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Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 35
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authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
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Fünfunddreißigstes Capitel.

Beginn des Feldzuges von 1761. Das Lager zu Bunzelwitz.

Im Verlauf des Winters geschahen einige Schritte zur friedlichen Ausgleichung all der Wirrnisse, in denen sich Europa nun schon seit so langer Zeit befand. Die Anträge dazu gingen zunächst von Frankreich aus, das verhältnißmäßig die meisten Kräfte, ohne einen eigentlichen Zweck im Auge zu haben, vergeudete. Der Landkrieg, der in Westphalen geführt ward, hatte bereits ungeheure Summen verschlungen; viel größer noch waren die Verluste, die dieser Staat in dem gleichzeitig geführten Seekriege mit England erleiden mußte. Für den Friedenscongreß ward Augsburg bestimmt. Aber noch immer waren die Leidenschaften, die den Krieg angefacht hatten, nicht abgekühlt; Friedrich wünschte wohl von ganzem Herzen den Frieden, aber er gedachte auch, auf keine Weise in unbillige Forderungen zu willigen. Die Verhandlungen hatten somit wenig günstigen Fortgang und wurden bald wieder eingestellt.

Um so eifriger war man von allen Seiten auf fortgesetzte Rüstungen bedacht; aber schon begannen trotz aller Anstrengungen die Kräfte mehr und mehr nachzulassen. Härtere Maßregeln als bisher mußte Friedrich ergreifen, um sich die Mittel zum erneuten Widerstande zu verschaffen. Das arme Sachsenland, das durch den unseligen Krieg schon soviel gelitten hatte, ward mit den stärksten Contributionen belastet, die Münze wurde auf's Neue in bedeutend geringerem Werthe ausgeprägt. Rekruten wurden aller Orten für das preußische Heer geworben; der Ackerbau lag allenthalben, wo feindliche Armeen gehaust hatten, darnieder, und gern vertauschten die Bauerburschen den Pflug mit der Muskete. Dabei mußte freilich alle mögliche Dressur angewandt werden, um die auf solche Weise zusammengerafften Truppen nur einigermaßen den Soldaten ähnlich zu machen, mit denen Friedrich den Krieg begonnen hatte. Oesterreich dagegen fand in seinen volkreichen Provinzen fortwährend Menschenschätze, die das Heer auf eine vortheilhafte Weise zu vervollständigen dienten; ja, man hat bemerkt, daß in demselben Grade, in dem die preußische Armee sich verschlechterte, die österreichische an Tüchtigkeit und Gewandtheit zunahm. Doch war wiederum, während Friedrich sich durch seine Finanzoperationen im Stande sah, alle übrigen Kriegsbedürfnisse in genügendem Maße zu beschaffen, in den österreichischen Kassen bereits drückender Geldmangel. Sämmtliche Stabsoffiziere mußten sich bequemen, ihre Besoldung in Papieren entgegenzunehmen, die erst nach geendigtem Kriege in Geld umgetauscht werden sollten. Wer nicht so lange warten konnte, fand nur vor einer besonders dazu errichteten Bank Gelegenheit, das Papier gegen Geld, aber mit beträchtlichem Verluste, auszuwechseln. Diese Bank hatte Kaiser Franz, der Gemahl der Maria Theresia, dessen ganze Thätigkeit nur in Geldspeculationen bestand, aus seinem Privat-Vermögen – wenig patriotischen Sinnes – errichtet.

Und wie die Anstrengungen, bei dem allmäligen Sinken der Kräfte, nur immer heftiger werden mußten, wie man sich genöthigt sah, zu härteren Maßregeln zu schreiten, so konnten auch andre Erscheinungen, die die Verbitterung eines langen Krieges mit sich zu führen pflegt, nicht ausbleiben. Sorgfältig hatte Friedrich bis jetzt für den Schutz der königlichen Schlösser in Sachsen gewacht; nichts von den Kunstschätzen, mit denen sie geschmückt waren, war angetastet worden. Nur einigen Unternehmungen gegen Besitzungen des Grafen Brühl, der Friedrich jederzeit den feindschaftlichsten Haß bewiesen, hatte er nicht unwillig zugesehen. Jetzt aber hatte ihm die Plünderung des Charlottenburger Schlosses, vor Allem die barbarische Zerstörung der Schätze des Alterthums, die durch keine Geldsummen wiederzubringen waren, auf's Tiefste empört. Und da sich gerade sächsische Truppen hiebei ausgezeichnet, so mußte es auch Sachsen entgelten. Doch wartete Friedrich mehrere Monate, nachdem er öffentliche Klage über dies Benehmen geführt; er drohte mit Repressalien, – kein Wort der Entschuldigung kam über die Lippen König August's. So gab Friedrich den Befehl, das Jagdschloß Hubertsburg, welches »das Herzblatt des Königs von Polen« genannt ward, zu plündern. »Der Kopf der großen Herren,« so sagte er, »fühlt es nicht, wenn den Unterthanen die Haare ausgerauft werden: man muß sie da angreifen, wo es ihnen selbst weh thut.« Gleichwohl war zu solchem Unternehmen in der preußischen Armee der Mann nicht ganz leicht zu finden. Der General von Saldern, dem es der König zuerst auftrug, weigerte sich wiederholt, da solch eine Handlung wider Ehre, Eid und Pflicht sei; er fiel darüber in Ungnade. Das Freicorps des Majors Quintus Icilius führte es darauf aus.

Bei alle dem aber ließ Friedrich auch diesmal die Ruhe des Winterquartiers, das er in Leipzig genommen hatte, nicht ohne alle diejenigen aufheiternden Genüsse vorübergehen, die einmal einen Theil seines Lebens ausmachten. Leipzig galt zu jener Zeit als der Mittelpunkt deutscher Wissenschaft und Poesie; so fand sich mehrfache Gelegenheit, hievon Kenntniß zu nehmen, so wenig Friedrich auch im Allgemeinen von den Bestrebungen der Deutschen im Bereiche des Geistes ein günstiges Vorurtheil hatte. Gottsched hatte Friedrich schon bei früheren Besuchen Leipzigs kennen gelernt; damals hatte der Dichter, dem freilich auch Voltaire Aufmerksamkeiten erwies, Eindruck auf ihn gemacht. Friedrich hatte ihm ein Gedicht gewidmet, welches ihn den »sächsischen Schwan« nannte und mit den schmeichelhaften Worten schloß:

Durch deine Lieder füge du
Dem Siegeslorbeer, der den Deutschen schmücket,
Apollo's schönern Lorbeer zu!

Jetzt ward Gottsched aufs Neue vor den König berufen; indeß hinterließ das nicht allzu liebenswürdige Benehmen des Poeten keinen sonderlich günstigen Eindruck. Mehr Wohlgefallen fand Friedrich an dem bescheidnen Gellert. Er ließ sich durch ihn eine von seinen sinnvollen Fabeln vordeclamiren und fand, daß hier in der That fließende Poesie sei. Auch äußerte er sich hernach: »Gellert sei der vernünftigste von allen deutschen Gelehrten; er sei der einzige Deutsche, der zur Nachwelt gelangen werde.« Solch ein ungemeßnes Lob konnte freilich nur ausgesprochen werden, wenn man, wie es bei Friedrich der Fall war, die deutsche Wissenschaft einzig nach dem beurtheilte, was sie zu Anfange des Jahrhunderts gewesen war; wenn man die Namen eines Klopstock, eines Lessing und andrer Geister, auf welche die Nation mit erhebendem Stolze zurückblickt, gar nicht kannte. Auch ward Gellert nicht zum zweiten Male berufen. Vielleicht, daß seine wenig überdachte Bitte, Friedrich möge Deutschland den Frieden geben, – worauf dieser einfach antwortete, daß das leider nicht in seiner Macht stehe, – und noch mehr Gellerts Entschuldigung: er bekümmre sich mehr um die alte als um die neue Geschichte, nicht eben geeignet waren, ein persönliches Interesse bei Friedrich hervorzurufen.

Des Abends ward, wie in der heitern Friedenszeit, Musik gemacht; Friedrich hatte dazu die Mitglieder seiner Kapelle nach Leipzig kommen lassen. Doch nahm er selbst schon weniger thätigen Antheil an der Musik. Das Flöteblasen griff ihn bereits an.

Auch der Marquis d'Argens, nach dessen freundschaftlicher Theilnahme den König herzlich verlangte, war nach Leipzig gekommen. Mit ihm verplauderte Friedrich die Abendstunden nach dem Concert. Als d'Argens eines Abends in Friedrich's Zimmer trat, fand er ihn am Boden sitzen, vor ihm eine Schüssel mit Fricassé, aus welcher die Windspiele des Königs ihr Abendessen hielten. Er hatte ein kleines Stöckchen in der Hand, mit dem er unter den Hunden Ordnung hielt und der kleinen Favorite die besten Bissen zuschob. Der Marquis blieb verwundert stehen und rief aus: »Wie werden sich doch die fünf großen Mächte von Europa, die sich wider den Markgrafen von Brandenburg verschworen haben, den Kopf zerbrechen, was er jetzt thut! Sie werden etwa glauben, er macht einen gefährlichen Plan zum nächsten Feldzuge, er sammelt die Fonds, um dazu Geld genug zu haben, oder besorgt die Magazine für Mann und Pferd, oder knüpft Unterhandlungen an, um seine Feinde zu trennen und sich Alliirte zu verschaffen: – Nichts von alle dem! Er sitzt ruhig in seinem Zimmer und füttert seine Hunde!« –

Der Feldzug des Jahres 1761 begann ziemlich spät, und erst am Schluß des Jahres kam es zu entscheidenden Unternehmungen. Friedrich sollte wiederum mit mehrfach überlegenen Feinden seine Kräfte messen, in einer Lage, wo es ihm schon im höchsten Grade schwer ward, etwa eintretende Verluste zu ersetzen, wo selbst ein Sieg wie der von Torgau ihm die empfindlichste Schwäche, somit den empfindlichsten Nachtheil bereiten mußte. Er sah sich also genöthigt, noch entschiedner als bisher das System der Verteidigung zu befolgen, den Angriff der Gegner abzuwarten, auf die Blößen zu lauschen, die sie geben würden, und seine Kräfte nur für den Punkt der höchsten Entscheidung aufzusparen. Das Vorspiel des Kampfes geschah im Ausgange des Winters, da ein Streifzug gegen die Reichsarmee unternommen und so glücklich ausgeführt ward, daß diese ihre Stellungen mit mannigfachem Verlust verlassen und auf längere Zeit unthätig bleiben mußte. Dann regte es sich in Schlesien. Auf diese Provinz war wiederum das Hauptaugenmerk des Feindes gerichtet. Hier sollte sich eine österreichische Armee unter Loudon, 75 000 Mann stark, mit einer russischen von 60 000 Mann, deren Oberbefehl jetzt der Feldmarschall Butturlin führte, vereinigen. Friedrich brach, diese Vereinigung zu hintertreiben, im Mai nach Schlesien auf; aber er konnte gegen beide feindliche Armeen nur 55 000 Mann aufbringen. Zum Schutze Sachsens ließ er den Prinzen Heinrich zurück. Das Vierteljahr bis zur Mitte August ging unter verschiedenartigen Manoeuvres, Märschen und Gegenmärschen hin. Die Vereinigung der feindlichen Armeen sollte, wie es hieß, in Oberschlesien erfolgen. Friedrich begab sich dahin; Loudon wußte aber seine Operationen so geschickt einzurichten, daß Friedrich ihm keine Vortheile abgewinnen konnte. Unterdeß rückten die Russen in Niederschlesien ein, gingen zwischen Glogau und Breslau über die Oder, Loudon wandte sich rasch aus Oberschlesien nach Böhmen zurück, besetzte die Pässe des Riesengebirges und brachte von hier aus die, schon seit Jahren vorbereitete Vereinigung beider Armeen zu Stande, ehe Friedrich zur Verhinderung derselben hatte heranrücken können. Beide feindliche Heere standen jetzt in der Gegend von Striegau. Friedrich war ihnen entgegengezogen; da er seine Absicht vereitelt sah, so machte er den Versuch, durch ein andres Mittel die gefahrdrohende Verbindung wiederum aufzuheben. Er wandte sich gegen den nächsten bedeutenden Posten des Gebirges, den die Oesterreicher bei dem Anmarsch der Russen verlassen hatten, um hiedurch den Gegnern die Zufuhr aus Böhmen, ohne die sie sich in ihrer Stellung nicht zu erhalten vermochten, abzuschneiden. Aber auch hier war ihm Loudon bereits mit schneller Uebersicht zuvorgekommen; als Friedrich sich dem Gebirge näherte, fand er dasselbe so stark besetzt, daß ein Angriff unmöglich war.

Die feindliche Uebermacht im Herzen Schlesiens schien alle Wünsche, die zur Erniedrigung Friedrich's so lange genährt waren, vollständig erfüllt zu haben. Friedrich war nicht vermögend, ihrem Angriff in offner Schlacht zu widerstehen; die wenigen Festungen Schlesiens konnten ihnen eben so wenig auf die Dauer Widerstand leisten. Alles, was Friedrich zu thun vermochte, bestand darin, daß er, jede fruchtlose Aufopferung vermeidend, die Feinde so lange in Unthätigkeit hielt, bis der Mangel an Nahrungsmitteln für eine so gewaltige Masse von Menschen und Pferden sie von selbst zur Trennung nöthigte. Dies führte er in der That auf eine Weise aus, die wiederum sein Feldherrntalent in der seltensten Größe darstellte. Er bezog, am 20. August, ein Lager bei Bunzelwitz, wodurch er Schweidnitz, die zunächst gelegene Festung, deckte, die Verbindung mit Breslau erhielt und nach keiner Seite für etwa erforderliche Unternehmungen beschränkt blieb. Freilich hatte die Natur nicht eben viel gethan, um dies Lager gegen feindlichen Angriff zu sichern; aber es vergingen mehrere Tage, ehe die feindlichen Heerführer sich über alle erforderlichen Maßregeln der Verpflegung und Stellung der Truppen, sowie über die weitern Operationen vereinigt hatten; und als sie nun die Stellung, welche Friedrich eingenommen, näher zu untersuchen kamen, da fanden sie kein Lager mehr, sondern eine förmliche Festung, welche in so kurzer Frist aus der Erde hervorgewachsen war. Die ganze preußische Armee hatte, unaufhörlich abwechselnd, Tag und Nacht an diesen Verschanzungen gearbeitet. Eine Kette von Schanzen, Gräben und starken Batterien zog sich um das Lager her; vor den Linien waren Palissaden eingerammt oder spanische Reiter gesteckt; vor diesen waren drei Reihen tiefer Wolfsgruben; vor den Batterien hatte man sogenannte Flatterminen, Gruben, die mit Pulver, Kugeln und Haubitzgranaten gefüllt waren, angelegt. Man konnte jetzt schon einem feindlichen Unternehmen gelassener entgegensehen, und die Gegner fanden sich durch diese ganz unerwartete Erscheinung genöthigt, die eben gefaßten Pläne aufzugeben und neue Maßregeln auszusinnen.

Indeß standen die feindlichen Armeen im weiten Bogen um das Lager, und man konnte zu jeder Stunde des Angriffs gewärtig sein. Es war somit unausgesetzte Aufmerksamkeit auf die Bewegung derselben nöthig. Die Truppen innerhalb des Lagers wurden stets gewechselt, damit der Feind nie wissen könne, welche Regimenter er an dieser oder jener Stelle vor sich finden würde. Da keine hinreichende Anzahl von Kanonen, den ganzen Umfang des Lagers zu vertheidigen, vorhanden war, so wurden abwechselnd auch hier und dort Baumstämme in die Schießscharten gelegt. Besonders vor nächtlichem Ueberfall mußte man auf seiner Hut sein. Daher ließ Friedrich die Truppen bei Tage zumeist rasten; des Abends wurden die Zelte abgebrochen, und die Soldaten standen die Nacht unter dem Gewehr. Friedrich selbst nahm an allen diesen Anstrengungen und Entbehrungen der Seinen getreulich Theil. Er brachte die Nächte stets in einer der wichtigsten Batterien unter freiem Himmel zu. Oft setzte er sich zum Feuer seiner Gemeinen, die ihm dann ein Paar Wachtmäntel auf die Erde zu breiten pflegten und ihm einen zusammengerollten Rock unter den Kopf legten, damit er so wenigstens ein Stündchen ruhen könnte. Dann hörte man die Soldaten wohl sagen: »Wenn Fritz bei uns schläft, ist's so gut, als wenn unsrer Fünfzigtausend wachen. Nun mag der Feind kommen; ist Fritz bei uns, so fürchten wir den Teufel nicht, aber der Teufel muß sich vor ihm und vor uns fürchten. Denn Gott ist mächtiger als der Teufel, und der König klüger als unsre Feinde!« Auch ließ Friedrich wohl ein Bund Stroh in die Batterie bringen, in welcher er übernachten wollte; darauf nahm er dann sein Lager, während die gekrönten Häupter, die sein Verderben sannen, auf weichen Flaumen ruhten.

So vergingen mehrere Wochen. Schon waren die Soldaten von den unausgesetzten Anstrengungen erschöpft, schon machte sich in dem Lager dessen Verbindung mit dem Lande die Feinde abgeschnitten hatten, ein dringender Mangel bemerklich; schon rissen Krankheiten und endlich auch eine lähmende Muthlosigkeit unter den tapfern Preußen ein. Friedrich that Alles, um die Seinen zur standhaften Ausdauer anzuspornen; der Klang seiner Stimme, die Gewalt seines Auges waren es allein, was ihre Sinne noch frisch, ihr Gemüth noch kräftig erhielt. Aber er selbst erkannte die Gefahr seiner Lage nur zu gut; er sah es ein, das seine Truppen einem ernstlichen Angriff der übermächtigen Feinde nicht mehr würden widerstehen können. Den Vertrautesten offenbarte er wohl zuweilen seine Stimmung; besonders bei dem alten Zieten, der mit seinen Schaaren die Pein des Lagers theilte, suchte er gern Trost. Zieten war ungebeugt und sprach mit Ueberzeugung seine Hoffnung aus, daß man doch noch einst Alles zum guten Ende bringen werde. Friedrich aber, der seine ganze Lage besser überschaute als jener, mochte auf eine so freudige Zukunft kaum noch hinblicken. Einst fragte er Zieten ironisch, ob er sich etwa einen neuen Alliirten verschafft habe. »Nein,« antwortete Zieten, »nur den alten da oben, und der verläßt uns nicht.« – »Ach,« seufzte der König, »der thut keine Wunder mehr!« – »Deren braucht's auch nicht,« erwiederte Zieten; »er streitet dennoch für uns und läßt uns nicht sinken.« – Nur wenige schwere Monden sollten noch vorübergehen und Zieten's Wort sich auf eine unerwartete Weise erfüllen.

Die kühne Entschlossenheit, mit der Friedrich seine Stellung im Angesicht der Feinde behauptete, hatte deren Entschlüsse wankend gemacht, sodaß sie sich nicht über den Angriff vereinigen konnten. Dazu kam, daß die alte Mißstimmung zwischen Russen und Oesterreichern auf's Neue hemmend hervortrat. Schon war Butturlin empfindlich darüber, daß sich Loudon nicht eher mit ihm vereinigt, daß er ihn bis dahin der Gefahr bloßgestellt hatte, allein von den Preußen angegriffen zu werden; auch mochte er wohl, da die Kaiserin krank lag, dem preußisch gesinnten Thronfolger zu Gefallen, entscheidende Unternehmungen gegen Friedrich vermeiden. Vergebens bemühte sich Loudon, ihn zu einem gemeinschaftlichen Angriff auf das feste Lager der Preußen zu bewegen. Es wird erzählt, daß es ihm nur einmal, bei der Tafel, als der Wein die Gemüther ' erhitzt hatte, gelungen sei, den russischen Heerführer zum Entschluß zu bewegen, daß derselbe aber auch diesmal, nachdem er den Rausch ausgeschlafen, alle Befehle zum Angriff widerrufen habe. Aber schon machte sich im feindlichen Heere der Mangel an Nahrungsmitteln, ebenso wie im preußischen Lager, auf eine drückende Weise bemerklich. Noch einmal versuchte Loudon einen entscheidenden Entschluß von seinem Bundesgenossen zu erzwingen; er entwarf eigenmächtig einen Plan zum Angriff und theilte den Russen die nöthigen Rollen darin zu. Dies aber verletzte Butturlin's Empfindlichkeit im höchsten Maße; er benutzte den Vorwand, den ihm der ausgebrochene Mangel an die Hand geben mußte, und ging, am 10. September, mit seiner Armee nach der Oder ab. Nur ein Corps von 12 000 Mann, unter dem General Tschernitschef, ließ er bei Loudon's Armee zurück. Nun bezog auch Loudon, entfernt vom preußischen Lager eine feste Stellung auf den Abhängen des Gebirges. Bei den Preußen aber war großer Jubel über die Errettung aus so drohender Gefahr; vierzehn Tage gönnte Friedrich den Seinen die nöthige Rast nach all den Anstrengungen, denen sie sich hatten unterziehen müssen; dann ließ er das Lager abbrechen.

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