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Friedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band

Friedrich Strubberg: Friedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
authorArmand
titleFriedrichsburg, die Kolonie des deutschen Fürsten-Vereins in Texas. Erster Band
publisherFriedrich Fleischer
year1867
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171108
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Zweites Kapitel

Der Fürstenverein. Prinz Carl Solms. Die Colonie Neu-Braunfelds. Der Colonial-Director Schubbert. Das Maisfeld. Die Stadt. Der Frankfurter. Der Proviantmeister. Die Vereinsschützen. Der Shawnee-Indianer. Das Abendbrod.

 

Friedrichsburg war die zweite, von dem deutschen Fürstenverein, oder Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas angelegte Colonie.

Schon in den dreißiger Jahren zog die immer zunehmende Auswanderung nach Amerika die Aufmerksamkeit der deutschen Fürsten auf sich, und die vielen Berichte über die getäuschten Hoffnungen der Ausgewanderten und über die unerhörten Betrügereien und Unthaten, die an ihnen in ihrer selbst gewählten neuen Heimath verübt wurden, in der sie, statt Glück und Freude, Elend und Jammer fanden, brachte die deutschen Fürsten auf den Gedanken, dem Auswanderungssystem eine andere Richtung zu geben, in welcher es ihnen möglich sein würde, das Schicksal der Emigranten zu lenken und ihnen eine glückliche Zukunft zu sichern.

Ihr Augenmerk fiel auf Texas, welches Land allen Anforderungen zur Erreichung ihres Zieles zu entsprechen schien. Es war das einzige vollkommen gesunde südliche Land von Nordamerika, es besaß den reichsten, fruchtbarsten Boden, es war von der Natur zur Viehzucht bestimmt, und unermeßliche Strecken Landes waren für Spottpreise zu erwerben. Die Fürsten sandten Abgeordnete nach Texas, um über dortige Verhältnisse und Zustände nähere Erkundigungen einzuziehen, und beschlossen, wenn dieselben günstig ausfallen sollten, das Unternehmen in Form einer Aktiengesellschaft auszuführen.

Um diese Zeit wurde der Westen von Texas sehr von den feindlichen Indianern beunruhigt und die Grenzansiedlungen so fortwährend von ihnen angegriffen, daß selbst die beherztesten Frontierleute zurückwichen und in den dichter bevölkerten Theilen von Texas Schutz suchten. Namentlich war das östliche Ufer des Coloradoflusses in der Gegend von Austin und Bastrop sehr den Verwüstungen durch die Wilden ausgesetzt, weil auf dem westlichen Ufer weglose unzugängliche Gebirge sich erhoben, in denen die Indianer sich ungesehen dem Flusse nahen, dann mit Blitzes Schnelle einen Raub- und Mordzug auf dem andern Ufer ausführen, und ebenso schnell, wie sie gekommen waren, wieder verschwinden konnten, ohne daß es den Weißen möglich gewesen wäre, sie zu verfolgen. Die Regierung von Texas schloß nun sehr richtig, daß, wenn die reichen Hochebenen in den Gebirgen selbst von Weißen bevölkert würden, die Wilden in den Bergen nicht mehr so sicher sein und die Ansiedelungen am Coloradoflusse nicht mehr so unbelästigt erreichen könnten, und sie sann auf Mittel, um dem Vorwärtsschreiten der Cultur diesen Schutz zu verschaffen. Zwei Deutsche, ein Herr Fischer und ein Herr Müller, welche schon seit vielen Jahren in Texas lebten, hatten Kunde von dem Vorhaben der deutschen Fürsten erhalten, und sahen darin eine willkommene Gelegenheit, um für sich selbst eine vielversprechende Unternehmung einzuleiten. Sie kamen bei dem Congreß in Texas darum ein, ihnen das Land auf der Hochebene der Gebirge nördlich von dem Llanoflusse bis in den Bogen, welchen der Coloradosfluß von Westen nach Osten beschreibt, unter der Bedingung als Eigenthum zu überlassen, daß sie in einer bestimmten Anzahl von Jahren dieses Stück Land mit einer entsprechenden festgesetzten Zahl von Ansiedlern bevölkerten. Die Regierung ging willig auf den Vorschlag ein, und es wurden den Herren Fischer und Müller die Documente über das ihnen bedingungsweise zugestandene Eigenthumsrecht auf jenes Land ausgefertigt. Dieses Recht verkauften sie nun für die Summe von 200,000 Dollars an die deutschen Fürsten, und diese gründeten die Actiengesellschaft, »Verein zum Schutze deutscher Einwanderer in Texas«, welche später die Vereins-Zehnguldenloose ausgab.

Die Bedingungen, unter welchen Auswanderungslustige von dem Verein nach Texas befördert und dort angesiedelt werden sollten, wurden in ganz Deutschland bekannt gemacht, und sie waren so vortheilhaft, so einladend, daß man von allen Seiten dem Verein zuströmte, und Tausende Haus und Hof, Geschäft und Heimath aufgaben, um nach dem irdischen Paradies, nach Texas, auszuwandern.

Se. Durchlaucht, der Prinz Carl Solms zu Braunfels übernahm es, die erste Colonie in dem von dem Verein gekauften Lande zu gründen, und begab sich mit den ersten zwei Emigrantenladungen nach Texas. Nur zu bald aber wurde es ihm dort klar, daß die Herren Verkäufer dem Vereine gegenüber der unübersteiglichen Hindernisse, die der Ausführung des Unternehmens entgegenstanden, gar nicht erwähnt, und daß sie ein Land verkauft hatten, welches weder sie, noch ein anderer Weißer, mit Ausnahme weniger abentheuerlicher Jäger, gesehen hatte, oder kannte. Wohl hatte die spanische Regierung gegen das Ende von 1600 in dem besagten Landstrich an dem St. Sabaflusse eine starke Veste erbaut und dort eine Militärcolonie gegründet, dieselbe war aber durch die Indianer zerstört worden, und man sprach in Texas von dem alten St. Saba-Fort wie von einem altergrauen Mährchen.

Von der Golfküste, wo die Emigranten gelandet waren, lag die nächste Grenze des Vereinslandes gegen dreihundert Meilen weiter nach Norden entfernt, und kaum achtzig Meilen weit erstreckten sich die letzten Ansiedlungen der Amerikaner. Von dort aus führte weder Weg, noch Steg nach dem Vereinsgebiete, und unwirthsame, öde, nur von wilden Thieren und wilden Menschen bewohnte Gebirge lagen dazwischen.

Prinz Solms erkannte sogleich die vollständige Unmöglichkeit, die Emigranten nach dem Ziel ihrer Wanderung zu führen, und beschloß rasch, die erste Colonie so weit, als es geschehen konnte, auf dem Wege nach dem Vereinsland zu gründen. Mit einer niemals hoch genug zu preisenden umsichtigen Wahl kaufte er einen sehr bedeutenden Strich Landes an dem wunderbar schönen Guadelupeflusse, ein Land, wie es auf dem ganzen Continent von Amerika nicht reicher, nicht reizender zu finden ist, mit einem Worte, ein Paradies, wie es der Verein in seinen Aufrufen zum Auswandern nicht im Stande gewesen wäre, herrlich genug zu schildern. Dorthin, wo der seltsame Comalfluß, der kaum einige Meilen von seiner Mündung entspringt und in hundert kolossalen Quellen aus der Erde hervorsprudelt, sich in die Guadelupe ergießt, führte Prinz Solms die seiner Fürsorge anvertrauten deutschen Wanderer, und gründete ihnen zwischen diesen beiden Flüssen die versprochene Heimath.

Die Stadt Neu-Braunfels wurde angelegt, wenn auch nur erst mit Hütten und Zelten. Das Ackerland, welches einem jeden Emigranten contraktlich von Seiten des Vereins zugesagt war, konnte ihnen Prinz Solms hier allerdings nicht geben, denn dazu reichte der gekaufte Landstrich bei Weitem nicht hin, wohl aber wies er einem Jeden ein sogenanntes Stadtlot an, groß genug, um eine Wohnung und einen Garten darauf herzustellen.

Dieser Vortrab des großen deutschen Wanderzuges, der sich an den Küsten Europas gesammelt hatte, um jenseits des Oceans eine neue Heimath zu beziehen, war leicht beweglich, weil er größtentheils aus unverheiratheten jungen Männern bestand; und da im Verhältniß zu der Zahl der Personen sehr bedeutende Vorräthe an Lebensmitteln von Deutschland mitgebracht worden waren, so nahm die Gründung der ersten Niederlassung einen raschen, ungestörten Fortgang.

Bald aber begannen die großen Massen der über das Weltmeer kommenden Schützlinge des Vereins, sich der Küste von Texas zu nahen, und achttausend Deutsche wurden dort gelandet.

Prinz Solms hatte seine Ausgabe gelöst, er hatte die erste Colonie gegründet, wenn auch nicht in dem Vereinsgebiete selbst, denn dazu war keine Möglichkeit vorhanden gewesen. Er begab sich unter Dank und Segenswünschen seiner Schutzbefohlenen nach Deutschland zurück, wurde von dort durch einen Generaldirector ersetzt, und die Direktion ließ sich in Neu-Braunfels nieder.

Jetzt nahmen die Zustände in den Vereinsangelegenheiten eine andre Gestalt an. Es war weder für Lebensmittel, noch für den Transport so vieler Menschen gesorgt, es stand Niemand an der Spitze, der die Fähigkeiten, oder nur den guten Willen gehabt hätte, zu leiten und zu helfen, eine furchtbar verheerende Epidemie brach in Folge dieser Mängel unter den Emigranten aus, und weder Arzt noch Medicamente waren vorhanden, um ihr entgegenzuwirken.

Schon mehrere Tausend der Unglücklichen waren Opfer der Verhältnisse geworden, als man Doctor Schubbert zu Hülfe rief, ihm das Directorium übergab, und er zugleich die Behandlung sämmtlicher Kranken übernahm. Er ließ diese aus dem Urwald an der Guadelupe, wo sie Hütte an Hütte und Zelt an Zelt zusammengedrängt lagen, hinaus in das Freie schaffen, worauf die Krankheit bald ihren epidemischen bösartigen Charakter verlor, bald war sie vollständig beseitigt, und nur die Nachwehen zeigten sich noch in gutartiger Weise als leichte intermittirende Fieber.

Doktor Schubbert sorgte nun für bessere Verpflegung der Schutzbefohlenen des Vereins, sowie für den Transport derer, die noch an der Seeküste lagerten, er gründete ein Waisenhaus und brachte die vielen älternlosen, verlassenen Kinder darin unter, und er trat versöhnend und vermittelnd zwischen die Generaldirection und die Emigranten. Nachdem die Zustände in Neu-Braunfels wieder ein freundlicheres Ansehen gewonnen hatten, führte er gegen fünfzig Familien hundert Meilen weiter nördlich in die Gebirge, wo jenseits des Pierdenalesflusses die zweite Niederlassung, die Stadt Friedrichsburg, gebaut wurde.

Ueber ein Jahr war nun seit der ersten Gründung dieser Colonie verflossen, während welcher Zeit sämmtliche Bewohner derselben von Neu-Braunfels aus mit Lebensmitteln versorgt worden waren. Die Zahl der Einwohnerschaft der neuen Stadt hatte sich nun auf mehr als tausend Seelen vergrößert, und immer noch wurden die neu ankommenden Einwanderer von der Golfküste über Braunfels heraufgesandt. Noch aber war außer unbedeutenden Gartenerzeugnissen keine Ernte von den Friedrichsburgern geschaffen, und es war nicht länger möglich, für so viele Menschen selbst nur den Brodstoff, Mais, von Neu-Braunfels herauf zu fahren. Es wurde darum zur Lebensfrage für die Colonie, daß in diesem Jahre eine der Seelenzahl entsprechende Maisernte erzeugt wurde, denn ohne eine solche mußte man die Niederlassung aufgeben, und in bewohntere Gegend zurückkehren.

Director Schubbert wußte nun aber sehr gut, daß beinahe keine Ernte erhalten werden würde, wenn er den einzelnen Familien es überließ, das ihnen von dem Vereine zukommende Stück Land urbar zu machen, einzuzäunen und mit Mais zu bepflanzen, und aus diesem Grunde hatte er es angeordnet, daß nur ein gemeinschaftliches Feld bearbeitet, und erst, wenn die Ernte daran reif, unter die daran Betheiligten durch das Loos vertheilt werde.

Nach diesem Felde zog nun an jedem frühen Morgen der größere Theil der männlichen Bevölkerung von Friedrichsburg.

Der Director war immer einer der Ersten in der Stadt, welche den neuen Tag begrüßten, und stand in der Regel, wenn die Leute an die Arbeit gingen, mit seinem treuen Begleiter Joe, einem riesigen alten Bluthund, vor seiner Wohnung. Er selbst fand sich täglich im Felde ein, um die Arbeit zu überwachen, und so war er auch an diesem Morgen, als Rudolph v. Wildhorst nach seinem Hause eilte, um ihm die Depeschen zu überbringen, schon hinaus gegangen.

Rudolph aber suchte ihn vergebens an vielen Orten in der Stadt; denn es war nicht allein das Maisfeld, welches die Thätigkeit des Directors in Anspruch nahm, er war auch damit beschäftigt, eine Mühle aufzurichten, eine Apotheke anzulegen, ein zehn Acker großes Stück Land zu einem Garten vorzubereiten, um für die Einwohnerschaft Gemüse zu ziehen, und er hatte namentlich ein Waisenhaus bauen und sämmtliche Waisen aus Braunfels herauskommen lassen, um selbst für sie sorgen zu können. Auch ließ er augenblicklich auf dem Wege nach Braunfels mehrere leicht anschwellende Gewässer überbrücken, wohin er selbst täglich ritt, um die Arbeit in Augenschein zu nehmen, und außerdem wurde seine ärztliche Hülfe täglich mehr beansprucht, denn der Scorbut hatte sich seit einigen Wochen unter den Bewohnern der Stadt gezeigt.

Als Rudolph nun über die Einzäunung in das Feld stieg, bemerkte ihn der Director, und ging eiligen Schrittes ihm entgegen.

Willkommen Wildhorst, rief er ihm zu, und reichte ihm dann freudig die Hand. Sie sind länger ausgeblieben, als ich erwartete, und ich fing an, besorgt um Sie zu werden.

Hiermit nahm er Rudolph die Depeschen ab, öffnete sie rasch, und durchblickte flüchtig deren Inhalt. Nachdem er einige Minuten damit verbracht hatte, faltete er die Papiere wieder zusammen, verbarg sie in der Brusttasche seiner Lederjacke, und sagte, augenscheinlich noch in Gedanken mit dem Inhalt der Briefe beschäftigt:

Nun, nichts Neues, Wildhorst?

Nichts, als was man Ihnen geschrieben haben wird, Herr Director, antwortete Rudolph, daß die Direktion in Braunfels selbst keinen Mais mehr vorräthig hat und ihn erst von Austin kommen lassen muß, ehe sie uns solchen heraufsenden kann, und daß es auch mit baldiger Zusendung von Schlachtvieh seine Schwierigkeit haben wird.

Leider, leider, sagte Schubbert ungeduldig, diese Abhängigkeit von Braunfels in Bezug auf Lebensmittel muß und soll aufhören, oder Friedrichsburg geht zu Grunde. Es ist wirklich lächerlich, den Mais von Austin über Braunfels hierherzufahren, während die Entfernung von Austin hierher geringer ist, als nach Braunfels und demnach für die hundert Meilen von da hierher rein unnöthig Fracht bezahlt wird. Freilich liegen zwischen hier und Austin die unwegsamsten Gebirge, in welche ein Weißer wohl kaum noch einen Fuß gesetzt hat, doch in gerader Richtung kann es nicht weiter sein, als achtzig Meilen, auch werden die Berge nicht mehr Hindernisse bieten, als zwischen hier und Braunfels. Ich will es wenigstens versuchen, ob sich nicht ein fahrbarer Weg durch die Wildniß nach Austin finden läßt. Sie sollen mich dabei begleiten, Wildhorst.

Mit Freuden, Herr Director, entgegnete Rudolph mit einer leichten Verneigung. Ich glaube aber, wir thäten wohl, noch einige Leute mitzunehmen, denn die Indianer sind rein des Teufels.

Hieran erzählte er Schubbert die Jagd, welche die Wilden in vergangener Nacht mit ihm ausgeführt hatten.

Sicher sollen noch Einige mitreiten; den Feldmesser Döbler habe ich jedenfalls dabei nöthig, und Burg und Kracke bleiben nicht gern zurück, sie sind unsre besten Jäger. Morgen früh, wenn der Tag graut, wollen wir aufbrechen.

Ich glaube beinahe, es würde meinem Vater Freude machen, mitzureiten und Austin, den Sitz der Texas-Regierung zu sehen, sagte Rudolph.

Der alte Herr wird mir sehr willkommen dabei sein, wenn ihm die Strapaze nur nicht zu anstrengend ist, versetzte der Director.

O gewiß nicht, er ist ja Gottlob noch so rüstig, und einen zähern Reiter dürfte man nicht leicht finden; er wird Sie gern begleiten, fiel Rudolph begeistert ein.

Der Director schritt nun; von diesem gefolgt, in der Furche zwischen dem schon einen Fuß hoch aufgeschossenen Mais hin nach den Arbeitern, welche im andern Ende des Feldes beschäftigt waren, mit Hacken die loose Erde um die Pflanzen zu ziehen. Dort gab er noch verschiedene Weisungen in Bezug auf die Arbeit, und wandte sich dann mit den Worten zu Rudolph:

Nun wollen wir nach der Stadt gehen, ich muß den Proviantmeister Bickel sprechen, damit er vorsichtig mit Ausgeben von Mais sei, sonst möchten wir in Verlegenheit kommen. Dann begleite ich Sie zu Ihrem Vater, da ich in der Nähe Ihrer Wohnung noch einen neuen Ankömmling besuchen muß.

Geht denn Joe Morgen mit? fragte Rudolph im Dahinschreiten, und klopfte dem gewaltigen gelben Hunde den Rücken.

Ach, nein, das treue Thier ist schon recht alt, so daß ich es nicht gern unnöthigen Anstrengungen aussetze, entgegnete der Director, freundlich nach dem Hunde umblickend, er hat mir zu oft das Leben gerettet, als daß ich ihm nicht ruhige alte Tage bereiten sollte.

Dabei schnappte er mit den Fingern nach dem Hunde hin, der nun in ungeheuern Bogensätzen mit tiefem Gebell voran der Wohnung seines Herrn zusprang.

Nachdem der Director in dem Geschäftslocal des Vereins Nöthiges besorgt hatte, wanderte er mit Rudolph die San Sabastraße hinauf, wo er bald hier, bald dort aus einem Hause, einem Garten angerufen wurde, und wenn es auch nur geschah, um ihm den Morgengruß darzubringen.

Die Straße bot einen äußerst lieblichen malerischen Anblick, Garten reihte sich zu beiden Seiten derselben an Garten, alle waren mit saubern Stacketen umzäunt, und aus jedem hob sich ein hölzernes Wohnhaus freundlich hervor, Weinranken, Rosen und blühende Schlingpflanzen schmückten die Wände der Gebäude, und viele derselben waren so dicht damit überwachsen, daß man Nichts von ihnen erkennen konnte, als die Thür und die Fenster. Dabei war die Straße eine halbe Meile lang, und vor ihr in nicht großer Ferne hoben sich die Berge mit ihren felsigen Höhen und den üppig grünen Waldgruppen in ihren Schluchten empor.

Die Figuren aber, die das Bild belebten, gaben ihm namentlich einen eigenthümlichen, überraschenden Ausdruck, denn hier stand vor der Thür ihres Hauses die Frau v. Rawitzsch, eine geborene Gräfin B., eine reizende kleine Dame aus dem höchsten Hofleben Wiens, an der Waschhütte und rief, während ihre beiden kleinen Kindchen sie an ihrem Kleide zupften, dem Director lächelnd ihre heitersten Grüße zu; dort stand eine Berlinerin mit feuerrothem Sammetmieder und kurzem, schwarzem, mit rothem Band besetztem Kleid ohne Aermel, und winkte Schubbert mit der Kartoffelhacke ihren Morgengruß zu; da war die richtige deutsche Bürgerfrau mit Haube und Schürze beim Rechen eines Beetes beschäftigt; in dem Garten neben ihr pflanzte ein zartes Fräulein mit behandschuhten Fingern Blumen, und ihr gegenüber sägte eine hagere weibliche Gestalt mit langen schwarzen Locken und weißem Gewande an einem schweren Stücke Holz.

Director Schubbert erwiderte alle Grüße aufs Freundlichste, und fügte jedem »Guten Morgen«, den er bot, auch noch einige Worte der Aufmunterung, der Hoffnung, des Trostes bei.

So erreichte er mit Rudolph dessen Wohnung, wo die beiden alten Herren, der Obrist und der Major, noch plaudernd zusammen unter der Verandah saßen. Sie kamen ihm Beide mit vieler Herzlichkeit entgegen, und baten ihn, bei ihnen Platz zu nehmen, was er aber mit dem Bemerken ablehnte, daß er noch verschiedene Geschäfte abzumachen habe.

Nachdem er den Obristen eingeladen hatte, sich bei dem Ritt nach Austin zu betheiligen, was dieser ihm freudig zusagte, empfahl er sich, und bemerkte:

Ich muß doch einmal sehen, wer dieser Herr Küster ist, der vergangene Woche hier ankam und weit dort unten ein Stadtlot bezogen hat. Ich war nicht gegenwärtig, als er eintraf, und er hat sich noch nicht bei mir sehen lassen.

Ganz Recht, sagte Nimanski, seine Reisholzhütte, die er sich hat aufschlagen lassen, steht gar nicht weit von meinem Hause, doch auch ich habe noch Nichts von ihm gesehen, als wenn er mit dem Eimer nach dem Bache ging, um Wasser zu holen; er scheint menschenscheu zu sein. Wenn Sie erlauben, so begleite ich Sie zu ihm, man muß doch seine Nachbarn kennen lernen.

Darauf reichte der Major dem Obristen die Hand mit den Worten: Auf Wiedersehen! Der Director bat Rudolph, gegen Abend noch einmal zu ihm zu kommen, und dann schritten die Beiden nach freundlichem Abschied in der Richtung nach Nimanskis Wohnung davon.

Mit dem Maisfeld steht es ja sehr gut, Herr Director, sagte der Major im Vorwärtsschreiten.

Gottlob, der Mais ist gut aufgegangen, trotzdem daß er ungewöhnlich früh in die Erde kam; es war mir aber zu bange, daß wir nicht fertig werden würden, erwiderte Schubbert. Wenn man nur in Braunfels meinen Bitten Gehör geben und die neuen Ankömmlinge, anstatt sie alle hierher zu senden, an der Straße in kleinen Niederlassungen ansiedeln wollte, so daß eine Art von Zusammenhang zwischen den beiden Städten zu Stande käme; so aber liegt kein Haus zwischen ihnen, und die Reisenden auf dem Wege hierher sind vollständig ohne Schutz und ohne Hülfe. Und schon spricht die Direction von einer weitern Stadt, die sie in dem eigentlichen Vereinslande gründen will, dessen Grenze noch hundert Meilen weiter hinauf liegt, während sie nicht einmal im Stande ist, diesen Ort mit dem Nöthigsten zu versorgen. Ginge man dagegen mit kleinen Niederlassungen vor, die sich immer eine auf die andere stützte, so würden auf dem ganzen Wege Lebensmittel erzeugt, und die Städte würden wie bei den Amerikanern als Bedürfniß von selbst entstehen. Man will aber nicht hören, und fängt mit dem an, was naturgemäß das Letzte sein muß. Anstatt, daß wir auf dem ganzen Wege die kleinen mit weichem Boden und gutem Wasser versehenen Thäler als Eigenthum an uns bringen sollten, geben wir den amerikanischen Landspeculanten Zeit, Besitz davon zu ergreifen, und machen ihnen schließlich diesen Besitz werthvoll.

Jetzt näherten sich die Beiden der Wohnung des Majors, und die schöne Ludwina trat aus der Gartenthür hervor, um sie zu empfangen, der Director aber lehnte es ab, einzutreten, weil man ihn noch vor dem Mittagsessen in dem Vereinslocale erwarte.

Sie sind uns ein so seltener Gast, Herr Director, daß ich Sie wirklich nicht vorübergehen lassen darf, sagte Ludwina mit ihrer klangvollen lieblichen Stimme, und trat, lächelnd ihre schönen Augen auf ihn heftend, zur Seite, um ihn durch die Thür vorangehen zu lassen.

Sie müssen die Seltenheit meines Besuchs mir nicht als Vernachlässigung deuten, Fräulein Ludwina, antwortete der Director freundlich, die Zeit gestattet es mir zu selten, meinen Wünschen zu folgen, ich komme aber recht bald einmal. Und dann will ich nicht mit leeren Händen vorsprechen, sondern Ihnen ein sehr schönes Geschenk mitbringen.

Ein Geschenk für mich, Herr Director? fragte Ludwina lachend, und darf man denn wissen, worin es bestehen wird.

In der schönsten Ziege aus einer Heerde von einigen hundert Stück, erwiderte Schubbert. Ich habe nemlich die Ziegen von einem mexikanischen Händler kaufen lassen, weil die bestellten Kühe zu lange ausbleiben, und weil der Mangel an Milch theilweise die Ursache von dem Erscheinen des Scorbuts ist.

Ach, eine größere Freude könnten Sie mir wirklich kaum bereiten, und ich danke Ihnen im Voraus von ganzem Herzen, sagte Ludwina freudig.

Dafür aber will ich Ihnen morgen Ihren Bräutigam wieder entführen, fuhr der Director lächelnd fort.

Rudolph? fragte Ludwina erschrocken.

Ja, Fräulein, aber diesmal gehe ich selbst mit ihm und auch sein Vater wird uns begleiten. Ich will einen Weg nach Austin suchen, antwortete Schubbert.

Nun, wenn Sie mit ihm gehen, will ich es erlauben, sonst aber unter keiner Bedingung, versetzte Ludwina halb im Scherz, halb im Ernst.

Ich werde ihn unversehrt wieder an Sie aushändigen, Fräulein, sagte der Director, empfahl sich dann aufs Freundlichste, und schritt nun mit dem Major nach der, einige hundert Schritt weiter gelegenen Hütte des Herrn Küster aus Frankfurt.

Durch die offen stehende Thür sahen sie den Bewohner dieser nothdürftigen Wohnung auf dem Rande des Bettes sitzen, welches aus vier in den Rasen geschlagenen Pfählen und daraus befestigten und gelegten Stangen und Reisholz bestand, auf welcher Unterlage in Federbett und einige wollene Decken ausgebreitet waren.

Kaum erblickte Küster die beiden Nahenden, als er aufsprang und aus der Hütte trat.

Ach, mein Gott, Herr Director, wie soll ich mich entschuldigen, daß ich noch nicht zu Ihnen kam, um Ihnen meine tiefste Verehrung auszusprechen, ich war aber durch meine häusliche Einrichtung so sehr mit Arbeit überladen, daß ich beim besten Willen nicht dazu kommen konnte, sagte Küster, ein kleiner, dünner, nervös erregter Mann, der jedes seiner Worte mit raschen Bewegungen seiner Arme und Hände begleitete, und von Minute zu Minute seinen Zügen einen andern Ausdruck gab. Wie vom Blitz getroffen zuckte es oft über sein Gesicht, die schwarzen Brauen stiegen empor, die blauen dunkeln Augen öffneten sich starr und weit, und auf seinen dünnen Lippen schien der Athem stehen geblieben zu sein, im nächsten Augenblick aber verzog sich sein Mund zum Lachen, seine langen weißen Zähne wurden sichtbar, und seine Augen glänzten wie von sprudelndem Witz belebt, dann aber plötzlich schaute er mit gekrümmtem Rücken flehentlich auf, die Mundwinkel sanken nach Unten, und ein so jammervoller Blick lag in seinen matten Augen, als wollten sie einen Strom von Thränen ergießen.

Der Director sah ihn verwundert an, denn er konnte kein bestimmtes Bild von dem Manne festhalten, endlich sagte er, um nur Etwas zu sagen:

Sie haben sich wohl schon ganz eingerichtet, Herr Küster?

Nicht wahr, charmant, charmant, Herr Director! antwortete der Mann, und rieb sich mit grinsendem Lächeln die Hände.

Das heißt, es ist noch gar Nichts gethan, und ich hoffe, daß Sie nicht lange in diesem Stalle wohnen, sondern daran gehen werden, sich ein ordentliches Haus zu bauen, oder bauen zu lassen, fuhr Schubbert ernster fort.

Ohhh – Herr Director, wie könnte man in einem solchen Aufenthalte zu leben gedenken! rief Küster, und machte ein entsetztes, schauderndes Gesicht, indem er mit den Händen abwehrend um sich zeigte.

So dachte ich, fiel der Director schmeichelnd ein, ein Herr wie Sie, ein Herr von Ihrer Bildung kann sich unmöglich damit zufrieden stellen.

Ei, ei, ei, wie wäre das auch möglich, sagte der Mann, sich in die Brust werfend, mit stolzem Ausdruck, nein, Sie werden sehen, Herr Director, wie Küster zu leben gewohnt ist!

Ich hoffe, daß Sie Andern mit einem guten Beispiel vorangehen, und in Ihrer Besitzung der Stadt eine Zierde geben werden; Sie sind ja ein reicher Mann, fuhr der Director aufmunternd fort, doch bei seinen letzten Worten schrumpfte Küster plötzlich zusammen, machte sein jämmerlichstes Gesicht, faltete die Hände, und sagte mit flehendem, weinerlichem Tone: Ach – reich? Arm wollen Sie sagen, verehrter Herr Director, ach, arm, dem Bettelstabe nah!

Nun, ich wollte, alle meine Friedrichsburger wären solche Bettler, Herr Küster, und trügen vier tausend Dollars Banknoten mit sich herum, versetzte Schubbert ernsthaft, ich hoffe wenigstens, daß Sie bald ihr Grundstück einzäunen und sich ein Haus darauf bauen lassen, nur unter dieser Bedingung ist es Ihnen übergeben worden.

Ja wohl, ja wohl, sobald wie möglich, antwortete Küster jetzt sehr verlegen, und behielt sein natürliches Gesicht bei.

Kann ich Ihnen in irgend einer Weise behülflich sein, so wenden Sie sich nur geraden Wegs an mich, Herr Küster, fuhr der Director beruhigend fort, es ist mir überhaupt lieb, wenn alle meine Schutzbefohlenen sich mit Beschwerden, Wünschen und Fragen immer nur an mich selbst wenden. Wollen Sie sich ein einfaches Blockhaus aufschlagen lassen, so können Sie sich an die Brüder Leidecke wenden, wollen Sie aber, was mir Freude machen sollte, sich eine hübschere, bequemere Wohnung bauen, so empfehle ich Ihnen den Zimmermeister Schandua, er wird Sie in jeder Weise zufrieden stellen.

Sehr gütig, sehr dankbar, Herr Director, antwortete Küster, seine Verlegenheit überwindend, und nahm, seine Hände reibend, wieder einen heitern, unternehmenden Ausdruck an.

Director Schubbert grüßte ihn nun mit freundlichem Wohlwollen, und sagte im Weggehen noch:

Ich besuche Sie in nächster Woche einmal wieder, um zu sehen, ob Ihre Arbeiter auch ihre Schuldigkeit thun, woran Küster aber nur mit einem süßen Lächeln und einer sehr tiefen Verbeugung antwortete.

Abends, als die Dunkelheit sich schon über die Stadt gelegt hatte, trat der Director mit dem Proviantmeister Bickel, einem ungewöhnlich großen, schweren Mann, von außerordentlich gutmüthigem, freundlichem Wesen, aus dem Arbeitszimmer des Vereinslocals in den Thorweg, der durch dasselbe von der Straße her in den geräumigen Hof dahinter führte.

Am fernen Ende dieses Hofraums wirbelte ein lustiges Flackerfeuer seine Flammen empor, und beleuchtete die Gebäude rund umher, namentlich den langen, auf rohen Ständern ruhenden Schuppen, in welchem die Pferde der Schützen des Vereins standen, welche, von diesem ausgerüstet, gehalten wurden, um gegen die feindlichen Indianer zum Schutze der Bürger und deren Eigenthums gebraucht zu werden. Es waren deren einige zwanzig an der Zahl, die von dem Feuer hell beschienen, in ihren rothen wollenen Hemden um dasselbe auf ihren Satteldecken hingestreckt lagen, und sehr guter Dinge zu sein schienen, denn sie lachten in ihrer lebhaften Unterhaltung wiederholt laut auf.

Halten Sie während meiner Abwesenheit ein wachsames Auge auf Alles, lieber Herr Bickel, sagte Schubbert zu diesem, und lassen Sie die Schützen hübsch zu Hause bleiben, damit sie zur Hand sind, wenn sie nöthig sein sollten, so auch vergessen Sie nicht, wenn sich Indianer feindlich zeigen möchten, die Kanone lösen zu lassen, damit alle Männer der Stadt zu den Waffen greifen.

Sein Sie unbesorgt, Herr Director, es wird Alles in bester Ordnung gehen, antwortete Bickel mit der ihm eigenen gemüthlichen Ruhe. Und wenn Indianer in Freundschaft kommen, so gebe ich ihnen wie gewöhnlich einige Pfund Taback, etwas Reifeisen für ihre Pfeilspitzen, Spiegel und Zinober, um sich zu schminken, und dergleichen Kleinigkeiten mehr; ich will schon mit ihnen fertig werden.

Unter diesem Gespräch waren sie in den Hof getreten, und schritten dem Lagerfeuer zu, während die Schützen sich von ihren Decken erhoben. Alle grüßten den Director aufs Freundlichste, und indem er mehreren von ihnen die Hand reichte, sagte er:

Ich reite Morgen früh von hier, um einen Weg nach Austin zu suchen, und verlasse mich während meiner Abwesenheit darauf, daß Sie Tag und Nacht bei der Hand sein werden, meine Herren, worauf ihm die Schützen sämmtlich die Versicherung fortwährender Dienstbereitschaft gaben.

Sie Beiden, Burg und Kracke, sollen mich begleiten, wenn ich auch weiß, daß Sie es sehr ungern thun, fuhr Schubbert scherzend fort, worauf ein Ausbruch allgemeiner Heiterkeit erfolgte, Burg aber mit hellaufglänzendem Blick sagte:

Die Bärenhunde, Leo, Pluto und Weiko, gehen doch mit?

Leider diesmal nicht, Burg, wir wollen die Bären unbehelligt lassen, und die Hunde könnten uns möglicherweise sehr im Wege sein, antwortete der Director, als plötzlich Pferdetritte in der Straße hörbar wurden, und er mit Bickel schnell nach dem Thorweg zurückschritt. Ehe sie ihn aber erreichten, trat ein Indianer in den Hof, und bot ihnen in reinem Englisch guten Abend.

Es war ein Shawnee-Indianer, ein Stamm, welcher schon seit vielen Jahren mit den Weißen in Freundschaft lebte.

Sieh, Kalhahi, bist Du es, antwortete der Director, und schüttelte ihm herzlich die Hand, Du kommst ja wie gerufen. Du sollst Morgen mit mir reiten, ich will sehen, ob sich nicht eine Straße von hier nach Austin ebenso gut anlegen läßt, wie von hier nach Braunfels.

Ebenso gut, antwortete der Indiana-, Kalhahi könnte sie in dunkler Nacht an den Bergen hinlegen. Er hat aber viele Pferde, Maulthiere, gegerbte Hirschhäute und Bärendecken mitgebracht, und will Toback, Pulver und Blei, und viele schöne Sachen dafür von den Weißen mitnehmen.

Du bist doch nicht allein gekommen? fragte der Director.

Nein, Kalhahis Bruder, Minitori, kam mit, um mit ihm zu theilen.

Nun, so kann er ja hier den Handel in der Zeit, bis wir zurückkehren, abmachen, Herr Bickel hier wird ihm dabei behülflich sein und selbst Mehreres von ihm eintauschen. Hirschfelle können wir immer gebrauchen, und Deine Pferde und Maulthiere, wenn sie fromm sind, wirst Du sämmtlich in der Stadt los.

Der Indianer zeigte sich sehr erfreut, und sagte:

Kalhahi will sein Feuer entzünden, und dann sein Trinkhorn zu Schubba (so nannten die Indianer den Director) bringen, damit er es mit Kaffee fülle.

Nein. Du sollst mit mir essen, Kalhahi, geh hin, schlage Dein Lager auf, und komm wieder hierher, antwortete Schubbert, worauf der Indianer eilig davon sprang.

Noch stand der Director mit dem Proviantmeister vor dem Vereinsgebäude, und ertheilte ihm Vorschriften für die Zeit seiner Abwesenheit in Bezug auf die verschiedenen Arbeiten, welche von Vereinswegen begonnen waren, da trat Rudolph v. Wildhorst zu ihnen.

Ein glücklicher Zufall hat uns Kalhahi, den Shawnee, zugeführt, er ist hergekommen, um Tauschhandel zu treiben, und ich habe ihn bestimmt, Morgen mit uns zu reiten. Er meint, eine Straße nach Austin sei nicht schwierig anzulegen, sagte der Director zu Rudolph, nachdem er dessen Gruß freundlich erwidert hatte.

Er wird uns allerdings eine große Hülfe sein, denn die Shawnees, sowie die Delawaren haben ja schon seit Jahren alle Unterhandlungen der Regierung mit den wilden Indianern in diesem Lande ausgeführt, und sie kennen jeden Paß durch diese Berge. Außerdem aber wird er uns von Nutzen sein, im Falle wir feindlichen Stämmen begegnen sollten, denn gerade die Gegend nach Austin hin ist sehr verrufen, bemerkte Rudolph.

Nun, es werden unsrer Achte zusammen sein, und da haben wir so leicht Nichts zu fürchten, entgegnete der Director.

Jetzt traten noch zwei Beamten des Vereins herzu, und kurze Zeit nachher kam auch Kalhahi zurück, worauf sie sich sämmtlich zum Abendessen in das Speisezimmer begaben. Der Director nahm oben am Tische Platz, zu seiner Linken ließ er den Indianer sich niedersetzen, und an seiner Rechten saß der Proviantmeister, mit Rudolph an seiner Seite, denn dieser stand gleichfalls im festen Dienste des Vereins, machte jedoch nur ausnahmsweise Gebrauch von seinem Rechte, an dem Vereinstische zu speisen.

Der Indianer hatte ein, mit bunter Seide schön genähtes und verziertes, und mit vielen Lederfranzen geschmücktes Jagdhemd von gegerbtem Hirschleder angezogen, und trug außerdem bis über das Knie reichende lederne, gleichfalls mit langen Franzen versehene Gamaschen und Mocassins. Er hatte schon zu verschiedenen Malen bei dem Director am Tisch gespeist, doch war ihm der Gebrauch von Messer und Gabel noch sehr ungewohnt, und nachdem er eine Zeit lang ohne Erfolg an dem Schenkel eines wilden Truthahns, den der Director ihm auf den Teller gab, herumgeschnitten hatte, legte er die Gabel hin, nahm den Knochen in die Hand, und gebrauchte nun seine schönen Zähne, um das Fleisch davon zu trennen.

Was meinst Du, Kalhahi, fragte ihn der Director nach einer Weile, sollten uns die Comantschen auch auf unserm Ritt belästigen?

Kalhahi wird bei Tage scharf sehen, und bei Nacht nur mit einem Auge schlafen, antwortete der Indianer.

Die meisten Stämme der Comantschen haben aber doch schon Freundschaft mit mir gemacht, fuhr der Director fort.

Der Häuptling Kateumsi aber hat Dir seine Hand noch nicht gereicht, und wird seinen Bogen nicht abspannen, so lange noch ein Weißer in diesen Bergen wohnt; er nennt dies Land sein eigen, entgegnete der Indianer.

Wie ich von Santa Anna hörte, so soll sein Stamm nicht groß sein; er hat kaum fünfzig Krieger, sagte Schubbert.

Der Name Kateumsi bedeutet der Bogenschütz, und sein Pfeil fliegt wie eine Büchsenkugel. Er ist der beste Schütz unter den Comantschen, und alle seine Krieger tödten den Büffel mit dem ersten Pfeil. Unsre Büchsenkugeln müssen ihn fern von uns halten, denn er hat noch nie einem Weißen den Scalp geschenkt, erwiderte der Indianer.

Hoffentlich wird auch dieser Feind der Weißen sich eines Bessern besinnen, und Frieden mit uns machen, fuhr der Director zu der Tischgesellschaft gewandt fort, denn wie man mir von Braunfels schreibt, so hat die Regierung der Vereinigten Staaten an alle Stämme der Comantschen Delaware-Indianer als Friedensunterhändler abgeschickt, und jenen die Zeit bestimmt, wann sie sich hier in Friedrichsburg einfinden sollen, um den Friedensvertrag zu unterzeichnen, und Geschenke zu empfangen; dieser Kateumsi wird nicht allein zurückbleiben.

Kateumsi wird nicht kommen, alles Gold und alle schönen Geschenke der Weißen können sein Herz nicht zum Frieden stimmen, er nimmt seinen Haß gegen sie mit sich in die ewigen Jagdgründe seiner Väter, fiel Kalhahi ein, und setzte mit finsterm Blick noch hinzu:

Auch nach den Scalpen der Shawnees sieht er mit falschem Auge, doch er fürchtet ihre Kugeln.

So mag er wegbleiben, und nach dem Friedensschluß werde ich unsre Schützen ihm einige Besuche machen lassen, die sollen ihm wohl bald den Aufenthalt in dem Reich seiner Väter verleiden, bemerkte Schubbert, und wandte sich dann zu Bickel:

Wenn während meiner Abwesenheit die noch fehlenden Stücke des eisernen Mühlenwerks von Braunfels ankommen sollten, so lassen Sie den Mühlenbauer Wurzbach sofort nachsehen, ob nun Alles davon hier ist, sonst mag er selbst mit den Fuhrleuten hinunterreisen, und dafür sorgen, daß wir endlich in den Besitz kommen. Der Mangel einer Mühle hat uns unsern Häuserbau sehr erschwert, jedes Brett mußte man mit der Hand schneiden, und wenn unsre Maisernte reif ist, so weiß ich nicht, wie wir ohne eine Mühle Mehl daraus bereiten wollen, die Leute können doch nicht ihre kostbare Zeit an Handmühlen verschwenden.

Ich habe es den Herren Beamten in Braunfels nochmals dringend ans Herz gelegt, die Verladung mit den ersten herauffahrenden Wagen vorzunehmen, und sie haben es mir fest versprochen, bemerkte Rudolph.

Ja, ja, versprochen, fiel der Director ein, sie bepacken nur alle Fuhrwerke mit den Kisten und Kasten der neu ankommenden Emigranten, und senden diese zu uns herauf, um deren Klagen, deren Beschwerden, daß sie ihr verheißenes Land im Vereinsgebiet noch nicht beziehen sollen, nicht mehr zu hören, mag man hier sehen, wie man mit ihnen fertig wird.

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