Graslande? Ich habe überhaupt in Friedrichsburg noch nie von einer Ratte gehört. Der Mann scheint mir wirklich nicht recht bei Trost zu sein.

Soll ich dem Boten sagen, wir könnten ihm kein Arsenik geben? fragte der Apotheker, sich erhebend.

Wissen Sie was? Geben Sie ihm etwas Cremor Tartari in einem Papier mit, die Ratten, welche den Herrn Küster so sehr belästigen, kann er schon damit vertreiben, und er kann doch sonst kein Unheil damit stiften; so hat man ihm den Willen gethan.

Der Apotheker entfernte sich lachend, und die ganze Tischgesellschaft brach abermals in Gelächter aus, wobei Herr Bickel bemerkte:

Er ist wahrscheinlich bange, daß Ratten seine Banknoten verspeisen könnten!

Der Vorfall war schnell vergessen, doch bekam Küster danach den Namen Rattenkönig.

Mehrere Tage waren verstrichen, als der Director eines Morgens sich in dem fernen westlichen Theile der Stadt befand und die Gelegenheit wahrnahm, dem Herrn Küster abermals einen Besuch abzustatten, und ihn an seine Pflicht zu erinnern.

Diesmal kam Küster ihm nicht aus der Hütte entgegen, und die Thür derselben war halb geschlossen.

Schubbert schob sie auf, und erblickte zu seinem Bedauern Küster auf seinem ärmlichen Lager augenscheinlich krank.

Mein Gott, sind Sie nicht wohl, Herr Küster, fragte er besorgt, warum haben Sie mich nicht rufen lassen?

Ich hatte Niemanden, der den Weg für mich hätte thun können, und ich dachte, es würde wohl vorübergehen, antwortete Küster mit schwacher Stimme, und setzte sich mühsam auf seinem Lager auf.

Schubbert befragte ihn nun nach seinem Leiden, fand aber nur einen Schwächezustand und eine große Gereiztheit der Nerven vor.

Sie müssen besser leben, Herr Küster müssen Fleisch und Suppe zu sich nehmen, und auch ein Glas Wein an sich wenden; bei Ihrem Maisbrod und Kaffee gehen Sie zu Grunde, sagte der Director, und fügte, den Puls des Kranken nochmals fühlend, hinzu:

Ich werde Ihnen eine Flasche Rheinwein als Medizin zusenden, damit wird sich die Sache schon machen. Und dann schaffen Sie sich einen dienstbaren Geist an, der Ihnen Nahrungsmittel vom Vereinslager holt, oder noch besser, gehen Sie bei einer, oder der andern Familie in Kost, dies Kosakenleben dürfen Sie nicht mehr fortführen. Wozu haben Sie denn Ihr Geld – wollen Sie sich ihm zu Gefallen auf den Kirchhof bringen?

Ja, ja, verehrter Herr Director, Sie haben ganz Recht, ich werde auch andere Einrichtungen treffen, versetzte Küster sehr aufgeregt, doch augenscheinlich an etwas Anderes denkend.

Ich will hinüber zu Ihrem nächsten Nachbarn, dem Major Nimanski, gehen; und ihn bitten, daß er nach Ihnen sieht und Ihnen beisteht, bis Sie wieder frisch sind, dann aber müssen Sie selbst besser für sich sorgen, sagte der Director, reichte Küster die Hand, und verließ mit den Worten »Bis Morgen« die Hütte.

Wie er es im Voraus überzeugt gewesen war, wurde bei Nimanski seine Bitte um Beistand für den verlassenen Mann mit der größten Bereitwilligkeit beantwortet, und Ludwina holte sofort Speisen herbei, stellte sie mit einer Kanne Milch in einen Korb, und begab sich, von ihrem Vater begleitet, gleich nachdem der Director sie verlassen hatte, nach der Hütte des Kranken.

Am folgenden Morgen traf der Director auch den Major und dessen Tochter in Küsters Hütte, da sie ihm soeben ein Frühstück gebracht hatten. Küster selbst fand er in demselben Zustande, wie Tages vorher: sehr aufgeregt, unruhig und schwach.

Eine bessere Pflege hätte ich Ihnen nicht zuwenden können, Herr Küster, sagte der Director, und Sie werden ein sehr guter Nachbar des Herrn Majors sein müssen, um ihm für seine Güte sich dankbar zu zeigen.

Ach nein, Herr Küster, diese kleinen Dienste ist jeder Mensch seinen Mitmenschen schuldig und sie sind keines besonderen Dankes werth; wir helfen Ihnen gern und mit Freuden, sagte der Major theilnehmend, und setzte ihm zutraulich die Hand drückend, noch hinzu: ich komme recht oft zu Ihnen herüber und sehe, ob Sie auch etwas wünschen.

Und ich koche Ihnen heute eine recht gute, kräftige Fleischbrühe, Herr Küster, die soll Sie wohl stärken, sagte Ludwina aufmunternd zu dem Kranken.

Gar zu viel Güte, außerordentlich dankbar, hochverehrtes Fräulein, antwortete Küster sehr unruhig, und spielte mit dem Zipfel der wollenen Decke, die über ihm ausgebreitet lag.

Darauf verließen Nimanskis mit dem Director die Hütte, und im Voranschreiten sagte dieser:

Der Mann befindet sich in einem ganz eigenthümlichen Zustand, er hat kein Fieber, seine Verdauung ist nicht gestört, er klagt über keinerlei Schmerzen, und doch ist er krank und ist sehr von Kräften gekommen; unter Ihrer Pflege aber, Fräulein Ludwina, soll er sich schon bald erholen.

Es war gegen zehn Uhr am nächsten Morgen, als der Major einen Eilboten zu dem Director sandte mit der Nachricht, daß Küster sehr krank geworden und vielleicht schleuniger Hülfe benöthigt sei.

Mit möglichster Eile begab sich Schubbert sofort dorthin und fand Küster in einer unbeschreiblichen Aufregung und Angst. Kaum erblickte ihn dieser, als er sich im Bette aufsetzte, ihm beide Hände entgegenhielt, und mit bebenden Lippen und einem erzwungenen Lächeln sagte:

Gottlob, Herr Director! Nicht wahr, Sie finden mich sehr krank?

Bei diesen Worten nahmen seine Züge einen Ausdruck von Entsetzen an, im nächsten Augenblick aber verzogen sie sich wieder zu krampfhafter Heiterkeit, wobei er sagte:

Aber was ist Ihnen eine Krankheit, wenn Sie dieselbe heilen wollen!

Dabei fuhr er hin und her auf seinem Lager, blickte bald zu dem Director auf, und ließ dann wieder den Kopf auf die Brust sinken.

Plötzlich aber, wie zu einem Entschluß gekommen, heftete er seine weit geöffneten Augen auf ihn, und sagte:

Was hilft es Alles, ich muß es Ihnen sagen, Herr Director, sonst können Sie mir ja mit dem besten Willen nicht helfen. Ja, ich muß es Ihnen sagen – man hat mich vergiftet!

Bei diesen Worten öffneten sich seine Augen so weit, daß das Weiße rund um zu sehen war, seine Lippen zogen sich zurück und entblößten seine Zähne, ein Ausdruck verzweifelnder Angst legte sich über seine ganze Erscheinung, und beide Hände ausstreckend, rief er:

Retten Sie mich, Herr Director, retten Sie mich, man hat mir Gift gegeben!

Lieber Herr Küster, antwortete Schubbert sehr ruhig, wie können Sie, ein vernünftiger Mann, auf solche Gedanken kommen, wer in der Welt Gottes wollte Ihnen wohl das Leben gefährden.

Dabei klopfte er dein Kranken beruhigend auf die Schulter, und fuhr fort:

Sie sind nervös aufgeregt, beruhigen Sie sich und versuchen Sie, ob sie nicht schlafen können.

Herr Director, ich bin vergiftet, glauben Sie mir, sagte Küster mit noch mehr Angst, und wahrscheinlich mit dem Arsenik, welches Sie mir gesandt haben. Warten Sie, wir wollen gleich uns überzeugen – hier unter die Schweinshaut auf diesem alten Koffer hatte ich es gelegt.

Dabei sah er zu Schubbert auf, wandte sich dann schnell zur Seite nach einem Koffer, der neben seinem Bette stand, und hob die losgerissene Haut, womit derselbe überzogen war, an der Seite auf.

Sehen Sie, das Pulver ist fort, man hat mich damit vergiftet!

Aber, bester Herr Küster, wer soll Sie denn damit vergiftet haben? Es ist ja doch Niemand bei Ihnen in der Hütte gewesen, als der Major und dessen Tochter, versetzte der Director wieder.

Ja, ja, ganz Recht, und weil kein Anderer hier gewesen ist, so kann es auch kein Anderer gethan haben. Ich schlief heute Morgen, und als ich erwachte, stand er mit einem Topf voll Kaffee an meinem Bette. Glauben Sie mir, hochverehrter Herr Director, aber unter uns, streng unter uns, er hat es gethan, und zwar mit dem Pulver, welches Sie mir sandten.

Herr Küster, sind Sie toll geworden, oder wie können Sie sich unterstehen, einen solchen Ehrenmann, wie der Herr Major Nimanski, so zu verdächtigen, rief Schubbert entrüstet aus. Um Ihnen aber zu beweisen, daß Sie überhaupt nicht mit dem Pulver vergiftet werden konnten, so sage ich Ihnen, daß es nicht Arsenik, sondern unschuldiger Cremor Tartari war, den ich Ihnen sandte.

Ach, Herr Director, ich fühle es ja, es war Arsenik, antwortete Küster mit einem ungläubigen wehmüthigen Lächeln.

Nein, nein, ich schwöre es Ihnen, und alle meine Beamten können es bezeugen, es war nichts weiter als Cremor Tartari, versicherte ihn Schubbert wieder, doch Küster schüttelte den Kopf, und sank, seine zitternden Hände krampfhaft gegeneinander pressend, in sich zusammen. Plötzlich aber fuhr er wieder mit einem Ausdruck der Verzweiflung auf, stierte den Director, seine Arme ihm entgegenstreckend, an, und sagte mit flehender Stimme.

Retten Sie mich – geben Sie mir Gegengift, Herr Director, ich bin mit Arsenik vergiftet!

Es ist nicht wahr, Herr Küster, rief dieser ihm außer sich zu.

Ja, ja, es ist wahr, so wahr, als ich an Gott glaube, – ich bin mit Arsenik vergiftet! – Man hat mich berauben wollen, setzte Küster noch stotternd mit dem Ausdruck der entsetzlichsten Verzweiflung hinzu, und ließ dann wieder seinen Kopf auf die Brust sinken.

Bei dieser bestimmten Versicherung Küsters schoß es dem Director wie ein Licht durch die Gedanken: der Mann hatte sich selbst vergiften wollen, er hatte das Pulver eingenommen, und nun bereute er die That, und wollte sich selbst doch nicht des Verbrechens schuldig bekennen, darum sollte es ein Anderer vollbracht haben.

Im Augenblick war dem Director der ganze Zusammenhang klar und deutlich, und nach kurzem Ueberlegen hub er mit ernstem feierlichen Tone an:

Sie klagen den Herrn Major Nimanski des Mordversuchs an, Herr Küster, und es ist meine Pflicht, ihn dem Gerichte zu übergeben. Ich werde sofort vierundzwanzig Männer aus der Stadt zusammentreten lassen, um ihn zu richten, ich mache Sie aber aufmerksam darauf, daß Sie ein großes Verbrechen begehen, wenn Sie es mit der Ueberzeugung, daß er unschuldig ist, geschehen lassen; Sie würden den Raub an seiner Ehre, vielleicht seinen Tod auf Ihr Gewissen bekommen. Uebrigens sage ich Ihnen noch einmal, das Pulver, welches ich Ihnen sandte, war kein Gift, sondern Cremor Tartari.

Küster war bei dem Beschluß des Directors plötzlich wieder aus seinem Versunkensein aufgeschreckt, er stierte mit halb geöffnetem Munde, als wolle er seine Aussage widerrufen, zu dem Director auf, und dieser wollte seinem Bekenntniß entgegenkommen, und sagte:

Nicht wahr, Herr Küster, Sie haben dem Herrn Major Unrecht gethan, die Sache verhält sich anders?

Der Mann aber fuhr vor dem Bekenntniß zurück und sagte mit bebender Stimme:

Ich bin vergiftet – wer soll es denn gethan haben? – Außer dem Herrn Major und seiner Tochter ist Niemand bei mir gewesen.

Gut, Herr Küster, so bleibt es bei meinem Beschluß, denken Sie aber an Ihr Gewissen, sagte der Director, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu:

Ich werde Ihnen durch den Apotheker sogleich Medizin übersenden, und Ihnen Ihre Speisen aus der Vereinsküche übermachen lassen.

Dann verließ er schnell die Hütte, schloß deren Thür, eilte zu Nimanski, und berichtete demselben, was sich mit Küster zugetragen hatte.

Der arme Mann ist geisteskrank, er thut mir leid, sagte der Major theilnehmend, doch bin ich ganz Ihrer Meinung, daß er sich hat das Leben nehmen wollen, und daß er sich nun scheut, Ihnen seine That zu bekennen.

Er soll sie mir aber doch noch gestehen und Ihnen Abbitte thun, sobald er einsieht, daß er nicht vergiftet ist, denn jetzt ist er noch in solcher Aufregung und Angst, daß man ihn nicht noch mehr beunruhigen darf, sagte der Director, und bat den Major, nicht wieder zu Küster zu gehen, da er selbst für dessen Verpflegung Sorge tragen würde.

Gegen Abend kehrte der Director aus dem Maisfelde zurück, wo er die Arbeiter besucht hatte, und wollte eben in das Vereinsgebäude eintreten, als der Apotheker eilig in der Straße herabgeschritten kam und ihm meldete, daß Küsters Zustand sich sehr bedenklich verschlimmert habe.

Er verlangt wie ein Verzweifelnder nach Ihnen, und sagt, er habe Ihnen etwas sehr Wichtiges mitzutheilen, denn er fühle, daß der Tod ihm nahe sei, und vorher müsse er sein Gewissen durch diese Mittheilung erleichtern.

Im Laufschritt eilte der Director, von dem Apotheker begleitet, durch die Stadt, und erreichte beim letzten Licht des Tages, welches der glühende Abendhimmel in die Hütte warf, den Kranken. Dessen Augen stierten ihm entgegen, als wollten sie aus ihren Höhlen springen, sein Mund war zum Reden geöffnet und er wollte sich aufsetzen, fiel aber wieder auf sein Lager zurück. Abermals machte er, als der Director neben ihn trat, einen Versuch, sich auf dem Arm zu erheben, es war ihm aber nicht möglich, und nun winkte er dem Director, sich zu ihm niederzubeugen. Dieser aber ergriff erschrocken seine Hand, um den Puls zu fühlen, und sagte:

Beruhigen Sie sich; Herr Küster, ich werde Ihnen helfen.

Küster aber machte noch eine gewaltsame letzte Anstrengung, sich aufzusetzen, und bewegte seinen Mund rasch auf und zu, indem er mit entsetzlicher Angst unverständliche Töne ausstieß.

Ja, ja, ich verstehe Sie, Herr Küster, sein Sie nur ruhig, bat ihn der Director wieder, der Mann aber sank auf sein Lager zurück, seine Augen drehten sich nach Oben, so daß nur noch das Weiße sichtbar war, wenige krampfhafte Athemzüge folgten, und er war eine Leiche.

Mit Entsetzen schaute der Director auf das unglückliche Opfer des Geizes, wieder und wieder fühlte er nach dessen Puls, – das Leben war aus ihm gewichen, und die Farbe des Todes legte sich auf seine Züge.

Schubbert schloß ihm mit innigem Bedauern die Augen, drückte ihm den Mund zu, und bat dann den Apotheker, nach dem Vereinslokale zu eilen, und Herrn Bickel zu ersuchen, daß er sogleich mit dem Vereinssiegel herkomme und einen der Schützen mitbringen möchte, um hier Wache zu stehen.

Der Apotheker eilte davon, und der Director verschloß die Hüttenthür und begab sich dann hinüber zu Nimanski.

Mit wenigen Worten benachrichtigte er denselben von dem traurigen Ende Küsters, und bat ihn, mit nach dessen Hütte zu gehen, da er sie versiegeln wolle. Der Major war sofort dazu bereit, langsam traten sie den Weg an und langten mit dem Proviantmeister, dem Apotheker und einem Schützen zugleich vor der Behausung des Todten an.

Obgleich der Himmel noch seine Röthe nicht ganz verloren hatte, war es doch schon sehr dunkel geworden, so daß Bickel beim Eintreten in die Hütte Licht machte und Küsters Oellampe anzündete.

Dieser lag noch, wie der Director ihn verlassen hatte, die Augen und den Mund geschlossen, auf dem Rücken, und seine Glieder waren kalt und steif geworden.

Wir wollen Alles ruhig so liegen lassen bis Morgen früh, wo wir dann ein Inventar aufnehmen müssen, um seinen Nachlaß nach Braunfels an die Direktion zu senden, sagte der Director, trat mit seinen Begleitern hinaus, verschloß die Thür, und der Proviantmeister versiegelte dieselbe.

Dann wies Schubbert den Schützen an, hier Wache zu halten, sagte ihm, daß er in einigen Stunden abgelöst werden solle, dankte dem Major für seine Begleitung, und begab sich nach Hause.

Am folgenden Morgen nach dem Frühstück erschien der Director mit mehreren Beamten und mehreren Bürgern wieder vor der Wohnung des Verstorbenen, nahm das Siegel von der Thür, und schloß dieselbe auf.

Bickel öffnete den Eingang und trat in die Hütte ein, doch beim ersten Schritt stürzte die Riesengestalt des Proviantmeisters mit einem Ausruf des Entsetzens wieder heraus, und der Director ging mit dem Worten »was giebts?« rasch hinein.

Da lag Küster gekrümmt auf der Seite, das Gesicht dem Director zugewandt, mit weit geöffneten Augen und weit aufgesperrtem Munde und stierte ihn an.

Mein Gott der Mann ist nicht todt! rief der Direktor erschrocken aus, und sah ihm in die lebendig nach ihm herschauenden Augen. Er ergriff seine Hand, sie war kalt wie Eis, er bewegte seinen Arm, seine Glieder waren steif, und doch war sein Auge lebendig und folgte seinen Bewegungen.

Ein kleiner Spiegel hing an der Wand, den ergriff der Director und hielt ihn dicht vor den Mund des Todten, ob kein Athem demselben entstieg, – das Glas blieb unverändert blank und klar.

Er ist todt, und doch scheint sich die Seele noch nicht ganz von dem Körper trennen zu können, als ob sie noch eine Rechnung mit dieser Welt zu schließen habe, sagte der Director und trat, von Grauen erfüllt, zurück, während seine Begleiter um das Bett standen, und starr und kalt durchrieselt in die Augen der Leiche schauten.

Nach und nach aber verloren dieselben ihren Glanz wieder, die Lider sanken, der Mund schloß sich allmählig, und abermals hatte der Tod vollen Besitz von dem Körper genommen.

Eine geraume Zeit verstrich, bis die Zeugen dieser Schreckensscene ihren Schauder überwunden, und sich an das Aufnehmen des Inventars begeben konnten. Der Koffer wurde geöffnet, er enthielt alte Kleidungsstücke, doch die viertausend Dollars Banknoten lagen nicht darin.

Er hat sie wohl in seinem Bett versteckt, sagte der Director, dasselbe wurde genau untersucht, doch, außer einem Beutel mit einigen Goldstücken und etwas Silbergeld, welcher unter dem Kopfkissen lag, wurde keine Baarschaft aufgefunden. Nun untersuchte man die ganze Hütte, den Boden in ihr, alle Taschen in Röcken und Beinkleidern und Westen, das Geld wurde nirgends gefunden.

Unbegreiflich! hub der Director wieder an, er hat doch das Geld besessen, wohin kann es sein? Bis zu seinem Tode hat er es doch sicher noch gehabt, sonst hätte er über den Raub geklagt.

Es wurde wieder und wieder Alles durchsucht, doch das Resultat blieb dasselbe, das Geld war nicht zu finden.

Wir können Nichts weiter thun, als das aufnehmen, was wir vorfinden, sagte der Director endlich, das Inventar ward geschlossen, unterzeichnet, und die Hütte wurde abermals versiegelt.

Auf den zweitfolgenden Morgen war das Begräbniß festgesetzt, und der Director fand sich selbst bei der Hütte ein, als man den Todten in den leicht aus Brettern zusammengenagelten Sarg legte, und ihn zur ewigen Ruhe durch die Stadt nach dem Kirchhofe fuhr.

Das Gefolge war klein, und bestand nur aus Beamten des Vereins, dem Major Nimanski und dem Pfarrer, welcher letzterer dem fast gänzlich unbekannten Verblichenen noch einige fromme Wünsche in seine Gruft nachsandte.

Als sich die Beamten zu Mittag am Tische niedergelassen hatten, kam abermals die Rede auf den Todten, und namentlich auf das unbegreifliche Verschwinden des Geldes.

Sollte der Mensch die Banknoten am Ende in sein Hemd eingenäht haben? bemerkte der Director.

Wahrhaftig, das wäre nicht unmöglich, erwiederte Bickel, daran hat Niemand gedacht.

Ich glaube wirklich, man müßte ihn wieder ausgraben lassen, um darüber Gewißheit zu bekommen, fuhr der Director fort.

Ich will gleich nach Tisch mit dem Todtengräber hinausgehen und nachsehen lassen, versetzte Bickel, und fügte nach einer Weile noch hinzu: Es scheint, als ob der arme Schelm selbst im Grabe keine Ruhe haben sollte.

Thuen Sie es, wenn ich bitten darf, Herr Bickel, sagte der Director, wir sind es seinen Hinterbliebenen in Frankfurt schuldig; wo soll denn das Geld hingerathen sein.

Gesagt, gethan, nach Tisch schritt der Proviantmeister mit Einigen der Schützen und dem Todtengräber hinaus nach dem Kirchhof, das Grab wurde geöffnet, der Sarg herausgehoben und aufgeschlagen, das letzte Gewand des Todten untersucht, und zur größten Ueberraschung der Anwesenden fanden sich die Banknoten in Wachstaffet auf der inwendigen Seite in den Rücken des Hemdes eingenäht.

Bickel nahm das Paket frohlockend zu sich, der Todte wurde, desselben beraubt, wieder zur Erde bestattet, und im Eilschritt ging der Proviantmeister mit dem aufgefundenen Schatz nach dem Vereinslocale, wo er ihn dem Director übergab. Das Paket enthielt viertausend Dollars in Noten von je fünfhundert Dollars.

Gottlob, daß das Geld da ist, sagte der Director, nun wird der Himmel dem Unglücklichen auch Ruhe im Grabe geben.

In ganz Friedrichsburg wurde an diesem Abend die unheimliche Geschichte des Rattenkönigs besprochen, dieselbe sollte aber noch einmal für die Unterhaltung aufgefrischt werden, denn am folgenden Morgen kam der Todtengräber entsetzt in das Vereinsgebäude gelaufen, und berichtete, daß in vergangener Nacht die Wölfe den Herrn Küster wieder ausgegraben und ihn vollständig aufgefressen hätten.

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