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Friedli, der Kolderi

Carl Spitteler: Friedli, der Kolderi - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMeistererzählungen
authorCarl Spitteler
year1990
publisherManesse Verlag
addressZürich
isbn3-7175-1794-5
titleFriedli, der Kolderi
pages31-70
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1891
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Von dem Matthysenhof brodelte ein feines blaues Rauchwölkchen in die Luft, und beim Brunnen vorbei wackelte ein Kinderwagen, in Winkelzügen lavierend, nach dem Tobel. Das Wäglein hielt von Zeit zu Zeit still, und ein Mädchen machte sich an der Decke zu schaffen; dann kutschierte es ein wenig weiter, um bald wieder von neuem zu stocken. Als das Fuhrwerk über das Brücklein gekommen war, sprang ihm vom Walde her ein weißer Spitz entgegen, hüpfte erst an dem Mädchen, dann an den Rädern empor, umkreiste einige Male den Wagenkorb und schritt dann feierlich voran, immerfort mit aufwärts gekrümmtem Schweife wedelnd und sich dann und wann umsehend, den Rain hinauf. Die Mähder empfingen den Wagen, breiteten ein weißes Tuch in den Schatten des Kirschbaumes und legten etwas aus dem Wagen darauf. Der Spitz streckte sich daneben in die Sonne, das Mädchen kletterte auf den Kirschbaum.

«Hast schon Kaffee getrunken?» fragte Ueli.

«Ich habe keinen Hunger.»

«Aber ich. Und was für einen! Bleibst liegen, bis ich zurückkomme, oder geht es gleich weiter?»

«Frage nicht, so wirst du nicht angelogen.»

Ueli entfernte sich und kam nach einer Stunde wieder zurück.

«Bist noch da, Friedli? Gelt, es reut dich? Ich begreif's; du hast es sonst nicht zum schlechtesten gehabt beim Matthys.»

«Vom Reuen ist nicht die Rede.»

«Meinst, ich merke es nicht? Gelt, du wartest auf jemand? Ich kann mir ungefähr vorstellen, auf wen. Ist es etwa die dort drüben am Wald mit dem gelben Strohhut und einem Maieli darauf? – Ja, wegen deines Fortgehens, was dann mich betrifft, so habe ich's soeben mit dem Hansjörg anders ausgemacht; ich bleibe noch ein wenig. – Halt, siehst du dort den Habicht auf dem Weidenbaum hocken, unten am Bach, im Tobel?»

Der Friedli schielte böse nach dem Sprechenden, richtete sich auf und entgegnete bestimmt: «Das ist kein Habicht, das ist ein Hühnervogel.»

«Was ist's?»

«Ein Hühnervogel ist's.»

«Ein Hühnervogel? das? Sein Lebtag hockt kein Hühnervogel zuoberst auf einem Weidenbaum.»

Der Vogel flog ab, und beide Männer reckten die Köpfe.

Er strich, ohne sich zu beeilen, in Haushöhe über die Matten in der Richtung nach dem Walde bergan, rötlich anzusehen, wenn ihn ein Lichtstrahl traf, im Schatten aber braun oder grau; den Mähdern wich er aus, strolchte dem Waldsaum entlang eine Weile abwärts nach dem Bache, zuweilen durch die Gebüsche gleitend, erhob sich in der Bachsohle plötzlich in die Luft und eilte mit Windesschnelle über die Baumwipfel, der Ebene zu.

«Was ist's jetzt? ein Hühnervogel oder ein Habicht?» fragte der Friedli feindlich.

«Es ist, wie ich gesagt habe, ein Habicht ist's.»

Der Friedli, der hinter dem Ueli stand, knickte unversehens zu Boden, haschte seinen Knebelstecken, verbarg ihn hinter dem Rücken und schnellte wieder empor.

Der Vogel, welcher hinter dem Walde versunken war, stieg als winziger Punkt wieder auf, kam wieder zurück, schoß plötzlich den gegenüberliegenden Bachfelsen zu und verlor sich, in Mannshöhe längs den Steinen schwebend, zwischen den Flühen.

Da ließ der Friedli den Stecken unvermerkt ins Gras gleiten und urteilte: «Du hast recht, Ueli, es ist doch ein Habicht.»

«Das kommt davon», versetzte der Ueli, «wenn man einem blindwütig wie ein Stier alles abstreiten will. Mich wundert es nicht im geringsten, daß du mit dem Matthys Streit angefangen hast; mit dir kann ja der friedfertigste Mensch nicht auskommen. Jetzt muß ich aber allgemach die War in den Stall treiben: die Fliegen setzen ihnen böse zu, bei der Hitze.»

Hiermit entfernte er sich zum zweiten Male.

Der Friedli wartete, bis jener hinter dem Hausjörgengupf herumbog, dann kramte er einen halben Laib Brot aus der Tasche, säbelte mit dem dicken, schartigen Sackmesser ein gewaltiges Stück los, steckte es auf der Messerspitze ganz in den Mund und kaute umständlich. Als er damit fertig war, stach er die Klinge bis ans Heft dreimal in den Boden, wischte sie ab, klappte das Messer zu und drehte sich um, teilnahmslos in das Gras schauend.

Eine Ameise schleppte einen Wurm herbei, an seinem linken Auge sich festbeißend; eine zweite klammerte sich an des Wurmes Hinterteil, seine Krümmungen lähmend; eine dritte und bald darauf eine vierte hängten sich als Hemmschuh an seine Füße.

Der Friedli sperrte dem Gespann den Weg mit einem Hölzchen, und als die Ameisen nicht losließen, quetschte er eine um die andere tot, vorsichtig, damit er den Wurm nicht verletze; als dieser aber nach seiner Befreiung in langen Zügen einem Graszopf zusteuerte, zerdrückte er ihn ebenfalls, unmittelbar vor dem Grasbusch, hernach begrub er ihn sorgfältig mit Erde.

Zwischen unterschiedlichen Halmen unter seinem Gesicht stand ein Mäntelikraut, niedrig, aber groß in der Breite, mit fünf kreisbogigen, befransten Blättern, von denen jede Rippe in gleichen Winkeln nach dem Becher leitete, wie in der Schule, wenn er ein Fünfeck zeichnete. Und der Becher war halb ausgefüllt mit kristallenem Tauwasser. Allmählich schrumpfte das Wasser zu einem kirschgroßen Tropfen zusammen.

Er brach das Kraut vom Stengel und neigte es, bald auf diese, bald auf jene Seite, bald schräg, bald windschief. Da rollte der Tropfen groß und schwer in dem samtnen Becher herum, ohne ihn zu netzen, wie das Wasser auf einer Ente, und ohne sich zu zerteilen, wie das Quecksilber im Wetterglas.

Damit spielte er lange Zeit, bis der Tropfen nicht mehr größer war als eine Erdbeere, dann hob er das Blatt sorgfältig nach dem innern Augenwinkel, erst dem rechten, nachher dem linken, und benetzte die Lider, methodisch, pedantisch.

Hierüber wurde er zufrieden, fing an mehrmals zu gähnen, drückte den Hut auf den Kopf und schritt über das Bödeli zurück, quer über den Paßweg, etwas seitwärts tiefer in den Schatten einer Steinwuhr. Dort wälzte er sich auf den Rücken, schützte das Gesicht mit dem Hute und schlief ein.

Als er aufwachte und auf den Ellbogen gestützt sich emporrichtete, waren die Mähder drüben am Walde verschwunden. Über dem Dache, im Matthysenhofe, quirlte wieder der Rauch, aber nicht mehr blau, sondern glasig glitzernd wie ein Kornfeld am heißen Mittag.

Er verzehrte einige Brotkrumen, die in den Falten seiner Hosentaschen übrig geblieben waren; doch was ihn jetzt hauptsächlich plagte, war der Durst. Kirschenbäume wuchsen da oben keine; und zur Quelle hinunter mochte er nicht, denn man hätte ihn daheim vom Hause gesehen. Wenn nur jemand den Verstand hätte, mit einem Weinkrug den Paß herunter- oder heraufzukommen.

Da erschien unten über der Weide beim Kreuz ein gelber Strohhut mit einem Maien, bewegte sich unsicher in verschiedener Richtung, und ein Mädchen stieg durch die Matten den Sturz herauf, hastig und ängstlich, stets in den innersten Winkeln der Biegung sich haltend. Ein weißer Spitz umkreiste ihre Füße, schweifwedelnd, schnuppernd und niesend.

Der Friedli drückte sich enger an die Mauer, bewegte sich hurtig rückwärts, um die Ecke, und hielt den Atem an.

Erst stieg das Mädchen nach der Mulde, wo er am Morgen gelegen hatte, stand vor dem Rock und Hute verblüfft stille, drehte sich mehrmals fragend um und versuchte endlich einen unterdrückten Jauchzer.

Der Friedli preßte seinen Rücken noch flacher ins Gras und blieb regungslos auf der Lauer.

Aber der Spitz witterte, stieß ein kurzes, klägliches Jubelgeheul aus, rannte schnurgerade zu Friedli hinüber, stürzte über ihn und leckte ihm stürmisch das Gesicht und die Hände.

Jetzt wandte sich das Mädchen um, erschrak, schob sich zögernd längs der Mauer bis auf zehn Schritte heran; dann blieb sie stehen, kehrte das Gesicht abseits und legte die bloßen Arme übereinander, mit jeder Hand einen Ellbogenknöchel fassend.

«Friedli», begann sie nach einer Weile, «die Suppe ist gerüstet.»

Und als der Friedli sich nicht regte, wagte sie zwei Schritte mehr und fuhr fort: «Friedli, es ist dem Vater nicht ernst gewesen. Er weiß ja wohl, daß du nie etwas Unrechtes getan hast. Und den ganzen Morgen hat er darum herumgeredet, drüben im Heu, im Walde, die andern könnten alle nichts und du seiest der einzige, der im Notfall noch etwas leiste. Komm jetzt endlich, und mach nicht den Kolderi.»

Der Friedli wandte sich ab und bröckelte schweigend mit einem Steinchen den Mörtel von der Mauer; dann versetzte er finster, ohne aufzusehen: «Ich kann nicht! Mareili!»

Das Mareili kam noch näher und mahnte dringender: «He! wegen ein paar ungerader Wörtlein hin und her! Du brauchst ihn ja nicht um Verzeihung zu bitten. Tu einfach, als wäre nichts gewesen; es ist ihm selber das liebste. Komm jetzt nur mit und setz dich unten an den Tisch, und wenn sie nachher ins Heu gehen, so nimm den Rechen. Ich habe dir ihn parat gelegt.»

«Ich kann nicht!» schrie Friedli.

Das Mareili unternahm eine Bewegung, als ob es an ihn herankommen wollte, blieb jedoch mutlos stecken und zupfte ihre Unterlippe, indem sie steif nach des Hansjörgen Herde hinübersah.

Nach einer langen Zeit seufzte sie tief auf und sprach: «Das braune Gusti, das er im Herbst gekauft hat, ist auch schon trächtig.»

Während sie das sagte, schob sie ihren Arm bis zur Beuge in die Schürzentasche, holte einen funkelnden Fünflibertaler hervor und legte ihn wie zufällig auf einen breiten Mauerstein; hierauf zog sie sich scheu vor dem Schatze einen Schritt zurück.

«Das ist der Lohn für dich, vom Vater», erläuterte sie; dann beugte sie die Arme über den Magen und brütete vor sich hin.

Da schlug der Spitz zornig an: der Ueli kam über den Hag gestiegen. Das Mareili, zusammenschreckend, tat schnell noch einen Taler zu dem andern und stahl sich flüchtend wieder der Tiefe zu.

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