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Friedli, der Kolderi

Carl Spitteler: Friedli, der Kolderi - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleFriedli, der Kolderi
pages31-70
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Der Friedli sah ihn gierig an und rief hitzig: «Meinst, er gibt mir sechzehn Fränkli?»

«He, du Narr, wenn doch einer für einen einfachen Kratten Erdbeeren ein Goldstück zahlt, meinst du darin, es komme ihm auf Hunderte oder Tausende an, wenn es ihm ans Leben geht?»

«Weiß Gott, du hast recht. Und was er mir mehr gibt als sechzehn Fränkli, das bekommst du für den guten Rat. Bleibst da, bis ich wieder zurückkomme?»

«Nein, ich muß heim, melken; es ist die höchste Zeit; der Sonne nach ist es schon mehr als sechs. Aber ich warte dir nachher am gleichen Ort. Oder wenn du etwa früher zurück bist, so warte du mir. Aber du darfst dich jetzt nicht versäumen, sonst liegt er dir unten im Krachen, bevor du zu ihm kommst.»

Der Ueli ging heim, melken; und da ihm der Hansjörg befahl, eine Heugabel zu feilen, mußte er bleiben, bis es dunkelte.

Darauf tat er, als ob er schlafen wollte, holte sein Geldbeutelchen aus der Matratze hervor und schlich dann hinter dem Hause nach dem Wald und dort durch das Gesträuch, am Waldsaum gegen das Bödeli hinauf.

Halbwegs, auf einem Gupf, unmittelbar am Walde, sah er das Mareili stehen; das guckte nach der Wettertanne hinauf und hielt den Arm über die Stirn, wegen der Blendung.

«Es macht schön diesen Abend, Mareili», meinte der Ueli dicht hinter ihr, so daß sie nicht Zeit fand, in den Wald zu schlüpfen.

Das Mareili schreckte zusammen, faßte sich jedoch gleich und antwortete gleichgültig, ohne sich umzuschauen: «Ja, es macht nicht so heiß wie um Mittag.»

«Wie ist es gegangen heute beim Heuet?»

«He, es könnte besser sein.»

«Was tust du da oben? Spazierst ein wenig.?»

«Maien such' ich, für das Kind.»

«Ich glaube, das Kind ist einen Kopf größer als ich und hat einen Nacken wie ein Stier und einen feinen, blonden Bartflaum neben den Ohren. Aber gelt, den Maien, den er dir genommen hat, wenn du den wieder bekommen könntest, so gäbest du auch viel darum?»

Das Mareili zog die Schürze über die Augen und duckte sich in den Wald.

Als er auf dem Bödeli anlangte, war der Friedli noch nicht zurück. «Wenn er mir nicht selber gesagt hätte, er komme wieder, so würde ich fast glauben, er käme überhaupt nicht», murmelte er vor sich hin.

Gelangweilt ging er ihm ein wenig entgegen, erst nur ein paar Schritte, dann noch ein paar und noch ein paar, bis an die Kante, zum Taubenloch. Aber von der Sonne wurde ihm so rot vor den Augen, daß er je länger, desto weniger sehen konnte. Deshalb kehrte er um und ging langsam wieder ein paar Schritte zurück; denn auf diese Weise vermochte er doch wenigstens das Bödeli zu übersehen wie am hellen Tage.

Nachdem die Sonne schon ganz hinter dem Taubenloch verschwunden war, hörte er oben auf dem Felsen das Holz knacken, wie wenn ein großes Tier flüchtete.

«Friedli, bist du's?» rief er vertraulich.

«Wo steckst, Ueli?»

«Gerade unten an den Flühen. Komm nur herab, es ist gleich wo, ich finde dich schon. Wenn ich dich nicht sehe, so höre ich dich.»

Bald darauf sprang der Friedli mit einigen verwegenen Sätzen von den Blöcken in die Kluft, von der Kluft in das Gestrüpp und von da rutschend auf das Bödeli.

«Da lueg, Ueli», schrie er wütend, «was ist das?»

«Kehr dich doch zuerst um; ich kann ja vor der Sonnenröte nichts sehen.»

«Und jetzt? das? was ist das?»

«He, ein Zweibätzner ist das.»

«Den hat mir der Fremde geschenkt, für den Taglohn», brüllte der Friedli keuchend vor Grimm.

«Ein Zweibätzner», urteilte der Ueli bedenklich, «ein Zweibätzner, um einem den Weg zu weisen, abends um halb sieben, über das Taubenloch, das ist nicht viel. Da hätte ich mein Geldsäckli ebensogut daheim lassen können.»

«Was den Weg weisen?» schnaubte der Friedli, «es handelt sich nicht darum, den Weg zu weisen. Tragen habe ich ihn müssen, tragen wie ein Kind, über die ganze Wand, so hat er mit den Knien geschlottert. Und unten, auf dem schönsten, saubersten, manierlichsten Weg, fährt mir der Chaib, weiß Gott, zusammenfüßlings über eine Platte hinaus; und wenn ich ihn nicht am Arm gepackt hätte, so könnte man ihn morgen früh unten im Graben mit Schaufeln zusammenlegen.»

«Warum hast du ihm denn nicht gesagt, als du ihn gepackt hattest: Gibst mir die sechzehn Fränkli oder ich laß dich platschen?»

Kleinlaut und beschämt antwortete der Friedli: «Es ist mir halt in der Geschwindigkeit nicht in den Sinn gekommen, als er so über dem Abgrund hing und vor Angst schnappte wie ein Fischli an der Angel. – Und später war mir's wieder, jetzt sei's zu spät und es schicke sich nicht, ihm die Rechnung zu machen, als wüßte er nicht von selber, was sich gehört.»

«So bist du halt einfach selber schuld. Man darf mit den Fremden nicht so zimperlich tun; sie meinen ja ohnehin schon, es sei eine Ehre, wenn man sie nur anrühren dürfe. Aber ein räudiger Geizkragen bleibt er dennoch, trotz alledem. Ein einfältiger Zweibätzner! nachdem man ihn über die ganze Wand hat tragen müssen! Wenn ich ja mit einer Brente Milch übers Taubenloch muß, bekomme ich fünf Batzen dafür.»

«Ich wollte von allem gar nicht reden. Aber die Art, wie er mir's gegeben hat! ‹Da nehm' Er›, hat er gesagt und mir den Bätzner so rückwärts in die Hand gedrückt wie ein Almosen. Begreifst du? ‹Er›, das war ich gemeint. Und nicht einmal ‹gute Nacht› oder ‹vergelt's Gott›, sondern nichts als ‹nehm' Er›, durch die Nase, wie der Schulmeister in der Kirche. Es ist mir nur nicht sogleich deutlich geworden. Erst hintendrein, als er schon fort war, hat mir's in den Ohren geklungen, wie er's sagte. Sonst hätte ich ihm eine andere ‹gute Nacht› mit auf den Weg gegeben. – Aber das kannst du dir leicht einbilden: unten auf dem Flückiger Mättli hab' ich ihn stehenlassen, er kann jetzt selber luegen, ob er einen andern Narren findet, der ihn für einen Zweibätzner in der Nacht nach dem Kurhaus begleitet.»

«Auf dem Flückiger Mättli, Friedli, das ist nicht gut. Er könnte in der Dunkelheit den Krachen hinunterrutschen, dem Wasserfall zu.»

«Wenn er in den Wasserfall serbelt, so ist das seine eigene Schuld. Ich habe ihm so deutlich wie etwas gesagt, er solle links halten.»

«Links oder nicht links, deutlich oder nicht deutlich: ein Fremder, lueg, das ist wie ein Kind, man darf ihn nie allein lassen.»

«So sollen sie daheim bleiben, wenn sie nicht einmal rechts und links verstehen.»

«Ich habe nichts dagegen, ich habe sie nicht gerufen, und ich brauche sie auch nicht. Meine Meinung ist einfach die: wenn er jetzt mit zerbrochenen Gliedern unten im Wasser weißget, so hat ihn die ganze Gemeinde auf dem Gewissen!»

«Meinst, sie habe ihn auf dem Gewissen?»

«Wer sonst? Der Papst nicht. Und eine Schande wäre es dazu, für den ganzen Kanton, wenn es am nächsten Schützenfest hieße, es wäre ein Fremder in unserer Gegend umgekommen wie ein Hund, der niemand gehört, bloß weil man ihm nicht einmal den Weg gezeigt hat, in der Dunkelheit, mitten auf dem Flückiger Mättli.»

«Kommst mit?»

«Denk' wohl. Hoffentlich. Hilft man doch einem einfältigen Tierli, wenn es sich verstiegen hat, geschweige denn einem Menschen. Ohnehin ist es gescheiter, man sei bei dir. Du bist ein Kolderi, das weißt du ja am besten selber. Ich muß nur noch zuerst das Gitter zusperren, damit mir die Ware nicht über die Felsen hinunterzottelt. In gegenwärtigen Zeiten gibt es Stieren und Gusti, sie sind fast so dumm wie ein Mensch.»

Mit diesen Worten verschwand der Ueli in der Dämmerung.

Kaum war er fort, so hörte der Friedli ein Schluchzen hinter sich, und das Mareili zupfte ihn furchtsam am Ärmel.

«Komm heim, Friedli», mahnte sie. «Der Vater läßt dir sagen, es tu' ihm leid. Du sollest nur wiederkommen und tun, als wenn nichts gewesen wäre. Es gäbe ja dann schon wieder einmal eine Gelegenheit, daß man's wieder gutmachen könne.»

Während ihrer Rede zerrte sie ihn ruckweise bald an dem einen, bald an dem andern Arm, um ihn wegzuziehen.

Der Friedli ließ es geduldig geschehen, mit Brust und Leib nachgebend, so daß sie ihn links und rechts drehte, wie wenn er mähen wollte. Aber mit den Schenkeln hielt er stand, und mit den Füßen wich er keinen Zoll vom Platze.

«Ist's etwa wegen der verschimpfierten Bettdecke?» flüsterte das Mareili. «Gelt, es ist wegen der verschimpfierten Bettdecke? Aber wegen der Bettdecke braucht sich nichts. Ich habe meine dafür hingelegt und deine statt meiner, so daß es der Vater nicht gemerkt hat.»

Jetzt ließ sich der Friedli zaudernd wegführen, wurde indessen nach einigen Schritten plötzlich wieder störrisch.

«Ich muß erst etwas mit dem Ueli reden; ich habe ihm's versprochen.»

«Aber nachher, nachher kommst du?»

Und schon zufrieden, daß er nicht widersprach, bettelte sie dringend: «Darf ich das Fenster für dich offen lassen?»

Ausweichend brummte der Friedli: «Mach, daß du fortkommst! Schämen solltest du dich, eine Meisterstochter, und nachts spät um neun Uhr den Knechten im Wald nachzulaufen.»

Diese Beschämung scheuchte sie in die Flucht. Im Abgehen rief sie ihm nochmals gedämpft zu: «Ich lasse dann also, wie gesagt, das Fenster offen ...»

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