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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Die jubelnden Gloire de Margottin und die schmachtenden Souvenir de la Malmaison auf dem Rosenflöz hinter dem Himmelhaus hatten längst abgeblüht, und das Laub an den Bäumen und Sträuchern war gelb und rot geworden, da sagte Herr Schinackel, als er sich einmal nach der Unterrichtsstunde mit den Knaben im Garten erging: »Wir werden nicht mehr lange beisammen bleiben.«

Erschrocken blickte Poldi zu ihm auf.

»Ihr zieht jetzt bald in die Stadt. Ihr werdet einen andern Lehrer bekommen, oder in die Hauptschule gehen. Ich habe mit eurem Vater gesprochen. Es war heute die letzte Stunde, die ich euch gegeben.«

Poldis Augen füllten sich mit Tränen. So war also Herr Schinackel so unzufrieden mit ihm, daß er ihn nicht mehr unterrichten wollte!

»Ich reise nämlich fort«, sagte Schinackel. »Weit fort, in ein Land, wo es keinen Herbst gibt und keinen Winter, nur einen ewigen Sommer. Und wir werden uns wahrscheinlich nie wiedersehen. Wirst du manchmal an mich denken, Fred? Und wirst du die Ratschläge befolgen, die ich dir auf deinen Lebenswege mitgegeben habe?«

»Reisen Sie in das Land, wo die Indianer wohnen?« fragte Fred gespannt.

»Ich reise nach Brasilien, das liegt in Südamerika. Indianer gibt es nur mehr wenige dort, oder gar keine. Dafür aber Papageien, Kolibrivögel, Affen und große bunte Schmetterlinge.«

»Ich reise mit Ihnen! Nehmen Sie mich mit!« rief Fred begeistert.

Schinackel beugte sich nieder, legte ihm den Arm um die Schultern und drückte einen Kuß auf seine Stirn. Er nahm Freds Worte für ein Zeichen von Anhänglichkeit und war bewegt.

»Hast du deinen Lehrer so gern, daß du ihm in die Welt hinaus folgen möchtest?«

»Und ich nehme auch meine Schmetterlingszange mit, sagte Fred, »und fange die Kolibrivögel und Schmetterlinge. Kann man die Affen auch fangen?«

Herr Schinackel erschien ihm plötzlich als ein neuer Mensch, als ein Held, zu dem er bewundernd aufblickte.

»Werden Sie denn auch lederne Mokassins tragen und eine lange Büchse wie der Wildtöter?«

»Ich werde nicht viel anders aussehen als jetzt. In die Urwälder gehe ich nicht, und Jäger bin ich keiner. Da, wo ich wohnen werde, ist eine Kolonie von fleißigen Deutschen. Sie bauen Getreide, Tabak, Kaffee und Baumwolle.«

»Brauchen die Kinder von diesen Deutschen einen Herrn Lehrer?« fragte Poldi ernst.

»Sie haben schon einen. Aber wenn sie auch noch keinen hätten – ich gebe keinen Unterricht mehr. Ich fange ein Geschäft an.«

Poldi ging schweigend an seiner Seite hin, ein Blick Schinackels streifte ihn, da sah der Lehrer, daß der Knabe still in sein Taschentuch hineinweinte. Erschrocken fragte er, was es gebe? Aber Poldi konnte vor Schluchzen nicht sprechen. Herr Schinackel wendete sich an Fred. Ob er nicht wisse, was der Bruder habe? Aber der wußte es ebensowenig. Endlich beruhigte sich Poldi und trocknete seine Tränen, nur kleine Stöße von innen heraus, wie sie das unterdrückte Weinen hervorruft, erschütterten noch seinen Körper.

Vom Himmelhaus klang das chinesische Gong, mit dem die alte Sabine zu den Mahlzeiten zu rufen pflegte.

»Also jetzt sag mir noch, Poldi, warum hast du eigentlich geweint?«

»Weil Sie ein Geschäft anfangen wollen.«

Mehr hätte er nicht sagen können; er wußte es nicht so genau, in welchem Zusammenhang mit seinem Schmerze es stand, daß Herr Schinackel ein Geschäft anfangen wollte.

Bei Tisch wurde viel von Schinackels Plänen gesprochen. Daß es einen Ort mit Namen Blumenau in Brasilien gab, war kaum zu glauben.

»Und was ist das für ein Geschäft, das Sie anfangen wollen?« fragte Michella.

Seifensieder wollte er werden. Ein Onkel, den man seit zwanzig Jahren für verschollen gehalten, hatte auf einmal aus Blumenau geschrieben, daß er dort eine Seifensiederei betreibe und ein Gehilfe und Geschäftsnachfolger ihm erwünscht wäre, jetzt, da er alt werde und sich bald zur Ruhe setzen wolle. Ob der Neffe nicht Lust hätte, hinüberzukommen? Zu seinem Schaden würde es nicht sein, Seifen und Kerzen seien kostspielige Artikel da unten, es lasse sich ein schönes Geld daran verdienen, wenn man sie im Lande selbst erzeuge. Neue Kessel und andere näher bezeichnete Gerätschaften, die zur Modernisierung des Betriebes dienen sollten und in Brasilien einen unerschwinglichen Preis hätten, müsse aber der Neffe aus Europa selbst mitbringen, als Einlagekapital gleichsam und Bedingung für die Beteiligung am Gewinn.

»Das war nur gerade recht, so brauch' ich nicht mit ganz leeren Händen zu kommen. Und ein bißchen was hab' ich mir auch zurücklegen können, seit meine gute Mutter tot ist.«

Michella fand das alles höchst erheiternd. Seife! Herr Schinackel!

»Wissen Sie denn, wie mans macht?«

»Ein paar technologische Bücher, wo das Neueste über Kerzen und Seifen drinsteht, sollt' ich auch mitbringen, hat der Onkel geschrieben. Auf der langen Seefahrt werd' ich Zeit genug finden, darin zu lesen.«

»Sie waren doch sonst kein besonderer Freund der Seife?« sagte sie boshaft.

»Der Herr von Leodolter fabriziert auch gemusterte und buntfarbige Seidenstoffe, aber Rock und Hose läßt er sich doch nicht daraus machen.«

»Das ist aber etwas ganz anderes!«

»Ändern kann ich die Menschen nicht. Sie halten einmal die Seife für unentbehrlich. Und hundert andere Dinge auch, die mir überflüssig scheinen. Übrigens werde ich vorwiegend Kerzen erzeugen.«

»Aber wenn Sie zu Vermögen kommen, was haben Sie davon? Nur der Bedürfnislose ist wahrhaft frei – haben Sie nicht einmal einen ähnlichen Gedanken geäußert?«

»Es kann auch ein wohlhabender Mensch bedürfnislos sein.«

Neue Stiefel wenigstens, dachte Michella, wird er sich aber dann hoffentlich machen lassen? Bethi fand es unpassend, daß sie ihn aufzog.

»Ich kann es begreifen: Eine solche Gelegenheit, etwas von der Welt zu sehen, läßt man sich nicht leicht entgehen.«

»Gerade das ist's, Fräulein Leodolter! Der Mammon lockt mich wenig; aber daß ich das Meer sehen soll und fremde Küsten, wo Palmen wachsen und Nachtigallen singen, ganze Chöre von Nachtigallen! Ich habe nie eine Nachtigall singen hören – denken Sie nur! Und jetzt auf einmal hinaus aus der Noveranigasse und an ganz Afrika entlang über den Äquator hinüber! Manchmal schwindelt es mich, wenn ich daran denke, und es wird mir fast bange. Mein alter enger Hof mit dem Stück Himmel darüber wird mir abgehen – sollten Sie's glauben? Er ist mir ans Herz gewachsen. Wenn ich tun könnt', ganz wie ich wollte – wer weiß, blieb' ich am Ende noch da? Aber der Mensch muß sich bezwingen. Und dann sag' ich mir noch: Drüben, da wirst du auch nach außen hin frei, unabhängig, dein eigener Herr, lernst das große Leben kennen, kannst tun und lassen, was dir gefällt. Und der alte Onkel, der freut sich, wenn du kommst. Dagegen hier – wer wird dich vermissen?«

Er schaute zögernd rundum, als hoffe er im Stillen, es könnt' sich am Ende doch jemand finden, der ein lautes und vernehmliches »Ich!« riefe. Unwillkürlich blieb sein Auge an Susann haften, die ihn mit heißen Blicken verzehrte.

»Und Klapperschlangen werden Sie klappern hören,« sagte sie.

Er sah sie eigentümlich von der Seite an. Seit sie die Braut Mießrigels war, hatte er ohne Nötigung noch kein Wort mit ihr gesprochen. Sie errötete.

Nach Tisch ging er noch einmal allein durch den Garten. Es zog ihn nach der Eschenlaube, an die sich Erinnerungen für ihn knüpften. Damals, an jenem Nachmittage war es gewesen, während des Verlobungsfestes, das im Himmelhaus gefeiert wurde. Da hatte er Mießrigeln durch den Garten laufen sehen, mit der Laute in der Hand. Und da er Susannen nicht bei der übrigen Gesellschaft erblickte, war ihm auf einmal die Angst gekommen, Mießrigel könnte dem Mädchen nachstellen und sich in seiner Weinlaune Zudringlichkeiten gegen sie herausnehmen. Vom ersten Augenblick an mochte er diesen Menschen nicht recht leiden und traute ihm wenig Gutes zu. Ein Geist von Ritterlichkeit, der plötzlich in ihm erwachte, trieb ihn hinter Mießrigel her, und Fred, der gerade des Weges kam, wies ihm die Richtung. In der Eschenlaube hatte er das Paar eingeholt und überrascht. Die Situation, die er vorfand, verstärkte seinen Verdacht. Es sah genau so aus, als hätte das Mädchen sich des halbbekneipten jungen Menschen zu erwehren gehabt, der mit erhitzten Wangen und unstet schweifenden Blicken vor ihr zurückzuweichen schien. Da war Schinackel mit dem dröhnenden Schritt eines Erzengels zwischen die beiden getreten und hatte als ein Schirmer der verfolgten Unschuld den Bedränger herausfordernd gemessen – einen Augenblick standen sie einander gegenüber wie zwei Hähne, die mit vorgestrecktem Schnabel die Schwäche des Gegners zu erspähen suchen. Und dann sagte Schinackel großartig: »Darf ich bitten, mein Fräulein!« bot Susannen den Arm und führte sie aus der Eschenlaube in der Richtung gegen das Haus. Und sie ließ es willenlos geschehen, daß er sie in feierlichem Schweigen durch den Garten und zu der Gesellschaft zurück geleitete; ihn aber hatte die ungewohnte süße Empfindung, daß er ihren Arm auf dem seinigen ruhen fühlte, fast verrückt gemacht.

Seither träumte er in mancher Sommernacht von ihr, und sie waren so seltsam eins miteinander im Traume, daß es ihn beglückte. Und wo er ging und stand, dachte er an sie. Zum ersten Male war er in Gefahr, von einer Leidenschaft gefesselt zu werden, aber zu seiner Verwunderung merkte er, daß solche Fesseln keine Sklavenketten waren, im Gegenteil! Er fühlte sich mächtig und frei, seit er sie trug und die ganze Welt war sein, weil er liebte. Da hörte er, Susann hätte sich mit Mießrigel verlobt und fiel aus allen seinen Himmeln. Gerade damals war der Brief des Onkels eingetroffen. Wie eine Hand, die ihm entgegengestreckt wurde, in demselben Augenblick, wo er in Bitterkeit und Enttäuschung zu versinken drohte. Nur einen kräftigen Ruck kostete es jetzt, und die lieblichen Rosenfesseln, die nun doch zu unwürdigen Sklavenketten zu werden drohten, fielen zerbrochen zu Boden. Und er war wieder frei, weil er wieder er selbst, der alte entsagende Schinackel geworden war. So hatte er sich zu Brasilien entschlossen.

Aber eh' er schied, wollte er noch ein letztes Mal in der Laube weilen, wo er einen kurzen Augenblick des Triumphes genossen, wo er die zarten Anfänge eines törichten kleinen Liebesglücks erlebt hatte, das wie die erste Primel, kaum daß sie ihr Knöspchen aus dem Rasen streckte, auch schon wieder eingeschneit war. Nun deckte welkes Laub den Kiesboden, und durch das gelichtete Lattenwerk guckte der Himmel. Mit wehmütiger Empfindsamkeit genoß er das stille Verzichten des Herbstes, dem er vielleicht für immer Lebewohl sagte. Von je war keine Jahreszeit ihm teurer gewesen. Und es schien ihm von sinnbildlicher Bedeutung für sein Leben, daß es keinen Herbst mehr für ihn geben sollte. Kein Erinnern und Zurückschauen mehr, nur ein gebieterisches »Vorwärts!« im fühllosen Einerlei einer prosaischen Alltagsarbeit, wo man ein anderer Mensch wird mit der Zeit, ein harter Amerikaner vielleicht, den die ewiggrünen Palmen und das ununterbrochene Schluchzen der Nachtigallen längst angefangen haben zu langweilen. Gleichviel! So war es nun einmal.

Da stand unerwartet Susann vor ihm. Sie lehnte an einem der Pfosten, die das Lattendach stützten, und sah mit seitlich geneigtem Kopf zu ihm hinüber.

»Also wollen Sie jetzt wirklich über Meer fahren und ein neues Leben anfangen ...?«

Er lehnte sich zurück auf der Bank, auf der er saß, und nickte bloß stumm mit dem Kopfe.

»Das möcht' ich auch, wenn ich könnte. Das meinige ist verfehlt und vertan ...«

»Spricht so eine Braut?«

Sie zog ihr Schnupftuch hervor und begann zu weinen. Schinackel war aufgesprungen und stand bestürzt, unschlüssig, was er beginnen, wie er sie trösten sollte. Während er freundlich auf sie einredete, spürte er etwas, das sich gegen seine Beine preßte. Finettl, der Familienhund war es, der sich wie ein verprügelter Pudel zu seinen Füßen wand. Gleich darauf erschien ein untersetzter schmieriger Mann im Laubengang. Er näherte sich wackelnd wie ein rollendes Schiff, weil er auf ausgerenkten Hüftknochen ging, und roch stark nach Schnaps. Die Schere, die aus seiner Brusttasche guckte, hätte keinen Zweifel über sein Handwerk aufkommen lassen, auch wenn er nicht so viel Lebensart besessen hätte, sich vorzustellen.

»Ich bitt', ich bin nämlich der Pudelscherer,« sagte er mit vertraulichem Grinsen.

Finettl hatte den unheimlichen Menschen langsam, aber mit der Unabwendbarkeit des Schicksals herankommen sehen und war gleich einem Besessenen unter die Bank gefahren, von wo er, den zottigen Kopf zwischen den Vorderbeinen, mißtrauisch und leise winselnd hervoräugte. Der Mann kroch ihm auf den Knieen nach, packte ihn ohne viel Federlesens an der Nackenfalte und zog ihn ans Licht. Finettl warf Susann einen vielsagenden Blick zu. Eine Mischung von Staunen und Empörung lag darin: War er nicht ein Hausgenosse, beinahe ein Familienmitglied? Und so ließ man ihn von einem wildfremden Menschen behandeln? Eine Schmach!

Der Pudelscherer hatte ihm einen Strick ums Halsband gebunden und zog ihn zum Wasser. Finettl machte steife Beine, aber es nützte ihm nichts; wo er nicht gehen wollte, wurde er wie ein Schlitten im Sande vorwärts geschoben. Bald darauf lag er wie ein geduldiges Schäfchen im Schoße des bösen Mannes still und rührte sich nicht; denn er wußte, die geringste Bewegung konnte ihm einen empfindlichen Zwicker mit der Schere zuziehen. Und zitternd vor Angst und gekränktem Ehrgefühl sah er seine Locken auf den treibenden Wellen des Baches davonschwimmen ...

Susann hatte zu weinen aufgehört und der kleinen Szene halb belustigt zugesehen.

»Sehen Sie, Herr Scheichenstuhl,« sagte sie jetzt; »so beinahe geht es mir: einen Strick um den Hals. So werde ich vor den Traualtar geschleppt.«

»Wie können Sie so etwas sagen?« wunderte sich Schinackel. »Sie haben sich verlobt. Es kann Sie doch niemand dazu gezwungen haben?«

Sie antwortete nicht auf seine Frage, sondern sprang ab, »Ist drüben ein freies Land?«

»In Brasilien? Wie meinen Sie es, Fräulein Leodolter?«

»Ich meine, ob Brasilien eine Konstitution hat?«

»Soviel ich weiß, hat es seit mehr als zehn Jahren eine Konstitution.«

»Dann gibt es also keinen Zwang dort, daß man tun muß, was man lieber nicht täte? Daß zum Beispiel ein Mädchen genötigt ist, einen Mann zu nehmen, den sie garnicht mag?«

»Eine Konstitution würde dagegen kaum etwas helfen.«

Sie sah enttäuscht drein. Wozu war dann eine Konstitution? Wie oft hatte sie Petz und Sephine sagen hören, wenn man erst eine Konstitution hätte, dann wäre man frei!

»Uebrigens besteht solch ein Zwang hier ebensowenig wie drüben,« sagte Schinackel. »Wenn Sie Herrn Mießrigel nicht mögen, wer könnte Sie zwingen, ihn zu heiraten? Des Menschen Wille ist frei, diesseits wie jenseits des Ozeans.«

Susann schwieg und zögerte und schien zu überlegen, ob sie sich ihm anvertrauen sollte. Vom Bache her hörte man deutlich das emsige Klappern der Schere, die in Finettl's Locken wütete. Schinackel atmete tief.

»Zwingen, mit Gewalt, wie der Pudelscherer den Finettl, kann mich freilich niemand. Ich mein' es auch nur vergleichsweise. Aber kommt es nicht auf dasselbe hinaus, wenn die Umstände es fordern, der Brauch und die Sitte? Wem so etwas geschehen ist,« sagte sie seufzend, »wie es mir geschah! ...«

Erschrocken schlug Herr Schinackel die Hände zusammen.

»Was sagen Sie da?«

»Oh, es steht schlimm um mich, schlimmer, als Sie ahnen!«

»Sie wissen nicht, was Sie reden, Fräulein Susann?« sagte er beunruhigt.

»Sie sollen es wissen. Sie allein, eh' Sie nach Brasilien fahren,« sagte sie entschlossen. »Damals, hier in der Eschenlaube, an jenem Nachmittage, als das Verlobungsfest des Muschirs und Cajetanas gefeiert wurde – da hat Herr Mießrigel mich geküßt. Sie wundern sich, daß so etwas möglich ist, nicht wahr? Auch ich hätte ihn einer solchen Schändlichkeit nicht für fähig gehalten. Ich wollte ihm entlaufen, aber er hielt mich fest. Ich versetzte ihm einen Stoß vor die Brust, daß er taumelte. Da packte er mich und umfing mich mit seinen frechen Armen und küßte mich auf den Mund. In diesem Augenblicke sind Sie dazu gekommen und haben mich gerettet, sonst hätt' er mich vielleicht noch mehrmals geküßt.«

Schinackel lauschte gespannt und wartete, ob sie ihrem Geständnis noch etwas hinzuzufügen hätte.

»Jetzt wissen Sie, wie es um mich steht,« sagte sie traurig, »Und jetzt werden Sie es auch begreifen, daß ich mich mit Mießrigel verloben mußte, und daß mir nichts übrig bleibt, als ihn zu heiraten.«

»So ganz begreife ich es noch immer nicht,« sagte Schinackel, dem auf einmal der Himmel voller Geigen hing.

»Ich bin es ganz einfach meiner Ehre und der Ehre meiner Familie schuldig.«

»Weil Mießrigel Ihnen einen Kuß raubte? Darum sind Sie doch noch lange nicht genötigt, ihn zu heiraten?«

»Das kommt in allen Büchern vor,« fügte sie eifrig; »Sie müssen nicht glauben, daß ich nichts davon weiß. Immer hab' ich es so gelesen, daß einem Mädchen, wenn es einmal entehrt ist, nichts übrig bleibt, als den Mann zu heiraten, der sie ins Unglück gebracht hat. Oh, ich bin kein Kind mehr und weiß ganz gut, wie es in der Welt zugeht!«

Nun begann Schinackel die heillose Verwirrung zu durchschauen, die aus Romanen aufgelesene Worte, für die ihr die Begriffe fehlten, in diesem Blondkopf angerichtet hatten. Das Schicksal schien ihn nun einmal dazu ausersehen haben, sie vor Mießrigel zu schirmen. Und er freute sich, gerade noch rechtzeitig Einblick in die Mißverständnisse gewonnen zu haben, die sie beängstigten und in Mießrigels Arme zu treiben drohten.

»Haben Sie,« fragte er lächelnd, »beim Pfänderspiel oder beim Polstertanz noch nie einen Kuß bekommen?«

»Wenn es ein Spiel bleibt, ist es freilich etwas anderes,« sagte sie. »Das war aber ein ganz ernsthafter, leidenschaftlicher Kuß! Ich fühle mich durch und durch kompromittiert. Ich weiß, daß ich entehrt bin, ich bin ein gefallenes Mädchen. Ja, ich muß noch froh sein, daß Mießrigel wenigstens weiß, was er mir jetzt als Mann von Ehre schuldig ist, und daß er um mich angehalten hat. Ließe er mich gar sitzen, so könnt' ich überhaupt ins Wasser gehen!«

»Haben Sie Ihren Geschwistern eigentlich gesagt, warum Sie sich genötigt glauben, Mießriegels Gattin zu werden?«

»Um Gotteswillen, wo denken Sie hin!« rief sie erschrocken. »Wenn der Muschir so etwas von seiner Schwester wüßte! Ich glaube, er brächte mich um!«

»Wenn ich Ihnen nun aber das Versprechen geben könnte, Ihre Ehre wiederherzustellen und Sie von Mießrigel zu befreien, so daß Sie ihn nicht zu heiraten brauchen – wären Sie damit einverstanden?«

»Ich wäre Ihnen ewig dankbar dafür! Aber wie sollten Sie das Unmögliche möglich machen können?«

»Ich kann es Ihnen versprechen,« beteuerte Herr Schinackel. »Sie müssen mir nur gestatten, mit dem Geheimnis, das Sie mir eben anvertrauten, nach Gutdünken zu schalten. Daß niemand Ihnen einen Vorwurf machen soll, auch Herr von Leodolter, Ihr ältester Bruder nicht, schwöre ich Ihnen.«

Da fiel ihr eine Zentnerlast vom Herzen.

»Gott, wenn Sie das so deichseln könnten – nie würd' ich es Ihnen vergessen! Aber es kann Ihnen unmöglich gelingen!«

»Es wird mir gelingen, ich verpfände Ihnen mein Wort dafür,« sagte Schinackel lächelnd und streckte ihr seine Hand hin. »Haben Sie Vertrauen zu mir, so schlagen Sie ein!«

»Ich habe Vertrauen zu Ihnen!« sagte sie feierlich und legte ihre Hand in die seinige.

Er drückte sie kurz und ließ sie fast wie erschrocken rasch wieder fahren.

»Kommen Sie Fräulein! Alles, was Sie bedrückt, soll so bald wie möglich von Ihrem Herzen genommen sein!«

Herr Schinackel kam ihr wie ein Erlöser und Befreier vor, und sein Haupt leuchtete, wie sie jetzt zusammen den Garten hinaufgingen, weil er von seiner Mission erfüllt war. Aber sie gingen nicht Arm in Arm wie damals, als er sie von Mießrigel fortgeführt hatte, sondern mit einer gewissen Scheu nebeneinander her, seltsam verbunden und seltsam geschieden durch das Vertrauen, das sie ihm geschenkt. Und das Gemeinsame, das sie plötzlich miteinander hatten, zog sie zu einander hin und stand doch trennend zwischen ihnen, daß sie einsilbig blieben und ein jedes zuvorkommend zur Seite wich, wenn ihre Kleider zufällig sich berührten. Mit einem Male, in der Nähe des Rosenflözes, kam Finettl gestoben, halb wahnsinnig vor Freude, und sprang an ihnen hinauf. Wie ein kleiner schwarzer Löwe war er hergerichtet, die Mähne sorgfältig gekämmt, den Hinterleib nackt geschoren, daß es eine angenehm prickelnde Empfindung in den Fingern gab, ihm über das Stoppelfell zu streicheln. An jedem der vier Beine saß kokett ein zierliches Kränzlein aus schwarzer Wolle. Das Glück, das das Tier beseelte, ließ sich leicht aus der überstandenen Not, zum Teil wohl auch aus dem gesteigerten Selbstbewußtsein erklären, das eine adrette äußere Erscheinung hervorruft. Aber auch daß so viel Krauses und Überflüssiges von ihm weggeputzt worden war, mochte dazu beitragen, das Gefühl eines neubefreiten Daseins in seiner Brust zu wecken. Susann hatte in diesem Augenblicke ein lebendiges Mitempfinden für eine solche Stimmung bereit.

»Gott, wenn Sie es zu deichseln wüßten!« sagte sie nocheinmal. »Es würde mir mit einem Male so leicht wie jetzt dem Finettl.«

»Überlassen Sie es mir getrost, Ihre Sache zu führen!«

In das Landhaus zurückgekehrt, suchte er sogleich eine Unterredung mit Bethi nach, die ans Zimmer gefesselt war und auf dem Diwan lag. Seine Mitteilungen machten sie fast gesund, mit heißen Dankesworten entließ sie ihn. Gleich darauf läutete sie Sabinen und ließ Susann auf ihr Zimmer bitten. Auf dem Balkon, den jetzt keine Rosen mehr schmückten, fand inzwischen die Familienjause statt, an der Schinackel noch ein letztes Mal teilnahm. Ernst, aber voll innerer Genugtuung, daß es ihm beschieden gewesen, sein Wirken in diesem Kreise so segensreich zu beschließen, saß er zwischen Poldi und Fred und aß von dem leckeren Mandelbrot, das Michella aufgestellt hatte, in Gedanken ein Stück ums andere, das Weh der bevorstehenden Trennung damit hinunterwürgend. Bis es ihm plötzlich bewußt wurde, daß er in der letzten halben Stunde, die er mit seinen Schülern verbrachte, ein Beispiel von Unmäßigkeit gab, das mit allen seinen Lehren im Widerspruch stand. Da schob er einen Riegel vor und beschloß zur heilsamen Buße, sich beim Scheiden wie ein zweiter Marc Aurel zu benehmen.

Bethi redete mittlerweile unter vier Augen mit Susann. Und Susann war nach Schinackels Zuspruch mitteilsamer und zutraulicher geworden und erzählte alles haarklein, wie es sich zugetragen. Da küßte Bethi sie unter Freudentränen, nannte sie einen verrückten kleinen Schafskopf und schwur, daß ihre Ehre durch Mießrigels unziemliches Benehmen nicht gelitten habe, und daß sie ihn auch nicht zu heiraten brauche. Mit dem Muschir zu sprechen, nehme sie gern auf sich, und nachdem man endlich wisse, wie die Sache eigentlich stehe, sei sie auch schon so gut wie geordnet und die Verlobung so gut wie aufgelöst, Susann möge sich keinen Kummer machen.

Und dann empfand sie das Bedürfnis, Herrn Schinackel, der unversehens zu einem Wohltäter der Familie geworden war, noch einmal zu grüßen, und ließ sich von Susann hinausführen. Die glücklichen Gesichter der beiden Leodolter-Mädchen, wie sie in die Balkontür traten und ihm die Hände entgegenstreckten, hat Herr Schinackel nie vergessen. Sie begleiteten ihn auf seiner Fahrt über das weite Meer und auf allen seinen Wegen im fernen Lande. Denn, daß er nach Brasilien reisen würde, das stand einmal fest, daran war nicht mehr zu rütteln ... Dem Onkel hatte er geschrieben, alle Vorbereitungen waren getroffen ... Und die Welt nur aus Büchern zu kennen, das hatte er satt; jetzt wollte er endlich Nachtigallen hören, und nicht bloß von ihrem Gesange lesen ... Und was da in seinem Kopf rumorte und ihn in seinem Entschlusse wankend machen wollte, das war ein unmögliches Schnickschnack, und was ihm das Herz schwer machte, eine unsinnige Träumerei ... Und schließlich wußte er es ohnedem von je, daß es die Pflicht und das Los der Menschen ist, stark zu sein und zu überwinden.

Es ging ans Abschiednehmen. Bethi, Cajetana, Susann und die beiden Knaben gaben ihm unter Glück- und Segenswünschen das Geleite bis zum Gatter des Himmelhauses. Er hatte Tränen in den Augen, als er Fred umarmte. Da dachte ei mit aller Gewalt an Marc Aurel und wendete sich gegen Susann, die ihn mit großen fragenden Augen fast verzehrte. Kurz und gemessen, beinahe kühl, sagte er ihr Lebewohl. So blieb er, der er war: Der große Sieger über sich selbst.

Noch in der letzten Minute kam Michella hinzu. Sie hatte im Gemüsegarten nach den Beeten gesehen und trug eine herrliche vollreife Melone im Arm, um den Nachtisch der Abendmahlzeit damit zu schmücken.

»Mögen Sie dergleichen?« sagte sie lächelnd; »dann nehmen Sie sie zum Andenken nach Brasilien mit!«

»O – ich beraube Sie!«

»Gar nicht, es sind deren noch mehrere reif.«

»Dann gerne und mit vielem Dank!«

»Sie müssen mir aber versprechen, die Schale wegzuschneiden und nur das Innere zu genießen?«

»Das tut man doch wohl immer so, denk' ich?«

»Ich fürchtete, um sich zu kasteien, würden Sie's vielleicht umgekehrt anstellen.«

»O, Fräulein Leodolter –!«

Als er schon ein Stück Weges die Straße gegangen war, blieb er noch einmal stehen, kehrte sich um und grüßte zurück. Alle winkten mit den Taschentüchern, und Poldi führte dazwischen das seinige ein paarmal verstohlen an die Augen. Und dann kam die Biegung und man sah ihn langsam dahinter verschwinden, mit der großen Melone unterm Arm. – –

Immer seither, wenn Fred an seinen ehemaligen Lehrer dachte, stellte er sich ihn vor, in seinen großen Stiefeln unter Palmen dahinschreitend, mit einer schönen, goldgelben Melone unterm Arm.

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