Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Kugler >

Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 30
Quellenangabe
typebiography
authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070108
projectidcb16d53c
Schließen

Navigation:

Dreißigstes Capitel.

Fortsetzung des Feldzuges von 1758. Zorndorf.

Es gehört zu den Eigenthümlichkeiten des siebenjährigen Krieges und zu denjenigen Umständen, die Friedrich vorzugsweise Gelegenheit gaben, seine Feldherrngröße zu entfalten, daß er fort und fort von einem Unternehmen zu dem andern eilen mußte, daß er den Gegnern, die ihn auf verschiedenen Seiten bedrängten, nicht anders die Stirn bieten konnte, als indem er rastlos mit seiner Armee die weitesten Märsche machte und hiedurch die geringe Zahl seiner Truppen vielfach verdoppelte. Das vorige Jahr hatte ihn in Böhmen, in der Lausitz, in Thüringen, Sachsen und Schlesien gesehen; jetzt war er kaum aus Mähren und Böhmen zurückgekehrt, als er wiederum genöthigt war, sich unverzüglich nach der entgegengesetzten Seite zu wenden. Die Russen hatten, unter dem Commando des Feldmarschalls Fermor, ihr schwerfälliges Heer in Marsch gesetzt, waren langsam durch die nördlichen Provinzen des damaligen Polens (Westpreußen und Posen) gezogen, hatten am 2. August die Grenzen der Neumark überschritten und bedrohten nun das Innere der Staaten Friedrich's mit all den Gräueln, welche ihre ungeregelten Kriege mit sich führten. Denn so mäßig sie sich in Preußen, das fortan als eine russische Provinz gelten sollte, betragen hatten, so wilde Barbareien übten sie an denjenigen Orten aus, die sie als feindliche Besitzung anerkannten. Brand, Blut und Elend bezeichneten ihre Schritte; die blühenden Fluren, über die sie gezogen waren, lagen als eine Wüste hinter ihnen.

Als die Russen sich den märkischen Grenzen näherten, war ihnen jenes Armeecorps entgegengezogen, welches im vorigen Jahre in Preußen gekämpft hatte und jetzt, unter dem Befehl des Grafen Dohna, die Schweden in Stralsund eingeschlossen hielt. Zu schwach jedoch, um gegen die Uebermacht der Feinde etwas Entscheidendes unternehmen zu können, lagerte sich Dohna an der Oder und begnügte sich, das linke Ufer des Flusses zu decken und die Besatzung der Festung Cüstrin zu verstärken, als Fermor mit seiner Hauptmacht gegen dieselbe vorrückte. Eine regelmäßige Belagerung dieses Ortes ließ die nächste, sumpfige Umgebung nicht zu; wohl aber hoffte Fermor, die Besatzung durch ein Bombardement zur Uebergabe zu zwingen und auf diese Weise einen festen Waffenplatz an der Oder zu gewinnen. Eine ungeheure Menge von Bomben und Granaten wurde am 15. August in die Stadt geworfen, so daß Alles in kurzer Frist in Flammen aufging. Die Einwohner der Stadt und die Menge der Bewohner des Landes, die hinter den Wällen von Cüstrin Schutz gesucht vor den barbarischen Horden, sahen all ihre Habseligkeiten den Flammen preisgegeben, und konnten nichts als ihr Leben retten, indem sie sich über die Oder flüchteten. Fermor ließ mit dem Bombardement so lange fortfahren, als nur noch Brandgeschosse in seinem Lager vorhanden waren. Doch war seine Absicht umsonst. Die Festungswerke blieben unversehrt; und als nach fünf Tagen der Commandant zur Uebergabe aufgefordert ward, mit dem Androhen, daß man, wenn die Uebergabe nicht erfolge, sofort zum Sturm schreiten und die ganze Besatzung niedermetzeln würde, so erklärte jener, daß er sich bis auf den letzten Mann zu vertheidigen gedenke.

Unterdeß war ein besondres Corps der russischen Armee gegen Pommern gesandt und die schwedische Armee aufgefordert worden, in Uebereinstimmung mit den russischen Truppen vorzuschreiten. So hatte die Gefahr den höchsten Punkt erreicht. Doch verfuhren die Schweden äußerst langsam, und zwar auf den Rath des französischen Gesandten, dessen Wunsch es war, daß sie, um die französischen Armeen zu unterstützen, ihren Marsch gegen die Elbe wenden möchten. Und schon war der Retter nahe. Am 21. August traf Friedrich in dem Lager des Grafen Dohna, Cüstrin gegenüber, ein und brachte 14 000 Mann seiner erprobten schlesischen Armee mit, die er, auf die Nachricht der drohenden Gefahr, der Sommerhitze zum Trotz in fliegenden Märschen von der böhmischen Grenze hinübergefühlt hatte. Gleich nach seiner Ankunft musterte er das Corps des Grafen Dohna. Der stattliche Aufzug, in dem dasselbe an ihm vorüberzog, fiel ihm auf; er wandte sich zu Dohna und bemerkte gegen diesen laut, wohl an die vorjährige Niederlage der Truppen gedenkend: »Ihre Leute haben sich außerordentlich geputzt; ich bringe welche mit, die sehen aus wie die Grasteufel, aber sie beißen!«

Aber tiefe Trauer und heißes Rachebegehren mußten das Gemüth des Königs erfüllen, als er die rauchenden Trümmer der Stadt und all die Verwüstungen vor sich sah, welche die barbarischen Horden in seinem Lande angerichtet, und das Elend der Bewohner, die von ihm Linderung ihres grausamen Schicksals begehrten. Mildreich tröstete er die Unglücklichen auf den Brandstätten Cüstrins. »Kinder,« sagte er zu ihnen, als sie ihm treuherzig die einzelnen Umstände ihrer Leiden erzählten, – »Kinder, ich habe nicht eher kommen können, sonst wäre das Unglück nicht geschehen! Habt nur Geduld, ich will euch Alles wieder aufbauen.« Auch bewährte er sein Wort durch die That und ließ ihnen augenblicklich, zur Bestreitung ihrer nächsten dringenden Bedürfnisse, die Summe von 200 000 Thalern auszahlen. Schnell beschloß er, den Feind zur schweren Verantwortung zu ziehen. Während in der Nähe von Cüstrin auf die russischen Verschanzungen gefeuert ward, so daß man glauben mußte, er werde hier sofort zum ernstlichen Angriffe schreiten, ließ er mit dem Beginn der Nacht sein Heer aufbrechen, um eine Strecke unterhalb Cüstrin unbemerkt die Oder überschreiten zu können. Als die Armee sich zum Abmarsch anschickte, ritt er die Reihen entlang, begrüßte noch einmal seine Tapferen und rief ihnen freundlich zu: »Kinder, wollt ihr mit?« Alles antwortete mit einem jubelnden Ja! Einer sagte zu ihm: »Wenn wir nur erst russische Beutepferde hätten, da sollte es noch geschwinder gehen.« Der König antwortete mit Laune: »Die wollen wir schon bekommen!«

Am 23. August ward der Uebergang über den Fluß bewerkstelligt und der Feind nunmehr im weiten Bogen umgangen. Das ganze Heer ward über die Gräuelscenen, die sich hier überall den Augen darboten, zur leidenschaftlichsten Rache entflammt. Man sah nichts als brennende oder eingeäscherte Dörfer; in den Schlupfwinkeln der Wälder lagen die elenden Bewohner, denen der Feind auch das Letzte, was sie an Nahrungsmitteln besaßen, genommen hatte. Willig gaben ihnen die menschenfreundlichen Soldaten das Brod, das sie mit sich trugen; dafür trugen ihnen die Bauern Wasser zu, ihren Durst in der brennenden Hitze zu löschen; auch fand man an vielen Orten vorsorglich große Gefäße, selbst Sturmfässer mit Wasser zu diesem Behuf auf die Straße gestellt. Am Morgen des 25. August hatte Friedrich das russische Heer so weit umgangen, daß er dasselbe von der vortheilhaftesten Seite angreifen konnte. Eine gedehnte Ebene verstattete ihm einen freien Angriff, während im Rücken und zur Seite des Feindes sumpfige Niederungen und ein kleiner Nebenfluß der Oder befindlich waren. Die Brücken über den Letzteren hatte Friedrich abbrechen lassen, da er dem Feinde allen Rückzug abschneiden wollte; er gedachte das ganze feindliche Heer zu vernichten und so mit Einem Schlage eine blutige Entscheidung zu erzwingen. Denn freilich durfte er hier nicht lange säumen, da er erwarten konnte, daß die Oesterreicher seine Abwesenheit bald zu gefährlichen Unternehmungen benutzen würden. Darum hatte er auch die feindliche Bagage, die in einer Wagenburg abgesondert zur Seite stand und die durch ihn bereits von der Hauptarmee abgeschnitten war, nicht, was ohne Mühe hätte geschehen können, angegriffen; ohne bedeutendes Blutvergießen hätte er hiedurch den Feind nöthigen können, ein Land zu verlassen, in dem er sich nicht zu halten vermochte. Aber die Vollendung dieses Unternehmens hätte längere Wochen erfordert.

Die preußische Armee bestand aus 32 760 Mann, die der Russen aus ungefähr 52 000 Mann. Die Letztere hatte sich, als Friedrich heranrückte, in einem ungeheuren länglichen Viereck, Reiterei, Troß und Reserve in der Mitte, aufgestellt. Eine solche Aufstellung hatte sich in den Türkenkriegen, gegen die regellosen Angriffe eines wilden Feindes, bewährt gezeigt; gegen eine europäisch disciplinirte Armee war sie wenig zweckmäßig. Friedrich entschloß sich mit seinem linken Flügel gegen die ungefüge Last des feindlichen Heeres vorzurücken, die rechte Ecke desselben in gewaltigem Stoße zu zerschmettern und von hier aus Verwirrung und Niederlage über seine dichtgedrängten Glieder zu verbreiten. Zwischen beiden Heeren lag das Dorf Zorndorf. Umherschwärmende Kosakenschaaren hatten dasselbe in Brand gesteckt; aber der Rauch trieb den Russen entgegen und verhinderte sie, die Aufstellung des Gegners zu beobachten.

Um 9 Uhr begann der Angriff. Die Avantgarde und der linke Flügel der preußischen Armee rückten gegen die rechte Seite des russischen Heeres vor, die durch eine sumpfige Niederung von der Hauptarmee abgetrennt war. Das Geschütz begann sein furchtbares Spiel und wüthete auf eine unerhörte Weise in den tiefen Reihen der Russen; durch Eine Kugel sollen 42 Mann niedergestreckt worden sein. Der Troß im Innern der Schaaren gerieth in Verwirrung, die Pferde mit ihren Wagen rissen aus und brachen durch die Glieder; nur mit Mühe konnte man denselben zu einer Aufstellung hinter den Truppen sammeln. Die preußische Infanterie benutzte diese Verwirrung, zog eilig näher, feuerte heftig und warf das Vordertreffen der Russen. Der Aufmarsch der Preußen war indeß mit mancherlei Ungeschick verbunden worden; ihre Schaaren waren zum Theil getrennt, zum Theil in einer schwachen Linie geführt; die feindlichen Heerführer benutzten dies, und nun brachen das Fußvolk und die Reiterei der Russen mit dem wilden Ruf: Ara, Ara! auf die Preußen ein, deren Infanterie sich in verwirrter Flucht zurückzog. Aber die preußische Cavalerie, unter Seydlitz, war bis dahin ruhig zur Seite vorgerückt. Als nun die Russen in Unordnung ihren Gegnern nachsetzten, gab Seydlitz, den richtigen Moment scharf erfassend, das Zeichen zum Angriff, und augenblicklich stürmten seine Schaaren in geregelter Kraft aus die feindlichen Haufen ein. Jetzt erhob sich ein fürchterlicher Kampf, wie die europäische Kriegsgeschichte kaum ähnliche Beispiele kennt. Denn ob auch die ersten Reihen der Russen niedergeschmettert waren, so standen die nachfolgenden doch unerschütterlich fest. Auch diese wurden geworfen, aber immer ballten sich neue Massen zusammen, mit ihren Leibern dem Gegner einen Wall entgegensetzend, der nicht anders, als durch gänzliche Niedermetzelung erstiegen werden konnte. Ob sie auch ihre Pulvervorräthe verschossen hatten, doch wichen die Russen nicht eher, als bis sie von der Klinge des Gegners durchbohrt niedersanken. Stundenlang währte dies Morden. Einige Haufen der Russen geriethen über ihre Bagage, plünderten die Marketenderwagen und öffneten die Brandweinfässer, nach dem berauschenden Tranke lechzend. Die Offiziere schlugen die Fässer in Stücke; Einige warfen sich auf den Boden, den Trank noch im Staube aufzulecken, Andre kehrten ihre Waffen in wilder Wuth gegen ihre Befehlshaber und mordeten die, welche ihnen den Trank verschüttet. Endlich, nachdem die Mittagstunde bereits vorüber war, endete der Kampf auf dieser Seite. Was von den Russen nicht niedergemetzelt lag, war in die Sümpfe versprengt. Seydlitz zog seine tapfern Schaaren vor dem feindlichen Kanonenfeuer zurück, das nunmehr von der andern Seite auf ihn gerichtet ward.

Die übrigen Theile beider Armeen waren bis jetzt noch nicht zum Kampfe gekommen. Friedrich hatte sich auf dem rechten Flügel seiner Truppen befunden Nun ordnete er seine Armee zum Angriff und rückte vor. Vor dem rechten Flügel befand sich eine Batterie, die, da sie durch einen beträchtlichen Zwischenraum von der Truppenlinie getrennt war, durch ein besondres Bataillon gedeckt wurde. Auf diese stürzte sich eine große Schaar feindlicher Cavalerie und nahm schnell die Batterie und jenes Bataillon gefangen. Dann sprengte sie der Armee entgegen; hier ward sie jedoch durch ein lebhaftes Feuer zurückgeworfen. Jetzt brach sich auch jenes gefangene Bataillon wieder zu den Seinigen Bahn, mit dem lauten Ruf: Victoria, es lebe der König! Friedrich aber ritt zu ihnen heran und sagte: »Kinder, ruft noch nicht Victoria; ich werde es euch schon sagen, wenn es Zeit ist!« – In dem Augenblick stürzten neue Schaaren der russischen Reiterei auf den linken Flügel der preußischen Armee. Dieser war aus den Regimentern des Grafen Dohna gebildet; ein Theil von ihnen war es gewesen, der schon bei jenem ersten Angriff auf den rechten Flügel der Russen geflohen war. Jetzt ergriff sie insgesammt bei dem Anbrausen der feindlichen Haufen ein panischer Schreck; in schmachvoller Flucht verließen sie aufs Neue das Schlachtfeld. Und wieder war es dem Helden des Tages, Seydlitz, vorbehalten, die bedrohliche Gefahr abzuwenden. Auf's Neue stürmte er mit seinen tapfern Schaaren auf die Feinde ein, warf die russische Cavalerie in wilder Unordnung zurück und griff die noch stehenden Infanterie-Treffen der Russen, trotz des lebhaftesten Kartätschen- und Gewehrfeuers muthig an. Bald kam auch Friedrich mit dem erprobtern Theile seiner Infanterie heran, und nun entstand wiederum ein Gemetzel, jenem gleich, welches dem rechten Flügel der Russen bereits den Untergang gebracht hatte. Mann kämpfte gegen Mann, keine Abtheilung vermochte mehr Ordnung zu erhalten, Russen und Preußen, Infanterie und Cavalerie, Alles war in dichten Knäueln durcheinandergedrängt. Friedrich selbst ward in Person auf eine Weise mit in das Gefecht verwickelt, daß seine Pagen um ihn her gefangen, verwundet und getödtet wurden. Der furchtbare Staub des heißen Tages und der Pulverdampf hatten alle Gesichter unkenntlich gemacht; der König ward von seinen Truppen nur an der Stimme erkannt. Kein Theil wich dem andern an Muth, aber die Kriegszucht der Preußen trug den Sieg davon; es gelang den Führern, sie aus dem wilden Gewühl auf's Neue in geregelten Schaaren zusammenzuziehen, und als der Abend sank, waren die Russen, die nicht niedergemetzelt lagen, vom Kampfplatze zurückgedrängt.

Während Friedrich seine Armee zur Nachtruhe ordnete, suchten die Russen in einzelnen Haufen ihr Heil in der Flucht. Da sie aber überall die Brücken abgebrochen fanden, so hinderte dies die gänzliche Auflösung ihres Heeres, dessen Führer es sich nun auf alle Weise angelegen sein ließen, die Zerstreuten zu sammeln. Eine Schaar von einigen tausend Russen hatte sich wieder auf dem Schlachtfelde aufgestellt. Gegen sie ließ Friedrich noch einmal Truppen marschiren; doch blieb dieser letzte, übrigens unbedeutende Angriff fruchtlos, da es theils an Munition fehlte, theils auch die Hälfte der Angreifenden, aus Bataillonen des linken Flügels bestehend, zum dritten Mal vor dem feindlichen Feuer entfloh. Indeß veranlaßte dieser kleine und für das Schicksal des Tages so ganz gleichgültige Erfolg den russischen Heerführer, prahlerische Siegesnachrichten nach Petersburg und nach den Höfen der Bundesgenossen zu senden, die sich gern auf kurze Zeit dem angenehmen Traume überließen.

Ueber Nacht hatten sich die Russen gesammelt und am folgenden Morgen sich auf's Neue in Schlachtordnung gestellt. Es schien sich eine zweite Schlacht entspinnen zu wollen, und in der That begann auch eine Kanonade, die vier Stunden lang währte. Aber auf beiden Seiten war die Erschöpfung groß, zugleich fehlte es auch an Munition, so daß es zu keinem ernstlichen Angriff kam. Fermor hielt nun um einen Waffenstillstand von einigen Tagen an, unter dem Vorwande, die Todten zu begraben. Friedrich ließ ihm antworten, dies sei die Pflicht des Siegers. So benutzte Fermor die folgende Nacht, den linken Flügel des preußischen Heeres zu umgehen und seine Wagenburg wieder zu gewinnen, wo er sich vorläufig verschanzte. Gefangene waren am Tage der Schlacht von Zorndorf auf beiden Seiten nur wenig gemacht worden. Man hatte Pardon weder gegeben noch genommen. Man sagt, Friedrich selbst habe es verboten gehabt. Erst am folgenden Tage war eine größere Anzahl der versprengten Russen in die Hände der Preußen gefallen. Die Verluste im Ganzen waren sehr bedeutend. Friedrich hatte über 11 000 Mann, die Russen das Doppelte verloren. An Trophäen hatten die Preußen 103 Kanonen und 27 Fahnen und Standarten erobert. »Der Himmel hat Ew. Majestät heute wieder einen schönen Sieg gegeben!« so redete der englische Gesandte, Sir Mitchell, der Friedrich in den Krieg gefolgt war, den Letztern auf der Wahlstatt an. »Ohne diesen,« – erwiederte Friedrich und zeigte dabei auf Seydlitz, – »ohne diesen würde es schlecht mit uns aussehen!« Seydlitz aber lehnte das ehrenvolle Wort bescheiden ab und sprach das ganze Verdienst der gesammten Reiterei zu. Auch fand sich Friedlich veranlaßt, dem Feldmaischall Daun den wahren Erfolg der Zorndorfer Schlacht zu melden. Ihm war nämlich ein Brief des Letzteren an Fermor in die Hände gefallen, worin dem russischen Heerführer gerathen ward, er möge keine Schlacht wagen mit einem listigen Feinde, den er noch nicht kenne; er möge nur zögern, bis Daun's Unternehmen auf Sachsen zu Ende gebracht sei. Friedrich schrieb nun zurück: »Sie haben Recht gehabt, dem General Fermor zu rathen, daß er vor einem feinen und listigen Feinde, den Sie besser kenneten, auf seiner Hut sei. Denn er hat Stich gehalten und ist geschlagen worden.«

Unter den Gefangenen befanden sich fünf russische Generale. Als diese, noch auf dem Schlachtfelde, dem Könige vorgestellt wurden, so bedeutete er sie, wie er bedaure, daß er kein Sibirien habe, wohin er sie schicken könne, damit sie für ihre barbarische Weise der Kriegführung bestraft und ebenso behandelt würden, wie in Rußland die preußischen Offiziere. Sie fanden darauf ihre Wohnungen in den gewölbten Kellern unter den Wällen Cüstrins. Als sie dort hingeführt wurden und gegen einen solchen unziemlichen Aufenthalt protestirten, erwiederte ihnen der Commandant, mit Rückficht auf die Erklärung des Königs: »Sie haben, meine Herren, nicht mir, sondern der armen Stadt die Ehre angethan, sie zu beschießen, und sich selbst kein Haus übrig gelassen; Sie müssen für jetzt so vorlieb nehmen!« Indeß gestattete Friedrich schon nach einigen Tagen, daß die russischen Generale ihre Keller verlassen und sich in der nicht abgebrannten Neustadt von Cüstrin Wohnungen miethen durften. Ja, als darauf die Nachricht von einer mildern Behandlung der Preußen in Petersburg kam, so erlaubte er ihnen, nach Berlin zu gehen und selbst an den dortigen Hoffesten Theil zu nehmen, Damals waren es Gefangene fast aus allen europäischen Nationen, welche an den Hoftagen zu Berlin der Königin ihre Aufwartung machten. Die preußische und die russische Armee hatten indeß noch einige Tage unthätig einander gegenüber gestanden, bis am 1. September Fermor sich auf Landsberg zurückzog, Friedrich folgte ihm, sah sich indeß schon am 2. September genöthigt, mit einem Theil seiner Armee nach Sachsen aufzubrechen, wohin ihn neue Noth der Seinen berief. Ein Corps von 16 000 Mann blieb zur Beobachtung der Russen zurück, Fermor rückte nun in Pommern ein und zog jene Abtheilung seiner Truppen, die in Gemeinschaft mit den Schweden hatte operiren sollen, wieder an sich; dann sandte er ein anderes Corps nach dem Ufer der Ostsee, Colberg zu belagern. Die Besatzung dieser Festung war sehr schwach, aber Landmilizen und die gesammte Bürgerschaft nahmen mit aufopfernder Beharrlichkeit Theil an der Verteidigung; ein mehrfach wiederholtes Bombardement blieb fruchtlos, und selbst ein Sturmangriff, nachdem die Russen bereits in den bedeckten Weg eingedrungen waren, wurde glücklich abgeschlagen. Endlich, am Ende October, wurde die Belagerung aufgehoben, und die gesammte russische Armee zog sich, jenseit der Weichsel, in ihre Winterquartiere. – Den Fortschritten der Schweden war nach der Schlacht von Zorndorf durch ein besondres preußisches Corps Einhalt gethan.

 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.