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Friedrich Schleiermacher's Monologen

Friedrich Schleiermacher: Friedrich Schleiermacher's Monologen - Kapitel 7
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich Schleiermacher
titleFriedrich Schleiermacher's Monologen
publisherVerlag von L. Heimann
seriesPhilosophische Bibliothek oder Sammlung der Hauptwerke der Philosophie alter und neuer Zeit.
volumeSechster Band.
editorJ. H. v. Kirchmann
year1868
firstpub1800
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Weltansicht.

Dem trüben Alter, meinen sie, sei es vergönnt, nur Klagen Raum zu geben über die Welt: verzeihlich sei es, wenn lieber das Auge sich rückwärts wende zur besseren Zeit der vollen Stärke des eignen Lebens. Die fröhliche Jugend müsse froh die Welt anlächeln, müsse nicht achtend des Mangelnden, was da ist Nutzen, und der Hoffnung süssen Täuschungen gern vertrauen. Doch Wahrheit sehe nur der, nur der verstehe die Welt zu richten, welcher zwischen den beiden sich in sicherer Mitte glücklich halte, nicht eitel trauernd noch trüglich hoffend. Doch solche Ruhe ist nur der thörichte Uebergang von der Hoffnung zur Verachtung; und solcher Weisheit Rede nur der dumpfe Wiederhall der gern zurückgehaltenen Schritte, mit denen sie aus der Jugend ins Alter gleiten; solche Zufriedenheit nur verkehrter Höflichkeit Betrug, der nicht die Welt, die ihn ja bald verlässt, zu schmähen scheinen will, noch weniger auf einmal Unrecht geben sich selbst; solch Lob ist Eitelkeit, die sich schämt ihres Irrthums, Vergessenheit, die nicht mehr weiss, was sie begehrte im vorigen Augenblick, und träger Sinn, dem, wenn es Mühe gelten soll, lieber die Armuth genügt.

Ich habe mir nicht geschmeichelt als ich jung war: so denk ich auch nicht jetzt, nicht jemals, der Welt zu schmeicheln. Dem nichts Erwartenden konnte sie nicht kränken: so werde auch ich sie nicht aus Rache verletzen. Wenig habe ich gethan um sie zu bilden wie sie ist: so habe ich auch kein Bedürfniss sie vortrefflicher zu finden. Allein des schnöden Lobes ekelt mich, das ihr von allen Seiten verschwendet wird, damit wieder das Werk die Meister lobe. Von Verbesserung der Welt spricht so gern das verkehrte Geschlecht, um selbst für besser zu gelten, und über seine Väter sich zu erheben. Und stiege von der schönsten Blüte der Menschheit wirklich schon der süsse Duft empor; wären auf dem gemeinschaftlichen Boden in ungemessener Zahl die Keime der eigenen Bildung über jede Gefahr hinaus gediehen; lebte Alles und freute sich in heiliger Freiheit; umfasste Alles mit Liebe sich, und trüge wunderbar vereinigt immer neue und wundervolle Früchte: sie könnten nicht glänzender den Zustand der Menschheit preisen. Als hätten ihres gewaltigen Verstandes donnernde Stimmen die Ketten der Unwissenheit gesprengt; als hätten von der menschlichen Natur, die nur als dunkles kaum kennbares Nachtstück abgebildet war, nun endlich sie ein kunstreiches Gemälde aufgestellt, wo geheimnissvollles Licht -- ach kommt es von oben oder von unten her? -- Alles wunderbar erleuchtet, dass kein gesundes Auge mehr den ganzen Umriss oder einzelne Züge verfehlen könne; als hätte ihrer Weisheit Musik die rohe räuberische Eigensucht zum zahmen geselligen Hausthier umgeschaffen, und Künste sie gelehrt: so reden sie von der heutigen Welt; und jeder kleine Zeitraum, der verstrichen, soll reich an neuem Gut gewesen sein. Wie tief im Innern ich das Geschlecht verachte, das so schaamlos als nie ein früheres gethan, sich brüstet, den Glauben kaum an eine bessere Zukunft ertragen kann, und alle die ihr angehören, schnöde beschimpft, und nur darum dies Alles, weil das wahre Ziel der Menschheit, zu welchem es kaum einen Schritt gewagt, ihm unbekannt in dunkler Ferne liegt!

Ja, wem es genügt, dass nur die Körperwelt der Mensch beherrscht; dass er alle ihre Kräfte erforscht, um zum Dienst des äussern Lebens sie zu gebrauchen; dass nicht der Raum die Wirkung des Geistes auf die Körper zu gewaltsam lähmt, und schnell des Willens Wink an jedem Ort die Thätigkeit erzeugt, die er fordert; dass Alles sich bewährt als unter den Befehlen des Gedankens stehend, und überall des Geistes Gegenwart sich offenbart; dass jeder rohe Stoff beseelt erscheint, und im Gefühle solcher Herrschaft über ihren Körper die Menschheit sich einer sonst nicht gekannten Kraft und Fülle des sinnlichen Lebens freut, wem das ihr letztes Ziel ist, der stimme mit ein in dieses laute Lob. Mit Recht rühmt der Mensch sich dieser Herrschaft jetzt so, wie er es noch nie gekonnt; denn wie viel ihm auch noch übrig sei, so viel doch ist nun gethan, dass er sich fühlen muss als Herr der Erde, dass ihm nichts unversucht bleiben darf auf seinem eigenthümlichen Boden, und immer enger der Unmöglichkeit Gebiet zusammenschwindet. Die Gemeinschaft, die hierzu mich mit Allen verbindet, fühle ich in jedem Augenblick des Lebens als Ergänzung der eigenen Kraft. Ein jeder treibt sein bestimmtes Geschäft, vollendet des Einen Werk, den er nicht kannte, arbeitet dem Andern vor, der nichts von seinen Verdiensten um ihn weiss. So fördert über den ganzen Erdkreis sich der Menschen gemeinsames Werk, Jeder fühlet fremder Kräfte Wirkung als eigenes Leben, und wie elektrisches Feuer führt die kunstreiche Maschine dieser Gemeinschaft jede leise Bewegung des Einen durch eine Kette von Tausenden verstärkt zum Ziele als wären sie alle seine Glieder, und alles, was sie gethan, sein Werk, im Augenblick vollbracht. Ja dies Gefühl gemeinsam erhöhten Lebens wohnt noch lebendiger wohl und reicher in mir, als in Jenen, die so laut es rühmen. Mich stört nicht täuschend ihre trübe Einbildung, dass es so ungleich die geniessen, die doch Alle es erzeugen und erhalten helfen. Denn nur durch Gedankenleere, durch Trägheit im Betrachten verlieren sie Alle; von Allen fordert Gewohnheit ihren Abzug, und wo ich immer Beschränkung und Kraft vergleichend berechne, ich finde überall dieselbe Formel, nur anders ausgedrückt, und gleiches Maass von Genuss verbreitet sich über Alle. Und doch auch so achte ich dieses ganze Gefühl gering; nicht etwas besser noch in dieser Art wünschte ich die Welt, sondern es würde mich peinigen wie Vernichtung, wenn dies sollte das ganze Werk der Menschheit sein, und nur daran unheilig ihre heilige Kraft verschwendet. Nein, meine Forderungen bleiben nicht bescheiden stehen bei diesem besseren Verhältniss des Menschen zu der äussern Welt, und war es auf den höchsten Gipfel der Vollendung schon gebracht! Wofür denn diese höhere Gewalt über den Stoff, wenn sie nicht fördert das eigene Leben des Geistes selbst? was rühmt ihr euch jener äusseren Gemeinschaft, wenn sie nicht fördert die Gemeinschaft der Geister selbst? Gesundheit und Stärke sind wohl ein hohes Gut: aber verachtet ihr nicht jeden, der sie nur braucht zu leerem Gepränge? Ist denn der Mensch ein sinnlich Wesen nur, dass auch das höchste Gefühl des leiblichen Lebens, denn sein Leib ist ja die Erde, ihm alles sein darf? Genügt es dem Geiste, dass er nur den Leib bewohne, fortsetzend und vergrössernd ihn ausbilde, und herrschend seiner sich bewusst sei? Und darauf allein geht ja ihr ganzes Streben, darauf gründet sich ihr ungemessner Stolz. So hoch nur sind sie gestiegen im Bewusstsein der Menschheit, dass von der Sorge für das körperliche Leben und Wohlsein des Einzelnen sie zur Sorge für das gleiche Wohlbefinden Aller sich erheben. Das ist ihnen Tugend, Gerechtigkeit und Liebe; das ist über die niedere Eigensucht ihr grosses Triumphgeschrei; das ist ihnen das Ende aller Weisheit; nur solche Ringe vermögen sie zu zerbrechen in der Kette der Unwissenheit, dazu soll Jeder helfen, es ist nur dazu jegliche Gemeinschaft eingerichtet. O des verkehrten Wesens, dass der Geist alle seine Kräfte dem für Andere widmen soll, was er für sich um besseren Preis verschmäht! O des verschrobenen Sinnes, dem in so niederem Götzendienste das Höchste gern zu opfern Tugend scheint!

Beuge dich denn, o Seele, dem herben Schicksal, nur in dieser schlechtern und finstern Zeit das Licht gesehen zu haben. Für dein Bestreben, für dein inneres Thun ist wenig von einer solchen Welt zu hoffen! nicht als Erhöhung, immer nur als Beschränkung deiner Kraft wirst du deine Gemeinschaft mit ihr empfinden müssen. So geht es Allen, die das Bessere kennen und wollen. Nach Liebe dürstet manches Menschen Herz; es schwebt ihm deutlich vor, wie der Freund geartet müsste sein, mit dem er durch den Tausch des Denkens und Empfindens zur gegenseitigen Bildung und zum erhöhten Bewusstsein sich verbinden, wie die Geliebte, der er ganz sich geben und volles Leben bei ihr finden könnte: doch wenn er nicht, durch Zufall glücklich, im gleichen Kreise des äusseren Lebens auf gleicher Höhe der Gesellschaft sie entdeckt, so seufzen beide wohl vergeblich im gleichen Wunsch das kurze Leben hin. Denn noch immer fesselt den Menschen ja sein äusserer Stand, die Stelle, die er in jener dürftigen Gemeinschaft nicht sich erringen kann, nein die ihm angewiesen wird, und fester hält der Mensch an diesen Banden, als an der mütterlichen Erde die Pflanze hängt. Warum doch? weil es ihnen wenig kostet, das höhere geistige Leben hart zu bedrücken, um sicherer, wie sie meinen, das niedere zu geniessen. Darum darf noch keine heitere Gemeinschaft gedeihen, kein freies offenes Leben; darum wohnen sie wunderlich fast klostermässig gesondert in kleinen dumpfen Zellen neben einander mehr, als mit einander; darum scheuen sie jeden grossen Verein, nur einen elenden Schein davon zusammensetzend aus vielen kleinen; und wie das Vaterland lächerlich zerstückelt ist, so auch jede einzelne Gesellschaft wieder. Wohl ist Manchem der Sinn geöffnet, um das innere Wesen der Menschheit zu ergreifen, verständig ihre verschiedenen Gestalten anzuschauen, oder in sich zu saugen die Natur und mit Liebe sich einzuschmiegen in ihre Geheimnisse. Doch in öde Wildniss oder in unfruchtbare Ueppigkeit ist er gestellt, wo ewiges Einerlei dem Verlangen des Geistes keine Nahrung giebt; es kränkelt in sich gekehrt die Fantasie, es muss in träumerischem Irrthum sich der Geist verzehren, in missgestalteten Versuchen erschöpfen die gebärende Kraft; denn kein günstiger Wind trägt ihn in ein besseres Klima liebreich fort, keinen hülfreichen Freund kann er erreichen, dem Beruf es wäre, mit Nahrungsstoff den Dürftigen zu versehen, befruchtend ihm der Erkenntniss Quellen zuzuleiten. Des Schwarzen jammervolles Schicksal, der aus dem väterlichen Lande von den geliebten Herzen fortgerissen, zu niederm Dienst in unbekannter Ferne verdammt ist, täglich legt es der Lauf der Welt auch Bessern auf, die zu den unbekannten Freunden in ihre wahre Heimath zu ziehen gehindert, in öder ihnen ewig fremder Nähe bei schlechtem Dienst ihr inneres Leben verzehren. Wohl Manchen drängt innerlich der Trieb kunstreiche Werke zu bilden: doch den Stoff zu sichten, und was unschicklich wäre, sorgsam und ohne Schaden herauszusondern, oder wenn in schöner Einheit und Grösse der Entwurf gemacht ist, auch die letzte Vollendung und Glätte jedem Theile zu geben, das ist ihm versagt. Gewährt ihm Einer, was ihm fehlt, bietet ihm Einer mit Freiheit seinen Vorrath, oder krönt durch seine That das Unvollendete? Nein, vereinzelt muss Jeder stehen und unternehmen, was ihm nicht gelingt! der Darstellung der Menschheit, dem Bilden schöner Werke fehlt die Gemeinschaft der Talente, die im äusseren Dienst der Menschheit schon lange gestiftet ist! nur schmerzlich wird dem Künstler das Dasein der Andern bemerklich, indem an seinem Werk ihr Urtheil tadelt, was ihrem Genius fremd ist, und er erfahren muss, dass des schönen Eigenen Wirkung gehemmt wird, weil sie Fremdes verlangen! So sucht vergebens der Mensch für das, was ihm das Grösste ist, in der Gemeinschaft mit den Menschen Erleichterung und Hülfe. Was hie und dort die Erde bringt, beschreiben Tausende; wo irgend eine Sache, deren ich bedarf, zu finden sei, kann ich in einem Augenblick erfahren, im zweiten kann der glückliche sie schon besitzen: doch die Gemüther aufzufinden, durch deren Kraft ihr inneres Leben gedeihen könnte, vermögen nur wenige, dazu giebt es keine Gemeinschaft in der Welt; die Menschen, die einander bedürfen, näher sich zu bringen, ist keines Geschäft. Ja Hülfe solcher Art zu fordern, ist Aergerniss und Thorheit den geliebten Söhnen dieser Zeit; und eine höhere, mehr innige Gemeinschaft der Geister ahnden, und beschränktem Sinn und kleinen Vorurtheilen zum Trotz sie fördern wollen, ist eitle Schwärmerei. Ungeschickte Begierde soll es sein, nicht Armuth, was Schranken fühlen lässt, die so uns drücken; strafbare Trägheit, nicht Mangel an hülfreicher Gemeinschaft, was unzufrieden mit der Welt den Menschen macht, und seinen leeren Wünschen gebietet auf weitem Felde der Unmöglichkeit umherzuschweifen. Unmöglichkeiten nur für den, dessen Blick auf niederer Fläche der Gegenwart nur einen kleinen Horizont bestreicht. Wie müsst ich traurig verzweifeln, ob jemals ihrem Ziele die Menschheit näher kommen würde, wenn ich mit blöder Fantasie nur an dem Wirklichen und seinen nächsten Folgen haften müsste.

Es seufzet was zur bessern Welt gehört, in düsterer Sklaverei! Was vorhanden ist von geistiger Gemeinschaft, ist herabgewürdigt zum Dienst der irdischen; nur dieser nützlich, wirkt es dem Geiste Beschränkung, thut dem inneren Leben Abbruch. Wenn der Freund dem Freunde die Hand zum Bündniss reicht: es sollten Thaten daraus hervorgehen, grösser als jeder Einzelne; frei sollte Jeder Jeden gewähren lassen, wozu der Geist ihn treibt, und nur sich hülfreich zeigen, wo es Jenem fehlt, nicht seinem Gedanken den eigenen unterschiebend. So fände Jeder im Andern Leben und Nahrung, und was er werden könnte, würde er ganz. Wie treiben sie es dagegen in der Welt? Zum irdischen Dienst ist Einer stets dem Andern gewärtig, bereit das eigene Wohlsein aufzuopfern; Einsicht und Welterfahrung mitzutheilen und zu lindern, ist das Höchste. Doch in der Freundschaft ist immer Feindschaft gegen die innere Natur; absondern wollten sie des Freundes Fehler von seinem Wesen, und was in ihnen Fehler wäre, scheint es auch in ihm. So muss Jeder von seiner Eigenheit dem Andern opfern, bis beide sich selber ungleich nur einander ähnlich sind, wenn nicht ein fester Wille das Verderben aufhält, dass lange zwischen Streit und Eintracht die falsche Freundschaft kränkelt, oder plötzlich abreisst. Verderben dem, der ein weich Gemüth besitzt, wenn ihm ein Freund sich anhängt! Von neuem und kräftigem Leben träumt dem Armen, er freut der schönen Stunden sich, die ihm in süsser Mittheilung vergehen; und merkt nicht, wie in eingebildetem Wohlergehen der Geist sich ausgiebt und verschuldet, bis gelähmt von allen Seiten und bedrängt sein inneres Leben sich verliert. So gehen der Besseren Viele umher, kaum noch zu kennen der Grundriss des eigenen Wesens, beschnitten von der Freunde Hand, und überklebt mit fremdem Zusatz. -- Es bindet süsse Liebe Mann und Frau, sie gehen, den eigenen Heerd sich zu erbauen. Wie eigene Wesen aus ihrer Liebe Schooss hervorgehen, so soll aus ihrer Naturen Harmonie ein neuer gemeinschaftlicher Wille sich erzeugen; das stille Haus mit seinen Geschäften, seinen Ordnungen und Freuden soll als freie That dessen Dasein bekunden. Allein wie muss ich immer und überall das schönste Band der Menschheit so entheiligt sehen! Ein Geheimniss bleibt ihnen was sie thun, wenn sie es knüpfen; Jeder hat und macht sich seinen Willen nach wie vor, abwechselnd herrscht der Eine und der Andere, und traurig rechnet in der Stille Jeder, ob der Gewinn wohl aufwiegt, was er an baarer Freiheit gekostet hat; des Einen Schicksal wird der Andere endlich, und im Anschauen der kalten Notwendigkeit erlischt der Liebe Glut. Alle bringt so am Ende die gleiche Rechnung auf das gleiche Nichts. Es sollte jedes Haus der schöne Leib, das schönste Werk einer eigenen Seele sein, und eigene Gestalt und Züge haben; doch fast alle werden sie in stumpfer Einförmigkeit das öde Grab der Freiheit und des wahren Lebens. Macht sie ihn glücklich, lebt sie ganz für ihn? macht er sie glücklich, ist er ganz Gefälligkeit? Macht beide Nichts so glücklich, als wo Einer dem Andern sich aufopfern kann? O quäle mich nicht Bild des Jammers, der tief hinter ihrer Freude wohnt, des nahen Todes Zeichen, der ihnen diesen letzten Schein des Lebens, sein gewohntem Gaukelspiel nur vormalt! -- Wo sind vom Staat die alten Mährchen der Weisen? wo ist die Kraft, die diese höchste Entwicklung des Daseins dem Menschen geben, das Bewusstsein das Jeder haben soll, ein Theil zu sein von des Vaterlandes Vernunft und Phantasie und Stärke? Wo ist die Liebe zu diesem höhern selbstgeschaffenen Dasein, die lieber das enge persönliche Bewusstsein opfern als jenes verlieren will, die lieber das Leben wagt, als dass das Vaterland gemordet werde? Wo ist die Vorsicht, welche sorgsam wacht, dass auch Verführung ihm nicht nahe, und sein Gemüth verderbet Wo ist der eigene Charakter jedes Staates, und wo die Werke, durch die er sich verkündet? So fern ist dies Geschlecht von jeder Ahndung, was diese Seite der Menschheit wohl bedeuten mag, dass sie von einem bessern Organismus der Gesellschaft träumen, gerade wie von einem Ideal des Menschen, dass, wer im Staate lebt, es sei der neuen oder der alten einer, in seine Form gern Alle giessen möchte, dass der Weise in seinen Werken ein Muster für die Zukunft niederlegt, und hofft, es werde doch einmal zu ihrem Heil die ganze Menschheit es als ein Symbol verehren; dass Alle glauben, der sei der beste Staat, den man am wenigsten empfindet und der auch das Bedürfniss, dass er da sein müsse, am wenigsten empfinden lässt. Wer so das herrlichste Kunstwerk des Menschen, wodurch er auf die höchste Stufe sein Wesen stellen soll, nur als ein nothwendiges Uebel betrachtet, als ein unentbehrliches Maschinenwerk, um seine Gebrechen zu verbergen und unschädlicher zu machen, der muss ja das nur als Beschränkung fühlen, was ihm den höchsten Grad des Lebens zu gewähren bestimmt ist.

Und dieses ist so grosser Uebel schnöder Ursprung, dass nur für äussere Gemeinschaft der Sinnenwelt Sinn bei den Menschen zu finden ist, und dass nach dieser sie Alles messen und modeln wollen. In der Gemeinschaft der Sinnenwelt muss immer Beschränkung sein; es muss der Mensch, der seinen Leib durch äusseren Besitz fortsetzen und vergrössern will, dem Andern ja auch den Raum vergönnen, das Gleiche zu thun; wo Einer steht, da ist des Andern Grenze, und nur darum dulden sie es gelassen, weil sie doch die Welt nicht könnten allein besitzen, weil sie doch des Andern Leib und Besitz auch brauchen können. Darauf ist Alles andere auch gerichtet: vermehrten äusseren Besitz des Habens und Wissens, Schutz und Hülfe gegen Schicksal und Unglück, vermehrte Kraft im Bündniss zur Beschränkung der Andern: das nur suchet und findet der Mensch von Heute in Freundschaft, Ehe und Vaterland; nicht Hülfe und Ergänzung der Kraft zur eigenen Bildung, nicht Gewinn an neuem inneren Leben. Hieran vielmehr hindert ihn jegliche Gemeinschaft, die er eingeht vom ersten Bande der Erziehung an, wo schon der junge Geist, statt freien Spielraum zu gewinnen und Welt und Menschheit in ihrem ganzen Umfang zu erblicken, nach fremden Gedanken beschränkt und früh schon zu des Lebens langer Knechtschaft gewöhnt wird. O mitten im Reichthum beklagenswerthe Armuth! Hülfloser Kampf des Bessern, der die Sittlichkeit und Bildung sucht, mit dieser Welt, die statt deren nur Recht und Gebot erkennt, statt Lebens nur todte Formeln bietet, statt freien Handelns nur Regel und Gewohnheit liebt, und hoher Weisheit sich rühmt, wenn irgend eine veraltete Form sie glücklich bei Seite schafft, und etwas Neues gebährt, was Leben scheint, doch allzu bald selbst wieder Formel sein wird und todte Gewohnheit. Was könnte mich retten, wärst du nicht, göttliche Phantasie, und gäbest mir der bessern Zukunft sichere Ahndung!

Ja, Bildung wird sich aus der Barbarei entwickeln, und Leben aus dem Todtenschlaf! da sind sie schon, die Elemente des besseren Seins. Nicht immer wird die höhere Kraft verborgen schlummern; es weckt der Geist sie früher oder später, der die Menschheit beseelt. Wie jetzt die Bildung der Erde für den Menschen erhaben ist über jene wilde Herrschaft der Natur, da noch schüchtern der Mensch vor jeder Aeusserung ihrer Kräfte floh: nicht weiter kann doch die seelige Zeit der wahren Gemeinschaft der Geister entfernt von diesen Kinderjahren der Menschheit sein. Nichts hätte der rohe Sklave der Natur geglaubt von solcher künftigen Herrschaft über sie, noch hätte er begriffen, was die Seele des Sehers, der davon geweissagt, so bei dieser Ahndung hob; denn es fehlte ihm an der Vorstellung sogar von solchem Zustand, nach dem er keine Sehnsucht fühlte: so begreift auch nicht der Mensch von Heute, wenn Jemand ihm andere Zwecke vorhält, von andern Verbindungen und einer andern Gemeinschaft der Menschen redet, er fasst nicht, was man Besseres und Höheres wollen könne, und fürchtet nicht, dass jemals etwas kommen werde, was seinen Stolz und seine träge Zufriedenheit so tief beschämen müsste. Wenn aus jenem Elend, das kaum die ersten Keime des besseren Zustandes auch dem durch den Erfolg geschärften Auge zeigt, dennoch das gegenwärtige hochgepriesene Heil hervorging: wie sollte nicht aus unserer verwirrten Unbildung, in der das Auge, welches der schon sinkende Nebel ganz nah umfliesst, die ersten Elemente der bessern Welt erblickt, sie endlich selbst hervorgehen, das erhabene Reich der Bildung und der Sittlichkeit. Sie kommt! Was sollte ich zaghaft die Stunden zählen, welche noch verfliessen, die Geschlechter welche noch vergehen? Was kümmert mich die Zeit, an welche doch mein inneres Leben sich nicht gefesselt fühlt?

Der Mensch gehört der Welt an, die er machen half; diese umfasst das Ganze seines Wollens und Denkens, nur jenseit ihrer ist er ein Fremdling. Wer mit der Gegenwart zufrieden lebt und Anderes nicht begehrt, der ist ein Zeitgenosse jener frühen Halbbarbaren, welche zu seiner Welt den ersten Grund gelegt; er lebt von ihrem Leben die Fortsetzung, geniesst zufrieden die Vollendung dessen, was sie gewollt, und das Bessere, was sie nicht umfassen konnten, umfasst auch er nicht. So bin ich der Denkart und dem Leben des jetzigen Geschlechts ein Fremdling, ein prophetischer Bürger einer späteren Welt, zu ihr durch lebendige Phantasie und starken Glauben hingezogen, ihr angehörig jede That und jeglicher Gedanke. Gleichgültig lässt mich, was die Welt, die jetzige, thut oder leidet; tief unter mir scheint sie mir klein, und leichten Blickes übersieht das Auge die wenn gleich grossen verworrenen Kreise ihrer Bahn. Aus allen Erschütterungen im Gebiete des Lebens und der Wissenschaft stets wieder auf denselben Punkt zurückkehrend und die nemliche Gestalt erhaltend, zeigt sie deutlich ihre Beschränkung und ihres Bestrebens geringen Umfang. Was aus ihr selbst hervorgeht, das vermag nicht sie weiter zu fördern, das bewegt sie immer nur im alten Kreise: und ich kann dessen mich nicht erfreuen, es täuscht mich nicht mit leerer Erwartung jeder günstige Schein. Doch wo ich einen Funken des verborgenen Feuers sehe, das früh oder spät das Alte verzehren und die Welt erneuen wird, da fühle ich mich in Liebe und Hoffnung hingezogen, wie zu den geliebten Zeichen der fernen Heimath. Auch wo ich stehe, soll man in fremdem Licht die heilige Flamme brennen sehen, den abergläubigen Knechten der Gegenwart eine schauerliche Mahnung, den Verständigen ein Zeugniss von dem Geiste, der da waltet. Es nahe sich in Liebe und Hoffnung jeder, der wie ich der Zukunft angehört, und durch jegliche That und Rede eines Jeden schliesse sich enger und erweitere sich das schöne freie Bündniss der Verschworenen für die bessere Zeit.

Doch auch dies erschwert so viel sie kann die Welt, und verhindert jedes Erkennen befreundeter Gemüther, trachtend die Saat der besseren Zukunft zu verderben. Die That, die aus dem reinsten Gedanken entsprungen ist, giebt tausendfacher Deutung Raum; es muss geschehen, dass oft das schlichteste Handeln im Geist der Sittlichkeit verwechselt wird mit dem verworrenen Sinn der Welt. Zu Viele schmücken sich mit falschem Schein des Bessern, als dass man Jedem, wo sich Besseres ahnden lässt, vertrauen dürfte; schwergläubig weigert sich mit Recht dem ersten Scheine der, welcher Brüder im Geiste sucht; so gehen oft Gleichgesinnte einander unerkannt vorüber, weil des Vertrauens Kühnheit Zeit und Welt darnieder drücken. Darum fasse Muth und hoffe! Nicht du allein stehst eingewurzelt in den tiefen Boden, der spät erst Oberfläche wird; es keimet überall die Saat der Zukunft! Fahr immer fort zu spähen wo du kannst, noch Manchen wirst du finden, noch Manchen erkennen, den du lange vielleicht verkannt. So wirst auch du von Manchem noch erkannt: der Welt zum Trotz verschwindet endlich Misstrauen und Argwohn, wenn immer das gleiche Handeln wiederkehrt, und gleiche Ahndung oft das fromme Bruderherz ermahnt. Nur kühn den Stempel des Geistes jeder Handlung eingeprägt, damit die Nahen dich finden; nur kühn hinaus in die Welt geredet des Herzens Meinung, dass auch die Fernen dich hören.

Es dienet freilich der Zauber der Sprache auch mehr der Welt als uns. Der Welt bietet sie genaue Zeichen und schönen Ueberfluss für Alles, was in ihrem Sinn gedacht wird und gefühlt; sie ist der reinste Spiegel der Zeit, ein Kunstwerk, worin ihr Geist sich zu erkennen giebt. Uns ist sie noch roh und ungebildet, ein schweres Mittel der Gemeinschaft. Wie lange hindert sie den Geist zuerst, dass er nicht kann zum Anschauen seiner selbst gelangen! Durch sie gehört er schon der Welt ehe er sich findet, und muss sich langsam erst aus ihren Verstrickungen entwinden; und ist er dann trotz alles Irrthums und verkehrten Wesens, das sie ihm angelehrt, zur Wahrheit hindurch gedrungen: wie ändert sie dann betrügerisch den Krieg, und hält ihn eng umschlossen, dass er Keinem sich mittheilen, von Keinem Nahrung empfangen kann. Lange sucht er im vollen Ueberfluss, ehe er ein unverdächtiges Zeichen findet, um unter dessen Schutz die innersten Gedanken abzusenden: gleich fangen es die Feinde auf, fremde Deutung legen sie hinein, und vorsichtig zweifelt der Empfänger, wem es wohl ursprünglich angehöre. Wohl manche Antwort kommt herüber aus der Ferne dem Einsamen; doch muss er zweifeln, ob sie das bedeuten soll, was er fasst, ob Freundes Hand, ob Feindes sie geschrieben. Dass doch die Sprache gemeines Gut ist für die Söhne des Geistes und für die Kinder der Welt! dass doch so lehrbegierig diese sich stellen nach der hohen Weisheit! Doch nein, gelingen soll es ihnen nicht, uns zu verwirren oder einzuschrecken! Dies ist der grosse Kampf um die geheiligten Paniere der Menschheit, welche wir der besseren Zukunft, den folgenden Geschlechtern erhalten müssen; der Kampf, der alles entscheidet, aber er ist auch ein sicheres Spiel, das über Zufall und Glück erhaben, nur durch Kraft des Geistes und wahre Kunst gewonnen wird.

Es soll die Sitte der inneren Eigenthümlichkeit Gewand und Hülle sein, zart und bedeutungsvoll sich jeder edlen Gestalt anschmiegend, und ihrer Glieder Maass verkündend jede Bewegung schön begleiten. Nur dies edle Kunstwerk mit Heiligkeit behandelt, nur es immer durchsichtiger und feiner gewebt, und immer dichter an sich es gezogen: so wird der künstliche Betrug sein Ende finden müssen, so wird es bald sich offenbaren, wenn unheilige, gemeine Natur in edler hoher Gestalt erscheinen will. Der Kenner unterscheidet bei jeder Regung auch der verhüllten Glieder Wuchs und Kraft, vergeblich bildet trügerischen leeren Raum das magische Gewand, denn leicht entflattert es bei jedem raschen Schritte, und zeigt das innere Missverhältniss an. So soll und wird der Sitte Beständigkeit und Ebenmaass ein untrüglich Merkmal von des Geistes innerem Wesen und der geheime Gruss der Besseren werden. Abbilden soll die Sprache des Geistes innersten Gedanken; seine höchste Anschauung, seine geheimste Betrachtung des eigenen Handelns soll sie wiedergeben, und ihre wunderbare Musik soll deuten den Werth, den er auf jedes legt, die eigene Stufenleiter seiner Liebe. Wohl können Andere die Zeichen, die wir dem Höchsten widmeten, missbrauchen, und dem Heiligen, das sie andeuten sollen, ihre kleinlichen Gedanken unterschieben und ihre beschränkte Sinnesart: doch anders ist des Weltlings Tonart als des Geweihten; anders als dem Weisen reihen sich dem Knechte der Zeit die Zeichen der Gedanken zu einer andern Melodie; etwas anderes erhebt dieser zum Ursprünglichen, und leitet davon ab, was ihm unbekannter und ferner liegt. Bilde nur jeder seine Sprache sich zum Eigenthum und zum kunstreichen Ganzen, dass Ableitung und Uebergang, Zusammenhang und Folge der Bauart seines Geistes genau entsprechen, und die Harmonie der Rede den Accent des Herzens, der Denkart Grundton wiedergebe. Dann giebt es in der gemeinen noch eine heilige und geheime Sprache, die der Ungeweihte nicht vermag zu deuten noch nachzuahmen, weil nur im Innern der Gesinnung der Schlüssel liegt zu ihren Charakteren; einer kurzer Gang nur aus dem Spiele der Gedanken, ein paar Accorde nur aus seiner Rede werden ihn verrathen.

O wenn nur so an Sitte und Rede sich die Weisen und Guten erkennen möchten! wäre die Verwirrung nur gelöst, gezogen die Scheidewand, käme zum Ausbruch erst die innere Fehde: so würde der Sieg auch nahen, aufgehen die schönere Sonne; denn auf die bessere Seite müsste sich neigen der jüngeren Geschlechter freies Urtheil und unbefangener Sinn. Verkündet doch nur bedeutungsvolle Bewegung des Geistes Dasein, Wunder nur bezeugen eines Götterbildes Ursprung.

Und so müsste sich es offenbaren, dass es am Bewusstsein des inneren Handels fehlt, wo schöne Einheit der Sitte mangelt, wo sie nur als kalte Verstellung da ist, als übertünchte Unförmlichkeit; dass der von eigener Bildung nichts weiss, noch je das Innere der Menschheit in sich angeschaut hat, dem das feste Grundgestein der Sprache an's Licht gefördert aus dem Innern zu kleinen Bruchstücken verwittert, dem der Rede Kraft, die tief das Innere ergreifen soll, in leere Unbedeutsamkeit und flache Schönheit sich auflöst, und ihre hohe Musik in müssige Schallkünstelei, die nicht vermag des Geistes eigenes Wesen darzustellen. Harmonisch in einfacher schöner Sitte leben kann kein Anderer, als wer die abgestorbenen Formeln hassend nach eigener Bildung trachtet, und so der künftigen Welt gehört; ein wahrer Künstler der Sprache kann kein Anderer werden, als wer freien Blickes sich selbst beschaut, und des inneren Wesens der Menschheit sich bemächtigt hat.

Aus dieser Gefühle stiller Allmacht, nicht aus frevelhafter Gewaltsamkeit vergeblichen Versuchen, muss endlich die Ehrfurcht vor dem Höchsten, der Anfang eines besseren Alters hervorgehen. Sie zu befördern sei mein Trachten in der Welt! so will ich meiner Schuld mich gegen sie entladen, so meinem Beruf genügen. So einigt sich meine Kraft dem Wirken aller Auserwählten, und mein freies Handeln hilft die Menschheit fortbewegen auf der rechten Bahn zu ihrem Ziel.

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