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Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 39
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authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
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Neununddreißigstes Capitel.

Die Erzählung des thüringischen Candidaten

»Als ich zum ersten Mal im Jahr 1766 nach Berlin kam, wurden mir bei Visitirung meiner Sachen auf dem Packhofe 400 Reichsthaler Nürnberger ganze Batzen weggenommen. Der König, sagte man mir, hätte schon etliche Jahre die Batzen ganz und gar verschlagen lassen, sie sollten in seinem Lande nichts gelten, und ich wäre so kühn und brächte die Batzen hieher, in die königliche Residenz, – auf den – Packhof! – Contrebande! – Contrebande! – Das war ein schöner Willkomm! Ich entschuldigte mich mit der Unwissenheit: käme aus Thüringen, viele Meilen Weges her, hätte mithin ja unmöglich wissen können, was Seine Majestät in Dero Ländern verbieten lassen.

Der Packhofs-Inspector: Das ist keine Entschuldigung. Wenn man in eine solche Residenz reisen und daselbst verbleiben will, so muß man sich nach Allem genau erkundigen und wissen, was für Geldsorten im Schwange gehen, damit man nicht durch Einbringung verrufner Münze Gefahr laufe.

Ich: Was soll ich denn anfangen? Sie nehmen mir ja sogar unschuldig die Gelder weg! Wie und wovon soll ich denn leben?

Packhofs-Inspector: Da muß Er zusehen, und ich will Ihm sogleich bedeuten: wenn die Sachen aus dem Packhofe visitirt worden, so müssen solche von der Stelle geschafft werden.

Es wurde ein Schiebkarrner herbeigerufen, meine Effecten fortzufahren: dieser brachte mich in die Jüdenstraße in den weißen Schwan, warf meine Sachen ab und forderte vier Groschen Lohn. Die hatte ich nicht. Der Wirth kam herbei, und als er sah, daß ich ein gemachtes Federbett, einen Koffer voll Wäsche, einen Sack voll Bücher und andere Kleinigkeiten hatte, so bezahlte er den Träger und wies mir eine kleine Stube im Hofe an. Da könnte ich wohnen, Essen und Trinken wolle er mir geben; – und so lebte ich denn in diesem Gasthofe acht Wochen lang ohne einen blutigen Heller, in lauter Furcht und Angst. In dem weißen Schwan spannen Fuhrleute aus und logiren da, und so kam denn öfters ein gewisser Advocat B. dahin und hatte sein Werk mit den Fuhrleuten; mit diesem wurde ich bekannt und klagte ihm meine unglücklichen Fata. Er verobligirte sich, meine Gelder wieder herbeizuschaffen, und ich versprach ihm für seine Bemühung einen Louisdor. Den Augenblick mußte ich mit ihm fortgehen, und so kamen wir in ein großes Haus; da ließ B. durch einen Bedienten sich anmelden, und wir kamen in Continenti vor den Minister. Der Advocat trug die Sache vor und sagte unter Anderm: »Wahr ist es, daß der König die Batzen ganz und gar verschlagen lassen; sie sollen in seinem Lande nicht gelten; aber das weiß der Fremde nicht. Ohnehin extendirt sich das Edict nicht so weit, daß man den Leuten ihre Batzen wegnehmen soll etc.« – Hierauf fing der Minister an zu reden: »Monsieur, seid Ihr der Mann, der meines Königs Mandate durchlöchern will? Ich höre, Ihr habt Lust auf die Hausvogtei! Redet weiter, Ihr sollt zu der Ehre gelangen etc.« – Was thut mein Advocat? Er submittirte sich und ging zum Tempel hinaus; ich hinter ihm her, und als ich auf die Straße kam, so war B. über alle Berge; und so hatte er denn meine Sache ausgemacht bis auf die streitigen Punkte.

Endlich wurde mir der Rath gegeben, den König supplicando anzutreten, das Memorial aber müsse ganz kurz, gleichwohl aber die contenta darinnen sein. Ich concipirte eins, mundirte es und ging damit mit dem Aufschluß des Thors, ohne nur einen Pfennig Geld in der Tasche zu haben (o der Verwegenheit!), in Gottes Namen nach Potsdam, und da war ich auch so glücklich, sogleich den König zum ersten Male zu sehen. Er war auf dem Schloßplatze beim Exerciren seiner Soldaten. Als dieses vorbei war, ging er in den Garten, und die Soldaten auseinander; vier Offiziere aber blieben auf dem Platze und spazirten auf und nieder. Ich wußte vor Angst nicht, was ich machen sollte, und holte die Papiere aus der Tasche. Das war das Memorial, zwei Testimonia und ein gedruckter thüringischer Paß. Das sahen die Offiziere, kamen gerade auf mich zu und fragten, was ich da für Briefe hätte. Ich communicirte solche willig und gern. Da sie gelesen hatten, so sagten sie: »Wir wollen Ihm einen guten Rath geben. Der König ist heute extragnädig, und ganz allein in den Garten gegangen. Gehe Er ihm auf dem Fuße nach, Er wird glücklich sein.« Das wollte ich nicht; die Ehrfurcht war zu groß; da griffen sie zu. Einer nahm mich beim rechten, der Andere beim linken Arm. Fort, fort in den Garten! Als wir nun dahin kamen, so suchten sie den König auf. Er war bei einem Gewächse mit den Gärtnern, bückte sich und hatte uns den Rücken zugewendet. Hier mußte ich stehen, und die Offiziere fingen an in der Stille zu commandiren: »Den Hut unter den linken Arm! – Den rechten Fuß vor! – Die Brust heraus! – Den Kopf in die Höhe! – Die Briefe aus der Tasche! – Mit der rechten Hand hochgehalten! – So steht!« – Sie gingen fort und sahen sich immer um, ob ich auch so würde stehen bleiben. Ich merkte wohl, daß sie beliebten, ihren Spaß mit mir zu treiben, stand aber wie eine Mauer, voller Furcht.

Die Offiziere waren kaum aus dem Garten hinaus, so richtete sich der König auf und sah die Maschine in ungewöhnlicher Positur dastehen. Er that einen Blick auf mich; es war, als wenn mich die Sonne durchstrahlte; er schickte einen Gärtner, die Briefe abzuholen, und als er solche in die Hände bekam, ging er in einen andern Gang, wo ich ihn nicht sehen konnte. Kurz darauf kam er wieder zurück zu dem Gewächse, hatte die Papiere in der linken Hand aufgeschlagen und winkte damit, näher zu kommen. Ich hatte das Herz und ging gerade auf ihn zu. O wie allerhuldreichst redete mich der große Monarch an: »Lieber Thüringer! Er hat zu Berlin durch fleißiges Informiren der Kinder das Brod gesucht, und sie haben Ihm beim Visitiren der Sachen auf dem Packhofe Sein mitgebrachtes thüringer Brod weggenommen. Wahr ist es, die Batzen sollen in meinem Lande nichts gelten; aber sie hätten auf dem Packhofe sagen sollen: »»Ihr seid ein Fremder und wisset das Verbot nicht. Wohlan, wir wollen den Beutel mit den Batzen versiegeln; gebt solche wieder zurück nach Thüringen und lasset Euch andere Sorten schicken, aber nicht wegnehmen. Gebe Er sich zufrieden: Er soll sein Geld cum Interesse zurückerhalten. Aber, lieber Mann, Berlin ist schon ein heißes Pflaster; sie verschenken da nichts; Er ist ein fremder Mensch; ehe Er bekannt wird und Information bekömmt, so ist das bischen Geld verzehrt; was dann?« – Ich verstand die Sprache recht gut; die Ehrfurcht war aber zu groß, daß ich hätte sagen können: Ew. Majestät haben die Allerhöchste Gnade und versorgen mich. – Weil ich aber so einfältig war und um nichts bat, so wollte er mir auch nichts anbieten. – Und so ging er denn von mir weg, war aber kaum sechs bis acht Schritte gegangen, so sah er sich nach mir um und gab ein Zeichen, daß ich mit ihm gehen solle. – Und so ging denn das Examen an:

Ich: Ja, Ew. Majestät. Es war –

Der König: Was hat Er denn sonst noch für nützliche Collegia gehört?

Ich: Ethica et Exegetica beim Dr. Förtsch, Hermenevtica et Polemica beim Dr. Walch, Hebraica beim Dr. Danz, Homiletica beim Dr. Weissenborn, Pastorale et Morale beim Dr. Buddäo.

Der König: Ging es denn zu Seiner Zeit noch so toll in Jena her, wie ehedem die Studenten sich ohne Unterlaß mit einander katzbalgten, daher der bekannte Vers kömmt:

Wer von Jena kömmt ungeschlagen.
Der hat von großem Glück zu sagen.

Ich: Diese Unsinnigkeit ist ganz aus der Mode gekommen, und man kann dort anjetzt sowohl, als auf andern Universitäten, ein stilles und ruhiges Leben führen, wenn man nur das dic cur hic? observiren will. Bei meinem Anzuge schafften die Durchl. Nutritores Academiae (Ernestinischer Linie) die sogenannten Renomisten aus dem Wege und ließen sie zu Eisenach auf die Wartburg in Verwahrung setzen; da haben sie gelernt ruhig sein.

Und da schlug die Glocke Eins. »Nun muß ich fort,« sagte der König, »sie warten auf die Suppe.« – Und da wir aus dem Garten kamen, waren die vier Offiziere noch gegenwärtig und auf dem Schloßplatze, die gingen mit dem Könige ins Schloß hinein und kam keiner wieder zurück. Ich blieb auf dem Schloßplatze stehen, hatte in 27 Stunden nichts genossen, nicht einen Dreier in bonis zu Brode, und war in einer vehementen Hitze vier Meilen im Sande gewatet. Da war's wohl eine Kunst, das Heulen zu verbeißen.

In dieser Bangigkeit meines Herzens kam ein Kammerhusar aus dem Schlosse und fragte: »Wo ist der Mann, der mit meinem Könige in dem Garten gewesen?« Ich antwortete: »Hier!« Dieser führte mich in's Schloß in ein großes Gemach, wo Pagen, Lakaien und Husaren waren. Der Husar brachte mich an einen kleinen Tisch, der war gedeckt, und stand darauf: eine Suppe, ein Gericht Rindfleisch, eine Portion Karpfen mit einem Gartensalat, eine Portion Wildpret mit einem Gurkensalat. Brod, Messer, Gabeln, Löffel, Salz war alles da. Der Husar präsentirte mir einen Stuhl und sagte: »Die Essen, die hier auf dem Tische stehen, hat Ihm der König auftragen lassen und befohlen, Er soll sich satt essen, sich an Niemand kehren und ich soll serviren. Nun also frisch daran!« Ich war sehr betreten und wußte nicht, was zu thun sei, am wenigsten wollte mir's in den Sinn, daß des Königs Kammerhusar auch mich bedienen sollte. – Ich nöthigte ihn, sich zu mir zu setzen; als er sich weigerte, that ich, wie er gesagt hatte, und ging frisch daran, nahm den Löffel und fuhr tapfer ein. Der Husar nahm das Fleisch vom Tische und setzte es aus die Kohlpfanne; ebenso continuirte er mit Fisch und Braten und schenkte Wein und Bier ein. Ich aß und trank mich recht satt. Den Confect, dito einen Teller voll großer schwarzer Kirschen und einen Teller voll Birnen packte mein Bedienter in's Papier und senkte mir solche in die Tasche, auf dem Rückwege eine Erfrischung zu haben. Und so stand ich denn von meiner königlichen Tafel auf, dankte Gott und dem Könige von Herzen, daß ich so herrlich gespeiset worden. Der Husar räumte auf. Den Augenblick trat ein Secretarius herein und brachte ein verschlossenes Rescript an den Packhof, nebst meinen Testimoniis und dem Passe zurück, zählte auf den Tisch fünf Schwanzducaten und einen Friedrichsd'or: »Das schicke mir der König, daß ich wieder zurück nach Berlin kommen könnte.« Hatte mich nun der Husar in's Schloß hineingeführt, so brachte mich der Secretarius wieder bis vor das Schloß hinaus. Und da hielt ein königlicher Proviantwagen mit sechs Pferden bespannt; zu dem brachte er mich hin und sagte: »Ihr Leute, der König hat befohlen. Ihr sollt diesen Fremden mit nach Berlin fahren, aber kein Trinkgeld von ihm nehmen.« Ich ließ mich durch den Secretarium noch einmal unterthänigst bedanken für alle königliche Gnade, setzte mich auf und fuhr davon.

Als wir nach Berlin kamen, ging ich sogleich auf den Packhof, gerade in die Expeditionsstube, und überreichte das königliche Rescript. Der Oberste erbrach es; bei Lesung desselben verfärbte er sich, bald bleich, bald roth, schwieg still und gab es dem Zweiten. Dieser nahm eine Prise Schnupftaback, räusperte und schneuzte sich, setzte eine Brille auf, las es, schwieg still und gab es weiter. Der Letzte endlich regte sich, ich sollte näher kommen und eine Quittung schreiben: »daß ich für meine 400 Reichsthaler ganze Batzen so viel an Brandenburger Münzsorten, ohne den mindesten Abzug, erhalten.« Meine Summe wurde mir sogleich richtig zugezählt. Darauf wurde der Schaffner gerufen, mit der Ordre: »Er sollte mit mir auf die Jüdenstraße in den weißen Schwan gehen und bezahlen, was ich schuldig wäre und verzehrt hätte.« Dazu gaben sie ihm 24 Thaler, und wenn das nicht zureichte, solle er kommen und mehr holen. Das war es, daß der König sagte: »Er soll seine Gelder cum Interesse wieder bekommen,« daß der Packhof meine Schulden bezahlen mußte. Es waren aber nur 10 Thaler 4 Groschen 6 Pfennig, die ich in acht Wochen verzehrt hatte, und so hatte denn die betrübte Historie ihr erwünschtes Ende.« –

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