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Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 50
Quellenangabe
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typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
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Es war ein naßkalter, von halb schneeigem Regen nieselnder Nachmittag, Mitte November, als eine herrschaftliche Kutsche über das Platzel rollte und vor dem Leodolterischen Familienhaus »Zum goldenen Stuck« anhielt. Der Bediente öffnete den Wagenschlag und hob eine schwarz verschleierte Dame heraus, die, ohne sich umzublicken, ins Haustor huschte und aufs geratewohl die Treppe hinaneilte. Pappelmann, der an einem Tisch im Vorzimmer Warenpakete verschnürte und versiegelte, trat ihr respektvoll entgegen.

»Führen Sie mich auf das Zimmer des Herrn Poldi und melden Sie dem jungen Herrn, eine Dame warte auf ihn.«

»Auf das Zimmer –?«

»Rasch, wenn ich bitten darf!« sagte die junge Dame knapp und entschieden hinter dem Schleier hervor.

Das machte dem Pappelmann Beine. Sich verlegen am Halse krauend und auf den Laufteppich niederblickend, als wollte er nichts gesehen haben, geisterte er dienstfertig den Flur voraus und öffnete die Tür zu Poldis Stube. Unbekümmert um ihn und ohne jede Scheu trat sie ein, schlug den Schleier zurück und wartete. Es dauerte nicht lange, so stürzte Poldi in das Zimmer.

»Alles vergebens!« rief sie aufschluchzend und sank weinend an seine Brust. Auch Poldi weinte.

»Unerbittlich also? Unerbittlich?«

»Unerbittlich!«

»Und wirklich drei Tage nach dem Urteil? Morgen schon?«

»Morgen mit dem Frühesten!«

Sie trat einen Schritt von ihm zurück, trocknete ihre Tränen und ließ sich trostlos auf dem Divan nieder.

»Der Vater hat all seine Beziehungen aufgeboten. Er hat mit dem Fürsten selbst gesprochen. Es war alles vergeblich. Die Härte dieses Mannes kennt keinen Pardon. Alles, was sich erreichen ließ, war – Begnadigung zu Pulver und Blei!«

So wurde Poldis und Elfes junge Liebe, in Zeiten der Not erblüht, früh mit Leid gesegnet und mit Tränen getauft. Die vorzeitige Dämmerung des trübseligen Spätherbstabends stahl sich zu den Fenstern herein und leistete ihren kummervollen Herzen Gesellschaft ...

»Ist es denn wahr,« fragte Poldi, »daß Fred es gänzlich verschmähte, sich vor seinen Richtern zu verantworten? Hat dein Vater etwas darüber erfahren können?«

»Es ist wie du sagst. Ein Stabsauditor, mit dem mein Vater sprach, ein trefflicher Mann, der Menschenkenner und Menschenfreund ist, gewann den Eindruck, als hätte Fred mit dem Leben abgeschlossen, als läge etwas auf ihm, wovon ihn nur der Tod befreien könne.«

Poldi schüttelte ratlos den Kopf, es war ihm unmöglich, Freds Verhalten zu deuten.

»Es ist schwer eine Erklärung dafür zu finden,« sagte Elfe, ihren Kopf in die Hand stützend. »Die Ahnungen, die in mir sind, haben zu wenig festen Boden, als daß ich sie aussprechen könnte.«

Poldi war beunruhigt, er drang in sie, bat sie, sich ihm zu eröffnen. Sie zögerte, überlegte ...

»Ich will es dir sagen,« entschloß sie sich endlich. »In gewissem Maße erleichtert es vielleicht das Herz, wenn wir ein hartes Schicksal zu erkennen glauben und nicht vor blinden Zufällen stehen. So höre denn! Die Untersuchung vor der Standrechtskommission hat merkwürdige Dinge zutage gefördert. Am 31. Oktober, bevor er in den letzten Kampf ging, hat Fred die Leiche eines unbekannten Mädchens, die er aus der Donau gezogen hatte, auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Einige von den Mobilen, die bei ihm waren, sagten Näheres darüber aus. Ein tiefer Schmerz muß in ihm gewesen sein.«

»Die Leiche eines Mädchens?«

»Ich dachte an Anna.«

»Ich glaube allerdings, daß er sie liebte,« sagte Poldi nachdenklich; »wenigstens früher, bevor dein Bruder ihm in den Weg trat.«

»Auch später. Wir wissen übrigens nicht sicher, ob es Anna war. Niemals wird sich dieses Rätsel lösen. Aber es gibt Zusammenhänge, die deutlicher werden, wenn wir annehmen, daß es Anna gewesen ist. Auf der Bastei über dem Burgtor, vor dem Bela fiel, hat Fred mit wenigen Legionären und Mobilen den letzten Widerstand geleistet ... «

»Du denkst doch nicht daran, daß Fred –!«

»Es war für Fred ein heiliger Kampf, den er kämpfte,« sagte Elfe. »Daß er die Reinheit seiner Sache durch Rachsucht befleckt hätte – dessen wäre Fred nie und nimmer fähig gewesen!«

»Und dennoch vermutest du Zusammenhänge?«

»Es wird mir schwer davon zu sprechen ... « sagte sie. »Mein Vater war seltsam gefaßt über Belas Tod. Ich konnte es mir nicht erklären, bis er mir Andeutungen machte von Dingen, die Bela und Anna schuldlos in grauenvolle Schuld verstrickt haben. Laß mich darüber schweigen. Nur das eine wisse: Wenn mein Bruder von Freds Hand fiel, so kann er es ihm danken, denn er mußte fallen. Fred selbst aber mag es trotzdem als schwere Schuld empfinden, daß er, vielleicht durch einen letzten Wunsch Annas gebunden, das Werkzeug einer notwendigen Sühne werden mußte. Darum steht er schweigend vor seinen Richtern und läßt willenlos geschehen, was er selbst ersehnt. Er sieht keine Lebensmöglichkeit mehr vor sich – das ist der einzige, freilich entsetzlich herbe Trost, der uns noch bleibt.«

Poldi seufzte schwer auf und barg sein Antlitz in den Händen. Er erriet jetzt ungefähr, wie sie es meinte; das Gesinde im Himmelhaus hatte manche Anspielung über Annas Herkunft fallen lassen, seit ihre Beziehungen zu Bela offenkundig geworden waren.

»Das Recht, den Gegner im offenen Kampf zu töten, wird freilich zur Schuld,« sagte er traurig, »wenn uns der Gegner nicht irgend einer, sondern ein bestimmter ist.«

»O Poldi, was ist der Mensch!« rief sie in neuen Schmerz ausbrechend. »Wir reden von Freiheit und sind doch allsamt nichts anderes als Schiffbrüchige auf hoher See, mit denen Wind und Wellen ihr Spiel treiben!« ...

Bevor sie von ihm schied, nestelte sie ein Papier aus ihrem Täschchen. Es war ein Erlaubnisschein zu einem Besuch im Stabsstockhaus.

»Möge Gott dich zu diesem Gang stärken, Poldi!«

Und dann erbat sie sich noch einen Briefbogen, warf in fliegender Hast ein paar Zeilen hin und tat sie in einen Umschlag.

»Für Fred!« ...

Eine Stunde später wies Poldi im Stabsstockhause den Erlaubnisschein vor. Der Profos führte ihn durch lange Gänge, blieb vor einer eisenbeschlagenen Tür stehen, zeigte ihm mahnend den Zeiger seiner Taschenuhr und schloß auf. Poldi stand in einem langen, schmalen Zimmer, auf dem Tisch brannte eine kleine Lampe. Vor dem geöffneten Fenster kniete auf einem Betschemel Fred und blickte zum wolkenverhängten Nachthimmel empor. Schonend, wie man eine Krankenstube betritt, näherte sich Poldi. Da erkannte der Bruder sogleich seinen Schritt, wendete sich um und stürzte weinend an seine Brust.

»O Poldi, daß du kommst! Daß ich dich noch sehe! So zu enden! So zu enden!«

Poldi war keines Wortes mächtig. Mit seiner sanften, fast weiblichen Hand, die Fred so oft in seiner Jugend wie die einer Mutter gefühlt hatte, streichelte er ihm übers weiche Blondhaar. Da wurde er ruhiger und gefaßter, riß sich los und ging ein paarmal in seiner Stube hin und her.

»Es ist nichts, das ich bereue,« sagte er fest. »Wir haben im Wege geirrt, aber nicht im Ziel. Die Zeiten werden die Früchte unserer Fehler reifen. Aber eines liegt auf mir, Poldi, das ich dir nicht sagen kann, und das mir das Sterben schwer macht ...«

Er stand aufrecht, die Hände vor die Brust gepreßt, mit dem Ausdruck eines Verzweifelnden.

»Das schickt dir Elfe,« sagte Poldi mit tränenerstickter Stimme und reichte ihm den Brief.

Er zuckte zusammen, trat an die Lampe und erbrach mit zitternden Fingern den Umschlag. Er las: »Elfe grüßt Dich in Treuen, teurer Fred! Die Schwester Belas segnet Deine schuldlose Hand!«

Sich an den Kopf fassend, lief Fred im Zimmer auf und nieder. Stammelnde, schluchzende Laute entrangen sich seiner Brust, halb war es ein seliges Weinen, halb ein schmerzvolles Jauchzen.

»O wie ist mir leicht! O wie fällt nun alles von mir! Nun bin ich frei! O –! Poldi! Was ist Elfe für ein himmlisches Wesen! Daß sie ahnt und durchschaut! Daß sie begreift! Daß sie verzeiht! O Poldi, Elfe verzeiht mir, nun verzeiht mir auch Gott! O sag ihr Dank! Sag ihr tausend Dank! Das mußt du ihr nie vergessen, Poldi, was sie an mir getan in dieser Stunde! Nie mußt du ihr das vergessen, nie! Liebt einander und seid glücklich! Ihr habt mir noch Gutes getan! Viel Gutes! Ihr habt die Schuld von mir genommen! Die entsetzliche Last! Nun kann ich gehen! Nun bin ich frei! Nun bin ich ganz frei!« ...

Mitten in der Not des frühen Todes weinte er Freudentränen.

»Tante Julie hat es einmal ausgesprochen,« sagte er sich fassend: »Was ist Freiheit? Frei von Schuld sein! ... «

Später wurde er ganz ruhig und friedvoll. Er redete von Petz, von Ausflügen, die sie mit ihm unternommen hatten, von der Kinderzeit. Er verlor sich in Erinnerungen ...

»Und wie hat Petz die Freiheit geliebt! Auch er ist an ihr gestorben, an Sehnsucht, an Enttäuschung! Vielleicht ist sie nichts als ein Phantom, das die Menschen ins Verderben lockt?«

»Ihr habt dafür gekämpft, daß die Menschen ihr Wesen groß und frei entfalten können, auf dieser Erde!« sagte Poldi fest. »Und was ihr erstrebtet, Petz und du, das kann nicht verloren sein; die Zukunft wird die Saat ernten, die ihr in den Boden gelegt!«

»Ich habe erfüllt, was mir auferlegt war,« sagte Fred. »Unter vielen Irrtümern und Verfehlungen der Leidenschaft – aber ich habe es erfüllt. Ich bin nur ein schwaches Gefäß gewesen für den Willen zur Freiheit, der in die Menschenbrust gelegt ist, ein unwürdiges Werkzeug der Sehnsucht. Aber ich habe die Treue gehalten dem, wofür ich bestimmt war, und mit allen wahrhaft Getreuen ist Gott. Auch wenn sie ihre Kräfte gegeneinander messen, Poldi! Wenn sie nur treu erfüllen, was ihnen aufgetragen ist – sie dienen dem Leben, sie dienen Gott. Zu ihm bete auch ich: Ich habe dich verklärt auf Erden und vollendet das Werk, das du mir gegeben, daß ich es tun sollte ... «

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