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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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In der heißen Spätsommerzeit stellte sich ein seltsames Unbehagen bei Petz ein. Er blieb ein paar Tage im Himmelhaus und schleppte sich mit fiebernden Wangen in den Garten. Es zeigten sich Anzeichen eines leichten Lungenleidens. Doktor Patzenhauer wurde gerufen, untersuchte ihn und sagte nicht viel. Ruhe, Landluft, Molken. Die Speisen, die zu einer leichten Diät gehören, hatte Doktor Patzenhauer am Schnürchen und schloß ihre Aufzählung gewöhnlich mit den Worten: »Triët und Apferlkompott.«

Im Nebenzimmer wartete Poldi und machte große, forschende Augen, als der Doktor fortging. Der behäbige alte Herr faßte Poldi's Hand und ließ seine eigene Rechte heftig darauf niedersausen, als ob er ihm einen festen Patsch geben wollte; im letzten Augenblick jedoch hielt er inne und trällerte ihm nur mit den Fingerspitzen in der Handfläche. Das war der kleine Trick, mit dem Doktor Patzenhauer sich seine große Kinderpraxis verschafft hatte.

Die Geschwister drangen darauf, daß Petz sich für einen längeren Landaufenthalt einrichte und der gewohnten Tätigkeit im Geschäft bis auf weiteres entsage. Aus dem Umstand, daß er darein willigte, ließ sich abnehmen, wie angegriffen er sich fühlen mochte. Übrigens war er ein recht unbequemer Patient. Es war ihn nicht gegeben, an seinen Zustand zu denken und auf sich acht zu haben. Er mutete sich gern zu viel zu, wollte stundenlang über seinem Reißbrett sitzen, um Blätter, Gräser und Blumen nachzuzeichnen und neue Muster zu ersinnen; bald wieder überkam ihn die Unruhe, entfernte Orte aufzusuchen und weite Spaziergänge zu unternehmen, denen seine Kräfte nicht gewachsen waren. Aber Poldi hielt sich an seiner Seite und wachte über ihn. Wie eine sorgende Frau wußte er ihn zu leiten und vor Schädlichkeiten zu bewahren. Fand er, daß des Stillesitzens und Zeichnens genug sei, so war er unermüdlich im Ersinnen von Vorwänden, um ihn zu einer Unterbrechung der Tätigkeit zu nötigen. Und fürchtete er, daß dem Vater ein Weg zu weit werden könnte, so zwang er ihn zum Umkehren, indem er selbst Müdigkeit vorschützte, oder sich an einer Baumwurzel den Fuß scheinbar überknöchelte. Petz ließ ihn in seiner Krankenreizbarkeit nicht selten hart darob an, er durchschaute halb und halb seine Manöver, war mißtrauisch und fühlte sich bevormundet. Aber Poldi ertrug gelassen die Ausbrüche seiner Ungeduld und war geschickt, irgend etwas aufzubringen, das seinen Gedanken eine andere Richtung gab, Es kam ihm nur darauf an, seinen Willen durchzusetzen und jedes Mittel war ihm recht. Er hatte sich so innig hineingedacht in den Leidenden, daß er seine eigene Brust wie wund fühlte und besser als der Arzt selbst das Maß von Schonung zu beurteilen wußte, das dem Kranken frommte. Manchmal wunderte sich Petz im Stillen über ihn, wurde milde und dankbar. Es war in der Tat staunenswert, wie die Kindesliebe aus dem unerfahrenen Knaben einen Krankenpfleger machte, wie er zartfühlender und fürsorglicher kaum gedacht werden konnte. Wenn nach des Tages Hitze bei Sonnenuntergang unversehens die Abendkühle aufstieg und Poldi auch schon mit einem Mantel zur Stelle war, den er dem Vater um die Schultern legte, da kam es vor, daß Petz es empfand, als lebte seine junge Gattin noch, die Frühverstorbene – eine so weibliche Hand besaß Poldi für solche kleine Liebesdienste.

Die süße Täuschung tat Petz wohl, sie setzte sich in ihm fest und zügelte seine Ungeduld, daß er allmählich ein fügsamerer Rekonvaleszent wurde. Es gab Tage, wo er in traurigem Hinbrüten die Nähe der Verstorbenen so deutlich fühlte, daß er, wenn eine Hand die seine berührt hatte, aufblickend erstaunte, Poldi und nicht sie an seiner Seite zu sehen. Einmal, als die Großeltern aus dem »Blauen Guguck« zu Besuch da waren, um nach dem kranken Schwiegersohn zu sehen, tat Petz ihnen davon Erwähnung, indem er Poldi's Hingebung rühmte. Poldi, der hinzutrat, merkte, daß von ihm die Rede war, die Großeltern ließen ernste und wohlwollende Blicke auf ihm ruhen und sagten: »Er wird ihr auch immer ähnlicher.«

Es war ihre älteste Tochter gewesen, die sie blutjung noch mit Alfred Leodolter vermählt hatten, und die an den Folgen von Fred's Geburt gestorben war. Und Poldi verstand, daß sie von seiner Mutter sprachen, und daß sie es war, der er gleichen sollte. Da überflutete ihn ein heißes Gefühl von Freude, denn er wollte nichts sehnlicher, als ihr gleichen, obgleich keine andere Erinnerung an sie in ihm lebte, als wie sie auf dem Totenbette gelegen und eine Schleife an ihrer Brust sich im Luftzug bewegt hatte.

Später kam auch Mießrigel aus der Stadt heraus, und man nahm auf dem Balkon gemeinsam die Jause. Er hatte die Erlaubnis, seiner Verlobten einmal wöchentlich im Himmelhaus einen Besuch zu machen, aber Susann wußte es einzurichten, daß sie nie allein mit ihm zusammentraf, und empfing ihn nur in Gesellschaft ihrer Schwestern oder anderer, die zufällig anwesend waren. Sie verlor in seiner Gegenwart sogleich ihr heiteres Wesen, wurde einsilbig und befangen und machte den Eindruck des Vögelchens, das sich vor der Schlange fürchtet. Die Geschwister hingegen vergaßen leicht auf die schroffe Scheidewand, die sie durch kühle Zurückhaltung zwischen ihm und sich aufzurichten beschlossen hatten, und mußten sich gelegentlich mit Gewalt daran erinnern. Denn sein fahriges Wesen entbehrte nicht einer gewissen Gutmütigkeit, und sein Witz, wenn auch manchmal etwas gezwungen, war im Ganzen doch unterhaltsam. Vor allem aber nahm für ihn ein, daß er offensichtig heiß in Susann verliebt war. Bei der mißlichen Lage, in die die Familie sich versetzt sah, lag ein gewisser Trost in dem Gedanken, daß, was immer geschehen sein mochte, wenigstens aus Liebe geschehen war und nicht aus Berechnung. Und da er sich gegen seine Verlobte nie das Geringste herausnahm und sich ihr nicht anders als mit ehrbarer Zurückhaltung und fast demütigem Respekt näherte, so fing man an, ihn allmählich ganz trätabel zu finden und sich in das Unvermeidliche zu schicken.

Eine gewisse Wertschätzung trug es ihm auch ein, daß er nicht die Absicht zu hegen schien, kurzweg von Susanns Vermögen zu zehren, sondern ein Aemtlein angestrebt und auch wirklich ergattert hatte, das seinen Mann schlecht und recht ernähren mochte, wenigstens in späteren Jahren, bei entsprechendem Vorrücken. Daß es gerade die Zensurhofstelle war, bei der er untergekommen, das wollte freilich den fortschrittlich gesinnten Familienmitgliedern nicht recht gefallen; aber schließlich gab es unter den angesehensten Schriftstellern welche, von denen man wußte, daß sie Zensoren waren, und eine Staatsanstellung blieb immerhin eine Staatsanstellung. Bloß Mosch-Eskeles, der Freund der Familie und Beirat in vielen Angelegenheiten, dessen Urteil für gewöhnlich das mildeste und nachsichtigste zu sein pflegte, dachte jetzt strenger über Mießrigel als früher.

»Was wollt Ihr mit ihm? Kann ein ehrenwerter Mensch seine Seele verkaufen?«

»Wenigstens weiß er, zu wem er gehört,« sagte der Muschir. »Ein anderer ist froh, wenn er eine Ueberzeugung hat, was braucht der Mießrigel ihrer zwei?«

Mießrigel bemühte sich jetzt sichtlich, hinter seinen Amtskollegen an Strenge der Gesinnung nicht zurückzubleiben. Wenn es heißt, daß Gott, wem er ein Amt schenkt, auch den dazu nötigen Verstand verleiht, so gab es Augenblicke, wo dies im vollsten Maße bei ihm zuzutreffen schien. Dann erkannte er plötzlich die Gefährlichkeit aller demagogischen Umtriebe, und es war, als hätte er über Nacht einen tiefen Einblick in die Staatspolitik Metternichs gewonnen, für dessen rechte Hand jeder ihn halten mußte, der ihn reden hörte.

»Man verkennt unsere guten Absichten,« sagte er gelegentlich, indem er unter »uns« sich und die Staatskonferenz meinte. »Was wollen wir denn? Nichts anderes, als die Völker Österreichs in dem wahrhaft glücklichen Zustand erhalten, in dem sie sich unter dem hochseligen Kaiser Franz befunden haben.«

Aber es gab doch auch wieder Zeiten, wo er des trockenen Tones überdrüssig wurde und es ihm Spaß machte, die Lauge seines Spottes über sein Amt und seine Vorgesetzten, über die höchsten Würdenträger und Herrschaften und nicht zuletzt über sich selbst und seine Tätigkeit auszugießen. Zur Sühne für solches Renegatentum pflegte er dann wieder eine Periode gesteigerten Beamteneifers folgen zu lassen, während deren er sich päpstlicher als der Papst und zensurwütiger als Sedlnitzky selbst gebärdete.

Neuestens fühlte er sich kraft seines Aemtleins zum Tugendwächter berufen und setzte sichs in den Kopf, die Unsittlichkeit, wo sie seiner Meinung nach auf bedrucktem Papier zum Vorschein kam, unnachsichtlich zu verfolgen und mit Stumpf und Stiel auszurotten. So hatte er auch an diesem Nachmittage eine Papierrolle ins Himmelhaus mitgebracht, mit der er viel Wesens machte, indem er sie geheimtuerisch beiseite legte, ohne sie aus den Augen zu lassen. Da niemand ihm den Gefallen tat, danach zu fragen, so langte er sie nach dem Kaffee von selbst her und schickte sich an, sie zu enthüllen. Eigentlich enthalte sie ein Amtsgeheimnis, sagte er; aber vielleicht interessiere es die Herrschaften ... Man ersehe daraus die väterliche Fürsorge der Regierung, und wie sie auch das sittliche Wohl der Untertanen im Auge behalte.

Das Kupfer stellte einen Pierrot dar, der ein schlummerndes Mädchen belauschte. Bei einer schlaftrunkenen Bewegung hatte sich dem jungen hübschen Ding das Hemd verschoben, so daß die schwellende Form der linken Brust verführerisch hervorlugte. Und nun prallte der neugierige Pierrot, der leise den Bettvorhang gehoben hatte, halb erschrocken zurück und machte doch große Augen dabei, bestürzt ein wenig durch den unerwarteten Anblick der verborgenen Reize und mehr noch bestrickt und entzückt als bestürzt. Es war Anmut in dem Blatte. Aber von Mießrigels Hand stand mit Tinte darunter geschrieben und mit der Stampiglie der Rezensurbehörde bekräftigt: »Die Brust ist zu verdecken!« Und um keinen Zweifel übrig zu lassen, hatte er mit dicken Strichen ein Kreuz über den Busen des Mädchens gezogen, wie ein ärgerlicher Schulmeister, der einem Schulbuben einen Bock korrigiert.

Man betrachtete den Stich, der zu lieblich und heiter war, um lüstern zu wirken, und hielt mit Bemerkungen über die Kunst des Zeichners und Stechers so wenig zurück wie über die behördliche Kritik, die Mießrigel daran geübt hatte.

»Das ist ein barbarisches Vorgehen!« sagte Petz entrüstet. »Als ob Diana von Aktäon belauscht, nicht hundertmal gemalt und gestochen worden wäre! Wollt ihr der Kunst Fräcke und Korsetts aufzwingen? Ihr wenigstens könntet ihr in Gottes Namen ihre Freiheit lassen, es ist noch niemand schlimmer dadurch geworden!«

Mießrigel verteidigte sich. Ueber Anstand und Sitte zu wachen, sei die Aufgabe der Regierung. Warum müsse ein Kupferstecher gerade so etwas stechen? Gebe es nicht andere Vorwürfe genug? Warum steche er nicht das Bild des Kaisers oder der Kaiserin oder der kaiserlichen Hoheiten oder das der beliebten Schauspieler oder hundert andere Sachen? Nein, gerade etwas Anstößiges müsse es sein! Und das nenne man Freiheit?

Er redete offensichtig mit der stillen Nebenabsicht, sich bei Susann schön zu machen und sich als Ganzbraven aufzuspielen. Aber Susann empfand es wie eine ihr selbst zugefügte Rüpelhaftigkeit, daß er es gewagt hatte, dem schlummernden Mädchen dicke Tintenstriemen über die zarte Brust zu kratzen. Sie warf die Lippen auf, sah an ihm vorbei und zuckte nur manchmal ungeduldig mit der Achsel. Und Petz, leicht erregbar, wie Kranke sind, geriet gar in Hitze und wurde heftig.

»Sind wir Kinder am Gängelbande, die eine Kindsfrau brauchen? Was ist denn das ganze Bild noch wert, wenn ihr den Künstler zwingt, das schlafende Mädel bis an die Nase zuzudecken? Und wenn ihr eure Pfoten schon in alles stecken müßt, so tut es wenigstens mit Verstand! Was allenfalls anstößig an dem Blatte wirken könnte, das ist die Aufschrift. Und gerade die habt ihr unbeanstandet stehen lassen.«

Er bekam rote Flecken über den Wangen, so sehr regte der unbedeutende Vorfall ihn auf. Es gewährte ihm sichtlich Genugtuung, daß Susann und auch die Gugucksgroßmutter seiner Meinung beipflichteten: Einem Künstler müsse man schon etwas nachsehen, wenn er anders nicht frech würde und seinen lockeren Gegenstand durch Anmut und Unbefangenheit zu erheben wisse. Und das sei in diesem Falle dem Künstler zweifellos gelungen. Anders stehe es mit der Aufschrift, die wirke in der Tat unziemlich und anstößig: » Oh che boccone« zu deutsch: »Ha, welch ein Bissen!«

»Mir ist es gleich, was ich wegstreiche,« sagte Mießrigel, der dahinterkam, daß er hier keinen Eindruck machte. »Es ist gehupft wie gesprungen. Von mir aus kann ich auch die Schrift wegstreichen, wenn es den Herrschaften lieber ist. Aber zum Wegstreichen bin ich halt einmal da. Lassen wir das Mädel in Ruh' und schreiben darunter: Die Aufschrift ist zu ändern. Wie könnten wir also das Bild heißen? Sagen wir: Der neue Aktäon. Das Mythologische ist alleweil erlaubt.«

Da wurde aber der Großvater auf einmal ganz rot im Gesicht.

»Sie streichen da herum, wie es Ihnen Spaß macht! Was sind denn Sie für ein Mensch? Von der Kunst versteh' ich nichts, aber das muß ich schon sagen, diese Schulfuchserei ist mir wirklich schon zu dalkert! Heißt das eine Regierung, die nichts Gescheiteres zu tun hat? Wie wir seinerzeit bei Aspern unserem alten Österreich aus der Schlamastik geholfen haben, da hält' sich wohl keiner von uns gedacht, daß man uns zum Dank dafür solche Leut' ins G'nack setzen wird, wie Sie einer sind. Es ist ja rein, daß man nicht mehr Mau sagen darf, vor lauter Spitzeln, Zensoren und Naderern!«

Er hatte als Landsturmmann beim schottischen Freikorps 1809 mitgemacht und für sein Vaterland geblutet. Ohne sich mit Politik abzugeben, war er doch freiheitlich gesinnt und haßte alle zwecklose Bevormundung.

»Eigentlich haben Sie recht,« sagte Mießrigel vergnügt. »Es tut einem ordentlich wohl, wenn einmal einer aufbegehrt.«

Der Gugucksgroßvater machte große Augen.

»So –? das tut Ihnen wohl? Lassen Sie sich denn gerne auf die Hühneraugen treten?«

»Sind ja nicht meine eigenen. Was gehen mich die Hühneraugen des Metternich an?«

»Grade noch haben Sie dahergeredet, als ob Sie ein Regierungsmann wären!«

»Was wollen Sie? Ein jeder Mensch muß seinen Lack haben; und ich bin halt gegenwärtig mit dem Regierungslack lackiert. Überzeugung, sagen die Leut'? Unsinn! Als ob nicht jedes Ding zwei Seiten hätt'! Das Leben ist ein Kartenspiel, wer den Sküs hat, der sticht ab, und wer den Pagat kriegt, schaut, daß er ihn durchbringt. Vom Blatt hängt alles ab, das man in der Hand hält. Wollen Sie alleweil dasselbe Spiel spielen? Da käm' ein schöner Stiefel heraus! Wenn frisch gemischt ist, müssen Sie's wieder anders angehn. Wer wird sich verbohren und verrennen? Auf dieser buckligen Welt hat jeder recht und jeder unrecht. Es kommt nur darauf an, von welcher Seite daß man's anschaut. Und ob man rechts oder links steht – es ist alles ein bloßer Zufall und bleibt sich schließlich verteufelt wurscht.«

»Auch ein Standpunkt, aber nicht der meinige,« sagte der Gugucksgroßvater trocken.

Später nahm Susann ihren Verlobten beiseite und fragte entrüstet: »Sind Sie eigentlich ein Mann, daß Sie sich vom Gugucksgroßvater so anfahren und wie ein Schulbub abkanzeln lassen?«

»Angefahren und abgekanzelt hätt' er mich?« wunderte sich Mießrigel. »Wir haben doch in aller Gemütlichkeit miteinander geplauscht?«

»So –? Und das haben Sie nicht einmal bemerkt, wie grob daß er mit Ihnen gewesen ist?«

»Mein Gott, wenn er aber recht hat? Und von seinem Standpunkt aus hat er wirklich recht! Übrigens – wenn es Ihnen lieber ist, Fräulein Susann, so kann ich schon auch grob mit ihm sein.«

»Jetzt ist es zu spät dazu, wissen Sie! Auch glaub' ich wirklich, daß er recht hat, ich wenigstens find' es. Daß aber auch Sie es finden, ist spaßig, wo er doch gerade das Gegenteil von dem vertreten hat, was Sie vertreten. Das kommt aber davon, daß Sie ein Kasperl sind, und keine Überzeugung und keinen Charakter haben.«

»Sie sind hart mit mir, Fräulein Susann,« sagte Mießrigel kleinlaut. »Eine Überzeugung und einen Charakter haben, das ist nicht so leicht als Sie glauben, wenn man von Natur ein objektiver Mensch ist, wie ich einer bin. Und jetzt geb' ich mir alle erdenkliche Müh', daß etwas aus mir wird, und hab' mir zu dem Zweck sogar eine ganz stramme Gesinnung zugelegt. Aber die ist doch hauptsächlich nur fürs Bureau da – daß ich deswegen mit jedem Menschen streiten soll, der anderer Ansicht ist, werden Sie von mir doch nicht verlangen?«

»Daß Sie Ihre Meinung, wenn Sie schon eine haben, auch wie ein Mann vertreten, das verlang' ich. Ich mag nicht einen Bräutigam haben, der sich schurigeln läßt, merken Sie sich das! Sie sind jetzt im Zensuramt, jetzt müssen Sie auch mit der Regierung halten und dabei bleiben und nicht gleich wieder umfallen, wenn Ihnen einer widerspricht. Schöne Kupferstiche brauchen Sie aber deswegen nicht zu verkratzen, das ist wieder ein anderes Kapitel.«

»O Fräulein Susann,« sagte Mießrigel, »ich hab' Sie ja so gern, Sie wissen gar nicht, wie gern ich Sie hab'! Ihnen zulieb tu' ich alles. Ihnen zulieb lass' ich die unanständigsten Kupferstiche passieren, wenn Sie wollen, Ihnen zulieb konfiszier' ich Heiligenbilder – alles ganz wie Sie wollen, alles Ihnen zulieb.«

»Gerade das will ich aber nicht!« rief sie zornig und mit Tränen in den Augen; »nach einer eigenen vernünftigen Überzeugung sollen Sie sich richten, niemand zulieb, niemand zuleid.«

Mießrigel seufzte.

»Jetzt ist das auch wieder nicht recht! Bei Ihnen ist es wirklich schwer, Mensch zu sein! Wenn ich Sie nicht gar so gern hätt' ...«

Wütend stampfte Susann mit ihrem kleinen Kreuzbandschuh auf den Boden.

»Schweigen Sie still, davon mag ich schon gar nichts hören! Hätt' ich gewußt, daß Sie so ein Schnittl auf alle Suppen sind, so hätt' ich mir wirklich alle Mühe gegeben, einzuschlafen, als Doktor Patzenhauer mich magnetisierte. Vielleicht wäre mir dann im Hochschlaf ein Mittel eingefallen, Ihnen auszukommen. Sie Vogelsteller, Sie Schleicher, Sie Wüstling, Sie ... Sie ...!«

»Um Gotteswillen, Fräulein Susann,« flehte er, »wenn Sie so fortfahren, so werd' ich es schließlich meinem sogenannten point d'honneur schuldig sein. Sie ernstlich zu fragen, ob Sie am Ende darauf ausgehen, Ihre Verlobung mit mir rückgängig zu machen?«

»Ach, tun Sie nicht so!« sagte sie mit herabgezogenen Mundwinkeln; »Sie wissen nur zu gut, daß mir jetzt die Hände gebunden sind, nach allem, was geschehen ist!«

Und indem sie ihn stehen ließ, trat sie rasch zu den andern zurück, die noch um den Jausentisch saßen ...

Seit sie sich verlobt hatte, machte es ihr keinen Spaß mehr, daß Mießrigel ihr Karnickel war, mit dem sie tun konnte, was ihr beliebte. Ein Karnickel kann man doch nicht heiraten, sagte sie sich jeden Tag, früh und spät. Und dann wurde sie nachdenklich und traurig und sann nach, ob es nicht eine Möglichkeit gebe, die Verlobung rückgängig zu machen. Aber immer kam sie zu demselben Schluß: Es gab keine, es blieb ihr nichts übrig, als Frau Mießrigel zu werden. –

Im Lauf einiger Wochen erholte Petz sich leidlich; er sah blühender aus als zuvor, gewann seine Kräfte zurück und nahm allmählich seine Tätigkeit in der Stadt wieder auf.

»Das haben wir dem guten Patzenhauer zu danken,« sagte Michella.

»Vielleicht mehr noch unserem treuen Poldi,« meinte Bethi.

Die ganze Familie atmete auf, daß der Anfall so rasch vorübergegangen und Petz wieder genesen sei. Nur Poldi machte noch eine ganz Zeit hindurch große, sorgenvolle Augen und ging umher, als laste eine schwere Verantwortung auf ihm.

*

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