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Friedli, der Kolderi

Carl Spitteler: Friedli, der Kolderi - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleFriedli, der Kolderi
pages31-70
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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«Bst!» flüsterte der Friedli und stieß den Ueli mit dem Ellbogen, «lueg!»

Von jenseits tauchte über die Paßhöhe ein Alpenstock auf, hernach ein Hut und ein Gesicht und allmählich das übrige. Vor der blendenden Sonnenglut konnte man erst recht unterscheiden, was es war, als er stille stand und sich seitwärts drehte.

«Das ist bei Gott der Fremde, der dem Providenza das Goldstück gezeigt hat», raunte der Ueli. «Wahrscheinlich ist es nicht das einzige.»

«Und ein kostbares Uhrgehenk hat er auch.»

«Und die Nadel im Halstuch ist gewiß auch nicht von Glas.»

«Was will der wohl?»

«Wahrscheinlich über die Hochweid ins Kurhaus hinunter. Da hätte er aber bei der Krutalp den Weg über den Bach nehmen müssen, statt links übers Riet. Es geht diesen Sommer von Fremden über die Hochweid wie eine Narrenfuhr. Einer verrückter als der andere, rot und grün und gescheckt, wie die Fastnacht. Mich nimmt nur in der Seele wunder, was sie dort oben zu sehen haben.»

«Vor lauter Fressen und Saufen und Nichtstun wissen sie halt zuletzt nicht mehr, was anfangen!»

Der Fremde kehrte sich mehrmals unschlüssig um, tat in verschiedener Richtung einige Schritte, lehnte den Alpenstock an die Schulter und zog eine Landkarte hervor, die er eifrig studierte, hin und wieder aufblickend und über Tal und Ebene die weißen Berge ins Auge fassend.

Der Friedli verzog spöttisch das Gesicht: «Dem wird sein Kärtli auch nicht viel helfen! Es ist ja gar kein Weg von hier nach dem Kurhaus; man muß entweder über die Matten und die Felsen oder wieder zurück auf die Krutalp.»

«Wenn jetzt einer käme und ihn wiese, so hätte er auch einen schönen Batzen zum Taglohn! Friedli, du hast Weile und nichts zu tun; an deinem Platze ging' ich.»

«Erst müßte mich einer wenigstens darum fragen. Das Herrenpack ist ohnehin stolz genug; man muß sie nicht noch eigens dazu verwöhnen.»

«Du redest nicht gescheiter als ein unvernünftiges Tier. Zuerst, bevor er dich fragen könnte, müßte er dich doch jedenfalls erst sehen. Das Stadtvolk ist ja gar blind; am hellen Tage müssen sie die Brille aufsetzen wie ein altes Weib, wenn sie auf hundert Schritt eine Kuh von einem Stier unterscheiden wollen. Du mußt ihm halt Zeichen machen; begreife.»

Und ohne Friedlis Antwort abzuwarten, hüstelte er ein wenig und schneuzte die Nase.

Der Fremde blickte rasch auf wie ein lauschender Hase, spähte steif nach der Richtung, von wo der Ton gekommen war, klemmte ein Glas vor das Auge und winkte mit nachlässiger, stolzer Handbewegung.

Die beiden Knechte hatten sich unwillkürlich zurückgezogen, als der Fremde gegen sie blickte; aber sobald er winkte, faßten sie sich wieder.

«Der kann mir meinetwegen winken bis zum Jüngsten Tag», spottete der Friedli lachend, «ich bin nicht sein Hund. Wenn er etwas von mir will, so darf er sich schon die Mühe geben, zu mir zu kommen. – Und ein grober, ungebildeter Heilandsdonnerwetter ist er auch, nicht einmal den Hut abzuziehen, wenn er einem Menschen begegnet! Das weiß ja bei uns zuland das jüngste Knechtli besser, was sich schickt und was sich gehört.»

«Friedli, mach nicht den Kolderi! Es ist ein Fremder. Der kann ja nicht wissen, was hierzulande der Brauch ist.»

Der Fremde winkte eifriger und herrischer. Plötzlich bewegte er ungeduldig die Schultern, stieß das Glas vom Auge und kam mit leichtfüßigen, wohlgefälligen Schritten stracks heran, selbstbewußt in den Hüften sich wiegend, bis auf vier Mannslängen. Dort stutzte er, warf das Glas wieder vor das Auge und betrachtete einen Moment die Knechte, ohne ein Glied zu rühren; aufrecht, wie ein Gemsbock, wenn er meint, er sehe etwas. Hierauf wich er, ohne ein Wort zu sagen, behutsam zurück, erst langsam, später schleunig.

«Ich glaube gar, er fürchtet sich vor uns», hohnlachte der Ueli, und Friedli lachte mit.

Und als der Fremde bei dem Gelächter noch deutlicher abseits schwenkte, steckten sie beide den Daumen und Mittelfinger in den Mund und stießen ein halbes Dutzend gellender Pfiffe aus. Der Fremde steuerte im Rückzug gegen den nächsten Felsen.

«Ja, wohin will jetzt der?» rief der Ueli belustigt. «Ich glaube gar auf die Teufelsfluh!»

«Sei nur ruhig und zufrieden! der kommt geschwind wieder herunter.»

«Vorwärts jedenfalls kommt er nicht weit! Übrigens, Friedli, es kommt dir zugute. Denn wenn er sich versteigt und in die Nacht hineingerät, so schenkt er dir mehr. – Weiß Gott, der meineidige, verdammte Himmelssakrament zottelt auf das Stiereköpfli! Sich doch nur selber! Der Teufel soll mich holen, wenn er auf dem Wege anderswo hinkommt als auf das Stiereköpfli! – Ich wollte bloß, er bliebe mit der Uhrkette an einem Haselstock hangen, den Kopf zuunterst, daß ihm die Goldstücke aus den umgekehrten Taschen hüpften wie junge Geißlein. Ich würde sie ihm schon suchen helfen.»

«Nein, was ich wollte, das wäre, daß er sich auf das Känzeli verirrte und weder vorwärts noch rückwärts könnte. Ich würde dann einfach sagen: ‹Gibst mir sechzehn Fränkli, wenn ich dich herunterhole? gibst mir sie? Oder meinetwegen kannst du da oben übernachten.›»

«Warum just gerade sechzehn? Ich weiß warum. Gelt, die Bettdecke liegt dir im Magen, die du dem Matthys verschimpfiert hast?»

Inzwischen war der Fremde in den krausen Büschen der Fluh entschwunden.

«Mich nimmt nur wunder, wo er wieder zum Vorschein kommt», sagte Friedli.

«He, wo anders als den Schuttstein herab? Es wird nicht lange dauern.»

«Es ist mir lieber, er kommt den Schuttstein herab, als daß er über die Stierenfluh hinunterstolpert. In zwei Stunden ist es Nacht. Und was will so einer in der Nacht dort droben, wo unsereiner am Tag Mühe hat.»

Während er noch sprach, kollerte zwischen einer Wolke von Staub und Geröll der Fremde die Schutthalde herab, ohne Hut und Alpenstock, übrigens ohne sich zu überschlagen.

«Komm, Ueli», mahnte der Friedli besorgt, «es kann leicht sein, er hat sich etwas zerbrochen.»

Der Ueli sah scharf hin, dann tröstete er: «Es tut ihm nichts. Da steht er ja schon wieder auf Er ist nur ein wenig unsinnig und aufgebracht; lueg, wie er mit den Armen fuchtelt. Ich nehm' ihm's nicht übel, es ist kein Spaß, den Schuttstein hinunter, besonders mit so feinen Höslein und Schühlein.»

Diesmal eilte der Fremde ohne Aufenthalt zu den Knechten heran, außer sich vor Zorn und sich bitter beschwerend, daß man einen Nebenmenschen, der sich verirrt habe und hierzuland fremd sei, auf die gefährlichsten Felsen lasse, ohne ihn mit einem einzigen Wort zu warnen.

«Es hat mich ja kein Mensch gefragt», entgegnete der Friedli gelassen. Zugleich erhob er sich, zog seinen Rock an, hängte die Tasche darüber, stülpte den Hut auf den Kopf und ergriff den Stecken.

«Wohin wollt Ihr, wenn es erlaubt ist?» fragte er im höflichen Ton. «Wahrscheinlich über die Hochweid? dem Kurhaus zu?»

Der Fremde überfiel die Frage mit ungeduldiger, angeekelter Gebärde.

Der Friedli beruhigte ihn väterlich: «Wir kommen noch wohl vor Nacht an; Ihr müßt Euch deswegen nicht aufregen. Es ist wahr, es hat Euch ein wenig bös mitgespielt; es ist jammerschade um die feinen Höslein. Aber den Hut und den Alpenstock findet man morgen schon, darum braucht Ihr keinen Kummer zu haben.»

Hierauf, um ihn zu trösten, klopfte er ihm sanft die Erde von den Kleidern und las ihm die Halme aus dem Schnurrbart: «Kommt jetzt nur mit», schloß er freundlich, «ich gehe voran.»

Mit diesen Worten schritt er der Paßhöhe zu, in der Richtung, wo der Fremde zuerst heraufgestiegen war.

Dieser jedoch verneinte unwillig und verächtlich mit dem Kopfe, schnalzte ärgerlich mit der Zunge, zog seine Karte hervor und schlug einen Augenblick später zuversichtlich eine andere Richtung ein.

«Dort hinaus gelangt Ihr Euer Lebtag nie auf die Hochweide», mahnte der Friedli gütig. «Dort führt es nach dem Taubenloch.»

Und der Ueli, aufstehend, rief warnend: «Es ist nicht gut, Herr, im Taubenloch, um diese Tageszeit. Ihr könntet über die Wand stürzen. Es ist gar leicht ein falscher Tritt geschehen!»

Der Fremde brummte etwas vor sich hin, schlenkerte das Bein und beharrte entschlossen mit festen Schritten auf seiner Richtung.

Friedlis Stirn verfinsterte sich.

«Du, Ueli, hör einmal: das Beinschlenkern hat mir nicht gefallen. Es ist gerade so, als wenn er einem Hund einen Tritt hätte versetzen wollen.»

«Du mußt das nicht so genau nehmen; sie sind gar unflätig, die Herrenleute. Geh! hilf ihm, weis ihn! Sonst könnte ihm noch etwas passieren.»

«Und was hat er vor sich gebrummt? Es ist nur gut, daß ich's nicht deutlich gehört habe.»

«Geh! mach nicht den Kolderi! Wenn er in die Nacht hineingerät, so schnellt es ihn so sicher über die Wand, als ich hier stehe. Wenn es nicht wegen dem Melken wäre, so ginge ich selber. Man kann doch beim Kuckuck nicht einfach ruhig zusehen, wie einer narrenmäßig dem Tod entgegenstrolcht, aus lauter Trotz und Eigensinn. Das wär' jetzt so etwas, wie du gesagt hast: Gibst mir sechzehn Fränkli, wenn ich dir helfe?»

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