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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
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Die letzte Unterredung der Brüder war jäh durch das Eintreten des Profosen abgebrochen worden. Die Zeit war um, die Poldi bewilligt gewesen. Der Abschied hatte ihm das Herz zermalmt, wie ein Sinnloser irrte er durch die Straßen der Stadt. Er wußte keine Richtung, er ging nur immer zu, immer zu, im trostlos nieselnden Herbstwetter. Er kam an eine große Brücke, da zog rauschend der schwarze, breite Strom unter ihm hin. Über das Geländer gebeugt starrte er in die Tiefe, unfähig einen Gedanken zu fassen. War es möglich länger zu leben, mit solchem Leid in der Brust?

Eine Militärpatrouille, die sich näherte, scheuchte ihn von der Brücke. Er verlor sich ins niedrige Gestrüpp des Überschwemmungslandes. Er mußte sich durchkämpfen, es gewährte ihm Genugtuung, daß Zweige ihm ins Gesicht schlugen und dürre Äste seine Hände wund rissen in der Dunkelheit. Nur immerzu! Immerzu!

Da waren Wassertümpel und Sümpfe. Da waren noch ein paar niedrige Häuser, mit spärlich erhellten Fenstern. Eine Landstraße zog hin. Ein stilles Dorf – Heiligenstadt vielleicht. Ein steiniger Pfad aufwärts. Höher immer höher. In der Finsternis hatte er den Pfad verloren, nicht genügend darauf geachtet. Jetzt klimmte er die Felsen hinan. Die Anstrengung tat ihm wohl. Arme und Beine zerschund er sich. Hier konnte man stürzen, sich erschlagen. Wenigstens hieß es, seine Gedanken von anderen Dingen abwenden. Es mochte Mitternacht sein, da stand er auf der Höhe des Leopoldsberges. Wie ein schwarzes schlafendes Ungetüm lag die Stadt zu seinen Füßen, ohne Lichter fast, dumpf ergeben in ihr Schicksal, niedergerungen von einer unbarmherzigen eisernen Faust. An vielen Stellen des Himmels brachen Sterne vor, die Luft war kalt und rein geworden, wie frisch gescheuert.

Er strich durch die weiten Eichenwälder, über die Höhe hin. Er warf sich ins feuchte, raschelnde Laub. Nur ein paar Minuten lang vergessen können! Schlafen! Aber er blieb immer klar und bewußt. Er sprang empor und eilte weiter. Von Höhe zu Höhe, immer durch kahl gewordenen Wald, den rätselhaften Himmel über sich, der jetzt voller Sterne stand.

Einmal mußte sich doch der Schlaf seiner erbarmt haben: Er wachte auf. Schreckliches Erwachen! Schreckliche Gewißheit! Das alles war kein Traum gewesen! War Wirklichkeit! ...

Und weiter über die Höhenzüge des Wienerwaldes, in der fahlen Morgendämmerung, die die Sterne am Himmel löschte, einen nach dem andern. Das Wandern in der frischen Frühluft erleichterte ihn ein wenig. Er atmete tief und griff kräftig aus, die Hand aufs Herz gepreßt. Vielleicht, daß er endlich müde wurde, erschöpft hinsank, nichts mehr denken konnte? ...

Seitlich vor sich gewahrte er jetzt den Abhang der Himmelswiese. Im großen Bogen näherte er sich ihr durch den Wald. Es war ganz hell geworden, die Luft über den Wipfeln der Bäume zartblau und von unsäglicher Reinheit. Nun trat er hinaus auf die Wiese, an die sich so viele Erinnerungen für ihn knüpften, frohe und traurige. Da lag die Stadt mit ihren Türmen und Basteien vor ihm, in seltener Klarheit, daß man die Häuser hätte zählen können in der herben steifen Herbstluft. Und dahinter fing der weitgedehnte flache Horizont zu glühen an vom ersten Frührot. Es übermannte ihn neuer Schmerz an dieser Stelle, wo er damals seinen Vater gefunden hatte, als der schwere Anfall von Todeskrankheit über ihn gekommen war; wo er so oft mit Fred geweilt, in frohen, unschuldigen Kindertagen, und mit Anna, die nun auch dahin war; und wo er sich mit Elfe zusammengefunden hatte, die jetzt so treu und zartfühlend sein Weh mit ihm trug und es verstanden hatte, mit zwei Worten, die sie aufs Papier geworfen, Fred noch die letzten Stunden seines Lebens zu erleichtern. Kummervoll ließ er sich ins kurzgemähte Gras sinken, auf demselben Platze, wo sie einst miteinander gesessen hatten.

Ein Bauer ging vorüber, mit einer Last von dürrem Laub auf dem Rücken. Er stand stille und lugte aufmerksam nach der Stadt. Nach einer Weile streckte er die Hand aus, zeigte in der Richtung der Augustinerbastei, wo aus dem Stadtgraben eine Wolle bläulichen Pulverdampfes aufstieg, und sagte ruhig: »Füsilladen!«

Poldi sah die Rauchwolke sich langsam verziehen. Eine neue qualmte unter ihr auf und bald danach eine dritte. Das Blut war ihm erstarrt, und sein Herz krampfte sich zusammen.

»Das geht Tag für Tag so,« sagte der Bauer; »jedesmal, wenn ich meine Streu hol'. Gestern war der Messenhauser an der Reih', heut' sinds wieder ein paar andere arme Sünder. Gut, wenn man mit die Sachen nix zu tun hat!«

Er kniff die Augen zusammen, lachte und schleppte sein Bündel weiter.

Poldi faltete still die Hände und neigte sein Antlitz darauf nieder: »Er hat dich verklärt auf Erden, o Herr, und vollendet das Werk, das du ihm gegeben, auf daß er es tun sollte ...«

*

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