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Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 38
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typebiography
authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
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Viertes Buch.

Alter.

Achtunddreißigstes Capitel.

Wiederherstellung der heimischen Verhältnisse im Frieden.

Friedrich hatte während des ganzen Krieges – und in den letzten Jahren mit nicht geringerem Eifer als in den ersten – dafür gesorgt, daß jederzeit die Mittel zur Bestreitung der Kriegsbedürfnisse, mindestens auf den Zeitraum eines Jahres, vorräthig seien. Dies war einer der wichtigsten Umstände, die es möglich machten, daß er mit seiner kleinen Macht so lange Zeit hindurch den höchst überlegenen Feinden widerstehen konnte. Auf gleiche Weise hatte er auch am Schluß des Jahres 1762, um auf alle Fälle nicht ungerüstet dazustehen, die nöthigen Summen zusammengebracht; und als nun der Friede eintrat, so konnte er diese Schätze alsbald mit rüstiger Hand auf die Wege all der Wunden verwenden, die der Krieg seinem Lande geschlagen Unablässig fuhr er in diesem edeln Bestreben fort; er hatte die Freude, zu sehen, wie sein Volk sich ungleich schneller von seinen vielfachen Leiden erholte, als dies in den meisten Ländern seiner Gegner der Fall war. Ja, damit er der Welt zeige, wie kräftig er sich, trotz all des Uebels, welches er erduldet, noch fühle, – damit Niemand, auf seine etwaige Erschöpfung bauend, neue Pläne wider ihn zu schmieden geneigt sein möge, begann er unmittelbar nach dem Abschluß des Friedens einen Prachtbau, den des sogenannten »neuen Palais« bei Sanssouci, auf den er, im Verlauf von sechs Jahren, viele Millionen verwandte und der noch jetzt, durch die kostbaren Stoffe, aus denen er aufgeführt ward, und durch den außerordentlichen Reichthum an bildnerischem Schmucke, den Beschauer staunen macht. Doch war mit diesem Bau zugleich, wie bei allen seinen Unternehmungen solcher Art, die weise Absicht verbunden, der Menge geschäftsloser Hände, die der Krieg hervorgebracht, Verdienst zu geben und große Geldsummen in Umlauf zu bringen; denn Stoff und Arbeit sind fast durchweg nur aus dem Inlande beschafft worden. – Einer der Haupträume im Innern des neuen Palais ist der kolossale »Marmorsaal.« An der Decke desselben hatte der Maler Vanloo im Auftrage des Königs eine Götterversammlung gemalt; dabei hatte er unter Anderm auch ein Paar Göttinnen des Ruhmes angebracht, die den Namen des Königs zum Himmel emportrugen. Friedrich sah das Gemälde erst nach der Vollendung; es gefiel ihm überhaupt nicht sonderlich, der Prunk mit dem Namenszuge aber entrüstete ihn lebhaft; er befahl, ihn unverzüglich wieder wegzulöschen. Man mußte also das kostbare Gerüste von Neuem aufschlagen; und da der Maler nicht füglich das ganze kolossale Bild umändern konnte, so begnügte er sich, eine grüne Decke über den Namenszug zu malen. So tragen die Göttinnen des Ruhmes noch heute das verhüllte Räthsel in ihren Händen.

Aber auch mit unmittelbarer Hülfe griff Friedrich überall ein, um den stockenden Betrieb in Land und Stadt wiederum in Bewegung zu setzen. Da die Felder ungebaut lagen, da es an Saatkorn, an Vieh, an Händen zur Bestellung der Aecker fehlte, so vertheilte er in die verschiedenen Provinzen von den vorhandenen Kriegsvorräthen 42 000 Scheffel an Getreide und Mehl, sowie 35 000 Armeepferde; nahe an 40 000 Inländer entließ er aus seiner Armee und sandte sie in ihre Heimath zurück. An baaren Geldern erhielten die Provinzen, unmittelbar nach dem Friedensschluß, bedeutende Summen zur Tilgung der empfindlichsten Schäden: Schlesien 3 Millionen Thaler, Pommern und die Neumark 1 400 000 Thaler, Preußen 800 000 Thaler, die Kurmark ebensoviel, Cleve 100 000 Thaler; an andern Orten wurden die Abgaben zur Hälfte erlassen. Aber lange Jahre hindurch, bis an sein Ende, war Friedrich darauf bedacht, die Erinnerungen an die Gräuel des Krieges auszulöschen und neuen Segen über sein Land heraufzuführen. Im Jahr 1766 schrieb er über diesen Gegenstand an Voltaire: »Der Fanatismus und die Wuth des Ehrgeizes haben blühende Gegenden meines Landes verwüstet. Wenn Sie die Summe der geschehenen Verwüstungen erfahren wollen, so mögen Sie wissen, daß ich, im Ganzen, in Schlesien habe 8000 Häuser, in Pommern und der Neumark 6500 Häuser wieder aufbauen lassen: was, nach Newton und d'Alembert, 14 500 Wohnungen ausmacht. Der größte Theil ist durch die Russen abgebrannt worden. Wir haben nicht auf eine so abscheuliche Art Krieg geführt; von unsrer Seite sind nur einige Häuser in den Städten zerstört worden, die wir belagert haben; ihre Zahl beläuft sich gewiß nicht auf 1000. Das böse Beispiel hat uns nicht verführt, und mein Gewissen ist von dieser Seite frei von allem Vorwurf.«

Es ist schon früher bemerkt worden, daß Friedrich sich im Verlauf des Krieges, um die genügenden Mittel zur Bestreitung der Kosten herbeizuführen, zu eigenthümlichen Finanzkünsten genöthigt sah. Diese bestanden eines Theils in einer immer steigenden Verminderung des Geldwerths, andern Theils in der Besoldung der Civilbeamten durch Kassenscheine, die erst nach dem Kriege im vollen Geldwerthe ausgezahlt wurden. Beides waren große Nebel, und der Ruin vieler Familien war die Folge davon. Dennoch war dies das Mittel gewesen, wodurch Friedrich sein Land von den drückenden Schuldenlasten, die sich in dieser Zeit über andern Ländern furchtbar zusammenhäuften, befreit hielt. Mit größter Sorgfalt und Schonung wurde auch diese Angelegenheit nach dem Schlusse des Friedens allmählig wieder zu ihrer alten Ordnung zurückgeführt; und man hat neuerlich berechnet, daß, so mannigfachen Schaden auch der Einzelne bei diesen nothgedrungenen Einrichtungen davongetragen, der Verlust der Unterthanen im Ganzen in der That nur gering gewesen ist. Bei dem Golde und dem Courant hatte das Volk nur wenige Procente, bei der schlechtesten Scheidemünze nicht mehr als 22 Procent auf sich genommen, um den ganzen Krieg ohne Schulden beendet zu sehen.

Mit nicht geringerer Treue war Friedrich bemüht, den Helden, die mit ihm den siebenjährigen Kampf gekämpft, reiche Anerkennung zu gewähren. Die Generale und Offiziere, nicht minder auch die Gemeinen, die sich durch lange Erfüllung ihrer Dienstpflicht oder durch kühne That ausgezeichnet hatten, wurden auf die verschiedenartigste Weise belohnt; Friedrich's außerordentliches Gedächtniß behielt das Verdienst eines jeden Einzelnen, soweit ihm nur Kunde davon zugekommen war, unverrückt im Auge. Die Geschichte bewahrt eine Menge von Zügen, wie die Gnade des Königs, je nachdem sich die Gelegenheit darbot, oft ganz unerwartet, dem Verdienten zu Theil ward. Ebenso dankbar und väterlich sorgte er für die Wittwen und Waisen der gefallenen Helden.

Da Friedrich aber sehr wohl wußte, wie die Sicherheit seines Staates wesentlich darauf beruhe, daß er jederzeit zum Kriege gerüstet dastehe, so unterließ er, trotz des so lange ersehnten Friedens, gleichwohl nichts von alledem, was zur gesammten Einrichtung des Kriegswesens nothwendig war. Vielmehr wurden unmittelbar nach dem Friedensschlusse die Rüstungen mit einem Eifer erneut, als ob noch in demselben Jahre der Krieg auf's Neue beginnen solle. Sämmtliche Festungen wurden ausgebessert und den vorhandenen noch eine neue, bei Silberberg in Schlesien, hinzugefügt. Die Vorratshäuser wurden aufs Reichlichste gefüllt: Geschütz, Pulver, alles Geräth des Krieges wurde in genügender Menge herbeigeschafft oder wiederhergestellt. Die Armee ward wieder vollzählig gemacht, wozu sich, da man so viele Inländer hatte auf das Land entsenden müssen, dienstlose Ausländer in hinlänglicher Anzahl einfanden; und da die gesammte Disciplin gegen das Ende des Krieges bereits bedeutend gelitten hatte, so wurde nun mit größter Anstrengung dafür gesorgt, die alte Tüchtigkeit und Zucht wieder zurückzuführen. Ja, noch mehr als früher wurde jetzt der Stand des Kriegers zum bevorrechteten Stande im Staate erhoben und ihm vor allen ein Gut zugesprochen, das die Leidenschaft des Menschen am Heftigsten zu erregen pflegt: – die Ehre. Friedrich wollte jetzt ausschließlich, den militairischen Verhältnissen jener Zeit gemäß, nur Offiziere von adeliger Geburt in seiner Armee sehen; die bürgerlichen Offiziere, die während des Kriegs emporgerückt waren, wurden – nicht ohne Härte – entfernt; der Adel sollte durch den ehrenvollen Dienst, die Ehre durch die Auszeichnung der Geburt zur kühnsten Hingebung für das Vaterland entflammt werden. Einst war ein Rangstreit zwischen dem Legationsrathe Grafen von Schwerin, einem Neffen des großen Feldmarschalls, und einem Fähndrich entstanden. Schwerin klagte beim König und wurde beschieden: die Sache sei gar nicht streitig, es verstehe sich von selbst, daß die Fähndriche den Rang vor allen Legationsräthen hätten. Schwerin verließ den Civildienst und wurde Fähndrich.

Die strenge Zucht, die Friedrich bei seiner Armee fortan eingeführt wissen wollte, erregte übrigens mancherlei Unwillen, und es ging die Festsetzung der neuen Einrichtungen nicht vorüber, ohne daß mehrfach die Strenge der Gesetze gegen Unruhestifter eingreifen mußte. Mehr aber wirkte Friedrich's persönliches Austreten, um solche Fälle augenblicklich niederzudrücken. So hatten sich unter der Potsdamer Garde einige unruhige Köpfe vereinigt, um Vergünstigungen, auf die sie keine Ansprüche machen durften, zu ertrotzen. Ohne zu erwägen, welchen strengen Ahndungen sie sich nach den Kriegsartikeln aussetzten, gingen sie nach Sanssouci. Friedrich wurde sie von fern gewahr; er steckte seinen Degen an, setzte seinen Hut auf und trat ihnen auf der Terrasse vor dem Schloß entgegen; ehe noch der Rädelsführer ein Wort sprechen konnte, commandirte er: »Halt!« Die ganze Rotte stand plötzlich still. »Richtet Euch!« – »Linksum kehrt!« – »Marsch!« – Sie hatten die Commandos pünktlich befolgt und marschirten die Terrasse hinab, eingeschüchtert von dem Blick und der Stimme des Königs, und hoch erfreut, daß sie ohne Strafe davongekommen waren.

Ein andermal erwies sich Friedrich noch nachsichtiger. Ein Soldat in einer schlesischen Garnison, dem bis dahin der Krieg manche willkommene Beute zugeführt hatte, fand bei seinem geringen Tractament wenig Behagen; er suchte sich, seiner alten Gewohnheit treu, auf andre Weise zu helfen. Bald jedoch ward er überführt, daß er Mehreres von den silbernen Opferspenden auf einem Muttergottesaltar entwendet habe. Er leugnete indeß den Diebstahl hartnäckig und behauptete, die Mutter Gottes, der er seine Noth geklagt, habe ihn geheißen, dies oder jenes Stück vom Altar zu nehmen. Das Kriegsgericht fand die Entschuldigung nicht zulässig und verurtheilte ihn zu zwölfmaligem Gassenlaufen. Friedrich erhielt das Urtheil zur Bestätigung, fand aber – um dem Aberglauben eine kleine Lehre zu geben – für gut, zuvor bei einigen katholischen Geistlichen anzufragen, ob ein solcher Fall möglich sei. Die guten Geistlichen sahen sich, um den Mirakelglauben nicht ganz zu verleugnen, zu der Erklärung genöthigt, daß allerdings ein solcher Fall, wie unwahrscheinlich und unglaublich das Vorgeben des Soldaten sei, doch wohl geschehen könne. Friedrich schrieb somit zurück, der vorgebliche Dieb solle aus diesen Gründen von seiner Strafe freigesprochen sein: er verbiete ihm aber auf's Nachdrücklichste, in Zukunft je wieder ein Geschenk, sei es von der heiligen Jungfrau oder sei es von sonst irgend einem Heiligen, anzunehmen.

Für die Befreiung von all jenen Uebeln, welche der Krieg hinterlassen, für die Ausführung der mannigfachen Pläne zum Wohl seines Landes, die Friedrich im Sinne hatte, für die Erhaltung des zahlreichen Kriegsheeres, endlich auch, um neben dem Letzteren die nöthigen baaren Geldmittel auf den Fall eines neuen Krieges stets vorräthig zu haben, waren größere Einkünfte erforderlich, als diejenigen, aus denen Friedrich seither seine Unternehmungen bestritten hatte. Er wünschte dringend, seine Einkünfte um zwei Millionen Thaler zu erhöhen; da aber im Minister-Rathe die Ansicht ausgesprochen ward, das Land sei zu erschöpft, um mit erhöhten Abgaben belastet zu werden, so entschloß er sich zu der Einführung neuer Einrichtungen, deren Folgen er sich vielleicht nicht in ihrer ganzen Ausdehnung klar gemacht hatte, die aber leider nicht geeignet waren, neue Liebe für ihn und Freude bei seinen Unterthanen hervorzurufen. Friedrich hatte sich überzeugt, daß die aus den Zöllen fließende Einnahme vorzüglich geeignet sei, einen höhern Ertrag zu gewähren, und daß durch dieselbe, in andern Ländern, der Krone in der That ein Gewinn von ungleich größerer Bedeutung zu Theil werde. In Frankreich namentlich hatte man damals die Zollkünste zu einer hohen Vollendung gebracht. Dies Beispiel schien zu guten Erfolg zu versprechen, als daß Friedrich sich nicht hätte entschließen sollen, etwas Aehnliches zu versuchen. Da es aber im eignen Lande an geübten Leuten, für die Einrichtung und Ausführung eines solchen Vorhabens fehlte, so wurden einige Meister dieser Kunst aus Frankreich verschrieben; in ihrem Gefolge kam sodann eine ganze Schaar andrer Franzosen, die zu den unteren Stellen des neuen Geschäftes bestimmt werden sollten. Doch konnte sich Friedlich, hochherzigen Sinnes, nicht dazu entschließen, das ganze Zollwesen, wie es in Frankreich Sitte war, den Franzosen zu verpachten und somit seine Unterthanen ganz der Willkühr der Fremden zu übergeben. Die Anstalt ward, unter dem Titel einer »General-Administration der königlichen Gefälle« im gemeinen Leben »Regie« genannt, als eine besondre Behörde des Staates eingerichtet. Die einzelnen Gegenstände wurden nicht eben hoch verzollt, aber es wurde der Zoll auf alle möglichen Bedürfnisse des Lebens ausgedehnt und eben hiedurch fort und fort drückend. Ungleich drückender aber war es, daß den Zollbedienten, um dem Schleichhandel zu begegnen, jede beliebige Nachsuchung, nicht blos an den Thoren der Städte, sondern auch bei den Reisenden auf freiem Felde, sowie in den Häusern der Bürger verstattet war. Nichtsdestoweniger hob der Schleichhandel immer verwegener und gewaltthätiger sein Haupt empor. Unzähliger Verdruß und Aerger, widerwärtige Processe, Auflehnung gegen die obrigkeitlichen Befehle, Verderbniß der Sitten waren die Folge der neuen Zolleinrichtungen. Und bei alledem brachten sie die Vortheile nicht, welche Friedrich von ihnen erwartet hatte, und welche auf minder beschwerlichem Wege vielleicht sicherer und ohne den Widerwillen der Unterthanen zu erreichen gewesen waren.

Außer dieser Vermehrung der Zölle suchte Friedrich seine Einkünfte auch dadurch zu erhöhen, daß er den Verkauf oder auch sogar die Production gewisser Gegenstände, die zum Theil ein unentbehrliches Bedürfniß waren, sich selbst vorbehielt, oder, was dasselbe ist, das Vorrecht des Handels mit denselben nur gegen starke Abgaben ertheilte. Taback und Kaffee waren die wichtigsten Gegenstände dieses königlichen Alleinhandels. Abgesehen davon, daß hiedurch der freie Verkehr, und somit die freie Entwickelung, wesentlich gehemmt ward, so förderte auch diese Einrichtung den Schleichhandel auf eine nur zu verderbliche Weise.

Noch an den Vortheilen einer andern Kunst, – der geheimen Polizei, – die zu jener Zeit in Frankreich ebenfalls schon mit außerordentlichen Erfolgen geübt ward, wünschte Friedrich Antheil zu nehmen. Mancherlei Sittenverderbniß, das als Folge des Krieges zurückgeblieben war, schien eine solche Anstalt wünschenswerth zu machen. Friedrich sandte deshalb einen in diesem Fache vorzüglich geübten Geschäftsmann, Philippi, nach Paris und machte ihn hernach zum Polizei-Präsidenten von Berlin. Als aber einige Jahre darauf verschiedne Verbrechen verübt wurden, ohne daß man die Urheber entdecken konnte, stellte Friedrich den Polizeipräsidenten zur Rede. Dieser erwiederte, daß er mit großem Fleiß alle vom Könige genehmigten Maßregeln zur Ausführung bringe daß er indeß mehr zu leisten sich ohne ausdrücklichen Befehl nicht für befugt halte. Er entwickelte dem Könige darauf das ganze Wesen der geheimen Polizei, wodurch er ohne Zweifel jedem Verbrechen auf die Spur kommen könne, wodurch aber auch der sittliche Charakter des Volkes durchaus müsse verdorben werden. Er fügte hinzu, daß überdies in Berlin die Wirkung der geheimen Polizei erst allmälig eintreten könne, indem die Brandenburger für solche Einrichtung vor der Hand noch viel zu treuherzig und zu ehrlich seien. Durch diese Vorstellungen ward Friedrich sehr gerührt; er erwiederte ohne langes Bedenken, daß er kein größeres Uebel an die Stelle des kleineren setzen und die Ruhe und das Vertrauen seiner guten Unterthanen nicht gestört wissen wolle. Dabei hatte es denn auch sein Bewenden.

Daß Friedrich – der Held, der durch siebenjähriges unablässiges Ringen, durch die Aufopferung so mannigfacher Lebensfreuden die Würde seines Staates erhalten – von seinem Volke hochverehrt ward, erscheint nicht eben wunderbar; daß man ihm aber auch trotz jener empfindlichen Neuerungen, und obgleich er, um dem königlichen Ansehen nichts zu vergeben, auf seinen Anordnungen bestand oder doch nur sehr allmälig davon abging, diese Verehrung erhielt, das bezeugt, wie tiefe Wurzeln die Letztere in den Gemüthern des Volkes geschlagen hatte. Man fügte sich allmälig in das Unabänderliche; man sah es ein, daß Friedrich jener Einnahmen nicht bedurfte, um sie in üppigen Festen, an Günstlinge oder Buhlerinnen zu vergeuden oder um heißhungrig über dem Glänze des Goldes zu wachen; man empfand die Wohlthaten, in denen er sie wieder auf sein Volk ausströmte; man sah ihn eben so leutselig, eben so zutraulich, eben so teilnehmend wie sonst, und kein Riegel, kein ängstliches Verbot hemmte die freie Rede, auch wenn sie sich mißbilligend, selbst in minder schicklicher Weise, über des Königs Einrichtungen zu äußern wagte. Die Soldaten des siebenjährigen Krieges erzählten von ihrem getreuen Kameraden, dem alten Fritz, und wo Friedrich mit dem Volke verkehrte, da fand man in ihm dieselben Züge wieder. Man hielt sein Bild im Herzen rein, und wandte allen Groll und Haß gegen die lästigen Neuerungen nur den Fremden zu; bis auch diese allmälig aus ihren Stellen verschwanden und Eingebornen Platz machten.

Es sind uns manche Berichte aufbehalten, die das Verhältniß des Königs zu seinem Volke, unter Umständen, wie die obengenannten, vor Augen stellen. Kaum dürfte einer unter diesen bezeichnender sein, als der folgende, der in die Zeit gehört, da, wegen des königlichen Alleinhandels mit dem Kaffee, die sogenannte »Kaffeeregie« soeben eingeführt war und das Volk den französischen »Kaffeeriechern,« die überall den eingeschmuggelten Kaffee aufzuspüren wußten, den bittersten Haß widmete. Friedrich kam eines Tages die Jägerstraße von Berlin hinabgeritten und fand in der Nähe des sogenannten Fürstenhauses einen großen Volksauflauf. Er schickte seinen einzigen Begleiter, einen Heiducken, näher, um zu erfahren, was es da gebe. »Sie haben etwas auf Ew. Majestät angeschlagen,« war die Antwort des Boten, und Friedrich, der nun näher herangeritten war, sah sich selbst auf dem Bilde, wie er in höchst kläglicher Gestalt auf einem Fußschemel saß und, eine Kaffeemühle zwischen den Beinen, emsig mit der einen Hand mahlte, während er mit der andern die herausfallenden Bohnen auflas. Sobald der König dies gesehen, winkte er mit der Hand und rief: »Hängt es doch niedriger, daß die Leute sich den Hals nicht ausrecken müssen!« Kaum aber hatte er die Worte gesprochen, als ein allgemeiner Jubel ausbrach. Man riß das Bild in tausend Stücken herunter und ein lautes Lebehoch begleitete den König, als er langsam seines Weges weiter ritt.

Die Gemüthlichkeit aber und die Gewöhnung des Königs, sich auch in die Lage eines Geringeren teilnehmend zu versetzen, – was ihm fort und fort so viele Herzen gewann, – stellt wohl keine von den zahlreichen Anecdoten seines Lebens anschaulicher dar, als die Geschichte eines thüringischen Candidaten, der nach Berlin kam, um hier Versorgung zu suchen, aber durch die übertriebene Strenge der Zollbeamten unangenehmen Verlegenheiten ausgesetzt ward. Die Erzählung trägt so ganz das Gepräge der einfachen Wahrheit, sie führt uns den König, seine Weise, sich in dergleichen Fällen zu benehmen, den ganzen Charakter der Zeit so lebendig entgegen, daß wir nicht umhin können, den vollständigen Bericht, mit all seinen kleinen Zügen, wie ihn jener Candidat selbst handschriftlich hinterlassen hat, im nächsten Capitel mitzutheilen.

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