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Friedrich der Große

Franz Kugler: Friedrich der Große - Kapitel 29
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authorFranz Kugler
titleFriedrich der Große
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Neunundzwanzigstes Capitel.

Beginn des Feldzuges von 1758. Der Zug nach Mähren

Wohl durfte Friedrich hoffen, daß nach einem Jahre so blutiger Arbeit, nach dem gewaltigen Schlage, mit dem er alle Rachepläne Oesterreichs vernichtet, Maria Theresia zum Frieden geneigt sein dürfte. In der That schien sich eine solche Gesinnung von Seiten des kaiserlichen Hofes zu erkennen zu geben. Die Schriften der kaiserlichen Kanzlei und des Reichshofrathes, die immer noch ihren Gang fortgingen, milderten in Etwas ihren beleidigenden, selbst unanständigen Ton. Auch beeiferte sich Graf Kaunitz, Friedrich von einer Verschwörung zu benachrichtigen, die gegen sein Leben angezettelt sei. Friedrich hielt dies für eine bloße Erfindung; doch ließ er seinen Dank für die Nachricht zurückschreiben, dabei aber auch hinzusetzen: es gebe zwei Arten des Meuchelmordes – die eine durch den Dolch, die andere durch entehrende Schandschriften; die erste Art achte er wenig, gegen die zweite sei er jedoch empfindlicher. Indeß säumte er nicht, soviel an ihm lag, für den Frieden zu arbeiten. Er sandte den kriegsgefangenen Fürsten Lobkowitz nach Wien, dort die Unterhandlungen einzuleiten; er schrieb selbst in dieser Angelegenheit an die Kaiserin. »Ohne die Schlacht vom 18. Juni (so heißt es in diesem Briefe), in der mir das Glück zuwider war, würde ich vielleicht Gelegenheit gehabt haben, Ihnen meine Aufwartung zumachen: vielleicht hätte, wider meine Natur, Ihre Schönheit und Ihr hoher Sinn den Sieger überwunden; vielleicht hätten wir ein Mittel gefunden, uns zu vergleichen. – – Sie hatten zwar einigen Vortheil in Schlesien; aber diese Ehre war nicht von langer Dauer, und die letzte Schlacht ist mir, wegen des vielen Blutes, welches dabei vergossen ward, noch schrecklich. Ich habe mir meinen Vortheil zu Nutze gemacht – – und ich werde im Stande sein, wieder in Böhmen und Mähren einzurücken. Ueberlegen Sie dies, meine theure Cousine; lernen Sie einsehen, wem sie sich vertrauen! Sie werden sehen, daß Sie Ihre Lande in's Verderben stürzen, daß Sie an der Vergießung so vieles Blutes Schuld sind, und daß Sie denjenigen nicht überwinden können, der, wenn Sie ihn hätten zum Freunde haben wollen, sowie er Ihr naher Verwandter ist, mit Ihnen die ganze Welt hätte können zittern machen. Ich schreibe dieses aus dem Innersten meines Herzens, und ich wünsche, daß es den Eindruck machen möge, den ich verlange. Wollen Sie aber die Sache aus das Aeußerste treiben, so werde ich Alles versuchen, was mir nur meine Kräfte verstatten. Indeß versichere ich Ihnen, daß ich ungern in Ihnen eine Fürstin untergehen sehe, welche die Bewunderung der ganzen Welt verdient. Wenn Ihre Bundesgenossen Ihnen so beistehen, wie es ihre Schuldigkeit ist, sehe ich freilich voraus, daß es um mich gethan sein wird. Doch werde ich keine Schande davon haben; vielmehr wird es mir in der Geschichte zum Ruhme gereichen, daß ich einen Mit-Kurfürsten (Hannover) von der Unterdrückung habe erretten wollen, daß ich zur Vergrößerung der Macht des Hauses Bourbon nichts beigetragen, und daß ich zweien Kaiserinnen und dreien Königen Widerstand zu leisten wußte.« – Ueberzeugender konnte man freilich nicht sprechen.

In Wien aber hatte man sorgfältige Vorkehrungen getroffen, daß Maria Theresia weder von dem Elend und Jammer des Krieges, noch von der Schmach, die der österreichischen Armee am 5. December widerfahren war, genügende Kunde erhielt. Man ging so weit, daß man selbst alle Ereignisse des Tages von Leuthen in's Mährchenhafte verkehrte, um nur die Niederlage gebührend entschuldigen zu können. Und als nun auch die französische Politik mit angelegentlicher Geschäftigkeit eintrat, um jeden Gedanken an einen friedlichen Vergleich zu hintertreiben, da loderte alsbald der ganze alte Haß und das alte Rachebegehren in Maria Theresia empor. Die Unterhandlung des Fürsten Lobkowitz wurde mit einem Stolze abgewiesen, daß man hätte glauben sollen, nicht die mächtige österreichische Armee, sondern der König von Preußen sei bei Leuthen geschlagen worden. Die Verbindung Oesterreichs mit Frankreich und Rußland ward im Gegentheil enger geschlossen als bisher. Frankreich versprach erneute Rüstungen und fernere Subsidien an Rußland. Die russische Kaiserin aber suchte den Rückzug ihres Heeres aus Preußen, der in ihrer Krankheit wider ihren Willen geschehen war, dadurch gut zu machen, daß sie schleunig einen zweiten Einmarsch dieses Heeres in Preußen anordnete. Friedrich, der eben erst die Winterquartiere bezogen hatte, konnte dies nicht verhindern. Am 16. Januar bereits brach die russische Armee unter dem Feldmarschall Fermor von Memel auf und zog, da sie keinen Widerstand fand, sechs Tage darauf unter großer Feierlichkeit in Königsberg ein. Die Stadt mußte der russischen Kaiserin an Friedrich's Geburtstage huldigen, die öffentlichen Einnahmen wurden mit Beschlag belegt, die Verwaltung wurde durch russische Vorgesetzte geleitet und ganz Ostpreußen als eine russische Provinz betrachtet. Fermor wurde zum Generalgouverneur ernannt und erhielt vom Kaiser die Würde eines Reichsgrafen.

Dagegen ward nun auch die Verbindung Friedrich's mit England um so fester geknüpft. William Pitt, der englische Staatssecretair, der jetzt an der Spitze des dortigen Ministeriums stand und Friedrich's Größe mit Hellem Auge erkannt hatte, nutzte die günstige Stimmung des Volkes und des Parlaments, so daß am 11. April 1758 ein neuer Alliance- und Subsidien-Tractat zu Stande kam, durch welchen England sich verpflichtete, die hannoversche Armee durch englische Truppen zu verstärken und an Friedrich jährlich eine Summe von 670 000 Pfund Sterling als Hülfsgelder zu zahlen. Friedrich sandte dafür einige preußische Regimenter zur Verstärkung der hannoverschen Armee. Hülfsgelder von einer fremden Nation anzunehmen, stimmte freilich nicht ganz mit seiner hochherzigen Gesinnung überein; er hätte lieber eine englische Flotte in der Ostsee zu seinem Beistande gesehen. Dies lehnten die Engländer jedoch ab; und da sich jetzt das Herzogthum Preußen und die westphälischen Provinzen in den Händen der Feinde befanden, so war Friedrich durch die unerbittliche Nothwendigkeit dazu gezwungen; ja, er mußte sogar, um den dringenden Bedürfnissen zu begegnen, noch auf eine weitere Vermehrung jener Summe denken und sie in zehn Millionen Thaler von geringerem Gehalt umprägen lassen. Denn wenn auch Sachsen starke Contributionen zahlte, wenn Mecklenburg– dessen Herzog sich besonders feindlich erwiesen und vor allen deutschen Fürsten auf die Achtserklärung gedrungen hatte – noch härter büßen mußte: so reichte das Alles doch nicht hin, um alle diejenigen Zurüstungen fortzusetzen, welche die Uebermacht der Feinde nöthig machte.

Friedrich war den Winter über, den er zumeist in Breslau zubrachte, damit beschäftigt, sein Heer wieder in den früheren Stand zu setzen. Die großen Schlachten des vorigen Jahres, die beschwerlichen Märsche, pestartige Krankheiten in den Lazarethen hatten es auf den dritten Theil seines ursprünglichen Bestandes zurückgebracht. Jetzt sorgte man mit allen Kräften, es wieder vollzählig und die Schaaren der Neugeworbenen mit allen Regeln des preußischen Dienstes vertraut zu machen. Dabei ward auch die Ordnung der schlesischen Angelegenheiten nicht vergessen. Ueber Diejenigen, die sich bei dem Einmarsch der Oesterreicher treulos gezeigt, ward strenge Untersuchung verhängt und das Vermögen der Entwichenen eingezogen. Auch die Einkünfte des Fürstbischofes, Grafen Schaffgotsch, der über die Grenze gegangen war, aber beim Wiener Hofe, seines ehrlosen Betragens halber, kein Gehör fand, wurden mit Beschlag belegt.

Während die preußischen Soldaten noch von den Beschwerden des vorjährigen Feldzuges rasteten und die Rekruten eingeübt wurden, begann der Herzog Ferdinand von Braunschweig, an der Spitze der hannoverschen und verbündeten Truppen, bereits den Kampf gegen die Franzosen. Schon im Februar brach er aus seinen Winterquartieren auf, befreite Hannover und trieb die ganze große französische Armee vor sich her. Ohne Rast und Aufenthalt floh diese über die beschneiten Fluren Westfalens bis an den Rhein zurück und machte erst in Wesel Halt; 11 000 Feinde fielen in Ferdinands Hände. Hier gönnte der Sieger seinen Truppen Rast und wartete die Verstärkung aus England ab. Durch dies glänzende Unternehmen ward Friedrich von allen französischen Angriffen befreit; auch die folgenden Ereignisse hielten sie von seinen Grenzen ab. Am 1. Juni ging Ferdinand über den Rhein und schlug die verstärkte französische Armee am 23. bei Krefeld. Nach weiteren glücklichen Erfolgen ward er zwar, als Goubise mit seiner Armee in Hessen eindrang, zum Rückzüge genöthigt; aber die Art und Weise, wie er den Uebergang über den Rhein bewerkstelligte, brachte ihm nur neuen Ruhm. Zweimal siegte Goubise's Armee über vereinzelte Corps der Verbündeten, ohne doch einen wesentlichen Vortheil für Frankreich zu gewinnen. Ferdinand's Märsche und Stellungen verhinderten vielmehr jede Verbindung der beiden französischen Armeen und nöthigten sie, gegen das Ende des Jahres ihre Winterquartiere am Rhein zu nehmen; Goubise blieb diesseit des Stromes; die große Armee suchte ihre Quartiere zwischen Rhein und Maas.

Friedrich hatte indeß den Plan gefaßt, den diesjährigen Feldzug wiederum nach seiner gewohnten Weise zu beginnen. Statt den Angriff oder gar die Verbindung der feindlichen Heere abzuwarten, gedachte er, sich schnell und unvermuthet dem Einen entgegenzuwerfen, damit er, wenn er diesen zurückgedrängt, sodann auch zur Bekämpfung des Andern freie Hand behalte. Die Russen hatte er zwar an der Besetzung Preußens nicht hindern können; aber dies Land war durch Polen von seinen übrigen Provinzen getrennt, und er konnte berechnen, daß die russische Armee ohne geregelte Verpflegungs-Anstalten, somit unbehülflich in ihren Bewegungen, nicht im Stande sein würde, vor dem Beginn des Sommers zu weiteren Angriffen zu schreiten. So entschloß er sich, seine Kräfte zunächst gegen Oesterreich zu wenden. Hier durfte er um so eher auf günstige Erfolge rechnen, als die österreichische Armee, durch die Verluste des vorigen Jahres und durch die Lazareth-Krankheiten geschwächt, nicht ohne große Mühe und zeitraubende Anstrengungen wiederherzustellen war.

Zunächst war es nöthig, die Oesterreicher von dem Einen Punkte, den sie noch in Schlesien inne hatten, – von Schweidnitz zu vertreiben. Sowie es die Jahreszeit erlaubte, am 1. April, wurde die förmliche Belagerung eröffnet, und am 18. April streckte die Besatzung, ein Corps von 5000 Mann, das Gewehr, nachdem eins der Forts, welche Schweidnitz umgaben, durch nächtlichen Sturm genommen war.

Jetzt erwartete die österreichische Armee, die in Böhmen stand, Friedrich's Einmarsch in dieses Land. Feldmarschall Daun führte den alleinigen Oberbefehl über die Oesterreicher; Maria Theresia hatte zwar den Prinzen von Lothringen wieder an dieser Stelle zu sehen gewünscht; allein der Prinz hatte der im Uebrigen höchst ungünstigen Stimmung, der er wegen der erlittenen Verluste ausgesetzt war, nachgegeben und das Heer verlassen. Daun's Rüstungen waren noch auf keine Weise vollendet; dieser Umstand, sowie die übergroße Vorsicht, die alle seine Handlungen charakterisirt, veranlaßte ihn, die gewaltigsten Verschanzungen an den böhmischen Grenzen auszuführen. Ganze Wälder wurden niedergeschlagen, das Holz zu der ungeheuern Menge von Verhauen zu gewinnen. Friedrich that Alles, um den Gegner in seiner vorgefaßten Meinung zu bestärken. Indeß aber hatte er ganz in der Stille die Vorbereitungen zu einem andern Unternehmen getroffen. Mit dem Beginn des Mai, ehe es Jemand ahnen konnte, stand seine Armee in Mähren und machte sich zur Belagerung von Olmütz bereit. Es lag ihm zunächst daran, die Uebereinstimmung zwischen den Operationen der Oesterreicher und ihrer Verbündeten und den hienach entworfenen Feldzugsplan soviel als möglich zu beeinträchtigen.

So schnell aber die preußische Armee in Mähren eingerückt war, so langsam folgte der schwere Train, der das Belagerungsgeschütz herbeiführte. Unterdeß hatte Daun Zeit gewonnen, dem Könige nach Mähren zu folgen und eine drohende Stellung einzunehmen. Doch begnügte er sich, das kleinere preußische Heer von seinen leichten Truppen umschwärmen zu lassen, einen entschiednen Erfolg von günstigeren Umständen abwartend. Indeß wurde die Belagerung rüstig begonnen. Aber hiebei wurden jetzt von den leitenden Offizieren manche Fehler gemacht; die ersten Batterien wurden in einer Entfernung von den feindlichen Werken aufgeführt, daß man eine große Menge von Kugeln ganz ohne Erfolg verschoß; und als man näher gerückt war, konnte man, bevor eine neue Zufuhr eingetroffen war, täglich nur eine geringe Anzahl von Schüssen thun, so daß die Belagerten Zeit gewannen, allen Schaden fort und fort wieder auszubessern. Ueberdies reichte die preußische Armee nicht hin, die Stadt vollkommen zu umschließen, so daß diese in Verbindung mit Daun's Armee blieb und sogar eine Verstärkung in sich aufnehmen konnte. Alle Hoffnung eines günstigen Erfolges beruhte nun auf einem großen Transport, welcher der preußischen Armee von Schlesien aus die nöthigen Kriegsbedürfnisse zuführen sollte. Die Bedeckung desselben zu verstärken, wurde ihm Zieten mit seinem Corps entgegengesandt. Aber diesmal hatte Daun in der That die trefflichsten Maßregeln zum Verderben des Feindes ergriffen. Ein bedeutend überlegenes Corps griff den Transport in den Gebirgspässen von allen Seiten an. Man feuerte mit Kanonen auf die Wagenburg, welche die Preußen in Eile bildeten, man sprengte die Pulverwagen in die Luft, schoß die Pferde todt, und bald war Alles in der schrecklichsten Verwirrung. Die schützenden Truppen mußten der Uebermacht weichen. Es war eine bedeutende Anzahl junger Rekruten aus Pommern und aus der Mark bei dem Transport gewesen; wenige von diesen wurden gefangen, die übrigen deckten mit ihren Leibern die Wahlstatt. Zieten war genöthigt, sich, unter fortwährenden Gefechten, nach der schlesischen Grenze zurückzuziehen. Nur ein kleiner Theil der Wagen kam bei der preußischen Armee an.

Jetzt blieb Friedrich nichts übrig, als das ganze Unternehmen aufzugeben und seine Armee aus Mähren zurückzuziehen. Doch waren auf diesem Rückzuge die größten Schwierigkeiten zu erwarten. Darum berief Friedrich die sämmtlichen höheren Offiziere zu sich in das Hauptquartier und sprach seinen Entschluß mit folgenden Worten aus: »Messieurs! Der Feind hat Gelegenheit gefunden, den aus Schlesien angekommenen Transport zu vernichten. Durch diesen widerwärtigen Umstand bin ich genöthigt, die Belagerung von Olmütz aufzuheben. Die Herren Offiziere dürfen aber nicht denken, daß deshalb Alles verloren ist. Nein! Sie können versichert sein, daß Alles reparirt werden soll, daß der Feind daran denken wird. Die Offiziere müssen allen Burschen Muth zusprechen und es nicht leiden, wenn etwa gemurrt werden sollte. Ich besorge nicht, daß Offiziere selbst sich verzagt bezeigen werden; sollt' ich, wider Vermuthen, dies bei Einem oder dem Andern bemerken, so werd' ich's auf das Schärfste ahnden. Ich werde jetzt marschiren, und wo ich den Feind finde, ihn schlagen, er mag postirt sein, wo er will, eine oder mehrere Batterien vor sich haben, – doch« – hier hielt der König ein und rieb sich mit der Krücke seines spanischen Rohres die Stirn – »doch werd' ich's nie ohne Raison und Ueberlegung thun. Ich bin aber auch versichert, daß jeder Offizier bei vorfallender Gelegenheit, und jeder Gemeine ebenfalls, seine Schuldigkeit thun wird, sowie sie's bisher gethan haben.«

In der That hatten sich jetzt wiederum die Verhältnisse auf eine Weise gestaltet, daß es der freiesten, besonnensten Ueberlegung und des standhaftesten Muthes bedurfte, um ohne Gefährde daraus hervorzugehen. Aber, wenn man die Thaten des großen Königs betrachtet, so findet man, daß er nirgends bewunderungswürdiger erscheint, als wenn die Gefahren sich zu häufen beginnen und nach gewöhnlicher Berechnung der Untergang unvermeidlich erscheint. In diesen Fällen erhöhte sich die Spannkraft seines Geistes zu einem Grade, der eben außerhalb der Sphäre aller gewöhnlichen Berechnung lag. Jetzt sollte er mit einer kleinen Armee, deren Marsch durch die Masse des Belagerungsgeschützes und durch einen Zug von 4000 Wagen im höchsten Maße erschwert ward, aus dem Innern eines Landes zurückkehren, dessen Zugänge von bedeutend überlegenen Schaaren besetzt und dessen Bewohner von feindseliger Stimmung erfüllt waren. Alle Welt war auf die Lösung dieses schwierigen Räthsels gespannt. Aber Friedrich hatte schon die zweckmäßigsten Anordnungen getroffen. Daun vermuthete, daß er auf dem kürzesten Wege, unmittelbar nach Schlesien, zurückkehren werde, und Friedrich ließ es sich angelegen sein, den vorsichtigen Gegner auf's Neue in seiner vorgefaßten Meinung zu täuschen. So fertigte er einen Feldjäger an den Commandanten von Neisse ab, mit dem schriftlichen Befehl, Brod und Futter zur Ankunft der Armee in Bereitschaft zu halten. Der Feldjäger spielte seine Rolle so geschickt, daß er dem Feinde, der keine Kriegslist vermuthete, in die Hände fiel und sich seiner scheinbar so wichtigen Depesche berauben ließ. Nun hatte Daun nichts Eiligeres zu thun, als alle Wege und Pässe nach Schlesien zu besetzen. Friedrich aber gewann hiedurch einige Tage Vorsprung, um den Marsch nach der fast entgegengesetzten Richtung, nach Böhmen, anzutreten. Erst als er sich hintergangen sah, eilte Daun ihm nach. In den Pässen des mährischen Gebirges suchten nun die leichten Truppen der österreichischen Armee den Marsch der preußischen Colonnen aufzuhalten: aber siegreich wurden alle Angriffe solcher Art, trotz der mannigfachsten Schwierigkeiten, zurückgeschlagen. Friedrich erreichte Böhmen und nahm sein Lager bei Königingrätz (am 12. Juli), ohne irgend einen erheblichen Verlust erlitten zu haben und ohne daß Daun, auch unter diesen Umständen, eine Hauptschlacht gewagt hätte; von hier sandte Friedrich den beschwerlichen Belagerungstrain nach Glatz. Gern hätte er nunmehr, nachdem sein Heer gerastet und sich gestärkt hatte, die ganze Expedition mit einer ernstlichen Schlacht beschlossen; allein Daun hütete sich weislich, die feste Stellung, die er den Preußen gegenüber eingenommen hatte, zu verlassen. So kehrte Friedrich im Anfang August nach Schlesien zurück, von aller Welt über einen Rückzug bewundert, den man nur mit dem Rückzuge der zehntausend Griechen unter Kenophon zu vergleichen wußte. Der kaiserliche Hof aber weihte seinem Feldmarschall, der dem glücklichen Rückzuge der Preußen in bescheidener Ruhe zugesehen, eine Denkmünze, die ihm den Ehrennamen des »deutschen Fabius Maximus« gab, und auf der die Worte standen: »Du hast durch Zaudern gesiegt; fahre fort, durch Zaudern zu siegen!«

Vielleicht während dieses Rückzuges war es, daß Friedrich durch rasche Geistesgegenwart einer persönlich drohenden Gefahr entging. Er war mit kleinem Gefolge zum Recognosciren ausgeritten; in einem Gebüsche lagen Panduren, die ihre Schüsse auf die kleine Schaar richteten. Friedrich hatte dies nicht beachtet, als ihm plötzlich ein Feldjäger zurief, daß in der Nähe, hinter einem Baume versteckt, ein Pandur auf ihn anlege. Friedrich sah sich um, erblickte den zielenden Panduren, hob den Stock – den er stets, auch zu Pferde trug – in die Höhe und rief ihm mit drohender Stimme zu: »Du! du!« Der Pandur aber nahm erschrocken sein Gewehr vor den Fuß, entblößte sein Haupt und blieb in ehrerbietiger Stellung stehen, bis der König vorübergeritten war. –

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