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Freiheit in Krähwinkel

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel - Kapitel 9
Quellenangabe
typecomedy
booktitleFreiheit in Krähwinkel
authorJohann Nestroy
year1998
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008330-3
titleFreiheit in Krähwinkel
pages1-74
created19981226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Siebente Szene

Ein Kellner. Die Vorigen.

Kellner (von Seite rechts auftretend). Euer Herrlichkeit, ein Brief!

Bürgermeister. Muß das hier auf der Straße –? Wozu hab' ich ein Einreichungsprotokoll?

Kellner. Es ist ein Reisender, der keine sechs Wochen Zeit hat, ein hoher Herr Incognitus.

Bürgermeister (den Brief nehmend). Geb' Er her! – (Erbricht mit Unwillen den Brief und liest, nachdem er die ersten Worte unverständlich gemurmelt.) »... einen Staatsstreich betreffs der Rebellen mit Ihnen zu besprechen – erwarte Sie allsogleich, um Ihnen noch vor meiner Abreise wichtige Instruktionen –« (spricht) wer ist denn unterzeichnet? (Die Unterschrift im stillen lesend, mit dem Ausdruck des höchsten Staunens.) Ha –! Ist's möglich –!? Hört auf zu tanzen, ihr Buchstaben nein, nein, 's ist Wirklichkeit – hier steht der historisch-notorische Namenszug – ich muß nochmals jedes Wort – (Liest den Brief in höchster Spannung im stillen wieder durch.)

Achte Szene

Sigmund. Die Vorigen.

Sigmund (von rechts auftretend und mit größter Vorsicht Emerenzia im Auge behaltend). Cäcilie –!

Cäcilie (ängstlich). Still, um 's Himmels willen!

Emerenzia. Mir is nur um mein' Mann! (Sieht mit ängstlicher Besorgnis nach der Klosterpforte.)

Sigmund (zu Cäcilie). Komm heute abends um acht Uhr zum Rathausbrunnen, aber verschleiert, und folge dem, der dich dort abholen wird.

Cäcilie. Gott steh' mir bei – ich einem Manne folgen – nein, nein, das tu' ich nicht.

Sigmund. Wenn's aber dein Vater ist –?

Cäcilie. Ja, dann wohl – aber – ich glaub' gar, du machst dir ein' Spaß mit mir.

Sigmund. Gewiß nicht, ich schwöre dir's, aber komm ja verschleiert und sprich kein Wort! (Wendet sich schnell um, als er sieht, daß Emerenzia ihn bemerkt, und geht wieder Seite rechts ab, woher er gekommen.)

Neunte Szene

Vorige ohne Sigmund.

Emerenzia (zu Cäcilie). Was hat er denn wollen, der –?

Cäcilie. Ich weiß nicht – von Schleier hat er was gesagt –

Emerenzia. Ah so; na, wann er's nur weiß, daß du a Himmelsbraut bist!

Bürgermeister (nachdem er wiederholt im stillen mit Entzücken gelesen). Soll pünktlich nach seinem erlauchten Willen – (zum Kellner) geschwind leg' Er mich zu Füßen – in der nächsten Minute werd' ich – muß nur erst Fassung gewinnen – pack' Er sich! –

Kellner. Sehr wohl! (Seite rechts ab.)

Zehnte Szene

Vorige ohne Kellner.

Nachtwächter (nach links in die Szene blickend). Halt, da maust sich einer fort! (Eilt links ab.)

Pemperl. Besatzung an das Hinterpförtlein! (Zwei Krähwinkler mit Hellebarden eilen dem Nachtwächter nach.)

Bürgermeister. Was ist denn los –?

Emerenzia. Die Heiden! Wie sie's in der Zeitung lesen von die großen Städt', so glauben s', sie müssen's nachmachen bei uns.

Elfte Szene

Nachtwächter. Klaus. Zwei Krähwinkler. Die Vorigen.

Nachtwächter. Wir haben ihn schon!

Klaus (im Ligorianerkostüm). Aber ich bin ja keiner – ich bin ja der –

Bürgermeister (staunend). Klaus

Emerenzia. Mein Mann –!

Die Krähwinkler (lachend). Ha, ha, ha, ha, der Klaus is a Ligorianer word'n.

Nachtwächter. Was hat Er denn da?

Klaus. Das geht euch nix an! Das is vom Pater Ignatius! (Wehrt sich um einen ziemlich großen. Bündel, welchen er unter dem Mantel trägt.)

Nachtwächter. Nacher geht es uns erst recht an! (Entreißt ihm das Mitgebrachte.) Wird mit Beschlag belegt.

Klaus. Na, wart', g'freu' dich!

Bürgermeister. In meiner Gegenwart Lynch-Justiz –! Unerhört! Aber zittert! (Eilt Seite rechts ab.)

Zwölfte Szene

Vorige ohne Bürgermeister.

Pemperl (zu Klaus). Weiter jetzt um a Haus! (Zieht sich zu den übrigen an die Klosterpforte zurück, nur Klaus, Emerenzia und Cäcilie sind im Vordergrunde.)

Emerenzia (sich vom Schreck und Staunen kaum erholend). Aber, Mann – wie kommst denn ins heilige G'wand!?

Klaus. Der Pater Sebastian hat g'sagt, ich soll tauschen mit ihm, ich hab' ihm mein' Uniform geben –

Emerenzia. Und du hast dich geopfert? – Siehst es, Cilli!

Klaus (Emerenzia umarmend). Weil ich dich nur wieder hab'!

Emerenzia. Diese Tat wird dir jenseits kurios –

Klaus. Ich g'freu' mich auf nichts als auf 'n Jüngsten Tag. Du wirst sehn, außer unserer Famili und a paar Beamte noch kommt ganz Krähwinkel in die Höll'. (Nach dem Hintergrunde blickend.) Aber du, wie s' zusammlaufen da –! (Es beginnt Musik im Orchester. Ein großer Gesellschaftswagen fährt über die Bühne, die Krähwinkler bilden, als der Wagen hält, ein Spalier von der Klosterpforte bis zum Wagen. Die sämtlichen Ligorianer kommen aus der Pforte und besteigen den Wagen unter folgendem, von dem Volke gesungenen)

Chor
Wir sehen mit Freuden
Die schwarzen Herren scheiden,
O herrliche Zeiten!
    Vorbei ist der Druck!
's is memento mori
Für d' Brüder Ligori,
O bittrer Zichori,
    Kommts nimmermehr z'ruck!

(Der Wagen ist mittlerweile gedrängt voll mit Ligorianern besetzt, das Volk jubelt, der Wagen fährt ab. Klaus und Emerenzia drücken im Vordergrunde händeringend Schmerz und Bedauern aus und geben mit Cäcilie im Vordergrunde links ab.)

Verwandlung

Vorsaal im »Hotel zum Bock«. Mittel und Seitentüren.

Dreizehnte Szene

Sperling. Kellner.

Sperling (entzückt aus der Seitentüre rechts kommend, zum Kellner). Trotz der Gegenwart des Bürgermeisters durft' ich ihm's vorlesen. Er hat es angenommen, der erlauchte Gestürzte, zu allem diplomatisch Lächelnde.

Kellner (die Hand aufhaltend). Darf ich bitten –

Sperling. Morgen, Freund – ich weiß ja noch nicht, ob das Honorar ein brillantiertes oder ein dukatiges sein wird. (Für sich.) Ach, Gott, wie der Mann in Millionen schwimmt; so ein Gestürzter ist doch weit besser dran als unsereiner, wenn er noch so aufrecht steht. (Geht zur Mitteltüre ab, der Kellner folgt ihm.)

Vierzehnte Szene

Bürgermeister. Ultra (treten aus der Seitentüre rechts).

(Ultra ist als Diplomat gekleidet, mit weißer Frisur und Adlernase, in einen schlichten Überrock, unter demselben aber in reichgestickte Staatsuniform gekleidet.)

Bürgermeister. Bauen Eure erhabene Exzellenz ganz auf meine unbegrenzte Ergebenheit.

Ultra. Also, durchaus vor Einbruch der Nacht kein Überfall!

Bürgermeister. Hochdieselben scheinen überhaupt sehr für die Nacht portiert zu sein.

Ultra. Die Nacht war immer das Element meines Wirkens. Die Großen der Erde sind Sterne, folglich können sie nur dann leuchten, wenn's finster ist. In der Sonne der Freiheit verlischt das Sternengeflimmer, drum darf man sie nicht zu lange leuchten lassen. Übrigens bleibt die Nacht nicht aus. Die allgemeine Verwirrung, die ich nähre, ist das dämmrige Dunkel, ein blutiges Abendrot, und die sternenfunkelnde Nacht der Reaktion triumphiert am politischen Himmel.

Bürgermeister. Ich werd' ihm's ausrichten.

Ultra. Wem? –

Bürgermeister. Unserm Kommandanten Rummelpuff.

Fünfzehnte Szene

Klaus. Vorige.

Klaus (statt in seinen Uniformfrack in Uniformkaput gekleidet, zur Mitte eintretend). Euer Herrlichkeit, der Fähnrich Rummelpuff wart't bei Ihnen.

Ultra. Das kömmt à propos.

Bürgermeister. Ich werde ihm sogleich die diplomatischen Maßregeln –

Ultra. Adieu!

Bürgermeister. Tief-devotest Gehorsamster!

Ultra. Wenn Sie nach London kommen, besuchen Sie mich. Jeder echt servil-legitime Stock-Absolute macht mir die Aufwartung dort. (Der Bürgermeister entfernt sich mit tiefen Bücklingen zur Mitteltüre.)

Sechzehnte Szene

Klaus. Ultra.

Klaus (nachdem er Ultra mit scharfer Aufmerksamkeit betrachtet). Er is es; ich kenn' ihn vom Porträt. Die Nasen is aber doch zu groß auf 'n Bildl.

Ultra. Wünscht Er etwas, mein Freund?

Klaus. Hab' ich wirklich die Ehre, den großen Erfinder der Staatsschulden –?

Ultra. Der bin ich nicht; ich habe nur zu ihrer Ausbildung beigetragen.

Klaus. Bescheidenheit ist des Talentes schönste Zierde, diese liebenswürdige Humanität gibt mir den Mut zu ein paar politischen Fragen.

Ultra. Nun?

Klaus. Sie haben den Don Karlos so nobel unterstützt; haben wir gar keine Hoffnung, daß er auf 'n Thron kommt? Und daß wir mit der Zeit in Deutschland eine Inquisition kriegeten?

Ultra (achselzuckend). Die Realisierung dieser schönen Idee muß wohl vorderhand problematisch bleiben.

Klaus. So soll aus diese zahllosen österreichischen Zwanziger uns gar kein spanischer Segen erblühn? Und die guten Jesuiten in der Schweiz? Is es denn wirklich aus mit ihnen?

Ultra. O, diesem Orden läßt sich neuerdings wieder ein günstiges Prognostikon prädestinieren.

Klaus. Ah, bravo! Und, erlauben zur Güte noch eine Frag' – liegt das Geld wirklich gar so sicher auf der englischen Bank?

Ultra. O, gewiß.

Klaus. Selbst, wenn's gestohl'nes Geld is, hör' ich, kann einem 's kein Mensch anfechten?

Ultra. Haben Sie welches?

Klaus. Was halt recht is.

Ultra (ihm vertraulich die Hand drückend). Geben Sie's in englische Fonds – ich spreche aus Erfahrung.

Klaus. Ex'lenz sind ein herrlicher Mann. Sie logieren in dem Gasthof? Da werden Sie gewiß abends ins Extrazimmer kommen.

Ultra. Hm – möglich – (Wendet sich, um abzugehen.)

Klaus. Das is g'scheit, ich muß Ihnen noch um einiges wegen Napoleon befrag'n, wo nur Sie Auskunft wissen. Jetzt leg' ich mich gehorsamst zu Füßen, war mir ein unendliches Vergnügen. (Geht zur Mitte ab.)

Ultra. Adieu! (Geht in die Seitentüre ab.)

Verwandlung

Kurze Straße, nur eine Kulisse tief. Im Prospekt links das Haus des Klaus mit praktikablem Eingang.

Siebzehnte Szene

Willibald. Nachtwächter.

(Willibald ist ganz légère gekleidet, mit aufgelöstem Halstuch, trägt ein Brecheisen in der Hand.)

Nachtwächter (mit Willibald von Seite rechts auftretend). Nein, Mussi Willibald, das hätt' ich mir in mein' Leben nicht denkt, daß ich Ihnen so seh'.

Willibald. Nicht wahr? Statt der Feder das Brecheisen in der Hand!

Nachtwächter. Statt Kanzleibögen herabzufetzen, reißen Sie 's Pflaster auf.

Willibald. Statt Aktenstöße zu türmen –

Nachtwächter. Helfen Sie beim Barrikadenbau.

Willibald. Werden Sie mir nun auch noch die Hand Ihrer Tochter so hartnäckig verweigern?

Nachtwächter. O Gott! Ich war ja mit Blindheit g'schlag'n, ich wollt', ich könnt' Ihnen großartig nach Verdienst – eine Tochter für so einen Patrioten, das is ja eigentlich so viel als nix!

Willibald. Für mich ist es alles! –

Nachtwächter. Na, mich g'freut's, wenn Sie so genügsam sein, und meine Tochter wird's auch g'freun. (Entzückt in die Kulisse sehend.) Aber da schaun S' nur her –!

Willibald. Was denn?

Nachtwächter. Wie sich das macht! (Mit Enthusiasmus.) Das kleine Krähwinkel schaut ordentlich großartig aus, seitdem's Barrikaden hat! Was gäbet ich drum, wenn ich Wien g'sehen hätt' an dem Tag! Hier hab'n s' schon diese himmlischen Pflastersteine nicht, die sind dort wie gemacht dazu.

Willibald. Das is wahr, übrigens ist es nicht der Granitwürfel allein – unerschütterlicher Wille und Todesverachtung ist's, was den Barrikaden die Festigkeit verleiht.

Nachtwächter. Ich g'freu' mich schon –!

Willibald. Nun, so weit wird's wohl nicht kommen. (Geht mit dem Nachtwächter Seite rechts ab.)

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