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Freiheit in Krähwinkel

Johann Nestroy: Freiheit in Krähwinkel - Kapitel 4
Quellenangabe
typecomedy
booktitleFreiheit in Krähwinkel
authorJohann Nestroy
year1998
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-008330-3
titleFreiheit in Krähwinkel
pages1-74
created19981226
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1849
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Dreizehnte Szene

Vorige ohne Ultra. Später Frau von Frankenfrey.

Willibald. Wenn den der Bürgermeister umstimmt –

Sigmund. O, gar kein Zweifel!

Willibald. Dann sag' ich zum Frohsinn: »Fahre hin, du Flattersinn!« und zum Servilismus: – (es wird geklopft) Herein!

Frau von Frankenfrey (zur Mitteltüre eintretend). Ah, meine Herren –

Sigmund. Meine Gnädige –

Willibald. Wie lange wurde uns das Glück nicht zuteil, die interessanteste, eigentlich die einzige interessante Frau von Krähwinkel zu sehen, die Frau, der man es auf den ersten Blick gleich ansieht, daß sie eine Fremde, nur durch Zufall in unser Nest Hereingeschleuderte ist.

Frau von Frankenfrey. Und durch welch traurigen Zufall!? Durch den Tod meines Gemahls –

Sigmund. Auf der Reise sterben ist gar etwas Unangenehmes.

Willibald. Dafür ist er in Krähwinkel gestorben, und an einem solchen Orte, wo das Leben nichts bietet, kann der Tod nicht besonders schwer sein.

Frau von Frankenfrey. Ich muß also gleich mit dem Bürgermeister sprechen.

Sigmund. In der Testamentssache?

Willibald. Das ist eine üble Geschichte; hätte wirklich was Besseres tun können in seinen letzten Stunden, der Herr Gemahl, als sich den Ligorianern in die Arme zu werfen und dem Prior das Testament in die Hände zu geben.

Frau von Frankenfrey. Ich habe aber den Inhalt genau gelesen, das Kloster erhält nur ein Legat, und nur für den Fall, als ich mich nicht mehr verehelichte, fällt nach meinem Tode das andere, höchst bedeutende Vermögen den frommen Herren zu. Und nun verweigert der Prior, das Testament meinem Advokaten einzusenden –

Willibald. Die Gründe sind begreiflich.

Sigmund. Ein Glück, daß der Herr Bürgermeister als Zeuge unterschrieben ist.

Willibald. Das Glück ist nicht so groß; denn wenn es auch jeden von den beiden Herren einzeln verhindert, die gnädige Frau um das ganze Vermögen zu prellen, so werden sie ihr um so sicherer in brüderlicher Halbpartschaft jeder die Hälfte stehlen. Und daß der Herr Bürgermeister noch auf eine Hälfte, nämlich auf die reizende Witwe selbst, als Eh'hälfte spekuliert, das ist ja eine bekannte Sache.

Frau von Frankenfrey. Eher den Tod als diesen gemeinen, vandalistischen Finsterling!

Willibald. Und ihr stürzt nicht zusammen, ihr Mauern dieser Staatskanzlei, ob solchen Frevelworten?!

Sigmund (horchend). Täusch' ich mich nicht –? Ein Wortwechsel im Kabinette Sr. Herrlichkeit –

Vierzehnte Szene

Bürgermeister. Ultra. Vorige.

Ultra (erzürnt aus der Seitentüre rechts kommend). Kein Wort weiter, ich will nix mehr hören!

Bürgermeister (ihm folgend). Aber, mein Herr –

Ultra. Für was halten Sie mich? Mir den Antrag zu machen, ich soll Zensor werden! Das is zu stark!

Bürgermeister. Sind Sie denn wahnsinnig? Ich glaub', Sie wissen gar nicht, was ein Zensor ist!

Ultra. Das weiß ich nur zu gut! Ein Zensor is ein menschgewordener Bleistift oder ein bleistiftgewordener Mensch, ein fleischgewordener Strich über die Erzeugnisse des Geistes, ein Krokodil, das an den Ufern des Ideenstromes lagert und den darin schwimmenden Literaten die Köpf' abbeißt.

Bürgermeister. Welche Sprache?! Das ist unerhört in Krähwinkel!

Ultra. Ich glaub's, weil's um hundert Jahr z'ruck seids, und diese Sprache ist noch keine vier Monat' alt. In dieser neuen Sprach' sag' ich Ihnen jetzt auch, was die Zensur is. Die Zensur is die jüngere von zwei schändlichen Schwestern, die ältere heißt Inquisition. Die Zensur is das lebendige Geständnis der Großen, daß sie nur verdummte Sklaven treten, aber keine freien Völker regieren können. Die Zensur is etwas, was tief unter dem Henker steht, denn derselbe Aufklärungsstrahl, der vor sechzig Jahren dem Henker zur Ehrlichkeit verholfen, hat der Zensur in neuester Zeit das Brandmal der Verachtung aufgedrückt.

Bürgermeister (wütend). Herr! Wenn's nicht zu hoch käm', für Sie ließ' ich extra eine Festung bauen, gegen die der Spielberg nur ein chinesisches Lusthaus wär'.

Frau von Frankenfrey (mit Entrüstung zum Bürgermeister, indem sie vortritt). So möchten Sie das freie Wort belohnen?

Bürgermeister (frappiert). Meine Verehrteste – Charmanteste – (Zu Sigmund und Willibald.) Warum hat man mir nicht gemeldet –?

Frau von Frankenfrey (zu Ultra). Sie haben mir aus der Seele gesprochen, Sie sind mein Mann!

Ultra. Ich bin Ihr Mann?

Frau von Frankenfrey. Das heißt nämlich – ich meinte –

Ultra. Das Mißverständnis is so schön, daß ich auf gar keine Entschuldigung dringe.

Bürgermeister (zu Frau von Frankenfrey). Ist es gefällig, in mein Kabinett zu spazieren? –

Ultra (zu Frau von Frankenfrey). Da drin werd'n Anstellungen aus'teilt – wer weiß – die verstorbene Frau Bürgermeisterin is tot –

Bürgermeister (wütend). Mensch –!

Ultra. Hätten Sie mir einen anderen Namen gegeben, so hätt' ich g'sagt: »Selber einer!«, aber so –

Frau von Frankenfrey (zu Ultra). Hielten Sie mich für fähig –?

Bürgermeister. Ich bitte – (Will sie nach der Seitentüre rechts führen.)

Frau von Frankenfrey. Ich bin, gekommen, Ihnen zum letzten Male zu sagen, daß Ihre Umtriebe in betreff meines Vermögens –

Bürgermeister. Hier ist nicht der Ort – (Führt sie nach seinem Kabinett ab.)

Ultra. Die Bureau-Jünglinge sollen nicht erfahren, was sie für einen Chef haben –

Bürgermeister (sich an der Türe umwendend, zu Sigmund). Fertigen Sie diesem propagandistischen Ausländer einen Laufpaß aus, in zwei Stunden muß er das Weichbild von Krähwinkel im Rücken haben. (Geht in die Seitentüre rechts ab.)

Fünfzehnte Szene

Ultra. Sigmund. Willibald.

Ultra. Das Weichbild im Rücken? Das ist ein hartes Urteil.

Willibald. Was liegt Ihnen denn soviel an Krähwinkel?

Ultra. An Krähwinkel gar nix, aber alles an dieser unbekannten Dame, die mich ganz damisch macht. Wie sie g'sagt hat: »Sie sind mein Mann!« – merkwürdig, wie mich da alle Wonnen des Eh'stands durchschauert haben. O, er hat Recht, jener populäre Philosoph, wenn er so klar sagt, daß das Sein nur ein Begriffsaggregat mit markierten elektromagnetisch-psychologisch-galvanoplastischen Momenten ist.

Willibald. Ihr Zustand scheint bedenklich! Was wollen Sie tun?

Ultra. Den Bürgermeister stürzen und auf den Trümmern der Tyrannei den Krähwinklern ein' Freiheitsdom und mir einen Hymentempel bauen! Das is gewiß eine schöne Unternehmung.

Sigmund. Ich muß Ihnen aber laut Befehl Sr. Herrlichkeit – und bei uns steht immer die Existenz auf 'n Spiel – einen –

Ultra. Einen Laufpaß geben. Sagen Sie, Sie haben's getan –

Sigmund. Aber zu meiner Legitimation –

Ultra. Tragen Sie nur das Nötige g'schwind ein in Ihr Buch.

Sigmund (sich zum Schreibtisch setzend). Name –

Ultra. Eberhard Ultra.

Sigmund. Geburtsort –

Ultra. Deutscher Bund.

Sigmund. Alt –

Ultra. Vierthalb Monat'.

Sigmund. Was –?

Ultra. Keine Stund' älter; so alt is die Freiheit, und das Frühere rechn' ich für nix.

Sigmund. Augen –

Ultra. Dunkel, aber hellsehend.

Sigmund. Nase –

Ultra. Freiheitsschnuppernd.

Sigmund. Mund –

Ultra. Wie ein Schwert.

Sigmund. Statur –

Ultra. Mittlere Barrikadenhöhe.

Sigmund. Besondere Kennzeichen –

Ultra. Unruhiger Kopf.

Sigmund. Charakter –

Ultra. Polizeiwidrig! – Jetzt haben Sie alles. (Zu Willibald.) Und jetzt sagen Sie mir, Freund, wie kann ich dem Bürgermeister hinter seine Regierungsschliche kommen, denn ich möcht' vorläufig mit List gegen ihn operieren, bis es Zeit is zum Gewaltstreich. Wem schenkt er sein Zutrauen?

Sigmund. Niemandem als dem Geheimen Ratsdiener Klaus.

Ultra. Und zu wem hat der sein Zutrauen?

Willibald. Zu niemandem als zu den Ligorianern.

Ultra. Das is mir schon genug.

Willibald. Wie aber wollen Sie unerkannt hier verweilen?

Ultra. Wie anders als verkleidet? Und dazu müssen Sie mir behilflich sein. Sie sehn, wie ich auf Ihre Freundschaft baue.

Willibald. Glücklicherweise kann ich Ihnen hierin – das trifft sich herrlich – voriges Jahr konnte hier ein armer Theaterprinzipal den Pacht nicht bezahlen. Seine Herrlichkeit ließen ihm die Garderobe pfänden.

Ultra. Damit sich der arme Teufel auch weiter nichts verdienen kann.

Willibald (zu Ultra). Zu dieser Garderobe kann ich Ihnen behilflich sein.

Ultra. Sehen Sie, wie der Weltlauf immer nemesiserln tut. Seine eigene Schandtat liefert mir die Waffen gegen ihn. Sie begleiten mich jetzt, nicht wahr?

Sigmund (zu Willibald). Ich werde dich beim Herrn von Reakzerl als unpäßlich entschuldigen.

Willibald (zu Sigmund). Tu das! – (Zu Ultra.) Kommen Sie! –

Ultra. Noch eins. (Zu Sigmund.) Wenn Sie die reizende Witwe sehn, so sag'n Sie ihr, wie Krähwinkel frei is, so werd' auch ich so frei sein und sie an gewisse Worte erinnern. Sie hat gesagt: »Sie sind mein Mann«, – sagen Sie ihr, daß ich in diesem Punkt keinen Spaß versteh'. Sie hat es vor Zeugen zu mir gesagt, so was is sehr delikat, ich glaub', sie is es meinem Ruf als Jüngling schuldig, daß sie mir am Altar gelegentlich ihre Rechte reicht. (Geht mit Willibald zur Mitte, Sigmund in die Seitentüre links ab.)

Verwandlung

Wohnzimmer des Ratsdieners Klaus. Im Hintergrund steht ein altes Kanapee. Keine Mitteltüre, sondern nur rechts und links eine Seitentüre, von welchen beiden die rechts der allgemeine Eingang ist, die links in die Küche führt.

Sechzehnte Szene

Klaus. Emerenzia.

(Es ist Abend. Klaus kommt mit einem Pack Zeitungen aus der Seitentüre links mit Emerenzia, welche Licht bringt und auf den Tisch stellt.)

Klaus. Ich sag' dir's, Alte, es is a so und nicht anders; so wie vor siebzehn Jahr'n die Cholera, grad so geht jetzt die Freiheit herum.

Emerenzia. Mein Gott, wenn s' uns heimsuchet, könnt' s' dir was tun?

Klaus. Na, ob! Die Freiheit packt immer zuerst das alte Ministerium, dazu gehör' ich offenbar, und so dürfte ich als eins der ersten Opfer fallen.

Emerenzia. Na, sei so gut und mach' mich in meine alten Täg' zur Witib.

Klaus. Hier is nicht von dem ordinären Tod, sondern von dem Verlust des Einflusses, von meiner Stellung zum Staat die Rede. Die Verhältnisse könnten mich zwingen, zu abdizieren. Das is für uns Große keine Kleinigkeit.

Emerenzia. Was hast denn da für Zeitungen? –

Klaus. Lauter östreichische. Ich trau' mir s' gar nicht z' lesen. Nein, wie wir uns in dem Östreich alle getäuscht haben, das is schauderhaft!

Emerenzia. Sollen tun, was s' wollen, bis nach Krähwinkel dringt d' Freiheit doch nit.

Klaus. Wenn uns etwas bewahren kann vor dieser Pest, so sind's die Ligorianer. Auf diese frommen Herren bau' ich noch meine einzige Hoffnung. (Es wird geklopft.)

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