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Freiheit in Krähwinkel

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel - Kapitel 5
Quellenangabe
typecomedy
booktitleFreiheit in Krähwinkel
authorJohann Nestroy
year1998
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008330-3
titleFreiheit in Krähwinkel
pages1-74
created19981226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Siebzehnte Szene

Ultra. Vorige.

Emerenzia. Klopft hat wer – herein!

Ultra (als Ligorianer kostümiert, tritt zur Seitentüre rechts ein). Memento mori! Appropinquat pater fidelis animarum fidelium.

Klaus (mit freudigem Staunen). Ein fremder geistlicher Herr!

Emerenzia. Wir küssen 's Kleid. –

Ultra. Der Herr Klaus kennt mich nicht? –

Klaus. Hab' noch nicht die hohe Ehre gehabt. Der Pater Severin kommt manchesmal her –

Emerenzia. Der Pater Ignatius –

Ultra (mit frommem Entzücken). Von Loyola!

Klaus. Der Pater Thomas

Ultra. Ich bin der Pater Fidelius.

Klaus. Unendliche Auszeichnung – Alte, einen Sessel –

Ultra. Wenn der Herr Klaus die andern kennt, so kennt er mich auch, wir sind alle auf einen Schlag. Mich schickt der Pater Prior. Es handelt sich um das Seelenheil des Herrn Bürgermeisters.

Klaus. Das is freilich keine Kleinigkeit. –

Ultra. Drum wünscht' ich unter vier Augen –

Klaus. Alte! – (Emerenzia entfernt sich auf seinen Wink.)

Ultra. Er verschweigt uns manches aus weltlichen Rücksichten, er macht Umtriebe –

Klaus. Das tut er, ja, aber alles im Einverständnis mit 'n Pater Prior.

Ultra. Zur größten Ehre Gottes und zum Ruhm des heiligen Ignatius von Loyola. Der Pater Prior schickt mich nun mit dem Auftrag, der Herr Klaus soll mir alles sagen, was er weiß, damit wir kontrollieren können, ob uns der Bürgermeister wirklich alles vertraut.

Klaus. Es is ein einziges – das is halt so was Wichtiges – das hat er nicht einmal dem Pater Prior g'sagt! – Müssen mich aber nicht verraten!

Ultra. Ein Jesuit und Verrat –?

Klaus. Freilich, da hat man gar kein Beispiel. Also sehen Sie, die Sache is die! – Wir haben die vorige Wochen ein hohes Reskript kriegt, ein abscheulichs hohes Reskript. Mehrere europäische Großmächte waren unterzeichnet, als: Lippe-Detmold, Rudolstadt, Reiß-Greiz-Schleiz, nur Rußland is mir ab'gangen, das is mir gleich aufg'fallen.

Ultra. Und der Inhalt?

Klaus. War eine Konstitution für Krähwinkel, die der Herr Bürgermeister augenblicklich hätt' proklamieren sollen.

Ultra. Was er natürlich wohlweislich unterlassen hat.

Klaus. Na, ich glaub's! Freiheit is ja was Schreckliches. Seine Herrlichkeit sagt immer: Der Regent is der Vater, der Untertan is a kleins Kind, und die Freiheit is a scharfs Messer.

Ultra. Das is die wahre Ansicht, ich weiß genug. Von meinem Besuch muß der Herr Klaus weder dem Bürgermeister noch meinen geistlichen Brüdern was sagen.

Klaus. Schon recht, strengstes Geheimnis! Jetzt erlauben aber Euer Hochwürden, daß ich Ihnen meine Alte aufführ'. (Zur Seitentüre rufend.) Kannst schon wieder einigehn. (Stellt ihm Emerenzia vor.) Das ist die Gattin meiner Wahl, das heißt, gewesen, jetzt nehmet ich s' nicht mehr.

Ultra. Ah, freut mich!

Emerenzia. Ich küss's Kleid. –

Klaus. Vorigs Jahr hätt' ich s' bald verloren. –

Ultra. O, da wär' ewig schad' gewesen, also hat die Frau sterben wollen?

Klaus. Nein, sie hat wollen zu die Büßerinnen gehn, der Pater Prior aber hat g'sagt, es is nicht nötig, er wüßt' nit, für was?

Ultra. Da hat er recht gehabt. – Still! (Horchend.) Habt ihr nichts gehört, gute Leute?

Klaus. Der Wind geht draußten so stark.

Ultra. Das wird's sein. Unter andern, ihr habt ja auch eine Tochter?

Klaus. Freilich! Cilli! Cilli! Wo steckst denn? (öffnet die nach der Küche führende Türe.)

Emerenzia. Sie is schon eine halbete Himmelsbraut.

Ultra. Ah, das schlägt ja in unser Fach!

Achtzehnte Szene

Cäcilie. Vorige.

Klaus. Da schau her, a geistlicher Herr ist da –

Cäcilie (sehr schüchtern). Ich küss's Kleid.

Ultra. Warum denn? Lieber die Hand, so –! (Reicht ihr die Hand zum Kusse.)

Emerenzia. Diese Auszeichnung!

Klaus. 's Mädel kommt zum Handkuß, das is a Freud' für die Eltern.

Ultra (zu Cäcilie). Bis wann gedenken Sie den frommen Beruf –?

Cäcilie. Ach Gott, ich weiß nicht – (Man vernimmt in weiter Ferne die Töne einer Katzenmusik.)

Ultra (horchend). Was is das –?

Klaus. Jetzt hör' ich selber was. (Man vernimmt die Töne etwas lauter als zuvor.)

Ultra (beiseite). Richtig, 's geht schon los.

Klaus. Das is ja grad' wie ein Rumor –

Emerenzia. Ich krieg' die Krämpf' –

Ultra. Ich muß eilen. Benedicat vos Dominus in aeternum! (Eilt zur Seitentüre rechts ab.)

Klaus. Kommen der geistliche Herr nur gut nach Haus!

Neunzehnte Szene

Die Vorigen ohne Ultra.

Emerenzia (händeringend). Mann, um alles in der Welt, was wird das werd'n? – (Man hört fortwährend in Entfernung die Töne der Katzenmusik.)

Klaus. Revolution, reine Revolution!

Emerenzia. Gott steh' uns bei! –

Cäcilie. Wenn nur den Beamten nichts g'schieht! – (Neuerdings Katzenmusik.)

Klaus. Hört ihr s' singen, die höllischen Heerscharen der Freiheit –?! (Man hört in der Szene links stark an eine Fensterscheibe klopfen.)

Emerenzia (aufschreiend). Ach, sie brechen ein bei uns! Hilfe! Räuber! Mörder! (Sinkt in einen Stuhl. Das Klopfen wiederholt sich.)

Cäcilie. Nein, nein – das Klopfen klingt ängstlich! – Es is einer, der Hilf' sucht.

Klaus. Mir scheint selber, du hast recht!

Cäcilie. Am End' ist's gar ein Beamter –! (Läuft zur Seitentüre links ab.)

Klaus. Was sich denn das Madl so um die Beamten abängstigt! (Zu Emerenzia.) Alte, komm zu dir, es kommt wer zu uns! –

Emerenzia. Au weh! – Mann, du wirst es sehn, es is a Halunk' –

Cäcilie (zurückkommend, in größter Eile). Der Herr Bürgermeister kommt!

Emerenzia. Ist's möglich –?!

Klaus (zugleich). Seine Herrlichkeit –!?

Zwanzigste Szene

Der Bürgermeister. Die Vorigen.

Bürgermeister (ist im Schlafrock und hat nur einen Mantel darüber geworfen und eine graue Filzkappe auf, den Schirm über das Gesicht berabgezogen). He, Klaus – wo ist Er denn?

Klaus. Euer Herrlichkeit –

Bürgermeister. Das ist heillos.

Emerenzia. Der hohe Besuch! – Und 's is nicht ausgerieben bei uns! –

Bürgermeister. Klaus, ich bin außer mir!

Klaus. Was is's denn, Euer Herrlichkeit?

Bürgermeister. Das Entsetzlichste ist geschehen, der Krähwinkler Jüngste Tag bricht an, alle verstorbenen Bürgermeister drehen sich in die Gräber herum – man hat mir eine Katzenmusik gemacht, man macht sie mir noch – hört Er? – (Man vernimmt die Töne eben wieder etwas lauter.)

Klaus. Gräßlich –! Mit was machen s' denn das?

Bürgermeister. Da ist das ganze Orchester der Hölle losgelassen; was Krähwinkel je an Konzerten gehört, verschwindet in ein Nichts dagegen, das kreischt und tobt und trommelt und schnarrt, pfeift, braust, rasselt und klirrt – es macht den Kopf zur geladenen Bombe, die am Ende platzen muß.

Emerenzia. Gott steh' uns bei! –

Bürgermeister. Ich habe mich durch ein Hinterpförtlein geflüchtet. Hier vermutet mich niemand, ich werde bei Ihm übernachten, Klaus!

Klaus. Diese Ehre –!

Emerenzia (trostlos). Und nicht ausgerieb'n!

Klaus. Mein' Alte legt sich zu der Cilli ins Kammerl, und ich leg' mich in d' Kuchel hinaus.

Bürgermeister. Ich werde mich auf diesem Kanapee durch ein paar Schlummerstündlein erquicken.

Klaus. Ich werde Euer Herrlichkeit die Duchent und die Kopfpölster von meiner Alten bringen.

Bürgermeister. Nein, Klaus! Ich will gar nichts, durchaus nichts als Ruhe.

Klaus. Na, vielleicht – (Leise zu Emerenzia.) Wenn nur nicht den ganzen Tag deine Pintscherln auf dem Kanapee liegeten! (Laut.) Gute Nacht, Euer Herrlichkeit!

Cäcilie und Emerenzia. Untertänigste ruhsame Nacht! (Klaus, Emerenzia, Cäcilie entfernen sich mit zeremoniösen Verbeugungen zur Seitentüre links.)

Einundzwanzigste Szene

Bürgermeister (allein).

Bürgermeister. Ich glaube, der aufrührerische Krawall läßt nach. Ohne Zweifel ist Rummelpuff mit der Gewalt der Waffen eingeschritten. – Ich werde mein regierungsmüdes Haupt zur Ruhe legen – (macht sich's auf dem Kanapee bequem) und damit ich nichts davon höre, wenn's allenfalls nochmals losgehen sollte, ziehe ich mir den Mantel hoch – hoch über die Ohren. (Hat sich zur Ruhe gelegt und verhüllt sich ganz in den Mantel. Nach einer kleinen Pause beginnt im Orchester leise charakteristische Musik, welche, unruhige, beängstigende Träume schildernd, immer stärker wird. Nach einer Weile, während welcher man den Bürgermeister die Bewegungen eines unruhigen Schlafes machen sieht, hebt sich ein Teil der Rückwand, an welcher das Kanapee steht; man sieht einen Wolkenvorhang, welcher sich ebenfalls erhebt und den Traum des Bürgermeisters in einem Tableau darstellt. Man sieht nämlich den Moment, wo im Hofe des Wiener Landhauses ein auf dem Brunnen stehender Redner die versammelte Menge zur Erringung der Freiheit aufruft. Nach einer Weile endet die Vision. Die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf. Der Bürgermeister erwacht.)

Bürgermeister (stöhnend). Ah, wo bin ich –? Oh! (Sich ermunternd.) Gott sei Dank, 's war nur ein Traum! – Klaus – Klaus! Aber schrecklich, schrecklich ist so ein Traum!

Zweiundzwanzigste Szene

Klaus. Der Vorige.

Klaus (zur Seitentüre links hereineilend, in seinem früheren Anzuge, nur mit einer Schlafhaube). Was is's denn, Euer Herrlichkeit, is was g'schehn?

Bürgermeister. Viel – sehr viel – oder eigentlich nichts – ich schlafe sehr unruhig auf diesem Kanapee.

Klaus (beiseite). Kann mir's denken!

Bürgermeister. So abscheuliche Träume –

Klaus. Von was denn?

Bürgermeister. Von Freiheit, nichts als Freiheit!

Klaus. Was uns die Freiheit martert –! Ich weiß, was ich tu', ich setz' sie in die Lotterie.

Bürgermeister. Narr!

Klaus. Warum? »Freiheit« hat drei schöne Nummern: dreizehn, fünfzehn und sechsundzwanzig. Übrigens ist das nur im ersten Schlaf; und der Ort macht viel –

Bürgermeister. Freilich, kein Wunder, wenn man in der Nähe einer Katzenmusik von Freiheit träumt.

Klaus. Ich bin wieder in einer andern Lag'; ich schlaf' unter 'n Herd, mir haben lauter Schwabenstückeln traumt. (Geht zur Seitentüre links ab.)

Dreiundzwanzigste Szene

Bürgermeister (allein).

Bürgermeister. Vielleicht hab' ich jetzt einen bessern oder, was das beste wäre, gar keinen Traum. (Verhüllt sich wie früher, nachdem er sich auf das Kanapee gelegt, und schläft ein. – Im Orchester hat leise Musikbegleitung begonnen, welche, wie oben, nach unruhigem Schlummer, den folgenden Traum charakteristisch vorbereitet. Nachdem sich, wie früher, die Wand und der Wolkenvorhang gehoben, sieht man im Tableau den Moment der Sturmpetition vom 15. Mai auf dem Hofplatz dargestellt. Nach einer Weile endet die Vision, die Wand schließt sich, die Musikbegleitung im Orchester hört auf, der Bürgermeister erwacht.) Klaus! Klaus!! – Das ist nicht auszuhalten – wenn so was je in Krähwinkel vorkommen sollte – Klaus – Klaus!!

Vierundzwanzigste Szene

Klaus. Bürgermeister.

Klaus (hereinstürzend). An wieviel Ecken brennt's?

Bürgermeister. Nirgends als in meinem Kopf – aber ich halt' es nicht aus – die Träume werden immer schrecklicher – beängstigender –

Klaus. Doch nicht wieder von Freiheit?

Bürgermeister. Von was sonst? Es wird immer ärger, ich schlafe von heut' an gar nicht mehr.

Klaus. Wär' nicht übel! Nein, nein, mir fallt ein Mittel ein. Um diese Freiheitsvisionen loszuwerden, legen sich Euer Herrlichkeit was Schwarzgelbes unter 'n Kopf, da kommen gleich andere Traumbilder.

Bürgermeister. Ja, wo nehm' ich jetzt was Schwarzgelbes her?

Klaus. Da haben Euer Herrlichkeit die »Wiener Zeitung«. (Zieht ein Blatt »Wiener Zeitung« aus der Tasche und breitet es auf der Kopfseite des Kanapees aus.) So, und setzen wir den Fall, es kommt in Krähwinkel zu was –

Bürgermeister. Das wär' schauderhaft –

Klaus. Nein; ich kenn' die Krähwinkler – man muß sie austoben lassen; is der Raptus vorbei, dann werd'n s' dasig und wir fangen s' mit der Hand. Da woll'n wir's hernach erst recht zwicken, das Volk. (Geht Seitentüre links ab.)

Fünfundzwanzigste Szene

Bürgermeister (allein).

Bürgermeister. Er hat nicht so ganz unrecht – und geht's nicht durch eigne Kraft, so gibt's ja auch noch fremde Hilfe – hm, hm, der Gedanke ist nicht schlecht – so muß es gehen. – (Sich wieder zur Ruhe legend.) Wart' nur, du Volk, du sollst mir nicht über den Kopf wachsen, du Volk, du –! (Hüllt sich in seinen Mantel und schläft ein. Im Orchester beginnt leise Musik, welche nach und nach einen höchst behaglichen Traum charakterisiert, die Wand öffnet sich, wie früher, ebenso der Wolkenvorhang, die Musik geht plötzlich in einen russischen Triumphmarsch über, und man sieht des Bürgermeisters Traum im Tableau. Auf einer Seite knien die Krähwinkler Bürger, auf der andern steht eine dem Bürgermeister ganz ähnliche Gestalt mit einem russischen General Arm in Arm unter einem Triumphbogen. Im Hintergrunde sieht man Kosaken ansprengen und russische Grenadiere, welche die Knute schwingen. Nach einer Weile schwindet das Traumbild, der Bürgermeister drückt im Schlaf die größte Behaglichkeit aus.)

Der Vorhang fällt.

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