Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Nestroy >

Freiheit in Krähwinkel

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleFreiheit in Krähwinkel
authorJohann Nestroy
year1998
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008330-3
titleFreiheit in Krähwinkel
pages1-74
created19981226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
Schließen

Navigation:

Zweiter Akt

Saal im Hause des Bürgermeisters. Mittel- und Seitentüren

Erste Szene

Sigmund (allein).

Sigmund. Ich bin in großer Besorgnis für meinen Freund; er hat sich herbeigelassen, den Dolmetsch vorzustellen. Wenn nur Seine Herrlichkeit den Betrug nicht merkt! Da ist der Nachtwächter, der die stumme Rolle des Leibeigenen übernommen, weit weniger in Gefahr.

Zweite Szene

Sperling. Rummelpuff. Der Vorige.

Sperling (mit Rummelpuff eintretend). Es ist so, wie ich Ihnen sage, Herr Stadtkommandant, unsere gute Stadt genießt bereits die hohe Auszeichnung, einen russischen Fürsten in ihren Mauern zu haben.

Rummelpuff. Warum hat man mir das nicht früher gesagt? Wieder die Gelegenheit zu einer Ausrückung versäumt! Auf diese Art wird Rußland nie zu einer richtigen Schätzung der Krähwinkler Militärmacht gelangen.

Sperling. Schade! Sie hätten Seiner Durchlaucht bis an die Stelle, wo in hundert Jahren der Krähwinkler Bahnhof erbaut werden dürfte, entgegendefilieren und bedeutend Hochdieselben auf dieses großartige Werk der Zukunft aufmerksam machen können.

Rummelpuff. Fatal! Die Parade wäre großartig geworden. Ich an der Spitze einer Kompagnie von vier Grenadieren, dann unmittelbar das Jägerbataillon, bestehend aus acht Schützen; nach Entwicklung dieser imposanten Massen hätte das Aufmarschieren des ersten und letzten Krähwinkler Infanterie-Regiments von neunzehn Mann den Mangel an Kavallerie auf eine glänzende Weise gedeckt.

Sigmund (hat an der Seitentüre rechts gelauscht). Seine Herrlichkeit, der Herr Bürgermeister –

Dritte Szene

Bürgermeister. Die Vorigen.

Bürgermeister (aus Seitentüre rechts kommend, nach gegenseitiger zeremonieller Begrüßung). Ich bin hocherfreut, die Großen meines Reiches versammelt zu sehen. Es gibt viele Große, aber Sie, meine Herren, sind die Größten – (Niest.)

Rummelpuff. Zur Gesundheit! –

Sperling. Zur Genesigkeit!

Bürgermeister. Danke! (Fortfahrend.) Die Größten, die Krähwinkel aufzuweisen hat.

Sperling. Wie gütig!

Rummelpuff (salutierend). Der Mann des Verdienstes fühlt sich und schweigt.

Bürgermeister (zu Rummelpuff). Ihnen vor allem muß ich danken für die energische Auseinandersprengung des Pöbelauflaufes verflossener Nacht –

Rummelpuff. Wurde mir leider erst heute morgens gemeldet.

Bürgermeister. Wie –?

Sperling. Die Herstellung der Ruhe ist mir durch Vorlesung eines meiner poetischen Erzeugnisse: »Ode an den Bundestag« gelungen. Gleich die ersten Verse waren hinreichend, die erhitzten Gemüter zum schleunigen Nachhausegehen zu bewegen.

Bürgermeister. Also wirklich, Sie –?

Sperling. Die Macht der Poesie ist wunderbar.

Bürgermeister. Zur Sache, meine Herren! Wir sind eben im Begriffe, einen Gesandten Rußlands zu empfangen –

Sperling. Werde nicht ermangeln, diesen welthistorischen Moment mit einer Unzahl Sonette – vorläufig habe ich nur ein kleines Gedichtchen verfaßt, um es Seiner Durchlaucht auf dem Rückweg ins Hotel zu überreichen. Es ist ein Impromptu an die Knute. Euer Herrlichkeit erlauben! (Er entfaltet eine rosenrote Papierrolle und liest vor.)

»O Knute, o Knute!
Die schwingen man tute,
Machst Wirkung sehr gute
Bei frevelndem Mute.
Was dem Kinde die Rute,
Ist dem Volke die Knute;
Du stillest die Wute
Rebellischem Blute.
Das alles, das tute
Die Knute, die Knute!
Weshalb ich mich spute,
In einer Minute
Poetischer Glute
Schrieb ich an die Knute
Dies Gedichtchen, dies gute.«

Bürgermeister. Trefflich, erhaben! Viel Schwung!

Sperling. Ich möchte es ins Tscherkessische übersetzen und den Bergvölkern am Kaukasus vorlesen lassen.

Rummelpuff. Was ist das für ein Kasus, der Kaukasus?

Sperling. Gütigster Musengott, das ist ja –

Sigmund (in der Mitteltüre). Sie kommen schon!

Bürgermeister. Herr Sperling, ich erlaube Ihnen, das Wort zu führen. (Stellt sich mit Rummelpuff und Sperling in Positur.)

Vierte Szene

Ultra. Willibald. Nachtwächter. Die Vorigen.
(Ultra ist karikiert in altrussischem Nationalkostüm als Fürst, Willibald als Dolmetsch, der Nachtwächter als Leibeigener gekleidet.)

Ultra (mit furchtbar struppigem Haar und Bart zur Mitteltüre eintretend). Schöngrussi, bulldoggi, Burgomastrow. (Sigmund entfernt sich, wie die Fremden eingetreten sind.)

Sperling (auf den Bürgermeister zeigend). Seine südwestliche Herrlichkeit sind entzückt über die nordische Ehre –

Bürgermeister (zu Sperling). Ich muß einige diplomatische Worte fallen lassen. (Zu Ultra.) Ist es nicht gefällig, Platz zu nehmen? –

Ultra. Nixi sitzi –

Sperling. Es wäre nur wegen der Austragung des Schlafes. (Sich an Willibald wendend.) Seine Durchlaucht verstehn doch Deutsch?

Willibald (durch Haar und Bart unkenntlich gemacht, mit etwas verstellter Stimme). Verstehen sehr gut, sprechen jedoch fast nur Russisch.

Bürgermeister (zu Ultra). Darf ich um den erlauchten Namen bitten?

Ultra. Fürst Knutikof Sybiritschefsky Tyrannsky Absolutski.

Bürgermeister (zu Sperling und Rummelpuff). Das muß schon einer von die ersten dortigen Fürsten sein.

Ultra (auf Willibald zeigend). Den da Dollmetschki, (zum Nachtwächter) den da Leibeignski.

Bürgermeister (beiseite). Ich begreife nicht, woher ich so gut Russisch versteh'. (Laut zu Ultra.) Diese Leibeignen sind wirklich eine schöne Erfindung.

Ultra (zum Nachtwächter). Iwanof Kuschku!

Nachtwächter (fällt, die Arme über die Brust kreuzend, vor Ultra auf die Knie).

Ultra (zieht eine Knute aus dem Gürtel). Taki strixi patoki. (Gibt dem Nachtwächter ein paar Streiche.)

(Nachtwächter küßt den Saum von Ultras Kleid, dann die Knute und tritt wieder zurück.)

Willibald. Dies ist der Charakter unserer ganzen Nation.

Bürgermeister. Schicksal, warum hast du keinen russischen Bürgermeister aus mir gemacht!?

Ultra. Ah, passionski regierski Volkski despotski.

Willibald (zum Bürgermeister). Jetzt zum Zweck unserer Sendung. Der Zar, der immer sein Hauptaugenmerk auf Krähwinkel richtet, weiß, daß revolutionäre Staaten Ihnen ein Reskript –

Bürgermeister. Ich bitte – (leise zu Willibald) die Anwesenden sind nicht eingeweiht –, ich habe das Reskript gebührendermaßen unterdrückt.

Willibald. Der Zar wünscht aber zur größeren Sicherheit, daß Sie es in die Hände des Fürsten übergeben.

Ultra. Verbrennski Proklamazki Constituzki.

Bürgermeister. Werde sogleich die Ehre haben. (Eilt in die Seitentüre rechts ab.)

Fünfte Szene

Die Vorigen ohne Bürgermeister.

Sperling (leise zu Rummelpuff). Was für ein Staatsgeheimnis da obwalten mag?

Rummelpuff. Egal! Die Diplomatie ist nicht mein Feld, ich kann hier nichts tun als durch gemessene Haltung fortwährend imponieren.

Ultra (nachdem er halblaut einige russische Worte zu Willibald gemurmelt, schließt mit dem Worte). Aristokratitschef.

Sperling (zu Willibald). Was wünschen Se. Sibirischen Gnaden?

Willibald. Seine Durchlaucht werden den Zar dahin vermögen, daß er die beiden Herren in die hohe Aristokratie einverleibt. – (Zu Sperling.) Sie heißen –?

Sperling. Sperling Edler von Spatz.

Ultra. Nix da! – Fürst Spatzikof!

Sperling. O Wonne! Ins Wappen werde ich um eine von der Knute sanft umschlungene Lyra bitten.

Willibald (zu Rummelpuff). Und Ihr werter Name?

Rummelpuff. Rummelpuff.

Ultra. Nix da! – Fürst Rummelpuffkitschef!

Rummelpuff. Ich war stets für den Zar und würde nie, um keinen Preis, die Offensive gegen Rußland ergriffen haben.

Sechste Szene

Bürgermeister. Die Vorigen.

Bürgermeister (mit einer Pergamentrolle aus Seitentüre rechts kommend). Hier ist das Bewußte! (übergibt selbe an Ultra.)

Ultra . Taki papierloxi kapitalski!

Bürgermeister. Wenn Sie nach Petersburg kommen –

Sperling . So sagen Durchlaucht dem Zaren – (leise zum Bürgermeister) wir sind zu Fürsten vorgemerkt!

Bürgermeister (erstaunt, leise). Was –?!

Sperling (wie oben). Ihnen kann der Herzogtitel nicht fehlen.

Bürgermeister (wie oben). Ha!

Sperling (fortfahrend zu Ultra). Wenn wir so viel Huld und Gnade je vergessen könnten, so schicke man uns allsogleich nach Sibirien auf den Zoberlfang.

Ultra. Gutti, Servutschi. (Will gehen.)

Siebente Szene

Sigmund. Die Vorigen.

Sigmund (zur Mitte hereineilend). Euer Herrlichkeit, eben meldet man, daß vor dem Rathause ein ungeheuerer Krawall losgebrochen.

Bürgermeister (erzürnt). Was?! Fähnrich Rummelpuff, treiben Sie die Ruhestörer auseinander, sammeln Sie Ihre Truppen!

Rummelpuff. Wo werden die Kerls wieder stecken?

Sperling (zu Rummelpuff). Versuchen Sie es anfangs mit Güte, es sind ja doch Menschen.

Rummelpuff. Menschen? Warum nicht gar! Der Mensch fängt erst beim Baron an!

Ultra (ihn freundlich auf die Achsel klopfend). Bravidschi Zopfski Aristokratski! (Alle gehen zur Mitte ab.)

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.