Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emil Ertl >

Freiheit die ich meine

Emil Ertl: Freiheit die ich meine - Kapitel 49
Quellenangabe
pfad/ertl/freiheit/freiheit.xml
typefiction
authorEmil Ertl
titleFreiheit die ich meine
publisherL. Staackmann Verlag/Leipzig
printrunSiebzehntes bis neunzehntes Tausend
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090714
projectid17fc2956
Schließen

Navigation:

Spät Nachts war Ladurner auf die Biberbastei zurückgekehrt; der erzählte, Fenneberg sei jetzt Kommandant und Messenhauser nur mit genauer Not der Volksjustiz entgangen.

»Worauf hoffen wir noch?« fragte Fred.

»Auf einen neuerlichen Vorstoß des magyarischen Entsatzheeres,« sagte Ladurner, wickelte sich in seinen Mantel und legte sich hin.

Fred konnte erst gegen Morgen Schlaf finden, war aber wieder wach, kaum daß es dämmerte. Er fror entsetzlich und erhob sich, um ein wenig auf und nieder zu gehen, und trat schließlich an die Brüstung, nach dem Feinde auszulugen. Da stand schon der alte Vinzenz und wachte. Es fing langsam an hell zu werden, aber der Nebel verhüllte das jenseitige Ufer. Grau und trübe zog das Wasser des Stromes unter den Mauern der Biberbastei dahin ...

»Jetzt kanns uns schlecht gehn, junger Herr!« sagte der Alte. »Am Ende haben wir uns halt doch geirrt – daß es die verkehrte Seiten ist, auf der wir stehn?«

»Geht euch die Courage aus, Held von Austerlitz?«

»An Courage hat es mir sonst nicht gefehlt, junger Herr! Bin oft genug im Kugelregen gestanden, hab' sogar einen Granatsplitter da hereingekriegt, in den Fuß!« Er zeigte die Stelle, wie er es so gerne tat ... »Aber was hat einem damals passieren können?« sagte er. »Erschossen werden halt, für Kaiser und Vaterland, das war alles. Wie es aber jetzt steht, junger Herr, jetzt können wir uns noch den Galgen verdienen auch! Denn immer mehr zimbt es mich, da drüben auf der andern Seiten, da kunnten nicht bloß die Seressaner stehen und die Kumpanerilla – es kunnt' am End' doch auch der Kaiser selbst dabei sein?«

»Wenn du deiner Sache nicht sicher bist, dann geh deiner Wege!« herrschte Fred ihn an.

»Gehn tu' ich nicht! Ich halt' bei Ihnen aus! Sie werden schon wissen, wo die rechte Seiten ist, und wo Sie stehn, da gehört auch der alte Vinzenz hin. Denn Ihrem Urgroßvater selig, den sie den blauen Guguck geheißen haben, dem vergeß' ich es nicht, was er mir für ein guter Herr war ... Es ist mir auch garnicht um meinen alten Kopf,« sagte er bekümmert; »aber um Ihnen ist mir bang, junger Herr! Es wird nicht mehr viel Ehr' aufzuheben sein in diesem Krieg.«

»Ich kämpfe um keine Ziele mehr,« sagte Fred. »Ich kämpfe noch, weil es Männern ziemt, ihrer Sache die Treue zu halten, auch wenn der Erfolg sich von ihr gewendet hat.«

Das Morgendämmern wich allmählich einem trostlos gelbgrauen Zwielicht. Ein feiner, scharfer Regen begann zu fallen und sprenkelte die Oberfläche des graubraunen Wassers, das eintönig rauschend unten vorüberfloß. Vor einem Pfahl, der zum Befestigen von Zillen und Flößen dienen mochte, bäumte sich eine kräftige Stauwelle, und dahinter spielten die heftiger abwärts schießenden Fluten mit einem unbestimmten Gegenstande, der dahintreibend sich am Pfahle verfangen zu haben und hängen geblieben zu sein schien. Bald war er vom Wasser gänzlich bedeckt, bald tauchte da und dort etwas Dunkles empor wie ein bewegtes Kleid, oder ein heller Schein wie von einem menschlichen Antlitz. Eine bange Ahnung kam über Fred. Vinzenz und noch einen Mobilen mit sich nehmend, eilte er hinab, es gelang ihm, sich im Schutze des Nebels über eine Plätte, die angebunden an der Landungsstelle lag, der Leiche zu nähern – da erkannte er, daß es Anna war. Ihrer gemeinsamen Arbeit gelang es, den triefenden Körper zu bergen. Still trugen sie ihre Last die Bastei empor und betteten sie in den Kies.

Ladurner war weggegangen, Erkundigungen im Hauptquartier einzuziehen. Scheu standen die Proletarier um die Leiche des schönen jungen Weibes, an deren Seite Fred auf dem Boden kauerte, ihre Hand in der seinigen haltend und seinen Blick wie entgeistet auf ihr stumm und friedlich gewordenes Antlitz gerichtet ...

Knapp hinter der Bastei befand sich ein ärarischer Schuppen, der allerhand Material enthielt. Fred ließ Bretter und Ballen herbeitragen und befahl ein Gerüst aufzuführen, übermannshoch und fest gefügt wie ein Katafalk. Die Leute begriffen nicht recht, was er damit beabsichtigen mochte; aber sie erfüllten eifrig, was er sie hieß, weil sie ihm anhänglich waren und seinen Schmerz ehrten, und arbeiteten den ganzen Vormittag im Schweiße ihres Angesichts, die Balken ineinander zu fügen und das Gerüst nach allen Regeln der Kunst zu zimmern.

Als der Aufbau hoch genug gediehen war, ließ Fred ein mächtiges schwarz-rot-goldenes Banner, das sich im Schuppen fand, über den Holzstoß breiten und die Leiche Annas oben darauf betten. Der Vinzenz brachte einen ganzen Arm voll Blumentöpfe mit bunt blühenden Astern herbei, die er an einem Fenster in der Nähe erspäht und für sich erbettelt hatte. Fred entledigte sich seines Legionärmantels und deckte ihn über den Körper des Mädchens, daß nur die Brust, der schlanke weiße Hals und das ruhige, edelgeschnittene Antlitz frei blieben, das aus der schweren Last des aufgelösten dunklen Haares ruhte. Und dann stellten sie die Blumen rings um sie her, besonders zuhäupten, daß sie wie von einem blühenden Kranze davon umgeben war.

Da lag sie nun auf dem Paradebette der Revolution, und Fred stellte eine Ehrenwache vor den Katafalk. Er ließ alle Pechkränze, die sich in dem Materialschuppen fanden, unter dem Gerüste häufen und seine Mannschaft unters Gewehr treten. Und als auf sein Geheiß die Trommel ihr dumpfes Trauerlied anstimmte, da trat er mit einer Fackel in der Hand an den Scheiterhaufen heran, blickte Anna noch einmal Abschied nehmend ins Antlitz und warf den Feuerbrand in die aufgehäuften Pechkränze. Blauer Rauch stieg rings um die Leiche auf, und liebkosende Flammenzungen umschmeichelten sie, die wie eine Brünhilde inmitten der Lohe schlafend lag. Feuergarben schossen aus der Tiefe des Katafalkes auf und leckten gierig an den Seiten hinan und schlugen schließlich hochauflodernd über der Leiche zusammen. Noch immer sah man durch den Schleier der Flammen die stille, friedliche Gestalt unverändert zwischen den Blumen ruhen ...

Da kam Ladurner plötzlich auf den Platz gestürzt: »Die Stadt ist bedroht! Die kaiserlichen Truppen stehen auf dem Burgglacis! Man will ihnen die Tore öffnen!«

Sogleich schloß Fred sich ihm an, sie eilten in der Richtung gegen die innere Stadt, die Mobilen folgten im Laufschritt. Die ganze Brigade Karger, berichtete Ladurner mit fliegendem Atem, stehe wie zur Parade vor den kaiserlichen Stallungen aufmarschiert, an der Casa piccola sei eine Batterie von zehn Zwölfpfündern aufgefahren und mache Miene, die Stadt zu beschießen!

Auf dem Stephansplatz stießen sie auf ein Handgemenge. Eine Abteilung Nationalgarde trug eine schwarz-gelbe Fahne, um sie auf dem Turme zu hissen. Ein Haufen Mobiler wollte sie daran hindern, sie kämpften miteinander und beschossen sich gegenseitig.

Fred und Ladurner eilten vorbei, inmitten von Garden, Mobilen und Legionären, die sich über den Graben und Kohlmarkt gegen die Hofburg wälzten. Als sie über den Paradeplatz liefen, sahen sie, wie ein Volkshaufe das Burgtor, das bereits geöffnet war, zuschlug und neuerdings verrammelte. Von der Burgbastei wehte eine weiße Fahne, sie wurde heruntergerissen und mit Füßen getreten. Ein kleiner Trupp Legionäre hatte sich zusammengefunden. Außer Fred und Ladurner befand sich auch Tauß und Sturz darunter. Auf der Höhe der Löwelbastei angelangt, sahen sie an der Lisière der gegenüberliegenden Vorstädte das ganze Glacis entlang die kaiserlichen Truppen aufmarschiert. Das Schließen des Tores, das Verschwinden der Friedensfahne war drüben sogleich verstanden worden, und die Kanonen krachten. Sie warfen sich hinter der Brustwehr zu Boden und suchten Deckung. Ihr Musketenfeuer wurde übertönt durch das Brüllen der an der Casa piccola und vor den kaiserlichen Stallungen aufgefahrenen Batterien, die ohne Unterlaß Bomben, Vollkugeln, Schrapnells und Raketen gegen die Stadt warfen. Es war kein einzelner Schuß mehr zu unterscheiden, wie von einem ununterbrochenen Einschlagen des Blitzes schütterte die Erde.

Der alte Vinzenz Einberger legte sich hinter einem Schanzkorb aus, schoß und sagte zu Fred: »Fast genau an der Stelle, wo die jetzt stehen, haben auch die Franzosen anno neun ihre Batterien aufgefahren. Und früher schon die Türken, hab' ich mir sagen lassen. Aber so gewütet gegen die innere Stadt haben die Türken und die Franzosen nicht, wie es jetzt die Kaiserlichen tun. Wenn nur auch das Recht auf unserer Seite ist wie damals!«

»Gott allein weiß es!« sagte Fred, zielte und schoß.

»Wenn der heilige Petrus an der Himmelstür am End' Geschichten macht,« sagte Vinzenz ladend, »so beicht' ich ihm halt alles, wie es war. Dann wird der heilige Petrus ein Einsehen haben und wird sagen: Komm nur einer, alter Vinzenz! In dem Durcheinander da unten, da haben sich Gescheitere, als du bist, nicht aus'kennt!«

Eine Granate fiel mit hartem Geklirr auf die Brustwehr und platzte. Der Vinzenz sank zurück und rührte sich nicht mehr. Fred strich ihm mit der Hand die Stirn herunter. Er fühlte fast keinen einzelnen Schmerz mehr, so wie man keinen einzelnen Schuß mehr hörte. Aber um diese treue Seele war ihm doch weh.

»Gott befohlen, alter Vinzenz!«

An vielen Punkten der Stadt sah man Rauchsäulen aufsteigen, von Häusern, die in Brand geschossen waren. Vom Stephansturm flatterte eine weiße Fahne. Die Kanonade dauerte fort, nun schon in die dritte Stunde hinein. Jetzt wurde mit Vollkugeln gegen die Torflügel des Burgtors gedonnert. Es war, als ob man mit Äxten dagegen schlüge, man hörte das Holz krachen und brechen. Da wandten viele sich zur Flucht, die Scharen der Verteidiger begannen sich zu lichten. Wo der Basteienweg über den Portikus des Burgtors hinwegführte, fehlte es jetzt an Mannschaft. Es war die gefährlichste Stelle, weil die Versuche, die Torflügel einzuschießen, die Verteidiger doppelt gefährdeten, die über dem Tor auf der Bastei standen.

»Dort ist unser Platz!« rief Sturz auf das gefährdete Burgtor weisend.

Sie sammelten sich, und in geschlossener Reihe marschierte der letzte Rest der akademischen Legion von der Bastei auf die in gleicher Höhe gelegene Krönung des Torbaues hinüber. Ladurners mächtige Stimme war noch zum Singen aufgelegt, er legte los, und begeistert stimmten sie ein in den feierlichen Weihegesang, in den sie ihr Leben verklingen zu lassen bereit waren:

»Freiheit, die ich meine,
Die mein Herz erfüllt,
Komm mit deinem Scheine,
Süßes Engelsbild!
Magst du dich nicht zeigen
Der bedrängten Welt?
Führest deinen Reigen
Nur am Sternenzelt?«

Jetzt flog unten, während bereits der Abend sich ankündigte, eine rote Wolke heran. Ein aufgelöstes Bataillon ging vor und lief Sturm gegen das eingeschossene Tor. Seressaner waren es in ihren brennroten, im Winde flatternden Mänteln. Mit wüstem Geschrei, wie eine wilde Horde von Drahtbindern, liefen sie näher. Fred gewahrte einen kaiserlichen Offizier, der mit flacher Klinge auf den Rücken seiner Leute drosch, um sie vorwärts zu treiben, wenn sie vor dem Musketenfeuer zurückweichen wollten, das sie empfing. Er richtete sich auf. Er erkannte den Leutnant Baron Auenwald. Hoch reckte er sich empor. Er stand frei, ohne jede Deckung, den feindlichen Geschossen ausgesetzt. Langsam legte er seine Muskete an die Wange, er zielte gut, mit Anspannung aller Sinne – gerade auf den hätte er lieber nicht schießen mögen! Der Schuß krachte ...

Eine halbe Stunde später flüchteten die letzten Kämpfer, Proletarier und Studenten, über den Burghof in die innere Stadt. Keine dreißig Mann waren es mehr, die mit hallenden Schritten durch die völlig ausgestorbenen Straßen über den Kohlmarkt und Graben in der Richtung gegen den Stephansplatz liefen. Überall sah Fred weggeworfene Musketen, Säbel und Tschakos unter Mauertrümmern und zerbrochenen Fensterscheiben auf den Fußsteigen liegen. An der Barrikade, die den Stock-im-Eisen gegen den Graben absperrte, machten sie noch einmal Halt, um den einmarschierenden Feind mit einer letzten Salve zu begrüßen. In der einbrechenden Dunkelheit sah Fred am entgegengesetzten Ende des menschenleeren Platzes eine Kompagnie Grenadiere im langsamen und fast feierlichen Marschschritt unter Trommelwirbel vom Kohlmarkt her auf den Graben vorrücken. Der Offizier kommandierte »Halt!« und blickte mißtrauisch nach allen Seiten um. Es öffnete sich vorsichtig da und dort ein Fenster, neugierige Köpfe zeigten sich. Der Offizier grüßte mit seinem Säbel zu den Häusern hinauf und rief: »Gut Freund!« Da flogen plötzlich an allen Häusern die Fenster auf, Taschentücher wurden geschwenkt, ein unbeschreiblicher Jubel brauste über den ganzen großen Platz.

»Hoch der Kaiser! Hoch die Soldaten! Vivat! Vivat! Hoch! Hoch!«

Die Muskete sank Fred aus der Hand, Tränen entstürzten seinen Augen, wie von Ekel geschüttelt warf er die Waffen von sich und taumelte von der Barrikade. Als Befreier begrüßte die Stadt die Soldaten! Als ein unerträgliches Joch hatte sie die Herrschaft des Volkes empfunden! Und die Freiheit, für die er gekämpft und gelitten – zur Geißel war sie den Menschen geworden! Eine Qual der Bürgerschaft! Ein Schrecken allen Friedliebenden! Ein Abscheu den Besonnenen! Man atmete auf, man jauchzte und jubelte – denn die Soldaten des Windischgrätz waren da!

Gleich einem Sinnlosen stürzte er davon. Noch hörte er ein paar Schüsse hinter sich fallen. Freiheit! Freiheit! Die Soldaten des Windischgrätz waren da! Da lag die finstere Masse des Stephansdomes. Vorbei! An die Donau hinunter! Ans Wasser!

»Ich komme, Anna, ich komme!«

Irgend jemand faßte ihn am Arm: »Fred!«

Er hörte nicht, er sah nicht, er wollte sich losreißen.

»Fred! Fred! Ich bin es! Poldi! Höre mich, Fred! Ich bin es!«

Da versuchte er seine Gedanken zu sammeln: »Wer? Poldi? Du?«

Poldi hielt ihn mit festem Griff am Arme und zerrte ihn fort, laufend, ziehend, die Rotenturmstraße hinunter.

»Du mußt fliehen! Ich habe alles vorbereitet! Hier ist Geld, steck es zu dir! Die Nußdorferlinie soll aus Versehen unbesetzt geblieben sein! Eile dich! Es ist keine Minute zu verlieren!«

Sie standen am Wasser, da wartete in der Dunkelheit ein Mann mit einem Pferde. Poldi hob Fred in den Sattel.

»Immer den Donaukanal aufwärts – hörst du! An der Spittelauerlände nicht geradeaus über die Brücke, sondern links! Merk es wohl: Links! So erreichst du die Linie!«

Und er gab dem Pferd einen kräftigen Schlag auf den Schenkel: »Gott befohlen!«

Fred galoppierte in die Nacht hinaus. Zu seiner Rechten immer das dunkle, leise rauschende Wasser ...

War das wirklich Poldi gewesen? War er selbst es, der jetzt die fliegenden Hufe unter sich klingen hörte?

An der Floßlände jenseits des Kaiserbades auf einmal weiß blinkende Waffenröcke aus der Finsternis. Durch! Mit verhängten Zügeln flog er an den Wachposten der Kaiserlichen vorbei.

»Halt.«

Ein Schuß krachte hinter ihm drein. Er stand mit gekrätschten Beinen auf dem Boden, das Pferd war unter ihm zusammengebrochen. Rasch die Füße aus den Steigbügeln ... Schon lief er zu Fuß weiter. Er blickte um. Genügender Vorsprung!

Hier kam die Brücke ... Links! Links hatte Poldi gesagt! Stille abgelegene Gassen. Ein ganzes Gewirr zwischen niedrigen Häusern. Wie leicht konnte man sich da verlaufen. Immer links!

Da war die Lichtentalerstraße. Er erkannte sie. Nur ein paar Steinwürfe noch bis zur Linie. Er stand an der Barrikade, die an der Nußdorferlinie aufgeführt war. Alles still! Wirklich unbesetzt!

Plötzlich hörte er das Traben eines Pferdes im Rücken. Ein Reiter jagte hinter ihm drein. Häscher? Er drückte sich ins Dunkel. Aber der Reiter hatte ihn bemerkt, er hielt sein Pferd an und spähte: »Wer da?«

»Ein Wehrloser,« sagte Fred vortretend.

»Sie, Leodolter? Ich fürchtete einen Wachposten. Ist die Linie frei?«

Fenneberg war es.

»So wurde mir gesagt.«

»Ich will hindurchjagen. Wird nicht auf mich geschossen, so können Sie mir folgen. Leben Sie wohl!«

Fred sah den weißen Mantel durch die Dunkelheit wehen. Es fiel kein Schuß. Das Geräusch der Hufe verhallte in der Ferne. Also wirklich unbesetzt! Nun konnte er folgen – aber er stand still.

Nun konnte er entkommen, der Weg stand offen! Er war wie angewurzelt. Er wollte nicht!

Dort ritt Fenneberg in die Nacht hinaus, sich flüchtend wie ein Übeltäter! Derselbe Fenneberg, der so oft in begeisterten Worten das Recht ihres heiligen Kampfes verfochten hatte! War es nicht wie ein Eingeständnis von Schuld, zu fliehen?

Sie waren unterlegen – gut! Aber sie waren in einem Kampfe unterlegen, den sie im Bewußtsein ihres Rechts und ihrer Pflicht auf sich genommen hatten! War die Konstitution nicht gesetzlich verbrieft? Und hatten die obersten konstitutionellen Behörden den Kampf nicht selbst angeordnet und gebilligt?

Entschlossen wendete Fred um. Er wollte, er mußte sein Recht finden! Und hatte er wirklich Schuld auf sich geladen, so war er bereit, sie zu sühnen. Nein! Wie ein bleicher Verbrecher sich der Verantwortung entziehen – das war seiner, das war der Sache, für die er gefochten, unwürdig! Die Freiheit, wie er sie meinte, brauchte das Licht nicht zu scheuen. Und war sie allen andern gestorben – in ihm sollte sie leben, solange sein Herz schlug! ...

Und er wanderte langsam den langen Weg durch die Vorstädte Lichtenthal und Rossau nach der inneren Stadt zurück. Als er auf dem Hof anlangte, marschierte eben ein Kolonne Deutschmeister unter Fackelschein von der Bognergasse auf den Platz und hielt vor dem Hofkriegsgebäude. Auf ein Zeichen des Hauptmannes begab sich ein Unteroffizier mit einem halben Dutzend Mannschaft zu dem dreiarmigen Gaskandelaber, an dem die Leiche Latours gehangen hatte. Und in weniger als einer halben Minute war das Erinnerungszeichen einer frevelhaften Volksjustiz durch Kolbenschläge zertrümmert, in Stücke zerschlagen und vom Erdboden verschwunden.

Fred trat vor und meldete sich beim Hauptmann als einer jener Legionäre, die den Kampf bis zum letzten Augenblicke mitgefochten.

Der Offizier sah ihn groß an, und auch Fred erkannte ihn in diesem Augenblicke. Es war derselbe Hauptmann, der ihn, Ladurner und Sturz einmal in den Maitagen von der Hofburgwache abgelöst hatte.

»Das ist mir aber recht fatal!« sagte der Offizier. »Warum melden Sie sich denn eigens? Es hätt' Ihnen kein Hahn nachgekräht! Glauben Sie, wir können alle aufhenken, die sich in diesen Tagen etwas haben zuschulden kommen lassen? Da hätten die Seiler viel zu tun.«

»Ich entziehe mich der Verantwortung nicht!« sagte Fred trotzig. »Ich habe für die Freiheit gekämpft, die unser gutes Recht war. Mordet ihr unser Recht, so könnt ihr auch mich morden!«

»Jesses, sind Sie empfindlich!« sagte der Offizier. »Ich bitt' Sie, wer ist im Recht? Alleweil der Stärkere! Wären die Ungarn früher gekommen, und wären sie überhaupt keine solchen Maulhelden, die ihre Freunde schließlich in der Patsche sitzen lassen, so hätten jetzt vielleicht wir Unrecht. Es ist mir wirklich zuwider, daß Sie sich gemeldet haben; mit dem Windischgrätz ist nicht gut Kirschen essen, das ist ein dickkopfeter Böhm' und ein ungemütlicher Patron! Na, vielleicht läßt er Sie laufen, weil Sie noch so jung sind. Ich kann jetzt natürlich nichts anderes tun, als Sie verhaften. Sie, Hödelberger,« rief er einem Unteroffizier zu; »nehmen S' eine Patrouille und führen S' den Herrn da ins Stabsstockhaus!«

Und als Fred abgeführt wurde, rief er dem Unteroffizier noch nach: »Anständig behandeln, bitt' ich mir aus! Und sagen Sie es auch dem Profosen!«

*

 << Kapitel 48  Kapitel 50 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.