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Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 42
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authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
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Zweiundvierzigstes Capitel.

Friedrich's innere Regierung seit dem siebenjährigen Kriege.

Die Verwaltung seines Staates führte Friedrich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens, seit der glorreichen Beendigung des siebenjährigen Krieges, in derselben Weise fort, wie er sie in den glücklichen Jahren vor dem verheerenden Kriege begonnen hatte. Die Stunden des Tages waren fortan mit derselben Pünktlichkeit zwischen den Pflichten des höchsten Berufes und zwischen der Muße des Weisen getheilt; das Jahr verfloß nach denselben Abschnitten, indem er theils von seinem stillen Landhause aus den allgemeinen Gang der Dinge lenkte, theils an Ort und Stelle alles Einzelne mit scharfem Blick prüfte. Bis zur Stunde seines Todes war sein Geist es, der den Organismus seines vielgegliederten Staates belebte, war seine Hand es, die alle Fäden der Regierung zusammenhielt und lenkte.

Indeß tritt uns, indem wir den allgemeinen Charakter dieser fortgesetzten landesväterlichen Thätigkeit des großen Königs betrachten, zunächst eine Anschauungsweise entgegen, die unserer Zeit bereits fremd geworden ist, die wir uns jedoch klar machen müssen, um ein unbefangenes Urtheil zu bewahren. Friedrich steht an der Schwelle der neuen Zeit. Er gab dem Gedanken des Menschen eine Freiheit, die zu jener Zeit ohne Beispiel gewesen war; er gewährte jedem seiner Unterthanen eine unbedingt gleiche Geltung vor dem Stuhle des Rechts. Aber es sind im Wesentlichen eben nur diese allgemeineren Verhältnisse, durch welche er dem neuen Geiste Bahn brach; in der Gestaltung des Einzelnen fand er es für gut, noch die gemessenen Schranken bestehen zu lassen, die er vorgefunden hatte, ihre Linien sogar noch fester zu ziehen, und der Thätigkeit seiner Unterthanen die Richtungen vorzuzeichnen, in denen sie sich bewegen sollte. Hierin mag ihn vornehmlich der Umstand bestärkt haben, daß bereits durch die Bemühungen seines Vaters ein Mechanismus in dem ganzen Körper des Staates ausgebildet war, dessen Vorzüge vielleicht schwer durch eine andere Gestaltung der Dinge zu ersetzen waren, und daß gerade ein solcher Mechanismus günstig schien, um der Ueberlegenheit seines eignen Geistes freien Spielraum zu gewähren. In solcher Weise konnte er eine großartige Selbstherrschaft üben, wie die Geschichte kein zweites Beispiel kennt. In den späteren Jahren seines Lebens trat, wie es einmal in der Natur des Menschen begründet ist, diese Richtung schärfer hervor als früher; aber wenn auch manche Hemmnisse in der freiem Entwickelung der Kräfte seines Volkes dadurch bedingt waren, so hat er diesem Uebelstande gleichwohl durch den hohen Sinn, mit dem er fort und fort seine Regierung führte, durch die außerordentlichen Unterstützungen, die er nach allen Seiten hin spendete, um das Begonnene zu fördern, durch den reinen Willen, der nur das Gedeihen des Staates im Auge hatte, auf's Glücklichste entgegengearbeitet.

So erklärt es sich zunächst, daß er den Unterschied der Stände entschieden festhielt und daß er über demselben, als die veränderten Verhältnisse in der späteren Zeit seiner Regierung manche Lösung des Althergebrachten wünschenswerth erscheinen ließen, nur mit vermehrter Sorge wachte. Adel, Bürger und Bauern sollten, ein jeder in seinem abgeschlossenen Berufe, für das Beste des Staates arbeiten; keiner von ihnen sollte in die Gerechtsame des andern eingreifen. Der Adel sollte seine Stellung als erster Stand behaupten; er sollte ausschließlich dazu dienen, die ehrenvollsten Aemter des Staates und besonders die Offizierstellen der Armee zu besetzen; diesem höheren Beruf zu genügen, sollte er seine Gedanken von der Richtung auf gemeinen Erwerb unentweiht erhalten, sollte seine Kraft allein durch den großen Grundbesitz getragen werden. Da aber der Adel schon gar sehr in Verfall gerathen war und Vielen ein einträgliches Gewerbe behaglicher gewesen wäre, als der Besitz von Ländereien, mit denen sie nichts anzufangen wußten, so ward Alles gethan, um sie, selbst wider ihren Willen, in solchem Besitz zu erhalten und sie zu einer zweckmäßigen Bewirthschaftung desselben zu vermögen. Dem Verkauf der Rittergüter an Bürgerliche ward alle mögliche Schwierigkeit in den Weg gelegt, endlich ward er ganz verboten. Auf die Verbesserung der adeligen Güter wurden ansehnliche Summen verwandt, die der König bereitwillig hergab; von der größten Bedeutung aber und von besonders günstigem Einflusse auf die wankenden Umstände des Adels war die Stiftung der landschaftlichen Creditsysteme, die Friedrich in dieser späteren Zeit in's Leben rief und durch welche für die Gelder, die auf die Güter einer besondern Provinz erhoben wurden, fortan die ganze Landschaft bürgte, so daß der gesunkene Credit rasch und lebendig emporgebracht wurde. Noch mancherlei andre Anstalten, unter denen besonders Cadettenhäuser und Ritterakademien anzuführen sind, richtete Friedrich zum Besten des Adels ein.

Bei solcher Gesinnung mußte ihm natürlich die Verbesserung des Ackerbaues sehr am Herzen liegen, und er hat auch dafür nach Kräften und mit reifer Einsicht gewirkt. Hierbei ließ er sich mit ganz besondrer Theilnahme auf die persönlichen Verhältnisse der letzten seiner Unterthanen, des Bauernstandes, ein, indem er der Meinung war, daß die Entfernung dieses Standes vom Throne, wie sie eben in jenen kastenartigen Unterschieden begründet war, nur durch das eigne Auge des Landesvaters ausgeglichen werden könne. Doch wagte er es nicht, obgleich er keine wirkliche Leibeigenschaft in seinen Staaten duldete, die Bauern aus den mannigfach abhängigen Verhältnissen zu ihren adligen Gutsherren zu lösen, indem er hiedurch die vorhandenen Vorrechte der Letztern hätte antasten müssen. So konnte denn auch der Ackerbau nicht zu der erwünschten Blüthe emporgeführt werden. Was in dieser Beziehung mangelhaft blieb, suchte Friedrich durch die Einführung zahlreicher Kolonisten aus der Fremde, denen die wüst liegenden Ländereien übergeben wurden und die sich der mannigfachsten Unterstützung erfreuten, zu bewirken. Fast nichts gab seinem Geiste eine solche Befriedigung, als wenn er Wüsten in blühende Gegenden umgewandelt hatte und nun auf diesen ein reges Leben entfaltet sah. Unermeßliche Summen hat er hierauf im Laufe seiner Regierung verwandt. In allen Provinzen seines Staates ließ er, wie er es bereits vor dem siebenjährigen Kriege im Oderbruch begonnen, Moräste und Seen entwässern, durch Dammbauten gegen die Gewalt der Fluthen beschützen, Sandschollen befestigen und zu der Erzeugung von Pflanzen geschickt machen. Um alle, auch die geringfügigsten Einzelheiten kümmerte er sich bei diesen neuen Anlagen; manche Gespräche, die er darüber auf seinen Reisen mit den Beamten geführt und die man aufgezeichnet hat, geben hierüber interessante Zeugnisse. Noch heute danken ihm viele reiche Fluren des preußischen Staates ihr Dasein. Ein sehr tüchtiger Mann, von Brenckenhoff, dessen Verdienste er in dem kleinen dessauischen Lande kennen gelernt hatte, stand ihm in diesen großartigen Bemühungen erfolgreich zur Seite.

Ebenso, wie Adel und Bauern, blieb auch der Bürgerstand in sich abgeschlossen und durch die mittelalterlichen Zunftverhältnisse beengt. Auch ihm ward die bestimmte Richtung und Thätigkeit, mit welcher er in den Organismus des Staates einzugreifen habe, vorgeschrieben. Besonders ließ es sich Friedrich angelegen sein, das Fabrikwesen zu begünstigen, damit auf solche Weise die Bedürfnisse des Volkes im eignen Lande erzeugt, das Erworbene im Lande behalten und zugleich auch die Einwohnerzahl soviel als möglich vermehrt würde. In jeder Weise und mit Aufopferung der größten Summen, sowie durch hohe Besteuerung der fremden Waaren, suchte er neue Unternehmungen solcher Art zu unterstützen, und er hatte sich, wenigstens im Einzelnen, manches glücklichen Erfolges zu erfreuen. Vorzügliches Gedeihen hatte die große Porzellanfabrik von Berlin, deren Erzeugnisse bald denen der sächsischen Fabriken zur Seite standen. Friedrich hatte für diese Porzellanarbeiten eine besondre Liebhaberei; die Fabrik in Aufnahme zu bringen, ließ er in ihr große Tisch-Service anfertigen und bediente sich dieser zu Geschenken. Ehe die Fabrik in Aufnahme kam, machte er, um den Juwelieren Beschäftigung zu geben, die meisten Geschenke mit Dosen und Ringen. Wenn er zum Carneval nach Berlin ging, so nahm er eine ziemliche Anzahl seiner kostbaren Dosen in zwei Kasten mit, welche durch den langen Sandweg gewöhnlich von einem der beiden Dromedare getragen wurden, die ihm der General Tschernitschef überbracht hatte, als er im siebenjährigen Kriege mit seinem Armeecorps zu den Preußen gestoßen war. – Ebenso war Friedrich fort und fort bemüht, auch den Handel, wie alle Zweige des Erwerbs, durch verschiedene Einrichtungen in Aufnahme zu bringen, namentlich durch die vermehrte Anlage bedeutender Wasserstraßen, unter denen besonders der Bromberger Kanal, welcher die Oder mit der Weichsel verbindet, von Bedeutung ist.

Nach allen Richtungen hin suchte der unermüdliche König, ob auch die Last der Jahre allgemach schwer zu tragen ward, Betriebsamkeit und eifrige Regung der Kräfte zu verbreiten, allenthalben suchte er, wo Elend und Verfall drohte, zu steuern und die sinkenden Kräfte emporzuhalten. Von seinem hohen Wohlthätigkeitssinne und von der Weisheit, durch welche derselbe begleitet ward, bewahrt die Geschichte eine Reihe von Zeugnissen, die auch das stumpfste Gemüth zur Bewunderung und Verehrung hinreißen. Er sammelte in den fruchtbaren Jahren mit umsichtiger Sorgfalt ein, um in den Jahren des Mangels sein Volk vor dem Hunger zu bewahren. So waren im Jahr 1770 und zunächst vorher die Aerndten überall äußerst ergiebig gewesen, an manchen Orten so bedeutend, daß man das Getreide nicht aufzuspeichern vermochte und auf dem Felde verderben ließ. Friedrich aber hatte seine großen Magazine reichlich gefüllt; und als nun auf diese Zeit, in den Jahren 1771 und 1772, furchtbarer Mißwachs folgte, da konnte er seine Kornspeicher öffnen, das Gesammelte zu wohlfeilen Preisen verkaufen und den Dürftigsten umsonst geben. Viele Tausende starben in den Nachbarländern des entsetzlichen Hungertodes: in Preußen erlag Keiner dem Hunger oder dessen Folgen; vielmehr konnte auch noch den großen Schaaren der Fremden, die in Preußen Hülfe suchten, Unterstützung gereicht werden. Von dieser Zeit an erkannte man es, daß Friedrich ebenso weise als Regent, wie groß als Feldherr sei.

Als die Stadt Greiffenberg in Schlesien, durch ihren Leinwandhandel ausgezeichnet, im Jahre 1783 abgebrannt war, gab Friedrich ansehnliche Baugelder, sodaß die unglückliche Stadt schnell wieder aufgebaut werden konnte. Die Bürger sandten ihm im folgenden Jahre, als er auf seiner schlesischen Reise sich in Hirschberg aufhielt, eine Deputation, ihm ihren Dank auszusprechen. Friedlich saß mit dem Prinzen von Preußen und zwei Adjutanten an der Tafel, als die Deputirten eintraten. Der Sprecher sagte zu ihm: »Ew. Königlichen Majestät statten wir im Namen der abgebrannten Greiffenberger den allersubmissesten Dank ab für das zur Aufbauung unsrer Häuser allergnädigst verliehene Gnadengeschenk. Freilich ist der Dank eines Staubes, wie wir sind, ganz unbedeutend und ein Nichts. Wir werden aber Gott bitten, daß er Ew. Majestät für dieses königliche Geschenk göttlich belohne.« Hier stiegen dem alten Könige Thränen in's Auge, und er sagte die ewig denkwürdigen Worte: »Ihr habt nicht nöthig, Euch dafür bei mir zu bedanken. Es ist meine Schuldigkeit, meinen verunglückten Unterthanen wieder aufzuhelfen: dafür bin ich da!«

Auch fuhr Friedrich fort, durch verschiedene Bauten sowohl müßige Hände zu beschäftigen, als seinen Residenzen ein immer würdevolleres Ansehen zu geben. Zu den Prachtbauten seiner späteren Zeit gehören das Bibliothekgebäude und die kolossalen Gensdarmenthürme zu Berlin. Der Bau der Letzteren wurde 1780 begonnen und schnell ausgeführt. Der eine dieser Thürme, der zu der sogenannten deutschen Kirche gehörige, stürzte bereits im nächsten Jahre, bei nächtlicher Weile, zusammen; aber ebenso rüstig wurde der Bau von Neuem begonnen und das mächtige Werk im Jahre 1785 vollendet.

Für die Bildung des Volkes durch Schulen hat Friedrich wenig Umfassendes und Durchgreifendes gethan, und man hat dies als einen Hauptmangel seiner Regierung herausgestellt. In der That ist es so; aber indem Friedrich zugleich alle Beschränkung des Gedankens und allen Gewissenszwang aus seinen Landen fern hielt, ward gleichwohl dem wissenschaftlichen Bestreben eine Bahn eröffnet, welche in kurzer Frist zu den schönsten Resultaten führte und welche, wenn auch erst allmälig und in späterer Zeit, schon von selbst eine gewisse Bildung über die Gesammtmasse des Volkes verbreiten mußte. Dieselben Grundsätze der kirchlichen Duldung, wie in seinen früheren Jahren, übte Friedrich auch in der späteren Zeit seines Lebens aus. Wie frei auch er selber dachte, so störte er doch Keinen in seiner religiösen Ueberzeugung. Selbst unter seinen nächsten Freunden befanden sich mehrere von streng kirchlicher Gesinnung, den verschiedenen Confessionen zugethan; Friedrich ließ sie ruhig gewähren und wußte sie nur, wegen der festen Ueberzeugung, die sie einmal gewonnen hatten, zu beneiden. Unschuldigen Schwärmern, so lange sie nur von ihrer Seite nicht das Gebot der Toleranz überschritten, legte er keine Hindernisse in den Weg. Die zahlreichen Katholiken Westpreußens fanden dieselbe Anerkennung wie die Katholiken in Schlesien. Ja, Friedrich ging mit diesen Maßregeln soweit, daß er selbst den Jesuitenorden, nachdem derselbe durch päpstlichen Befehl aufgehoben war, in Schlesien noch mehrere Jahre fortbestehen ließ, indem er den Werth dieses Ordens für die Bildung der katholischen Geistlichen, die er vor der Hand durch kein besseres Mittel zu ersetzen wußte, wohl anerkannte. So wurde auch die Bücher-Censur im Allgemeinen mit größter Milde gehandhabt. Besonders gegen Satiren auf seine eigene Person erwies sich Friedrich, königlichen Sinnes, äußerst nachsichtig. Als die Wiener es mißdeuteten, daß man einem Berliner Kalender mit Darstellungen aus dem Don Quichote das Bildniß Kaiser Joseph's vorgesetzt hatte, befahl Friedrich, man möge für den nächsten Kalender noch lächerlichere Gegenstände ersinnen und sein eignes Bildniß voranstellen; dies geschah auch, und man wählte dazu den rasenden Roland.

Mit höchstem Eifer aber sorgte Friedrich bis an den Abend seines Lebens für eine umfassende und parteilose Rechtspflege. Darüber schrieb er einst, im Jahr 1780, an d'Alembert: »Ursprünglich sind die Regenten die Richter des Staates; nur die Menge der Geschäfte hat sie gezwungen, dieses Amt Leuten zu übertragen, denen sie das Fach der Gesetzgebung anvertrauen. Aber dennoch müssen sie diesen Theil der Staatsverwaltung nicht zu sehr vernachlässigen, oder wohl gar dulden, daß man ihren Namen und ihr Ansehen dazu mißbraucht, um Ungerechtigkeiten zu begehen. Aus diesem Grunde bin ich benöthigt, über Diejenigen zu wachen, denen die Handhabung der Gerechtigkeit übertragen ist; denn ein ungerechter Richter ist ärger als ein Straßenräuber. Allen Bürgern ihr Eigenthum sichern und sie so glücklich machen, als es die Natur des Menschen gestattet, diese Pflicht hat ein Jeder, der das Oberhaupt einer Gesellschaft ist, und ich bestrebe mich, diese Pflicht auf's Beste zu erfüllen. Wozu nützte es mir auch sonst, den Plato, Aristoteles, die Gesetze des Lykurg und Solon gelesen zu haben? Ausübung der guten Lehren der Philosophen, das ist wahre Philosophie.« – Friedrich war in diesem Bestreben um so eifriger, als die frühere Justizreform bei der Schnelligkeit, mit der sie ausgeführt war, noch mancherlei Uebelstände zurückgelassen hatte und er die Abstufungen der verschiedenen Stände keinesweges bis auf den Spruch des Rechtes ausgedehnt wissen wollte. Im Gegentheil trieb ihn seine landesväterliche Sorgfalt, sich gerade seiner niedrig gestellten Unterthanen gegen die höheren, bei denen möglicher Weise mancherlei Einfluß auf das richterliche Urtheil vorausgesetzt werden konnte, vorzugsweise anzunehmen; jedem seiner Unterthanen hatte er es freigestellt, sich unmittelbar an ihn zu wenden. Dies gab ihm das innigste Zutrauen von Seiten des Volkes. Aber auch mancher unbegründete Einspruch gegen die Urtheile des Gerichts kam auf diese Weise vor ihn; und da überhaupt im Laufe der Jahre alte und neue Mißbräuche in den Rechtsangelegenheiten sichtbar geworden waren, so dienten jene Klagen der Niedern oft nur dazu, ihn gelegentlich gegen die Richter mit Mißtrauen zu erfüllen. Eine kleine Begebenheit gab den Anlaß, daß dieses Mißtrauen auf eine unerwartet heftige Weise hervorbrach; aber sie bewirkte zugleich eine neue, äußerst wohlthätige Reform.

Ein Müller, Namens Arnold, besaß in der Neumark eine Mühle, für welche er dem Grafen von Schmettau einen jährlichen Erbpacht zu bezahlen hatte. Hiemit blieb er im Rückstände, unter dem Vorwande, daß ihm durch die Anlage eines Teiches, den ein anderer Gutsherr, Landrath von Gersdorff, oberhalb der Mühle graben lassen, das nöthige Wasser genommen sei. Graf Schmettau klagte endlich den Säumigen aus, und die Mühle wurde auf gerichtlichem Wege verkauft. Der Müller führte nun vielfache Beschwerde, wurde aber stets, weil seine Klage, dem besondern Verhältniß gemäß, ganz unstatthaft sei, abgewiesen. Er wandte sich nunmehr zu verschiedenen Malen unmittelbar an den König, bis dieser die Sache durch einen Offizier untersuchen ließ, den er für unparteiisch hielt, der aber, die Verhältnisse nicht eben genau untersuchend, die Angelegenheit zu Gunsten des Müllers darstellte. Es erfolgten noch weitere gerichtliche Untersuchungen, die indeß wiederum bei dem bisherigen Urtheil stehen blieben. Friedrich, eingenommen durch den Bericht jenes Offiziers und unwillig, daß dem Armen sein Recht so lange vorenthalten bleibe, übergab endlich die Sache dem Kammergericht zu Berlin, mit dem Befehl, den Proceß schleunig zu beenden. Doch auch das Kammergericht fand nur, daß das Urtheil zu bestätigen sei. Nun glaubte Friedrich, daß man nur den Adligen zu Gunsten Recht gesprochen habe und daß man die vermeinte Unabhängigkeit der richterlichen Würde auch gegen ihn zu behaupten suche; er beschloß, gewaltig durchzugreifen und ein Beispiel der Warnung für gewissenlose Richter aufzustellen. Es war im December 1779. Der Großkanzler von Fürst und drei Räthe des Kammergerichts erhielten Befehl, vor ihm zu erscheinen. Sie fanden ihn in seinem Zimmer, am Chiragra leidend. Hier hielt er ihnen mit heftigen Worten ihr Benehmen vor, so wie es ihm erschienen war. »Sie müßten wissen,« sagte er, »daß der geringste Bauer und Bettler ebensowohl ein Mensch sei, wie der König. Ein Justiz-Collegium,« fügte er hinzu, »das Ungerechtigkeiten ausübt, ist gefährlicher und schlimmer wie eine Diebsbande: vor der kann man sich schützen; aber vor Schelmen, die den Mantel der Justiz gebrauchen, um ihre übeln Passionen auszuführen, vor denen kann sich kein Mensch hüten; die sind ärger wie die größten Spitzbuben, die in der Welt sind, und meritiren eine doppelte Bestrafung.« Den Großkanzler entließ er mit harten Ausdrücken und mit der Erklärung, daß er seines Dienstes nicht weiter bedürfe und daß seine Stelle schon wieder besetzt sei; die drei Räthe wurden in das Stadtgefängniß gebracht. Sodann ward dem Criminalsenate des Kammergerichts eine Untersuchung über die verschiedenen richterlichen Collegien, die bisher in dieser Sache geurtheilt hatten, übertragen; doch der Senat erkannte auf ihre Unschuld. Friedrich aber bestimmte aus eigner Machtvollkommenheit, daß jene Räthe des Kammergerichts und mehrere andre Justizbeamte cassirt, mit einjähriger Festungsstrafe belegt werden und allen Schaden des Müllers ersetzen sollten.

Der ganze Vorfall, besonders aber das durch königlichen Machtspruch erfolgte Urtheil, erregte außerordentliches Aufsehen. In fernen Ländern pries man die unnachsichtige Rechtspflege des Königs, die sorgsam auch über dem Wohl des Geringsten seiner Unterthanen wache. In der Nähe hatte das unerwartete Ereigniß zwar viele Gemüther auf's Tiefste erschüttert; man mußte die unglücklichen Opfer innig bedauern, aber man erkannte zugleich die hehre Absicht und durfte sich der freudigen Zuversicht hingeben, daß aus so edlem Willen kein weiteres Uebel hervorgehen könne. Auch war man der Gesinnung des Königs zu gewiß, als das man in sclavischer Furcht seine Meinung über das Ereigniß unterdrückt hätte. Alles eilte, dem abgesetzten Großkanzler sein Beileid zu bezeugen; die Wagenreihen der Besucher waren so aufgefahren, daß sie geradezu aus den Fenstern des königlichen Schlosses gesehen werden mußten. Wenige Tage zuvor war ein neuer österreichischer Gesandter angekommen und hatte eine Wohnung in der Nähe des abgesetzten Großkanzlers bezogen; als er das Gedränge der Besucher wahrnahm, äußerte er: »In andern Ländern eilt man zu den Ministern, die neu angestellt sind; hier, wie ich sehe, zu dem, der ungnädig entlassen worden.« Ebenso wurde auch den nach der Festung abgeführten Räthen von allen Seiten Theilnahme bezeigt und mannigfach für die Erleichterung ihres Schicksals gesorgt. Friedrich hinderte das Alles auf keine Weise; und so dürften in der That nur wenig Züge zu finden sein, die – rücksichtlich der Begeisterung, welche das Volk für seinen König hegte – für die Würde dieses Verhältnisses ein ehrenvolleres Zeugniß geben könnten.

An die Stelle des verabschiedeten Großkanzlers hatte Friedrich den bisherigen schlesischen Justizminister von Carmer berufen. Er hatte in diesem schon früher den Mann erkannt, der fähig war, die erwünschte neue Justizreform zu Stande zu bringen. Jetzt erhielt Carmer den Auftrag, ein dem Geiste der Nation und dem Standpunkte der bürgerlichen Verfassung angemessenes Gesetzbuch und eine neue Proceßordnung zu besorgen. Carmer machte sich an das Werk; er wählte sich ausgezeichnete Gehülfen zu dieser Arbeit, ernannte eine besondre Gesetz-Commission, erweiterte den Antheil an dem großen Geschäft durch ausgesetzte Prämien und brachte endlich, nach jahrelanger rastloser Mühe, in dem »Allgemeinen Landrecht« und der »Allgemeinen Gerichtsordnung für die preußischen Staaten« ein Gesetzbuch zu Stande, dessen Gleichen das neuere Europa noch nicht gekannt hatte. Friedrich erlebte die Vollendung dieses Werkes nicht; aber ihm bleibt die Ehre, von dem Beginn seiner Regierung bis in die letzten Jahre seines Lebens mit höchstem und erfolgreichstem Eifer für eine Angelegenheit gewirkt zu haben, welche die erhabenste Pflicht des Herrschers und die Grundbedingung all des Glückes ist, das der Mensch im gesellschaftlichen Verbande sucht.

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