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Friedli, der Kolderi

Carl Spitteler: Friedli, der Kolderi - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleFriedli, der Kolderi
pages31-70
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Bei alledem rührte sich der Friedli nicht. Als aber der Ueli sich unterwegs bückte, um die Steine aus den Holzschuhen zu klopfen, juckte er in die Höhe, haschte mit einem geschickten Handgriff die beiden Taler und legte sich geschwind wieder an den alten Ort.

«Friedli, an deinem Platze hätte ich's rückgängig gemacht», meinte der Ueli, indem er dem abziehenden Mareili mit den Augen folgte.

Dumpf und verdrossen warf der Friedli hin: «Ich kann nicht.»

Und als sich der Ueli verwundert umkehrte, um in seinem Gesicht zu lesen, fügte er vertraulich hinzu: «Die neue wollene Bettdecke für sechzehn Fränkli dem Meister verschimpfiert. Mit dem Messer dareingeschnitten.»

Der Ueli prallte vor Schrecken zurück, sperrte den Mund groß auf, streckte die Arme vor sich und starrte ihn staunend an. Darauf verzog er das Maul gegen die Ohren, zwinkerte mit den Augen und versetzte bedeutsam, nachdrücklich, mit eigentümlicher Betonung: «Es gäbe mancher viel darum, wenn man ihm bloß allein die Bettdecke verschimpfierte.»

Der Friedli stand auf und forschte in seinen Zügen; dann verzog er ebenfalls das Maul, und plötzlich erhoben beide gleichzeitig ein schallendes Gelächter.

Doch bald ernüchterte sich der Ueli und nahm eine besorgte Miene an.

«An deinem Platze», murmelte er, «würde ich aber jetzt nicht mehr zu lange da oben bleiben. Sonst kommt der Meister mit den Knechten schneller den Berg herauf, als du auf der andern Seite unten bist.»

Der Friedli zuckte verächtlich die Schulter, und seine Augen funkelten.

«Es soll nur einer heraufkommen. Ich warte nur gerade auf ihn.»

Während er das sagte, sprang er ungeduldig auf und schritt der Mulde zu; der Ueli hinter ihm.

«Und wohinaus in der Welt geht's?» fragte letzterer unterwegs freundschaftlich.

«Dem Teufel zu!»

Während sie den Paßweg überquerten, stapfelten von oben in überhastetem Lauf zwei Mädchen weinend über das Bödeli; das ältere, groß wie eine Erwachsene, zog das kleine so schnell nach, daß es sich fast überschlug.

«Wo fehlt's, Providenza?» heischte der Friedli, indem er das große Mädchen strenge musterte.

«Es hat mir einer ein Goldstück gezeigt!» rief sie mit verstörtem Atem.

«Wer?»

«Ich weiß nicht, ein Fremder mit einem Alpenstock.»

«Wo?»

«Unten im Rietwald, gerade bei der Krutalp.»

«Und wofür?»

«Ich weiß nicht. Er hat mir nur gewinkt und das Goldstück gezeigt.»

Der Ueli gab der Providenza einen Puff, daß die Erdbeerkratten, mit welchen sie behangen war, hin- und herwackelten.

«So hättest du's doch genommen, du unvernünftiges Huhn!» rief er empört, «ein Goldstück ist, solange die Welt steht, noch nichts gewesen, wovor man sich zu fürchten brauchte.»

Die Providenza geriet in Verwirrung und stotterte reuevoll, sich entschuldigend: «Er sah mich halt so sonderbar an.»

Jetzt brauste aber der Friedli auf.

«Meinst du vielleicht etwa gar, du rotznasiges Ding, es wäre ihm um dich zu tun gewesen? An den Ohren sollte man dich nehmen! Mager wie ein zweijähriges Rind, braun wie eine Zigeunerin, ungekämmt und ungewaschen dazu, nicht einmal Strümpfe an den Füßen, und Fingerlein, daß man sie wie Zündhölzchen zerbrechen könnte, und nirgends kein Vater und keine Mutter, daß das ärmste Knechtli sich schämen würde, dir vor den Leuten nur den Arm um den Hals zu legen, und bildet sich ein, ein Fremder werde sie ansehen! Die haben daheim in der Stadt ganz etwas anderes, wenn es darauf ankommt! – Weis her, was hast du für Erdbeeren? sind sie reif?»

Dabei stieß er sie herum, guckte in den vordersten Kratten, tauchte die Hand bis ans Gelenk in die Erdbeeren, wühlte mit gespreizten Fingern darin, zog die Faust heraus und führte sie in den Mund.

«So! Und jetzt laß das Heulen bleiben, sonst gibt es eins hinter die Ohren, zum Andenken an mich.»

Demütig senkte das Mädchen den Kopf und schlich stillschweigend davon.

Darauf verhörte der Friedli das jüngere: «Was hast du da für ein Buch?» begehrte er, riß es ihm aus der Hand, blätterte darin herum und besah die Bilder. Darüber vergaß er sich, daß das Mädchen vor Angst zu zittern begann.

«Wie teuer gibst du das her?» fragte er endlich drohend.

«He, was Ihr mir etwa dafür geben wollt.»

Der Friedli zählte die Bilder, wog das Buch in der Hand, richtete den Blick ins Leere und rechnete und überlegte. Dann fing er zaudernd wieder an, die Bilder zu betrachten, das Papier zu mustern und die Seiten zu zählen.

«Bist du zufrieden mit einem Fünflibertaler?» polterte er plötzlich hervor, indem er die Stirn runzelte und ein grimmiges Gesicht schnitt.

Ein klarer Himmelsschein von Hoffnung und Seligkeit erleuchtete den Blick des Kindes.

«Da hast du ihn», sprach Friedli gebieterisch und drückte ihm den Taler mit wichtiger Gebärde in die Hohlhand.

Wie aus der Kanone geschossen, eilte das Mädchen der Schwester nach, darauf trippelten sie beide leichtfüßig, mit zusammengeschmiegten Köpfen dem Tal zu, öfters scheu mit mühsam verhaltener Seligkeit rückwärts blickend.

Der Friedli aber behielt das Buch andächtig in der Hand und begab sich feierlich nach der Mulde.

Dort bettete er sich mit dem Ueli im Schatten der Wettertanne vor dem Buche zurecht, umständlich und einträchtig.

Zunächst buchstabierten sie den Titel, einer dem andern nachhelfend, denn es waren fremde, verschnörkelte Buchstaben.

«Märchen der Tausend und einen Nacht.»

Darauf betrachteten sie miteinander die gemalten Bilder, zweimal vom Anfang bis zum Ende. Als aber der Ueli den Finger hemmend auf ein Bild legte, um es noch länger zu schauen, verwies ihm Friedli strenge den Eingriff.

«Das Buch ist mein, ich habe es bezahlt. Niemand anders hat das Recht, den Finger darauf zu legen.»

Mit diesen Worten wischte er eifrig die Stelle ab, wo Uelis Finger hingetippt hatte, und als nun ein roter Erdbeerfleck entstand, klagte er den Ueli vorwurfsvoll an, daß er ihm das Buch beschmutzt habe.

Danach machten sie sich an den Text, angefangen beim Untertitel, und unvergessen die Auflagenzahl, den Drucker und den Verleger.

Die Einleitung wollte der Ueli übersprungen haben, doch der Friedli fuhr ihn zornig an: er habe das Buch gekauft, und er habe deshalb das Recht, alles zu lesen. Da gehorchte der Ueli ohne Widerrede.

Nachdem sie die Geschichten angefangen, kam es ihnen vor, als wären sie selber dabei gewesen und als ob sie nicht mehr da oben auf der Paßhöhe lägen, sondern in einem schönen, grünen Garten. Kaum war jedoch die erste Geschichte zu Ende, so waren sie wieder auf der Paßhöhe. Dann lasen sie die zweite Geschichte, und hierauf die dritte und so fort, abwechselnd, je nachdem der eine müde war.

Einmal, als von einer Prinzessin erzählt wurde, welche vom Gürtel abwärts aus schwarzem Marmor bestand, stockte der Ueli mitten im Lesen.

«Das ist aber nicht wahr!» rief er entrüstet.

«Was nicht wahr?» tobte der Friedli. «Wenn's nicht wahr wäre, so würde die Erziehungsdirektion nicht erlauben, daß man es öffentlich im Buchladen verkaufte. Denn», ergänzte er in ruhigem, belehrendem Ton, «man muß eben auch wohl bedenken, daß die Geschichte in Asien spielt; da herrschen ganz andere Verhältnisse. Was wissen denn wir zwei dumme Bauern davon, die noch nie aus dem Kanton herausgekommen sind, geschweige denn aus der Schweiz? Unsereinem stände es auch besser an, stillzuschweigen und einfach zu lernen, als großmäulig abzusprechen über Dinge, von denen er nicht den mindesten Hochschein hat. – Und übrigens, dafür sind es ja Märchen, damit jeder davon glauben kann, soviel er will. Ich für meinen Teil glaub's; wenn du's nicht glauben magst, so kannst du's halten, wie du willst. – Lies jetzt einstweilen nur ruhig weiter; aus dem Zusammenhang merkt man dann schon, wie es gemeint ist.»

Aber der Ueli murrte und protestierte und war schlechterdings nicht zu überzeugen.

«So lies die folgende Geschichte», befahl der Friedli.

Und Ueli las vom Vogel Rock und von dem Diamantenfelsen und von dem Riesen, der das Auge in der Mitte der Stirn hatte; erbaut, ohne Anstoß zu nehmen.

Je länger sie lasen, desto besser gefiel ihnen das Buch, so daß sie nicht begriffen, wie das Mädchen die Herrlichkeit für einen Fünflibertaler hergeben mochte, und mit Genugtuung wogen sie den Rest gegen das Gelesene, denn es blieb immer noch viel mehr übrig, als sie schon gehabt hatten.

Plötzlich jedoch, mitten in der spannendsten Erzählung, gebot der Friedli «Halt», zog das Buch an sich, klappte es zu und barg es sorgsam in der Rocktasche.

Umsonst schmeichelte der Ueli.

«Das Buch ist mein», erklärte der Friedli, und dabei blieb's.

Hierauf staunten sie in die Welt, Rücken an Rücken, und brüteten Betrachtungen über das Gelesene.

«Es wäre auch bei uns zulande manches besser», hub der Ueli nach einer Weile an, «wenn in den Höhlen wohltätige Zwergmännli wohnten statt Kreuzottern.»

«Oder», erwiderte der Friedli, «wenn jetzt so ein Heilandssakraments-Kalif auf einem Schimmeli den Paß herunterfuhrwerkte, an jedem Finger einen Edelstein, so groß wie eine welsche Nuß.»

Danach starrten sie schweigend vor sich hin, der Ueli nach den Felsen, der Friedli nach der Paßhöhe.

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